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ESSAY

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Borsche, Tilman: Wie erfinden wir unsere Welt?

Differenzen im Verständnis der Worte

Schwierigkeiten eines Dialogs zwischen den Kulturen rühren häufig von Differenzen bezüglich der Bedeutung und der Referenz der Worte her, mit deren Hilfe wir uns in der Welt orientieren. Man verwendet dieselben Worte in der Sprache des einen oder des anderen der Partner des Dialogs – oft genug in einer dritten Sprache, die beide zu verstehen meinen –, und doch kann es bei jedem konkreten Versuch der Mitteilung und des Austauschs von Gedanken geschehen, gleichgültig in welcher medialen Form, dass nicht nur die Bedeutung der Worte, sondern auch ihre Referenz unbemerkt „himmelweit” (Kant) auseinander gehen. Solche Differenzen beginnen nicht erst mit dem interkulturellen Dialog und sind nicht auf ihn beschränkt – aber sie treten in ihm besonders auffällig hervor. Der clash of civilizations hat sein Modell in den Verständigungsschwierigkeiten, wie sie jederzeit und überall zwischen Individuen auftreten können, und zwar auch innerhalb von Gruppen, die nach außen als homogen erscheinen. Differenzen im Verständnis der Worte, sowohl ihre Bedeutung als auch ihre Referenz betreffend, – so eine erste leitende These – sind die Signatur des menschlichen Geistes. Ohne sie gäbe es keine kulturellen Gegensätze – aber auch keine Kultur. Bevor man eine philosophische Erörterung des Dialogs der Kulturen beginnt, sollte man sich deshalb im Labyrinth der Probleme des Verstehens zu orientieren versuchen.

Eine Welt, viele Ansichten?

Gewöhnlich nehmen wir an, dass es Gegenstände, Tatsachen, Ereignisse gibt, die die Eine Welt, in der wir alle leben, ausmachen, die aber von verschiedenen Augen bzw. aus verschiedener Perspektive und Interessenlage heraus unterschiedlich wahrgenommen und benannt, gewichtet und bewertet werden. Danach müsste es, im Prinzip, eine richtige Ansicht geben, die die Welt, oder den Ausschnitt von ihr, der uns gerade interessieren mag, zeigt oder vorstellt, wie sie in ihrer qualitativen und quantitativen, nicht nur räumlichen, sondern auch zeitlichen Vielfalt ist, und daneben viele mehr oder weniger (un)richtige Ansichten. Worte, verstanden als Zeichen, müssten die Eine Welt und das, was sie im Einzelnen ausmacht, darzustellen versuchen, auch wenn man leicht einzuräumen bereit ist, dass das nie so ganz gelingen wird.


Die Verwendungsformen von „Welt“

Was bezeichnet das Wort „Welt“? Ein Blick auf den aktuellen Sprachgebrauch zeigt: Das Wort „Welt“ wird inflationär gebraucht. Einerseits sprechen wir von der Welt der Bücher, der Welt der Kinder, der Welt des Fußballs; so als gäbe es zahllose Welten, die nebeneinander bestünden und zwischen denen wir ohne große Mühe wechseln könnten. Andererseits und gleichzeitig hat die emphatische Rede von der Einen Welt Konjunktur: Im Globalisierungsdiskurs ist sie erstrebtes Ziel, im Ökologiediskurs mahnende Erinnerung, im Gerechtigkeitsdiskurs letzte Norm. Schließlich wäre an die Logiker zu erinnern, die von der Einen wirklichen Welt unendlich viele mögliche Welten unterscheiden; was die Möglichkeiten der wirklichen Welt ebenfalls stark restringieren würde. Schon die flüchtige Aufzählung einiger Beispiele lässt klar werden, dass „Welt“ nicht nur ein physikalischer Begriff ist; was „Welt“ denotiert, fällt nicht mit dem Planeten Erde der Astronomen bzw. Geographen zusammen. Ebenso klar scheint zu sein, dass das Wort Welt neben seiner vordergründig objektiven stets auch eine hintergründig subjektive Denotation mit sich führt. „Welt“ impliziert immer auch eine Reflexion auf meine Welt, die Welt für mich; hier liegt die ständig sprudelnde Quelle für die Vielfalt der Welten. Wollte man allerdings das Verständnis des Wortes „Welt“ auf diese subjektive Dimension reduzieren, würde das Problem, das im Gedanken von der Vielheit der Welten liegt, verdrängt und verharmlost.


Eine falsche Spur

Auch eine genauere Analyse des Sprachgebrauchs bestätigt diesen ersten Befund: Sie kann zwar interessante, weil auf den ersten Blick unvereinbare Hinweise geben, hilft aber letztlich nicht weiter bei der Frage, wofür das Wort „Welt“ sinnvollerweise stehen mag bzw. nach einem konsistenten Begriff von „Welt“. So viel aber deutet sich an: Die gewöhnliche Annahme von der Identität der Einen Welt, die unterschiedlich genau in Gedanken erfasst und in Worten dargestellt wird, führt offenbar auf eine falsche Spur. Allgemeine sprachtheoretische Überlegungen haben zudem längst gezeigt, dass Worte oder andere Zeichen, durch deren Bedeutungen wir die Gegenstände, auf die sie referieren, zu erfassen versuchen, diese gerade nicht darstellen; denn es findet sich keinerlei Ähnlichkeit zwischen den Zeichen auf der einen und den Dingen bzw. den Gedanken auf der anderen Seite. Wenn wir Worte verständig verwenden – sprechen oder hören, genauer, wenn auch kontraintuitiv formuliert: sinngebend rezipieren bzw. sinnerfassend produzieren –, dann stellen diese zwar durchaus etwas dar, nie aber die referierten Gegenstände selbst, welche vielmehr ihrerseits durch die Worte ebenso erstellt wie verstellt werden; und nie die Gedanken (der Sprecher) selbst, die durch die Worte ebenso geformt wie verformt werden. Solange diese Beobachtung nicht widerlegt werden kann, würde daraus nach dem eingangs skizzierten gewöhnlichen Begriff des Verstehens folgen, dass wir Zeichen, die uns zu verstehen gegeben werden, niemals verstehen können. Denn wir kommen nicht über sie hinaus, weder zu den wirklichen Gegenständen der Welt noch zu den wirklichen Gedanken in den Köpfen der anderen – und können doch nur durch solche Zeichen Gedanken und Gegenstände identifizieren, unterscheiden, bestimmen. Wittgenstein bringt das Paradox, in das der gewöhnliche Begriff des Verstehens hier führt, auf den Punkt, wenn er dieser sprachtheoretischen Beobachtung präzisierend hinzufügt, dass wir auch unsere eigenen Zeichen – nach dem gewöhnlichen Begriff des Verstehens – nicht verstehen können: „Wenn man aber sagt: ‚Wie soll ich wissen, was er meint, ich sehe ja nur seine Zeichen’, so sage ich: ‚Wie soll er wissen, was er meint, er hat ja auch nur seine Zeichen.’“

Auf der Suche nach einem Begriff des Verstehens

Welche Folgen aber hat dieses Paradox? Können wir Zeichen gar nicht verstehen, und folglich auch nicht die Gedanken anderer aus den Worten, die wir vernehmen, ja nicht einmal unsere eigenen Gedanken aus unseren eigenen Worten? Das anzunehmen wäre absurd. In der Regel verstehen wir die Welt und uns selbst und andere. Und zwar verstehen wir die Welt und uns selbst und andere immer schon, bevor wir nach der Möglichkeit eines solchen Verstehens fragen. Wir müssen verstehen (können), um überhaupt nach dem Verstehen fragen zu können. Die Frage ist nur, welchen Begriff wir uns im Nachhinein von diesem Verstehen machen, näher: ob wir einen Begriff des Verstehens explizieren können, der nicht in das genannte Paradox führt.

Beginnen wir mit dem, was gegeben ist: Wie ist unsere Lage zu beschreiben, wenn wir anfangen, nach dem Verstehen zu fragen? Offenbar haben wir bereits gelernt, mit den Zeichen, die uns umgeben, mit den Zeichen, die unsere Kultur (Lebensform) ausmachen, umzugehen. Wir wissen, wie wir sie auf unsere Gefühle und Wahrnehmungen beziehen und wie wir sie untereinander verknüpfen können, sollen, dürfen. Dieses Wissen ist erworben. Es kann als Gabe der Kultur (Lebensform) angesehen werden, die uns erzogen hat, in ihr erschließt sich uns unsere je eigene Welt(ansicht). Nur durch dieses und in diesem Wissen, das eher ein Können ist, gewinnen und haben wir überhaupt Welt. So scheint das Verstehen ursprünglich auf eine je unsrige gemeinsame Lebensform bezogen, d.h. durch sie bedingt, aber auch beschränkt zu sein. Doch worin bestünde diese Gemeinsamkeit und wo wären deren Grenzen?

Eine unendliche Fülle von Welten

Treten wir, um diese weitere Frage zu klären, noch einmal einen Schritt zurück: Wir kennen nicht irgendwelche Dinge an sich, schon gar nicht die Welt an sich; das ist auch unabhängig von Fragen des Verstehens philosophisch anerkannt, theoretisch geläufig und soll daher im Moment als unproblematisch gelten. Doch hat diese Einsicht immer noch überraschende Konsequenzen: Sie entzieht einer überkommenen und scheinbar unerschütterlichen Meinung den sicheren Boden, der Meinung nämlich, dass wir alle in Einer und derselben Welt leben. Nach wie vor fällt es schwer, diese Konsequenz aus der genannten kantischen Grundeinsicht, die längst zum philosophischen Gemeinbesitz geworden ist, zu ziehen. Viele, so scheint es, verweigern diesen Schluss aus der unbegründeten Angst heraus, mit dem Glauben an die Identität der Welt auch die Welt selbst zu verlieren. Das Gegenteil aber ist der Fall. Eine unendliche Fülle von Welten, die keineswegs festgefügt in sich und untereinander beziehungslos sind, erschließt sich dem, der jene Angst überwindet. Versuchen wir es also einmal umgekehrt. Nehmen wir an, dass wir, insofern wir uns überhaupt als Weltwesen verstehen, von Natur aus in verschiedenen Welten leben und dass diese Verschiedenheit nicht als ein Zeichen für unzulängliche, sei es vorwissenschaftliche, sei es ideologisch frisierte Ansichten einer und derselben Welt zu gelten hat. Denn diese Differenz ist entscheidend, sie ist befreiend!

Verstehen in einer unüberschaubaren Vielfalt

Die Frage nach dem Verstehen hat immer die zwei Seiten. Ich verstehe etwas (d. h. Zeichen: Dinge, Sachverhalte, Ereignisse, kurz: die Welt) und ich verstehe andere bzw. mich selbst (d. h. die Intentionen der Zeichengeber). Gewöhnlich stellt man die beiden Fragen in der genannten Rangfolge. Primär geht es um die Sache, um das, was gesagt wird und verstanden werden soll, dann erst um die (Intention der) Person, die etwas gesagt hat. Der vorgeschlagene Perspektivwechsel kehrt auch diese Reihenfolge um und stellt damit, so meine zweite These, eine natürliche, in der erkenntnis- und sprachtheoretischen Reflexion von jeher verkehrte Rangfolge wieder her. Das Sprechen ist es, was einerseits den Gedanken und andererseits den Gegenstand des Denkens evoziert, nicht umgekehrt. (Die traditionelle Rangfolge lautet bekanntlich: Gegenstand – Gedanke – Wort.) In diesem Sinn beginne ich mit dem geäußerten bzw. vernommenen Wort und frage zunächst: Wie steht es mit dem gegenseitigen Verstehen in einer unüberschaubaren Vielfalt von durch Worte erschlossenen Welten?

Eine neue Grundfrage

Wie ist unsere Lage zu beschreiben, wenn wir unter den neu gesetzten Rahmenbedingungen anfangen, nach dem gegenseitigen Verstehen zu fragen? In der Kommunikation zwischen Dir und mir und anderen, zwischen unseren verschiedenen Welten ist das Nicht-Verstehen normal. Referenz und Bedeutung derselben Worte bei verschiedenen Sprechern bzw. Hörern stimmen – zunächst und zumeist – nicht überein. Vielmehr sind Angemessenheit (im Blick auf die Dinge) und Verstehen (im Blick auf sich selbst und die anderen) zunächst ebenso glückliche wie flüchtige Ausnahmen. Es sind Ereignisse, die auf momentaner gegenseitiger Anerkennung von intendierter Bedeutung und Referenz des Gesagten beruhen; erst unter günstigen historischen Umständen stabilisieren sie sich zu dauerhafter Geltung als Produkte einer kontrollierten Disziplin im Gebrauch der Worte, im Festhalten an der jeweils anerkannten Referenz und Bedeutung der Worte.

Nicht nur in der Schule und in der Politik, dort aber liegt es auf der Hand, gibt es Men schen, die sich darum bemühen, in diesem Sinn mehr Gleichförmigkeit (Verständigung mit anderen über Bedeutung und Referenz der gemeinsamen Worte) herzustellen. Auf diesem Hintergrund ist das Problem des Verstehens neu aufzurollen. Es geht nicht mehr um die Restauration des verlorenen Paradieses einer ursprünglichen Einheit in der Wahrheit, um die Beseitigung von Unfällen des Missverstehens, von Fehlleistungen durch Irrtum und Lüge, sondern um die Erschließung und Gewinnung, Bewahrung und Erweiterung bedingungsreicher, räumlich und zeitlich begrenzter Übereinstimmungen. Die Grundfrage ist demnach nicht mehr: Wie verstehe ich richtig? (analog zur Frage: Wie erkenne ich richtig?), sondern eher: Zwischen wem, wann und wo und unter welchen Bedingungen geschieht gegenseitiges Verstehen?

Orte des Verstehens und Missverstehens

(1) Was, allgemein gesprochen, wird verstanden, wenn verstanden wird?
(2) Wer, allgemein gesprochen, versteht, wenn verstanden wird?

Die erste Frage ist leicht zu beantworten: Es sind Zeichen, die wir verstehen, wenn wir verstehen. Die zweite Frage ist schwieriger zu beantworten. Wer oder was kommt als Kandidat für das Subjekt von Verstehen in Frage? Nun kann man Unbekanntes nur durch Bekannteres zu erklären versuchen, und muss dabei in Kauf nehmen, dass auch das Bekanntere seinerseits vielleicht problematisch ist.
Folgende Musterung von Kandidaten für das Subjekt von Verstehen orientiert sich an der zwar weithin anerkannten, wenn auch keineswegs unproblematischen Stufenfolge von unbelebten, belebten und vernünftigen Wesen, wie sie aus der aristotelischen Naturphilosophie bekannt ist.

Unbelebtes

Dinge/Ereignisse/Konstellationen usw. sind natürliche Zeichen, und zwar in dem Sinn, dass sie als Zeichen verstanden werden können. Sie können aber Zeichen weder geben noch verstehen. (Das entspricht der aristotelischen Lehre, dass diese Dinge bewegt werden, aber nicht bewegen können.)

Lebewesen

Lebewesen, insbesondere Sinnenwesen, sind natürlich in demselben Sinn auch Zeichen, aber sie können darüber hinaus selber Zeichen geben und etwas als Zeichen verstehen; im Blick auf solches Geben und Vernehmen spricht man in einem engeren aktiven Sinn von „natürlichen“ Zeichen. Lebewesen, die sich in solchen und durch solche Zeichen orientieren, leben, wenn nicht in identischen, so doch in ähnlichen und in ihrer Ähnlichkeit natürlich programmierten Zeichenwelten, die, artspezifisch unterschieden, ihre „Umwelt“ genannt werden. Wohl lernen sie neue Zeichen, aber stets solche, die sie dann wieder ohne weitere Interpretation unmittelbar verstehen. Bei ihnen gibt es keine Kluft zwischen verstehen und antworten. Ihr Verstehen ist ihre Antwort, man nennt es, um den Unterschied zu markieren, „Reaktion“, und das Zeichen, das ihm vorausgeht, „Reiz“. Das Verstehen als Reaktion führt unmittelbar zu den Dingen/Ereignissen der Umwelt zurück. Es ist erfahrungsbedingt, bleibt aber eingebettet in den natürlichen ‚Horizont’ der Art, auf natürliche Zeichen beschränkt. Gerade deshalb aber kennen Lebewesen als solche das nicht, was wir ‚Fakten’ nennen. Ihren Zeichen fehlt die Unterscheidung von ‚Bedeutung’ und ‚Referenz’, sie bilden keine ‚Sätze’ (Urteile).

Vernunftwesen

Diejenigen, mit denen wir glauben, uns „verständigen“ zu können, im Prinzip wenigstens, sind zwar ebenfalls Lebewesen. Als solche sind sie nicht nur Zeichen, sondern sie geben und verstehen auch natürliche Zeichen. Und was sie so geben und verstehen, ist artgemäß bedingt (d. h. es ist an ihre spezifischen Rezeptionsorgane und -fähigkeiten gebunden), doch dabei bleibt es nicht. Denn sie verstehen die Zeichen als Zeichen und geben ihnen damit Bedeutung, d. h. einen Sinn, der über den unmittelbaren oder natürlichen Verweisungszusammenhang der Zeichen hinausweist. Für solche Wesen sind alle Zeichen, auch solche, die natürlicherweise klar und unzweideutig bestimmt sind, unterbestimmt, d. h. weiter bestimmungsfähig und bestimmungsbedürftig. Diejenigen Zeichen, die sie selber geben, und solche, die sie als von ihresgleichen gegeben ansehen, sind damit verstanden als ‚künstliche’, ‚arbiträr’ gesetzte Zeichen.

Die Arbitrarität der Zeichen

Alle Sprachzeichen sind von dieser letzten Art. Künstliche Zeichen aber, insbesondere Sprachzeichen, erschließen das, was wir zur Unterscheidung nicht mehr Umwelt, sondern ‚Welt’ zu nennen gelernt haben. Welten sind arbiträr, ihre Ursprünge sind künstlich, ihre Gestalten folglich verschieden. Die Arbitrarität der Zeichen ist es, was die Vielfalt der Welten, in denen wir leben, nicht nur möglich, sondern letztlich auch unvermeidlich macht. Bedeutung ist arbiträr konstituiert, sie könnte nicht nur, sie kann in der Tat immer auch anders bestimmt werden, als es gerade intendiert war oder ist.

Ein weiterer Schritt: Es gibt nicht zwei, arbiträre Zeichen verwendende Wesen, die von Natur aus in derselben Welt leben. Vielmehr bauen arbiträrer Zeichen fähige Wesen ihre eigenen Welten – sie haben vorher keine –, indem sie gegebene Zeichen arbiträren Ursprungs ihrerseits arbiträr zu gebrauchen lernen. Damit Zeichen, die keine natürliche Bedeutung haben, arbiträre Bedeutung gewinnen und das Gewonnene bewahren können, sind sie auf die Anerkennung ihrer Bedeutung durch andere Wesen, die diese Zeichen zu verstehen in der Lage und bereit sind, angewiesen. Das Entscheidende an dieser konstitutiven Anerkennung liegt darin, dass sie nicht natürlich ist, sondern willkürlich, und das heißt, dass sie auch modifiziert, vorenthalten und entzogen werden kann. Jedes arbiträre Zeichen kann anders verstanden werden, als es intendiert war.
Die Arbitrarität der Zeichen ist damit auch dasjenige, was die Vielfalt der Welten, in denen wir leben, nicht nur unvermeidlich, sondern auch erträglich und sogar wünschenswert macht. Denn sie eröffnet neue Horizonte, und zwar solche, die die Grenzen unseres je gegenwärtigen Verstehens überschreiten.

Welt als Produkt einer Kommunikationsgemeinschaft

(Die) Menschen, die wir als geistige Lebewesen auf Erden anzusprechen gelernt haben, auch dann, wenn wir sie (faktisch noch) nicht verstehen können, haben von Natur aus (als Lebewesen ihrer Art) weder eine Welt noch ein Selbst, lediglich die Fähigkeit zur Selbst- und Weltbildung. Offensichtlich machen sie von dieser Fähigkeit vielfältig Gebrauch. Gestalt und Gehalt, Zahl und Umfang der Welten, in denen Menschen leben, erscheinen selbst dem flüchtigen Beobachter unerschöpflich. Nur wenig lässt sich allgemein über diese Welten sagen, aber so viel vielleicht doch: Keine ist die Schöpfung eines Einzelnen, keine ist allen gemeinsam, und alle sind nur von bedingter Stabilität. „Welt“ ist das Produkt einer Kommunikationsgemeinschaft von denkenden und sprechenden Lebewesen. Sie realisiert sich in der wechselseitigen Anerkennung von arbiträrem Zeichengebrauch, in einer Anerkennung, die, wie gesagt, nicht in einem biologischen Sinn natürlich und folglich im Prinzip jederzeit kündbar ist. Sie ist aber in der Regel so stark, so bindend und so wichtig für das Fortleben einer Gemeinschaft, dass der einzelne Opfer zu bringen, bisweilen sogar lieber das physische Leben aufzugeben bereit ist, als Gefahr zu laufen, die Welt der Kommunikationsgemeinschaft, der er sich zugehörig fühlt, zu verlieren. Man kann das die ursprüngliche und konstitutive soziale Dimension von Welt nennen. Damit erweist sich das animal rationale (zôon lógon échon) zugleich als animal civile (zôon politikón). Oder anders und als These formuliert: (Un)Vernunft ist politisch und Politik ist (un)vernünftig, beides aber ist welten(um)bildend.

Was verbindet die verschiedenen Welten?

Die Prämisse, dass „wir“ (die Menschen insgesamt und als Vernunftwesen betrachtet) in verschiedenen Welten (d. h. aber immer auch in mitgeteilten, folglich geteilten und in Grenzen gemeinsamen Welten) leben ist nicht weniger arbiträr als die gewöhnliche, gegenteilige, die cartesische These von der Einheit der Welt, die das logisch notwendige Pendant zur These von der Einheit der Vernunft darstellt. Das nämlich war die These, die die Selbstreflexion des neuzeitlichen Denkens mit der Zeit so sehr in Aporien verstrickt hat, dass es sich heute nahe legt zu versuchen, ohne die scheinbar so selbstverständliche Annahme von der Identität der Einen Welt bzw. der Einen Vernunft in der Verschiedenheit der ungenügenden Vorstellungen von ihr auszukommen. Doch haben Innovationen bekanntlich Folgelasten. Die Folgelastfrage, die sich auf der Basis dieser neuen Prämisse von der Differenz unserer Welten und der Vielfalt unserer Vernunft statt dessen stellt, lautet folgendermaßen: Was verbindet die verschiedenen Welten, in denen wir leben, wie kommunizieren wir über ihre Grenzen hinweg und wie kann eine solche Verbindung bzw. eine solche Kommunikation gedacht und expliziert werden?

Das allgemeine Merkmal des Geistigen

Auch wenn wir neue Begriffe oder alte Begriffe auf neue Weise verwenden wollen, können wir uns nur verständlich machen im Horizont der Begriffe unserer Zeit. Die Annahme von der Einheit der Welt ist eine Annahme, die wir gar nicht frei sind, zu leugnen oder nicht zu teilen, denn sie erscheint selbstverständlich, sie ist unserem kulturellen Gedächtnis tief einverleibt. Jedenfalls können wir sie nicht einfach ignorieren. Wir können sie nur überwinden, wenn es uns gelingt, sie aufzuheben. Was ‚uns’ – a priori – verbindet, bevor ‚wir’ – a posteriori – Verbindung miteinander aufnehmen, ist nicht dieselbe Welt (qua Lebewesen haben wir noch gar keine, nur Umwelt), sondern die Fähigkeit, eine Welt und ein Selbst zu bilden, was wir, indem wir beides für uns in Anspruch nehmen, allen anderen, mit denen wir uns glauben verständigen zu können, im Prinzip wenigstens, ebenfalls zugestehen und ansinnen. Was uns – a priori – verbindet, ist nicht eine wie auch immer natürlich bestimmbare, vielleicht als Tiefenstruktur aufzudeckende Übereinstimmung in Meinungen, Ansichten und Urteilen, in Erwartungen, Wünschen und Zielen, sondern die Fähigkeit, solche zu formulieren, zu reflektieren, zu modifizieren. In dieser Fähigkeit zur Bestimmung von Differenzen liegt das allgemeine Merkmal des Geistigen, liegt das, was alle Menschen als Menschen auszeichnet und verbindet. Vor diesem Hintergrund erscheint die faktische Nicht-Übereinstimmung in Urteilen und Zielen nicht mehr als ein Ausdruck der Defizienz eines biologischen Mängelwesens, sondern als der natürliche Ausgangspunkt des Geistes. Übereinstimmung in Meinungen oder Wünschen wäre damit wohl jederzeit und überall – im Prinzip – möglich, ihre bedingte Realisierung aber unaufhebbar kontingent, und sie bliebe, wenn momentan erreicht, immer auch gefährdet.

Es kann unsere Absicht sein, eine gemeinsame Welt zu bauen, zu verändern, zu erweitern; kurz, möglichst viel und mit möglichst vielen Übereinstimmungen in Urteilen und Zielen zu erstreben, z. B. im politischen Raum. Vermutlich ist es letztlich auch eine solche Absicht, angewandt auf einen globalen Maßstab, die dem Thema des interkulturellen Dialogs in jüngster Zeit so viel Aufmerksamkeit beschert hat. Das Problem dieses Dialogs bestünde dann darin, herauszufinden, wie wir dem Traum von einer gemeinsamen Welt im globalen Maßstab näher kommen können; vielleicht auch, wie denn eine solche Welt aussehen, welche Aspekte sie erfassen solle, könne, dürfe. Ich möchte allerdings davor warnen, dass wir im Überschwang des guten Willens zur Verständigung und zur Übereinstimmung mehr erreichen wollen als möglich, wünschenswert und erträglich ist. Letztlich gilt nämlich: Nur noch Eine gemeinsame Welt wäre keine Welt mehr. Sie wäre der Tod des Geistes als die alle Differenzen resorbierende und in diesem Sinn totalisierende Umwelt einer sich renaturierenden Tierart Mensch.

Die gleichen Daten und Fakten sind nicht die gleichen für alle

Die konkreten Probleme, mit denen sich eine Suche nach Gemeinsamkeiten zwischen unseren Welten konfrontiert sieht, liegen jedoch in einer anderen Richtung. Denn die Welt als ganze ist kein Gegenstand unserer Erkenntnis, über dessen Identität oder Differenz zu streiten sich lohnte, weder im Denken noch im Handeln. Sie ist nach ihrem gewöhnlichen Verständnis als der „Inbegriff aller Erscheinungen“ nur eine Idee (Kant, KrV B 447); dasselbe aber gilt auch für den Inbegriff aller möglichen Prädikate als ein geschlossenes Universum möglicher Bedeutungen: als Vorstellung von einem „All der Realität (omnitudo realitatis)“ ist auch sie nur eine „Idee“, kein Gegenstand der Erkenntnis (KrV B 603f.). In unseren Welten aber haben wir es, wenn wir von Erscheinungen sprechen, mit einzelnen Daten und Fakten zu tun, über die wir in der Tat und zu Recht streiten. Das nach dem gewöhnlichen Weltbegriff Überraschende und Irritierende liegt nun darin, dass diejenigen Daten und Fakten, von denen wir auszugehen gewohnt sind, weil sie in ihrer Summe die Welt ausmachen, in der jeder von uns wirklich lebt, dass diese Daten und Fakten nicht die gleichen für alle, ja dass sie, in verschiedenen Welten, oft nicht einmal miteinander kompatibel sind.

Die angemaßte Definitionshoheit

An diesem Punkt zeigt sich: Daten und Fakten, die scheinbar unerschütterliche Basis unserer jeweiligen Weltorientierung, stehen zur Disposition. Wer sie anzweifelt, mithin das, was mir evident erscheint, ernsthaft in Frage stellt, ist unter der Prämisse der Einen Welt als dumm oder böse einzustufen. Nach der Prämisse der vielen verschiedenen Welten ist das nicht mehr der Fall: Vielleicht sieht er die Welt anders, trennt und verbindet, bestimmt und versteht nach anderen Regeln. Daten und Fakten sind nicht unerschütterlich; sie sind das mir Gegebene, Überlieferte, Gelehrte (data) bzw. das von mir Gemachte oder auf meine Weise Angeeignete (facta). Hier, an der Basis unserer jeweiligen Weltorientierung, setzt die Notwendigkeit des Dialogs mit Andersdenkenden und a fortiori mit Angehörigen fremder Kulturen ein. Die angemaßte Definitionshoheit (z. B. der Wissenschaft) über das, was ist und wie es ist, ist Ausdruck der besitzergreifenden Macht unseres Denkens, das als solches nach ‚Welt’herrschaft strebt.

Die Inseln, auf denen wir leben

Gemeinsam ist allen Menschen (d. h. allen, mit denen wir glauben, uns verständigen zu können, im Prinzip wenigstens) der Horizont des Nicht-Verstehens einschließlich seiner Inseln des Verstehens, der Horizont von Differenzen mit seinen momentanen Ruhepunkten, den Raststätten der Identität. Auf diesen Inseln leben wir, auf ihnen bildet sich das geistige Selbst, wenn es sich denn bildet. Arbiträre menschliche Zeichen verweisen nicht auf Dinge (oder Ereignisse), von denen her sie sich verstünden. Denn wir leben nicht in einer Welt von Dingen (oder Ereignissen), sondern wir leben in einer Welt von Zeichen, die (zunächst immer) von anderen gegebene und gemachte Zeichen sind (Daten und Fakten), eine Welt von Zeichen, in der ein Zeichen immer auf andere Zeichen verweist. Dieser Übergang von einem zu einem anderen Zeichen ist, logisch betrachtet, eine Gleichsetzung von Verschiedenem. Schon jedes Wort, jeder Name setzt gleich, indem er Verschiedenes, zumindest potentiell, unter eine Bedeutung bindet. Mehr aber noch als der Satz selbst ist die Verknüpfung von Sätzen, d. h. ein (un)erlaubter, (un)erwarteter, (un)möglicher Übergang von einem Satz zu einem anderen, der Ort, an dem die Wirklichkeitshaltigkeit der Rede immer wieder auf dem Spiel steht. Jeder muss die Verständlichkeit der Worte, fremder und eigener Worte, an den eigenen Wahrnehmungen, Erinnerungen, Erfahrungen überprüfen – wir haben nichts Besseres.

Gemeinsame Welten bauen

Die Suche nach neuen, weiteren, umfassenderen weltbildenden Gemeinsamkeiten wird eine andere Gestalt annehmen, wenn sie unter den soeben geschilderten Prämissen der Differenz stattfindet, als wenn dies unter den gewohnten Prämissen einer vorausgesetzten, uns leider entglittenen, nun aufs Neue gesuchten, einer uns verlorenen, aber wiederzufinden aufgegebenen oder einer zu erstrebenden und in the long run auch erreichbaren paradiesischen Einheit geschieht. Nun muss diese Suche nicht erst erfunden werden. Die Geschichte des Denkens kennt, so weit ich sehe, im Wesentlichen zwei Wege, wie mit dieser anders interpretierten conditio humana umzugehen sei: einerseits den Weg der Entgrenzung aller menschlichen Bedeutungsversuche, andererseits den Weg einer Steigerung der Individualität von Bedeutung im Sprechen und Verstehen. Als Repräsentanten der beiden Wege dienen mir Nikolaus von Kues bzw. Wilhelm von Humboldt.

Nikolaus von Kues

Nikolaus wird mit der Differenz der Bedeutungen und den Grenzen des Verstehens durch den Zusammenprall der Religionen, insbesondere nach der Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahr 1453 konfrontiert. Er reagiert auf dieses Ereignis mit der Schrift De pace fidei (Über den Frieden im Glauben), worin gezeigt wird, dass im Grunde alle Menschen dieselbe Religion haben und denselben Gott anrufen, dessen Verehrung nur, aufgrund unterschiedlicher historischer bzw. geographischer Bedingungen, auf verschiedene Weise praktiziert wird. „Una religio in rituum varietate“ lautet seine bekannte Formel. Diese Einsicht wird jedoch nur auf einem fiktiven himmlischen Konzil unter den Weisen der Völker erreicht, der Text sieht also ausdrücklich von den wirklichen Bedingungen irdischer Auseinandersetzungen ab. Bestehende Differenzen werden dadurch überwunden, dass sie entwertet werden. Sie gelten als in Wahrheit scheinbar, oberflächlich, äußerlich, obwohl dem Autor ebenso wie seinen Lesern klar ist, dass sie in der Wirklichkeit so gerade nicht empfunden werden. Entscheidend dabei ist die Einsicht, dass das rationale entweder/oder der Positionen des Verstandes nicht in einer neuen, höheren rationalen Einheit aufgelöst werden kann. Diese Einsicht führt allerdings nicht in die Resignation. Ihr steht die Einsicht in die prinzipielle Nichtigkeit aller Positionen gegenüber, und diese Einsicht eröffnet der Sehnsucht nach Einheit eine neue Hoffnung. Sie erlaubt es nämlich, die geltenden Bedeutungen der Begriffe, aus denen sich die gegensätzlichen Positionen aufbauen, in Frage zu stellen, wenn sie nicht mehr tragbar sind, und ggf. zu verändern, zu erweitern oder einzuschränken. Bedeutungswandel aber lässt – falls zur rechten Zeit dazu das Rechte einfällt – den Widerspruch verschwinden, indem, „was absurd erscheint, durch ein anderes Wort erträglich wird“.

Dahinter steht die erstaunte und erstaunliche Beobachtung, dass die Bedeutung der Wörter
sich mit den Zeiten wandelt. Wenn ein lange Zeit tragfähiges Wissen seine Deutungskraft verliert, dann ist unsere Kreativität gefragt: Wie kann, was heute absurd erscheint, so dargestellt werden, dass es wieder, für eine gewisse Zeit wenigstens, erträglich, sprich: verständlich wird? Wenn uns auf diese Frage eine Antwort gelingt, dann sind wir wieder in der Wahrheit, für eine gewisse Zeit wenigstens.
Wilhelm von Humboldt

Wilhelm von Humboldt geht den umgekehrten Weg, nicht über die Sprache hinaus, sondern in sie hinein. Für ihn klingt in jedem wirklichen Wort eine ganze Sprache an. Mit der (äußeren) Gleichheit des Wortes bei verschiedenen Sprechern/Hörern aber verbindet sich die (innere) Verschiedenheit ihrer Sprache, von der die jeweilige Bedeutung des Wortes getragen wird. Nur das Wort wird ausgesprochen/vernommen. Man kann sich wohl darüber verständigen, welche Merkmale mit seinem Begriff deutlich gedacht werden sollen, niemals aber festlegen, welche anderen Vorstellungen und in welchem Grad von Klarheit oder Dunkelheit beim jeweiligen Erklingen/Vernehmen derselben ‚Hülle’ des Begriffs mit verstanden werden. Denn dem Ganzen der Sprache entspricht ein Ganzes der Gegenstände. Zwar muss dieses, als ein Ganzes, immer schon irgendwie eingeteilt sein. Der deutlich erkannte einzelne Gegenstand aber ist, wie der durch ein Wort gebildete deutliche Begriff, nur ein kunstvoll herausgearbeiteter Teil jenes Ganzen. Es ist die weitgehend dunkle, aber alles Sprechen und Verstehen tragende Ansicht des Ganzen der Gegenstände, die im wirklichen Gebrauch eines Wortes anklingt und der allgemeinen Form des Wortes im Moment vollständige individuelle Bestimmtheit verleiht.

Zur Benennung dieses Ganzen greift Humboldt auf den schon in seiner Ästhetik terminologisch eingeführten Begriff „Welt“ zurück. Der Inbegriff aller meiner Vorstellungen, das ist für mich die Welt. Da ich aber einen vernünftigen Begriff von mir selbst nur habe, indem ich mich als ein von anderen unterschiedenes Subjekt ansehe, und da der Begriff von der Andersheit der anderen Subjekte genau und nur das enthält, dass diese die Welt jeweils anders ansehen, begreife ich den Inbegriff aller meiner Vorstellungen notwendig als meine Weltansicht: Welt ist Weltansicht.

Welchen Begriff können wir uns von unserem Verstehen machen?

Wenn wir nicht alle in ein und derselben Welt leben, sondern jeder seine eigene Weltansicht bildet, wie wir nicht alle ein und dieselbe Sprache sprechen, sondern jeder die Worte der anderen auf seine eigene Weise zu interpretieren genötigt ist, wie, so fragt auch Humboldt, ist gegenseitiges Verstehen dann überhaupt als möglich zu denken? Wohlgemerkt: Es geht dabei nicht um die Frage, ob wir uns verstehen können. Denn wir verstehen uns offenkundig, wenn auch nicht immer und überall und niemals vollkommen. Sondern es geht um die Frage, welchen Begriff wir uns von unserem Verstehen machen können. Und da zeigt es sich, dass die scheinbar so natürliche, näher besehen aber nur eben gewöhnliche Vorstellung, nach welcher zwei Individuen sich genau dann verstehen, wenn sie in (vorsprachlichen) Gedanken über (außersprachliche) Gegenstände übereinstimmen, nicht einlösbar ist. Das wahre tertium comparationis der Verständigung ließe sich nur aus einer göttlichen Perspektive bestimmen, einer Perspektive, aus der sich der (sprachphilosophisch aufgeklärte) Gott der mystischen Theologie schon längst zurückgezogen hat und die einzunehmen auch die Philosophen heute nicht mehr willens und in der Lage sind. So bleiben uns zur Überprüfung der Worte und ihrer Wahrheit oder ihrer Übereinstimmung mit der Natur der Dinge nur – andere Worte: Worte, die im Moment unstrittig sind und folglich im Moment als Kriterium für strittige Worte gelten können.

Verständnis wird allein durch die Antwort gewährt

Doch kann Verständnis, so verstanden, nicht erzwungen werden, hier gibt es keinen Richterspruch, Verständnis wird allein durch die Antwort gewährt; und es kann streng genommen nicht geprüft werden, denn hier gibt es kein (dauerhaftes, untrügliches) Kriterium. Verständnis realisiert sich vielmehr in der verständigen Handlung. Die angemessene Handlung (auch z. B. eine Sprachhandlung) zeigt, dass eine Rede hier und jetzt angemessen verstanden wurde, selbst wenn sie gegen grammatische Regeln verstößt, Erwartungen enttäuscht. Praktisch genügt das, es muss genügen. Wir glauben zu verstehen und handeln danach. Theoretisch betrachtet aber wird jede Äußerung, auch wenn sie wirklich (praktisch) verstanden wird, immer auch anders verstanden, als sie gemeint war; denn sie wird in einem anderen Zusammenhang von Ansichten, das heißt von einem anderen Standpunkt aus verstanden: „Alles Verstehen ist daher immer zugleich ein Nicht-Verstehen,... alle Übereinstimmung in Gedanken und Gefühlen zugleich ein Auseinandergehen.“ (Humboldt). Doch ist diese Differenz im Moment des praktischen Verstehens bedeutungslos.

Verstehen als kreatives Geschäft

In diesem Zwischenraum des Andersverstehens liegt die Unsicherheit der sprachlichen Kommunikation durch arbiträre Bedeutungen und zugleich das kreative Potential einer solchen Kommunikation. Wir müssen kreativ antworten, um uns immer wieder von neuem verständlich zu machen, verständlich zu bleiben und den Horizont der gemeinsamen Welten zu erweitern im Wandel der Zeiten und der Bedeutungen. Verstehen ist ein notwendig kreatives Geschäft. Doch es gründet in schon Verstandenem und es rekurriert darauf. Es antwortet. So dient es unserer Orientierung durch arbiträre Zeichen, indem es gemeinsame Welten, große und kleine, zu bilden und umzubilden erlaubt.

Gemeinsamkeiten bleiben stets prekär

Welcher Art sind, allgemein gesprochen, die Gemeinsamkeiten, die zu finden und zu pflegen Ziel eines solchen Dialogs sein könnte? Gewiss, nach dem zuvor Gesagten geht es nicht um den Versuch einer Horizontverschmelzung. Um noch einmal Humboldt zu zitieren: Die Sprache „baut wohl Brücken von einer Individualität zur andren und vermittelt das gegenseitige Verständniss; den Unterschied selbst aber vergrössert sie eher“. Wenn schon von Horizonten die Rede ist, sei es von Individuen, von Gruppen oder auch von ganzen Kulturen, dann werden im Dialog die Konturen nur klarer und deutlicher hervortreten. Gemeinsamkeiten sind also nicht an sich gegeben und selbstverständlich, derart dass sie nur aufgedeckt werden müssten. Vielmehr müssen sie eingebracht und eingeräumt werden; immerhin sind sie möglich, wenn auch schwierig, und sie bleiben stets prekär. Sie betreffen niemals das Ganze der Kulturen selbst. Die Verschiedenheit der Charaktere bleibt erhalten, sie wird eher verstärkt und gefestigt, wenn man Orte und Felder der Übereinstimmung feststellt. Es geht eher um Inseln der Gemeinsamkeit in einem Meer von Verschiedenheiten. Man nehme das viel diskutierte Beispiel der Menschenrechte, die, in einer Kultur formuliert, anderen Kulturen zur Übernahme angesonnen werden. Vermittlungsversuche solcher Art sind motiviert durch den Wunsch, das Streben und die Kraft einer Reihe von Individuen, für bindende Verhaltensnormen, die ihrer eigenen Weltansicht entstammen, die Zustimmung anderer zu gewinnen, und zwar wenn möglich allein durch die Überzeugungsmacht der Worte. Doch kann das nur gelingen, indem man den anderen eine Brücke baut, derart dass sie von ihrer Warte aus, d. h. unter Bewahrung der Eigenheiten ihrer Weltansicht, dem fremden Denken zustimmen, es sich zu Eigen machen können. Das aber setzt voraus, dass man die bleibenden Unterschiede zu sehen und zu übersehen in der Lage ist, zudem fähig und willens, auch im Gespräch die Eigenheiten der anderen zu tolerieren und zu akzeptieren.
Der Dialog kann nur gelingen, wenn er nicht aufs Ganze geht, wenn seine Gegenstände partiell und temporär bleiben, kurz, nur solange wir bereit sind, gelassen Raum zu geben für unverstandene Differenzen.

UNSER AUTOR:

Tilman Borsche ist Professor für Philosophie an der Universität Hildesheim.
Von der Redaktion gekürzter Texte eines Vortrages am Kongress „Kreativität“ der Deutschen Gesellschaft für Philosophie in Berlin.




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