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Paul Hoyningen-Huene:
Systematizität als das, was Wissenschaft ausmacht

1. Die Frage

Die Frage, was die Natur der Wissenschaft ist, hat eine lange Geschichte, die – natürlich – bei den Griechen beginnt. Primär aufgrund der Wandlungen der Wissenschaft selbst, aber auch aufgrund der Wandlungen des Nachdenkens über Wissenschaft haben sich die Antworten auf diese Frage immer wieder verändert. Besonders dramatisch war zum einen die bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnende Verabschiedung der Vorstellung, Wissenschaft könne sicheres Wissen über die Welt erzeugen. Zum anderen hat in den letzten Jahrzehnten die Vorstellung aufgegeben werden müssen, wissenschaftliches Wissen erlange seinen Sonderstatus durch die Anwendung der wissenschaftlichen Methode. Eine solche zeit- und kontextlose Methode scheint es nicht zu geben. Damit aber steht man aber hinsichtlich der Frage, was wissenschaftliches Wissen ist, gewisser maßen mit leeren Händen da: Weder kann man es durch die Qualität, sicher zu sein, noch durch Weise seiner Generierung, nämlich durch die wissenschaftliche Methode, charakterisieren. Mit anderen Worten: Wir müssen heute die Frage, was Wissenschaft ist, neu beantworten.

Die Frage, was Wissenschaft ist (also alle Wissenschaften, nicht primär die Natur- und Ingenieurwissenschaften) verstehe ich hier nicht als eine Frage, die Wissenschaft von Pseudowissenschaft oder ‚Metaphysik‘ abgrenzen will. So wurde die Frage im 20. Jahrhundert jedenfalls in der Philosophie meist verstanden, wahrscheinlich unter dem Einfluss Poppers. Mich leitet ein anderer Kontrast, nämlich der von Wissenschaft und Alltagswissen, im Hintergrund auch der von Wissenschaft und dem Wissen anderer Kulturen, der ‚traditional knowledge‘. Keinesfalls meint dies aber, die Frage nach einem Abgrenzungskriterium von Wissenschaft und Pseudowissenschaft sei unbedeutend. Aber die Suche nach einem universellen Abgrenzungskriterium war nicht erfolgreich, so dass sich ein anderer Zugang aufdrängt.

2. Die These

Wissenschaftliches Wissen unterscheidet sich von anderen Wissensarten, besonders dem Alltagswissen, primär durch seinen höheren Grad an Systematizität.

Diese These ist deskriptiv: sie betrifft die real existierende Wissenschaft. Sie ist komparativ: sie behauptet nicht, dass andere Wissensarten unsystematisch sind, sondern nur, dass wissenschaftliches Wissen systematischer ist als sie. Der „höhere Grad an Systematizität“ bezieht sich auf Wissen über den gleichen Gegenstandsbereich. Beispiels weise behauptet die These also einen höheren Systemati zi täts grad des wissenschaftlichen Wissens über Personen im Vergleich zum Alltagswissen über Personen. Die These ist also mit der Existenz von nicht-wissenschaftlichem Wissen kompatibel, das systematischer ist als das Wissen mancher ‚lockerer‘ Forschungsbereiche. Nicht unmittelbar anwendbar ist die These auf Bereiche, über die es ausschließlich wissenschaftliches Wissen gibt, z.B. über schwarze Löcher. Aber sie lässt sich für solche Fälle verallgemeinern.

Zu klären ist natürlich, was ‚Systematizität‘ bedeutet. Der Systematizitätsbegriff ist ziemlich vage und entsprechend präzisierungs- und konkretisierungsbedürftig. Ich will dies in zwei Schritte tun, nämlich einmal in einer Präzisierung (die leider nicht sonderlich weit führen wird) und in einer Konkretisierung:

- Präzisierung. Gegenbegriffe zu ‚systematisch‘, die dem Begriff eine gewisse Kontur geben, sind etwa ‚rein zufällig‘, ‚beliebig‘, ‚unmethodisch‘, ‚planlos‘, ‚ungeordnet‘, ‚irgendwie gemacht oder entstanden‘. Weit führen diese Gegenbegriffe nicht, aber mehr lässt sich auf dieser abstrakten Ebene über die Bedeutung von ‚systematisch‘ nicht sagen. Eine konkretere, vor allem positive Bestimmung von ‚systematisch‘ bedarf der Angabe eines Kontexts, in dem ‚systematisch‘ verwendet werden soll.

- Die Konkretisierung des Systematizitätsbegriffs erfolgt in neun Kontexten oder Dimensionen. Dabei erhalten wir konkretere Systematizitätsbegriffe, und die ursprüngliche These differenziert sich in neun Unterthesen. In den folgenden neun Dimensionen ist wissenschaftliches Wissen systematischer als andere Wissensarten:

- Beschreibungen
- Erklärungen
- Vorhersagen
- Verteidigung von Wissensansprüchen
- Kritischer Diskurs
- Epistemische Vernetztheit
- Ideal der Vollständigkeit
- Vermehrung von Wissen
- Strukturierung und Darstellung von
Wissen.

Konkret heißt das: Wissenschaftliche Beschreibungen sind gemäß der These systematischer als Alltagsbeschreibungen, wissenschaftliche Erklärungen systematischer als Alltagserklärungen, etc.

Hierzu sind einige Bemerkungen zu machen. Erstens sind nicht wirklich alle neun Dimensionen für alle Wissenschaften einschlägig. Beispielsweise machen durchaus nicht alle Wissenschaften Vorhersagen, darunter auch die historischen Naturwissenschaften. Zweitens weisen die in den neun Dimensionen konkretisierten Systematizitätsbegriffe untereinander nur Familienähnlichkeiten auf; es gibt keine gemeinsamen notwendigen und hinreichenden Bedingungen (sonst würde man diese Bedingungen auch auf der abstrakten Ebene finden und könnte den Begriff schon dort genauer charakterisieren). Drittens gibt es auch innerhalb einer Dimension verschiedene Systematizitätsbegriffe, bedingt durch die Verschiedenheiten der Disziplinen und sogar der Subdisziplinen. Beispielsweise bedeutet die Systematizität eine Beschreibung in der Botanik etwas anderes als in der Geschichte, innerhalb der Geschichte die Systematizität einer wirtschaftsgeschichtlichen Beschreibung etwas anderes als die einer mentalitätsgeschichtlichen. Diese weiter differenzierten Systematizitätsbegriffe sind ebenfalls nur durch Familienähnlichkeiten verbunden. Viertens variieren die konkreten Systematizitätsbegriffe aufgrund der historischen Veränderung wissenschaftlicher Gebiete in der Zeit. Fünftens behauptet Systematizität als Charakteristikum von Wissenschaft damit keine rigide, einheitliche Struktur der Wissenschaften. Vielmehr hängen alle Disziplinen und Subdisziplinen über ein komplexes Netz von Familienähnlichkeiten zusammen.

3. Die Begründung der These

Die weitere Erläuterung und Begründung der These müsste nun für alle wissenschaftlichen Subdisziplinen in den neun Dimensionen die jeweilige Bedeutung von ‚systematisch‘ explizieren und zeigen, dass das entsprechende wissenschaftliche Wissen in den neun Aspekten systematischer ist als korrespondierendes Alltagswissen. Dies erfordert einen kompletten Überblick über die Wissenschaften. Aber diesen Überblick gibt es nicht einmal bezüglich der Zahl der Disziplinen bzw. der Subdisziplinen. Es lässt sich lediglich sagen, dass es einige hundert wissenschaftliche Disziplinen und mehrere tausend Subdisziplinen gibt. Ins gesamt müssten also mehrere zehntausend Thesen begründet werden. Es bleibt also nichts anderes übrig, als die neun Aspekte der höheren Systematizität wissenschaftlichen Wissens an einzelnen Beispielen aus verschiedenen Wissenschaften bzw. Wissenschaftsgruppen zu illustrieren. Leider kann also die Begründung der Systematizitätsthese nicht so systematisch erfolgen, wie man es aufgrund der These selbst vielleicht erwarten würde. Der zur Verfügung stehende beschränkte Platz erhöht den Grad der Skizzenhaftigkeit meiner Darstellung zusätzlich.

3.1. Beschreibungen

In den (klassischen) Formalwissenschaften wird eine unüberbietbar systematische Beschreibung der jeweiligen Gegenstände angestrebt: ihre Axiomatisierung. Alle relevanten Eigenschaften der betrachteten Objekte werden in wenigen, logisch voneinander unabhängigen Axiomen festgehalten. Implizit ist in ihnen das gesamte Wissen über diese Objekte so vollständig wie möglich festgehalten.

Viele Wissenschaften benutzen als ein immens systematisches Beschreibungsinstrument die Klassifikation bzw. Taxonomie (hierarchisch angeordnete Klassifikationen). So werden beispielsweise mathematische Ob jekte, biologische Arten, Mineralien, chemische Elemente und Verbindungen, Sprachen, Staatsformen und literarische Genres klassifiziert. Das zeitliche Pendant von Klassifikationen sind Periodisierungen, die in den historischen Wissenschaften sowie in Wissenschaften, die sich mit wiederholt vorkommenden Abläufen beschäftigen, verwendet werden. Sowohl Klassifikationen als auch Periodisierungen werden auch im Alltag verwendet, allerdings auf wesentlich weniger systematische Weise als in den Wissenschaften.

Für die historischen Wissenschaften ist die narrative Darstellung von individuellen Ereignisabfolgen charakteristisch. Auch im All tag erzählen wir solche Geschichten, allerdings in vielen Hinsichten weniger systematisch als die Historiker. In den nicht-historischen natur- und sozialwissenschaftlichen Beschreibungen tritt das Individuelle meist zugunsten einer Verallgemeinerung zurück: Hier werden typischerweise Phänomenklassen mittels empirischer Regularitäten beschrieben. Die Möglichkeit solcher verallgemeinernder Beschreibung setzt eine angemessene Klassifikation der relevanten Phänomene voraus, also ein weiteres Element von Systematizität. Wieder gilt, dass wir auch im Alltag mit Verallgemeinerungen operieren, allerdings in viel lascherer Weise als die Wissenschaften. Schließlich ist ein in vielen Wissenschaften verwendetes Mittel der Erhöhung der Systematizität von Beschreibungen die Quantifizierung. Die erfolgreiche (!) Quantifizierung von Eigenschaften ermöglicht eine viel differenziertere und genauere Beschreibung der entsprechenden Phänomene als eine bloß qualitative; man denke nur an den Unterschied von qualitativen und quantitativen Beschreibungen der Außentemperatur.

3.2. Erklärungen

Für die historischen Wissenschaften sind narrative Erklärungen charakteristisch. Ihre Struktur ist im Wesentlichen identisch mit der Struktur unserer alltäglichen narrativen Erklärungen, aber sie sind in vielen Hinsichten systematischer. Nicht-historische empirische Wissenschaften erklären vielfach mittels Theorien: sie nutzen deren vereinheitlichende, prognostische und erklärende Kraft. Wissenschaften, die mit Erklärungen individueller Handlungen beschäftigt sind, rekurrieren typischerweise auf die Intentionen und die Situationseinschätzungen der Akteure. Das tun wir im Alltag auch, allerdings in der Regel sehr skizzenhaft. In den Erklärungs- bzw. Verstehensprozessen in den Geisteswissenschaften geht es meist um das Erschließen einer Sinndimension, bei dem der sog. hermeneutische Zirkel eine Rolle spielt. Auch hier gibt es klare Parallelen zum Alltag, wenn auch dort der Grad der systematischen Reflexion, der diese Erschließungsprozesse begleitet, typischerweise wesentlich niedriger ist als in den Geisteswissenschaften. Schließlich sind noch die sog. reduktionistischen Erklärungen zu nennen, bei denen das Verhalten eines komplexen Gegenstands durch Rekurs auf seine Teile und ihre Eigenschaften erklärt wird. Diesen Erklärungstyp findet man in fast allen Wissenschaftsbereichen, aber auch im Alltag, allerdings – wen wundert’s – in viel weniger systematischer Form.

3.3. Vorhersagen

Vorhersagen werden nicht in allen Wissenschaften gemacht, auch nicht in allen Naturwissenschaften – was deren Wissenschaftscharakter aber keinerlei Abbruch tut. Es gibt sehr verschiedene, z.T. außerordentlich ausgeklügelte Verfahren der wissenschaftlichen Prognose, wenn auch im Bereich des Humanen, z.B. der Ökonomie, ihr Erfolg nicht konstant durchschlagend ist. Am einfachsten sind die Prognosen, die direkt auf deterministischen oder statistischen empirischen Verallgemeinerungen oder Theorien beruhen. Sie finden sich bereits in der antiken Astronomie. Komplexer und extrem vielfältig sind die indirekteren Methoden, die sich auf Modelle, Simulationen, Zeitreihen, Korrelationen unterschiedlicher Prozesse und vieles mehr stützen; sie finden sich in den unterschiedlichsten Wissensgebieten. Schließlich sind noch die Delphi Methoden zu nennen, bei denen verschiedene Experten hinsichtlich ihrer Prognosen befragt werden und ihre Antworten der Expertenrunde wieder vorgelegt werden, um womöglich durch Korrekturen eine Konvergenz ihrer Meinungen zu erreichen. Die meisten solchen Vorhersagemethoden sind uns ihrer Struktur nach aus dem Alltag bekannt, auch wenn wir sie dort in viel unsystematischerer Weise als in den Wissenschaften verwenden.

3.4. Verteidigung von Wissensansprüchen

Die Wissenschaften zeichnen sich im Vergleich zum Alltag dadurch aus, dass sie auf viel systematischere Weise die Fehlbarkeit von Wissensansprüchen berücksichtigen; sie haben viele Methoden der systematischen Irrtumselimination entwickelt. In den Formalwissenschaften werden inhaltliche Behauptungen nur akzeptiert, wenn sie durch einen niet- und nagelfesten Beweis gestützt sind. In allen Realwissenschaften spielen empirische Daten der unterschiedlichsten Art eine herausragende Rolle für die Irrtumselimination bzw. Validierung. Die Gewinnung und weitere Verarbeitung empirischer Daten ist extrem stark davon abhängig, um welchen wissenschaftlichen Bereich es sich handelt. Die bei den Beschreibungen schon genannte Quantifizierung spielt auch bei der Verteidigung von Wissensansprüchen eine große Rolle, denn quantifizierte Aussagen gestatten strengere Überprüfungsverfahren.

3.5. Kritischer Diskurs

Die Wissenschaften gehen nicht nur auf der kognitiven Ebene systematisch hinsichtlich der Irrtumselimination vor, sondern haben auch auf der sozialen Ebene eine Reihe von Institutionen geschafften, die systematisch den kritischen Diskurs fördern. Zeitschriftenartikel und Bücher (neuerdings auch Beiträge im Internet) werden typischerweise nicht unbesehen veröffentlicht, sondern unterliegen dem ‚peer review‘, also der Begutachtung durch FachkollegInnen. Zeitschriften haben oft Diskussionssektionen, in denen die wissenschaftliche Auseinandersetzung öffentlich geführt wird. Überblicksartikel stellen nicht nur den Stand der Forschung dar, sondern identifizieren auch oft weiteren Forschungs- und Diskussionsbedarf. Buchbesprechungen unterziehen Neuerscheinungen einer kritischen Würdigung, manchmal auch durch mehrere Rezensenten. Vorträge an wissenschaftlichen Instituten oder an Kongressen haben immer einen Diskussionsteil für kritische Rückfragen. Wissenschaftliche Konferenzen sind Orte des kritischen Austauschs, dem auch die zugehörigen sozialen Anlässe dienen. Diskussionsforen im Internet haben neuerdings einen nahezu simultanen Austausch von hunderten oder sogar tausenden von Wissenschaftlern ermöglicht, die über den ganzen Erdball verteilt sind. Großforschungsprojekte haben eigene soziale Strukturen entwickelt, die die kritische Würdigung und Integration der Arbeit der kleineren Einheiten ermöglichen.
Natürlich stellen wir auch im Alltag Wissensansprüche anderen gegenüber auf die Probe. Aber dies geschieht typischerweise viel beiläufiger und ohne eigens dafür geschaffenen Institutionen, also viel weniger epistemisch.

3.6. Epistemische Vernetztheit

Wissenschaftliches Wissen ist typischerweise in höherem Grad mit anderen (wissenschaftlichen) Wissensbeständen vernetzt als andere Wissensarten, steht also in einem stärker ausgeprägtem systematischem Zusammenhang. Diese Eigenschaft wissenschaftlichen Wissens benötigt man zur Abgrenzung von Wissen, das unmittelbar anwendungsbezogen ist. Ingenieurwissenschaftliche Forschung unterscheidet sich von der Produktentwicklung (die ebenfalls von Ingenieuren geleistet wird) dadurch, dass sie wesentlich mehr potentielle Anwendungen hat. Das gilt für Forschung an Verbrennungsmotoren, die Schokoladeforschung oder die auf erdbebensicheres Bauen bezogene Forschung in gleicher Weise. Ein Artikel, der Forschungsergebnisse zu einem zeitgeschichtlichen Thema darstellt, muss sich inhaltlich nicht wesentlich von einem journalistischen Artikel zum gleichen Thema unterscheiden. Ein wesentlicher Unterschied aber sind die Fußnoten im wissenschaftlichen Artikel, die die epistemische Vernetztheit mit anderen Autoren, Themen, Theorien etc. darstellen.

3.7. Ideal der Vollständigkeit

Die starke und dauernde Wissensvermehrung stellt einen der Hauptunterschiede der Wissenschaft zum Alltagswissen und dem Wissen anderer Kulturen dar, insbesondere in der Neuzeit. Der Antrieb hierfür ist ein Ideal der Vollständigkeit, das die Wissenschaft leitet: des Wissens über den jeweiligen Gegenstandsbereich soll nicht fragmentarisch, sondern (möglichst) vollständig sein. Beispiele für dieses Ideal liegen auf der Hand: Mathematische Axiomensysteme sollen so vollständig wie möglich sein; das Periodensystem der chemischen Elemente soll alle Elemente erfassen; Physiker suchen nach allen elementaren Wechselwirkungen; die biologische Taxonomie möchte alle Arten erfassen; Periodisierungen historischer Prozesse dürfen keine Zeitabschnitte auslassen; (kritische) Gesamtausgaben wollen einen Textkorpus zur Gänze darstellen, usw. Das wissenschaftliche Wissen erhält durch sein Vollständigkeitsideal einen weiteren Aspekt von Systematizität, der dem Alltagswissen weitgehend fehlt. Aber nicht nur hat die Wissenschaft dieses Ideal, auch bei der Realisierung dieses Ideals geht sie oft nicht planlos, sondern systematisch vor.

3.8. Vermehrung von Wissen

Es gibt viele Beispiele, die die planvolle Wissensvermehrung der Wissenschaften dokumentieren. So gibt es die systematische Suche nach neuen bzw. verbesserten empirischen Daten (Archive, Durchmusterungen, Messungen, Experimente, Interviews, etc.). Es gibt die systematische Ausbeutung anderer Wissensbereiche, insbesondere von an grenzenden Disziplinen und von Technologie, insbesondere der Informationstechnologie (Computer sind in den Wissenschaften fast omnipräsent). Es gibt sogar so etwas wie die systematische Ausbeutung des Zufalls, etwa bei ‚brute force‘-Ansätzen (bei denen man alle erdenklichen Möglichkeiten ausprobiert), beim explorativen Experimentieren (wo man mit einem schlecht bekannten System ‚herumspielt‘), und bei ‚Zufalls‘entdeckungen, die man beim systematischen Hypothesen-Testen macht (die also so zufällig auch nicht sind). Schließlich gibt es das systematische Schließen von Wissenslücken auf der Basis des vorhandenen Wissens. Dies dürfte eine sehr häufig zutreffende Charakterisierung der wissenschaftlichen Tätigkeit sein (und nicht die Anwendung ‚der‘ wissenschaftlichen Methode). Wissenschaft kann so als ein autokatalytischer Prozess beschrieben werden. Trotz dieser Aspekte von Systematizität bei der wissenschaftlichen Wissensgenerierung, die weit über die Systematizität der entsprechenden Alltagsprozesse hinausgehen, sollte man nicht vergessen, dass auch in den Wissenschaften ein Teil kreativer Prozesse oft chaotisch verläuft.

3.9 Strukturierung von Wissen

Wissenschaftliches Wissen ist kein ungeordnetes Aggregat, vielmehr weist es eine innere Ordnung auf, die in seiner Darstellung zum Ausdruck kommt. Zunächst einmal gibt es die Gliederung der Gesamtheit des wissenschaftlichen Wissens in Disziplinen, Subdisziplinen und Forschungsgebiete. Die Ordnung des Wissens und die zugehörigen Darstellungsformen in den jeweiligen Gebieten unterscheiden sich zum Teil stark. In der Mathematik, wo ein axiomatischer Aufbau des Wissens über ein Gebiet angestrebt wird, ist dessen Strukturiertheit besonders augenfällig. In den Realwissenschaften dienen unter anderem eine Reihe von Unterscheidungen der Strukturierung des Wissens, so die Unterscheidung von allgemein versus speziell, hypothetisch versus gesichert, empirisch versus theoretisch, logisch abhängig versus unabhängig, etc. Schließlich sind die spezielle Darstellungsformen zu nennen, die in den verschiedenen Wissenschaften geschaffen wurden, um das Wissen zu ordnen: Nomen klaturen, symbolische und graphische Darstellungen, Karten, Tabellen, Kataloge etc. Klarerweise bleibt das Alltagswissen auch in diesem Systematizitätsaspekt weit hinter dem wissenschaftlichen Wissen zurück.

4. Vergleich mit anderen Positionen

Hinsichtlich dem Vergleich mit anderen Antworten auf die Frage, was die Natur der Wissenschaft ist, lässt sich eine allgemeine These formulieren: Die früheren Explikationen von Wissenschaftlichkeit sind nicht etwa falsch, sondern einseitig, d.h. sie stellen Spezialfälle der hier vorgestellten Konzeption dar. Zum einen berücksichtigen sie nicht alle neun Aspekte von Systematizität, zum anderen erfassen sie meist auch die jeweils betrachteten Dimensionen nicht in voller Breite. So kommt beispielswiese beim Aristotelischen kategorisch-deduktiven Wissenschaftsideal, wie es die Euklidische Geometrie verkörpert, Systematizität vor allem bezüglich der Dimensionen 3.2, 3.4, 3.7 und 3.9 zur Geltung, bezüglich der Verteidigung von Wissensansprüchen (3.4) beispielsweise aber nur in der eingeschränkten Form von Beweisen und der quasi-induktiven Begründung der obersten Sätze. Descartes’ vier Vorschriften der Methode aus dem Discours sind, soweit sie nicht eine rationale Heuristik betreffen (Regeln 2 und 3), als Spezialfälle in 3.4, 3.7 und 3.8 aufgehoben. Allgemein gilt, dass Methodizität ist Spezialfall von Systematizität ist. Die Wissenschaftstheorien des 20. Jahrhunderts, die sich vor allem mit Empirie, Theorie, Prognose und Erklärung beschäftigt haben, haben wesentlich zur Verständnis der Dimensionen 3.2, 3.3 und 3.4 von Systematizität beigetragen. Kuhns Paradigmentheorie stellt bei der Charakterisierung der ‚normalen Wissenschaft‘ vor allem den systematischen Charakter der Wissensvermehrung heraus (3.8). Feyerabend scheint mit Against Method, mit „science has no common structure“ und „science [...] is a collage, not a system“ ein strikter Gegner von Methode und auch Systematizität zu sein. Tatsächlich richtet er sich aber nur gegen Charakterisierungen von Wissenschaft mittels notwendiger und hinreichender Bedingungen. Mit dem gegenwärtigen Ansatz wird er durch die bloße Familienähnlichkeit zwischen den verschiedenen Systematizitätsbegriffen und damit zwischen den Wissenschaftsbereichen unterlaufen. Schließlich Albert Einstein (1936): „Die ganze Wissenschaft ist nur eine Verfeinerung des alltäglichen Denkens.“ Was heißt hier Verfeinerung? Ich schlage vor: Die ganze Wissenschaft ist nur eine Systematisierung des alltäglichen Denkens.

UNSER AUTOR:

Paul Hoyningen-Huene ist Professor für Philosophie an der Leibniz Universität Hannover.



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