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Kurt Wuchterl:
Neue Tendenzen in der Wittgenstein-Interpretation

Impulsgeber für die sprachanalytische Philosophie

Formulierungen, dass Wittgenstein zu den führenden Philosophen des 20. Jahrhunderts zählt und das philosophische Denken der westlichen Welt in den letzten Jahrzehnten entscheidend geprägt hat, sind heute zur Selbstverständlichkeit geworden. Nicht ganz so selbstverständlich ist es, einen Zugang zu seinen Gedanken zu finden; denn sein philosophisches Werk enthält keine definitive Lehre im üblichen Sinn, sondern besteht aus Gedankenskizzen („philosophischen Bemerkungen“), die oft dialogartigen und nur andeutenden Charakter haben. Sie wurden zudem immer wieder umgestaltet, und ihre Originalität macht es schwer, sie in die philosophische Tradition einzuordnen. Die Leidenschaftlichkeit der genialen Gedankenführung bedingt häufig eine terminologische Großzügigkeit, und schließlich erlaubt ihm der innere Zwang, nur Vollkommenes zu schaffen, keinen Stillstand; im Ringen um eine endgültige Fassung bleibt vieles offen.

So hat ihn sein Denkstil gewissermaßen dafür prädestiniert, zum philosophischen Klassiker zu werden, das heißt, die vieldeutige Gedankenfülle des Werkes kann in jeder Epoche neu ausgeschöpft, als Anregung her angezogen und in immer wieder neuen Interpretationen als Bestätigung des Zeitgeistes gedeutet werden. Am Anfang steht der Name „Wittgenstein“ für die sprachliche Wende des 20. Jahrhunderts. Diese hat sich zwar in völlig verschiedenartigen Traditionen konkretisiert – sei es in der Sprachwissenschaft de Saussures oder Weisgerbers, sei es in der so genannten „kontinentalen“ Philosophie Heideggers und Gadamers –, aber im Umfeld Wittgensteins erlangte die sprachliche Wende ihre größte wirkungsgeschichtliche Stoßkraft. So wurde dieser zunächst zum Impulsgeber für die sprachanalytische Philosophie. Aber erst die Tatsache, dass sein Denken auch nach der Hochkonjunktur sprachbezogener Philosophiekonzepte immer wieder als Anknüpfungspunkt für Projekte neuer philosophischer Entwicklungen diente, ließ ihn zum zeitunabhängigen Klassiker werden. Die neuen Interpretationen im Zeitalter eines offenen, interkulturellen und pluralistischen Denkens stellen sich bewusst gegen das Wittgenstein-Bild der analytischen Tradition und entdecken in seinem Werk vor allem Reflexionen über die Auflösung von Denkgewohnheiten nicht nur in der Philosophie, sondern in allen Kulturbereichen. Zugleich rücken sie die oft knappen und kryptischen Beiträge zu den fundamentalen Fragen des Sichzeigens und des Undenkbaren in den Mittelpunkt, so dass sich viele Beiträge auf Ethik, Kunst und Religion beziehen.

Erste Interpretationen

Ein kurzer Blick auf die ersten Wittgenstein-Interpretationen zeigt jedoch eine erstaunliche Vielfalt von Aspekten, die nur schwer mit einer Reduktion des Werkes auf die oben erwähnte Impulsgeber-Funktion vereinbar ist. Die Tatsache, dass die Frühschrift Tractatus logico-philosophicus (kurz Traktat) lange Zeit die einzige bekannte Schrift Wittgensteins war, leistete seiner Einordnung in den von den Prinzipien der empirischen Wissenschaft geleiteten Positivismus Vorschub. Man ignorierte in dieser „Bibel des logischen Positivismus“ die Bedeutung der „logischen Form“ von Welt, Sprache und Gedanken, die sich keineswegs empirisch absichern lässt, und vor allem die Rolle des Unsagbaren, die am Ende der Abhandlung in den Vordergrund tritt. Bereits zu dieser Zeit vertraten Fachleute neben der positivistischen auch eine logisch-semantische Interpretation, die sich auf Russells Auseinandersetzung mit den Grundlagen der Logik und Mathematik bezog. Die Vertreter dieser Deutung sahen im Traktat den Versuch, die Bedingungen zu erläutern, die eine logisch vollkommene oder „ideale“ Sprache erfüllen muss, um den verbreiteten Missbrauch der Sprache vermeiden zu können. Indem das durch philosophische Reflexion von Missverständnissen gereinigte Klarsagbare den Naturwissenschaften überlassen wird, verwandle sich Philosophie in Sprachkritik.

Mit der Verbreitung der Gedanken des Spätwerks, der Philosophischen Untersuchungen (kurz PU), und der dortigen Distanzierung Wittgensteins von einigen Grundannahmen der Frühschrift verlor die positivistische Deutung an Gewicht. Die logisch-semanti sche Deutung dagegen erfuhr nach der Hinwendung zur Umgangssprache und nach der Einbeziehung von pragmatischen Elementen eine Transformation zur transzendentalpragmatischen Interpretation. Die Spätphilosophie ist demnach durch die Entdeckung des Handlungscharakters der Sprache geprägt, wonach sich Sprache in regelgeleiteten Handlungskomplexen („Sprachspielen“) in bestimmten Sprechsituationen („Lebensformen“) realisiert. Wittgensteins ursprüngliche Frage nach der Möglichkeit von Sprache orientierte sich nun nicht mehr an Wörtern mit fester exakter Bedeutung, die mittels der Abbildungsfunktion Wirklichkeitsbezug erlangen; sondern Wortverwendungen sind Bestandteile eines veränderlichen Lebensprozesses, so dass die Bedeutung eines Wortes durch den Gebrauch in den einzelnen Sprachspielen bestimmt ist und so die Eindimensionalität der idealen Sprache gesprengt wurde.

Während die Weiterentwicklung der positivistischen Sicht durch Quine ein naturali stisch-szientistisches Paradigma favorisierte, in welchem die erkenntniskritischen und sprachphilosophischen Analysen ganz in den Aufgabenbereich der empirischen Wissenschaften delegiert werden, führte der entdeckte Handlungsaspekt der Sprache zur allgemeinen Diskussion von Bedeutungstheorien, in denen die Wittgensteinsche Ge brauchsthese konkrete Ausgestaltungen erfuhr. Eine besondere Rolle spielte dabei die Entfaltung von Sprechakttheorien (Austin, Searle), die bald zum festen Bestandteil der modernen Sprachwissenschaft wurden. Auch der in den anderen Bedeutungstheorien analysierte Sprachgebrauch musste sprachwissenschaftliche Fakten berücksichtigen, so dass die Grenze zwischen Philosophie und Sprachwissenschaft zu verschwinden drohte.

Dieses Dilemma in der sprachanalytischen Interpretation, gemäß der Wittgenstein zur Beseitigung der philosophischen Verwirrungen eine übersichtliche Darstellung des Sprachgebrauchs fordert, rückte bald in das Zentrum der Kritik an der analytischen Philosophie im Allgemeinen und an Wittgenstein als dessen Hauptrepräsentanten im Besondern. Im „pure research“, in dem allein die Differenzierungen und Feinheiten des empirischen Sprachgebrauchs, die Aufzählung begrifflicher Unterscheidungsmerkmale und die Konstatierung der richtigen Verwendungsweisen von Sprachelementen erfolgten, lösten sich in den Augen der Kritiker nicht nur philosophische Verwirrungen auf, sondern die Philosophie selbst verflüchtigte sich.

Kritik an der naturalistischen und der sprachanalytischen Interpretation

Es sind genau diese beiden zuletzt genannten Entwicklungen – die naturalistische und die sprachanalytische – die in vielen neuen Wittgenstein-Interpretationen im Mittelpunkt der Kritik stehen. Sie repräsentieren die „analytische Philosophie“ im Allgemeinen und aus ihrem Umkreis soll das Denken Wittgensteins herausgelöst werden, das ganz andere Ziele verfolge, als sprachphilosophische oder naturalistische Theorien zu entwerfen. In dieser einfachen Gegenüberstellung wird jedoch übersehen, dass die in der Anfangsphase erfolgten Entwicklungen von Logiken, Semantiken und Sprachtheorien durch ihre inhaltlichen Fixierungen zu Auseinandersetzungen mit den damals vorherrschenden philosophischen Lehren führen mussten und in den älteren Deutungen durchaus berücksichtigt wurden. Das heißt, die philosophische Würdigung zeigte von Anfang an wesentlich differenziertere Züge. Es war dies die Zeit der Phänomenologie, der Hermeneutik und der existenzphilosophischen Denker. Die Einsichten dieser Schulen wurden in den zahlreichen Wittgenstein-Deutungen jeweils herangezogen, um die ambivalenten und kryptischen Aussagen Wittgensteins zu verstehen und mit dem bisher Gedachten zu konfrontieren (Lübbe, Ricoeur, Apel, Zimmermann u. a.). Mit dieser Öffnung verschob sich das Interesse an Wittgenstein schon damals über das Logisch-Semantische hinaus auch auf das kulturelle Umfeld und auf biographische Daten (Janik, Toulmin). Dabei wurde auch die Bedeutung der Dichotomie von Sagen und Zeigen erkannt und deren Folgerungen für die Selbstaufhebung der Philosophie diskutiert.

Dieser kurze Abriss der bisherigen Deutungen zeigt die Fülle der dort aufgeworfenen Aspekte, die sich nur schwer auf den gemeinsamen Begriff einer analytischen Engführung bringen lässt, der in der Rechtfertigung neuerer Interpretationen immer wieder auftaucht.

Die neuen Tendenzen der Wittgenstein-Rezeption

In einer Zeit, in der kaum mehr von philosophischen Schulen gesprochen werden kann, in der die theoretische Philosophie als metaphysischer Luxus betrachtet wird und die Philosophie in der Sorge um ihr Existenzrecht sich durch praktische Relevanz zu legitimieren sucht, betreffen die neuen Tendenzen in der Wittgenstein-Interpretation vorwiegend drei Komplexe:

- die Radikalisierung des Wittgensteinschen Therapiegedankens,

- die Aufwertung des Personalen und Biographischen bei gleichzeitiger Marginalisierung des philosophischen Werkes
- sowie die Verlagerung des Hauptinteresses von Sprachproblemen auf Ethik, Ästhetik und allgemeine Kulturphänomene.

Die Radikalisierung des Therapiegedankens

Von Anfang an stand die Frage im Raum, ob in der Nachfolge Wittgensteins überhaupt noch Philosophie betrieben werden kann. In den ersten Wittgenstein-Deutungen findet man die Antwort häufig in der Form einer gemäßigten Therapie-Interpretation. Man betonte, dass es in einer Konzeption, die sich als Sprachkritik versteht, keinen Sinn haben kann, von Philosophie im traditionellen Sinn zu sprechen. Denn mit diesem Ausdruck verbindet man im Allgemeinen bestimmte Problemlösungen und objektive Aussagen zu theoretischen und praktischen Themen des menschlichen Lebens. Wittgensteins Inten tion betrifft aber den Prozess des Klarwerdens von Gedanken. Die Ablehnung einer Philosophie als Ansammlung von Erkenntnissen und Lebensweisheiten lässt aber durchaus die Rede vom Philosophieren zu. Damit meint man den individuellen Reflexionszustand, aus dem philosophische Probleme erwachsen und als Scheinprobleme entlarvt werden. Die Antworten der Gegenwart führen dagegen häufig in einer radikalen therapeutischen Interpretation zu einer expliziten Kulturkritik, in der auch dieses Philosophieren seinen Sinn verliert. So wie man die Rolle der Gesellschaft bei Marx, die kulturkritischen Umwertungen bei Nietzsche, das Andenken an das Sein beim späten Heidegger oder die Différance bei Derrida nicht mehr in das traditionelle philosophische Denken einordnen kann, so wird auch Wittgensteins Leistung als Destruktion des abendländischen Denkens schlechthin gedeutet (Rorty, Cavell, Sloterdijk).

Indem die Lebensformen mit den Kulturphänomenen im Allgemeinen identifiziert werden, bedeutet therapeutisch geläutertes Reflektieren ein immer wieder neu in Gang gehaltenes „bildendes“ Gespräch, das keiner übergeordneten objektiven Maßstäbe, keiner philosophischen Lehren, Fachtermini und Methoden bedarf. Eine solche Therapie orientiert sich an der Spätphilosophie Wittgensteins. Die Radikalisierung der Sprachkritik zur Therapie-These erhielt massive Unterstützung durch den Versuch, auch die Frühphilosophie therapeutisch zu interpretieren, wie es z. B. bei Cora Diamond und Alice Crary geschieht (3). Der alten Bewertung der so genannten Standard-Interpretation (Hintikka), wonach der metaphysische Standpunkt des Traktats bezüglich der Darstellung des Zusammenhangs zwischen Sprache und Welt im Spätwerk kritisiert und aufgegeben werde, wird die These entgegengestellt, dass Wittgenstein in seiner gesamten Philosophie jede Art eines externen Standpunkts infragestellt (also auch den in den PU, den Hintikka noch einnimmt), weil genau dieser zu Konfusionen führt. Wittgenstein will nicht nachweisen, dass der Blick, wie er im Traktat beschrieben wird, korrigiert und durch einen besseren ersetzt werden muss. Es handelt sich um eine radikale Therapie: Wir können genau genommen keinen einzigen Gedanken über den Themenkomplex artikulieren, weil solche Sätze immer von einem externen Standpunkt aus formuliert wären. Es geht also auch nicht an, gewisse unerlaubte Gedanken über Grenzen u. ä. als sinnlose Sätze zu bestimmen. Die Texte des Traktats, die aus zahlreichen Gesprächen und Kontroversen mit Russell und anderen Kontrahenten Form angenommen haben und später zu einem sy stematischen Gesamtwerk kunstvoll zusammengefügt worden sind, bleiben infolge des zentralen therapeutischen Grundziels in einem ganz strengen Wortsinn bedeutungslos. Dabei betont Diamond, dass nicht die argumentative Kraft der Sätze des Traktats zur Selbstaufhebung des Gesagten führen, sondern die persönliche Erfahrung des Autors dieser Sätze, insofern Wittgenstein deren illusionären Charakter nachträglich durchschaut hat.

Hier wird deutlich, wie in diesem neuen Wittgenstein-Bild nicht die Texte, sondern die Biographie und das Gefühlsleben des Autors bestimmend werden. Zur Stützung des Therapie-Gedankens wird oft auf die Dichotomie von Sagen und Zeigen oder vom Sagbaren und Unsagbaren hingewiesen. Dabei werden auch Entwicklungen innerhalb der neueren französischen Philosophie herangezogen. Man entdeckt einen Zusammenhang zwischen deren Grundgedanken der Destruktion des traditionellen philosophischen Denkens und den Folgerungen aus der genannten Dichotomie. Die Grenzen zwischen Philosophie, Sprachwissenschaft, Literatur und Kunst fallen, alte Denkgewohnheiten lösen sich auf und die Befreiung von den Zwängen des Logisch-Exakten eröffnet neue Dimensionen in das metaphorische Denken (Blumenberg, Kroß, siehe 4, 5).

Häufig geht man von begrifflichen Ambivalenzen und Äquivokationen aus. Dieter Mersch beispielsweise deutet die Dichotomie als Differenz von Sein und Nichts und spricht von den „Konturen einer Differenzphilosophie“. In dieser fungiert das objektlose Sichzeigen, „von dem her sich allererst alles Sagen und damit auch Bedeuten ergibt“, als Erklärungsgrund sowohl der „logischen Form“ als auch des Gebrauchsprinzips. Indem Mersch den von Wittgenstein verwendeten eindeutigen Funktionsbegriff durch einen weiteren Begriff der Funktionalität ersetzt, der neben dem Gesetz- und Strukturhaften auch ein operatives Element enthält, offenbart sich Strukturalität vermöge ihrer Performanz, eines Dritten, „das zwischen Struktur und Bedeutung tritt“ (5, S. 127). So wird sowohl die Früh- als auch die Spätphilosophie aus einem recht verschwommenen Prinzip des allgemeinen Zeichencharakters verstanden, nämlich aus der „Differenz im Symbolischen“, die sich selbst anzeigt. Die hier und auch in den metaphorischen Konzepten (3) angewandte Denkmethode erinnert in vielen Fällen an Heideggers Destruktionsschema: Das bisher Gedachte in Frage stellen – Eine Dimension tiefer schürfen – Das Tiefergelegene als notwendige Bedingung des Bisherigen bezeichnen und neu benennen – Das unabdingbar Neue in seiner Unbegreifbarkeit stehen lassen – Dieses Vorgehen als eigentliches Philosophieren bezeichnen und im Pathos der Wiederholung rhetorisch wirken lassen.

Die Aufwertung des Personalen und Biographischen bei gleichzeitiger Marginalisierung des philosophischen Werkes.

Die Radikalisierung des Therapie-Gedankens begünstigt ganz allgemein die Abwendung von intensiven Werkinterpretationen und fördert zwei Tendenzen, nämlich das sporadische Zitieren aus den „klassischen“ Werken zur Bestätigung eigener Ideen und die Beschäftigung mit dem Charakter und der Biographie des Autors. Wittgenstein erscheint als künstlerisches Genie, als Vertreter einer intellektuellen Elite, die sich von der Mittelmäßigkeit der Anderen distanziert, als Eremit und Magier, der außerhalb „des großen Stromes der europäischen und amerikanischen Zivilisation“ steht, wie es im geplanten Vorwort zu den Philosophischen Bemerkungen heißt. Als Quelle dienen Berichte von Zeitgenossen, Briefe und vor allem die persönlichen Vermischten Bemerkungen, die Wittgenstein immer wieder notierte, ohne diese jedoch in seine dialogähnlichen Gedankengänge einfließen zu lassen. Verstummt sind hier die Stimmen gegen eine allgemeine Mystifizierung Wittgensteins (etwa bei Hintikka oder Haller); die Untersuchungen knüpfen umgekehrt gerade an das Geheimnisvolle, Unklare und Traditionskritische an. Am deutlichsten zeichnen dieses neue, personbezogene Wittgenstein-Bild Thomas Macho und Peter Sloterdijk. Ersterer schreibt über Wittgenstein: „Ein Stern, ein mythogenes Ausnahmeereignis, ein guter Mensch, ein Heiliger, ein Genie...“(1, S.11). Und weiter: „Wittgenstein verkörperte die Idee des Genies, wie sie im 19. Jahrhundert nicht vollkommener hätte imaginiert werden können: ein Asket, ein Mystiker, ein exzentrischer Intellektueller, kurzum: ein abgrundtief moderner Geist, der sein eigenes Leben als Mythos, als Experiment, als singuläres, stets gefährdetes Projekt zu inszenieren versuchte.“ Für Sloterdijk ist Wittgenstein dazu prädestiniert, „das Patchwork der lokalen Lebensspiele und ihre Regeln ans Licht zu heben“, - wohlgemerkt der Lebens-, nicht der Sprachspiele. Es sind demnach Bilder des Lebensspiels, die Wittgenstein vermittelt, keine Argumentationen. Und dies geschieht ganz im Zeitgeist, wie es ausdrücklich heißt: „In ihrer radikalen Modernität bezeugen seine Schriften die Zerrüttung der Analogie zwischen rundem Kosmos und fließender Prosa“ (1, S.8). Alle mehr oder weniger bekannten Einzelheiten des Lebenslaufs, sporadisch hingeworfene Bemerkungen und lapidare Feststellungen werden ausgelotet. Die Entwicklung zum bildhaft Fassbaren kommt nicht zufällig den medialen Interessen unserer Zeit entgegen; denn Lebensläufe und Charaktere sind nun einmal in den Medien leichter darzustellen als Gedanken. Es sind vor allem die ästhetisch-kulturellen Aspekte, die das Biographische beherrschen. An Wittgenstein interessiert der Künstler, der Stilist jener „fließenden Prosa“; der Weise, der die Moderne intuitiv durchschaut, – vom Philosophen ist nicht oder erst an zweiter Stelle die Rede. Nicht nur die Person, auch sein Werk wird unter dem künstlerischen Aspekt betrachtet. Peter Keicher interpretiert in dem Aufsatz „Aspekte musikalischer Komposition bei L.W.“ (in Neumer 8, S.199ff.) den Denkstil als Kompositionsprozess und schlägt eine musikalische Lesart aller Schrif- ten Wittgensteins vor. Es handle sich in den Nachlass-Manuskripten weniger um Verbesserungen und Klärungen, sondern um künstlerische Kompositionen von Variationen über ein bestimmtes Thema.

Die Verlagerung des Hauptinteresses von Sprachproblemen auf Ethik, Ästhetik und allgemeine Kulturphänomene

Schlagwortartig formuliert wird in gewissen neueren Deutungen aus dem linguistic turn ein iconic turn, und aus den Wittgenstein-Interpretationen werden Wittgenstein-Bilder mit ethischen und ästhetischen Komponenten. Nicht Wittgensteins Tausende Seiten umfassende Beiträge zu Logik, Semantik, Mathematik oder zu sprachspezifischen Problemen interessieren; diese Themen mögen Gegenstand akademischer Spezialisten sein, betreffen aber nicht Wittgensteins Grundanliegen. Matthias Kroß beispielsweise behauptet, dass Wittgenstein in den letzten Jahrzehnten zunehmend als „kontinentaler“ Philosoph entdeckt worden sei, „für den die Fragen der Ethik, der Religion und der Kunst offensichtlich von größerer Bedeutung waren als die Lösung von fachinternen Problemen der akademischen Philosophie“ (7, S.113).

Beginnen wir mit der Ethik. Es sind vor allem zwei Gedanken Wittgensteins, die in vielen Interpretationen immer wieder herangezogen werden, nämlich die Unmöglichkeit, eine philosophische Ethik explizit zu formulieren (vgl. T 6.421), und der Leitgedanke der Spätphilosophie, dass durch die Klarstellung der Rolle von (ethischen) Sprachspielen das Handeln des Menschen philosophisch nicht zu rechtfertigen, sondern im jeweiligen Kontext hinzunehmen ist (Die Ethik lässt alles, wie es ist). Im Traktat werden die ethischen Bemerkungen von Wittgenstein zu den unsinnigen Sätzen gezählt, weil sie wegen ihres Bezugs zu den Grenzen der Abbildung keine Tatsachen repräsentieren. Obwohl diese Charakterisierung aus der Abbildtheorie gefolgert wurde und mit deren späteren Suspendierung infragegestellt werden kann, erfolgt meistens trotzdem eine Verallgemeinerung der Sinnlosigkeits-These auf beliebige ethische Theorien (Kontinuitätsthese). Die Pluralität der inkommensurablen Handlungsweisen wird durch die sprachliche Analyse begründet, die zugleich die unsinnigen Sprachverwirrungen aufdeckt. Andererseits bedeutet der Verzicht auf Argumentation, dass die kreative individuelle Überredung ausschlaggebend wird. Kroß beruft sich ausdrücklich auf die Kraft der Rhetorik und spricht deshalb von einem rhetoric turn, der den linguistic turn ablöst. Gelegentlich werden solche Überlegungen auch als Beweis für die Unmöglichkeit einer globalen Ethik herangezogen und das Weltethos als eine Familie von ähnlichen Ethnoethiken verstanden (Wohlfart (6, S.77ff.)).

Was die Ästhetik betrifft, so wurde schon darauf hingewiesen, dass nicht nur die Person, sondern auch das philosophische Werk Wittgensteins unter dem künstlerischen Aspekt betrachtet wird. Es wird behauptet, ihm sei es gelungen, eine Harmonie zwischen der literarischen Form und dem philosophischen Gehalt seiner Texte herzustellen. Diese werden in engem Zusammenhang mit Wittgensteins Stil diskutiert. Dabei wird übersehen, dass dieser Begriff bei Wittgenstein eine recht allgemeine Bedeutung hat und die „allgemeine Notwendigkeit sub specie eterni“ bedeutet. Stil ist demnach eine Umschreibung der einstigen „logischen Form“ und das Strukturgebende der Übersichtlichkeit im Spätwerk. Wer alles sein lässt, wie es ist, der folgt dieser Notwendigkeit, die sich im Stil zeigt. Deshalb bedeutet z. B. „Stil“ das Anrennen gegen die Grenzen der Sprache und die Art der Öffnung für die Mannigfaltigkeit der Sprachspiele (Majetschak, 2). Es geht also nicht um die Ausdrucksweise von Künstlern, sondern um den notwendigen Denkstil eines jeden Menschen, der sich von den quälenden sprachlichen Missverständnissen zu befreien sucht.

Ein weiterer Zug der ästhetischen Betrachtungsweise betrifft die Aufwertung des Bildhaften im Zeitalter der Medien, in dem allgemein eine Abwendung vom Geschriebenen und Begrifflichen hin zum Bild und ikonisch Angedeuteten feststellbar ist. Charakteristisch ist Nyíris These, die Einbeziehung des gesamten handschriftlichen Nachlasses berechtige zu der Behauptung, dass Wittgensteins Spätwerk „als eine Philosophie der Postliteralität interpretierbar ist“. In seinem Aufsatz „Wittgensteins Philosophie der Bilder“ entdeckt er Wittgenstein als potentiellen Vorläufer der Animation und sein Werk als dynamische Alternative zur statischen Repräsentation durch Bilder. Während man im Allgemeinen davon ausgeht, dass beim späten Wittgenstein die Bilder keine selbständigen Bedeutungsträger sind und erst in sprachlichen Gebrauchsweisen sinnvoll werden, sind für Nyíri „Bilder … Instrumente der Kommunikation auf dieselbe Art und Weise wie geschriebene Texte.“ (In: 9, S.147/48).

Zum Thema Religion fällt auf, dass die religiöse Erfahrung der Privatperson Wittgenstein (nämlich Staunen über die Existenz der Welt / persönliche Schuld / universelle Geborgenheit) als philosophischer Erkenntnisgrund für eine bestimmte Art von skeptischer Religiosität dient (z. B. Sommavilla in 6, S.239), obwohl Wittgenstein ausdrücklich schreibt: „Dies ist ...eine persönliche Sache, und andere werden andere Beispiele als frappierend finden“. Da das Interesse an rel igionsphilosophischen Themen nachgelassen hat, werden umso mehr die spärlichen kulturkritischen Äußerungen Wittgensteins ausgelotet, von denen keine einzige von diesem für eine Publikation vorgesehen war. Als Kritik dieses Vorgehens findet man den Hinweis, man unterschlage dabei die gelegentlich banalen Bemerkungen Wittgensteins über den Zeitgeist, über Völker und Rassen (Habermas).

Wittgensteins Denkstil

Zum Schluss noch eine kritische Bemerkung zu Wittgensteins Denkstil. J. und A.-M. Hintikka vermuten in „Wittgenstein – the Be witched Writer“ (in 10, S.131 ff), dass Wittgenstein an Legasthenie gelitten hat, was mehrere Besonderheiten an seinem Stil (aber keinesfalls etwas über seine philosophischen Aussagen) erklären könnte. Legastheniker berichten von ihrer Schwierigkeit, verbale lineare Schritt-für-Schritt-Argumente in Schlussfolgerungen zu fassen oder bewussten Regeln zu folgen, ferner sind sie oft unfähig, mit komplexen Strukturen verbal umzugehen, das heißt, sie quälen sich regelrecht um den gesprochenen oder geschriebenen Ausdruck. Wittgenstein habe es trotz solcher Hindernisse fertig gebracht, die Problemstruktur in einem anderen als linearen Medium darzustellen, indem er seine genialen Visionen in einzelne Bilder, Metaphern oder längere Parabeln fasste und damit eine persönliche, recht ungewöhnliche, ganzheitliche argumentative Grundstruktur schuf. Um das eigentliche Anliegen Wittgensteins zu erkennen, solle man jede esoterische Lesart vermeiden und sich den für die Publikation vorgesehenen Teilen widmen.

Die Hervorhebung auffälliger neuer Tendenzen in der Wittgenstein-Deutung, um die es hier geht, sollte nicht die Tatsache verdecken, dass sich jenseits von Personenkult, „künstlerischer Welterkundung“ und kulturkritischen Spekulationen auch weiterhin zahlreiche Philosophen bemühen, die schwierigen Texte des Klassikers Wittgenstein zu analysieren und auf diese Weise deren Schätze für das Denken fruchtbar zu machen (siehe z. B. 2). Interessant sind auch die Versuche, Kerngedanken Wittgensteins in eigene Theorien einzubauen, die sich dann als Elemente der „großen philosophischen Erzählungen“ verstehen, die seit jeher die Philosophie prägten. Brandom beispielsweise argumentiert (in Expressive Vernunft) nicht mehr gegen, sondern mit der Tradition. Es geht ihm wie vielen anderen nicht um eine philosophische Revolution, sondern um den Versuch, die Philosophie nach Wittgenstein unter neuen Bedingungen fortzusetzen.

Literatur zum Thema

(1) Macho, Thomas (Hrsg.): Wittgenstein. Ausgewählte Texte; mit einem Vorwort von P. Sloterdijk, in dessen Reihe „Philosophie jetzt!“ München 2001 (im Buchhandel vergriffen). Als Hinführung zu Wittgenstein gedacht.

(2) Majetschak, Stefan: Ludwig Wittgensteins Denkweg. 408 S., Ln., € 51.—, 2000, Alber, Freiburg/München. Eine der neuerdings seltenen Darstellungen der Gesamtphilosophie Wittgensteins, die sich weiterhin stark am Text orientieren.

(3) Diamond, Cora: Ethics, Imagination and the Method of Wittgenstein’s Tractatus. In: A.Crary / R. Read (Ed.): The New Wittgenstein. 416 S., Ln., 2000, € 13.—, Routledge, London/New York. Enthält Aufsätze zu einer Neubewertung Wittgensteins, welche den Therapie-Gedanken als Schlüssel des Gesamtwerks betrachten.

(4) Arnswald, Ulrich / Kertscher, Jens / Kroß, Matthias (Hrsg.): Wittgenstein und die Metapher. 422 S., kt., € 29.80, 2004, Parerga, Berlin. Verschiedene Beiträge zur fundamentalen Rolle nicht-diskursiver Sprachelemente.

(5) Mersch, Dieter: Das Sagbare und das Zeigbare. Wittgensteins frühe Theorie einer Duplizität im Symbolischen. In: J. Villers u.a.: Ludwig Wittgenstein. Cuxhaven / Dartford 1998 (im Buchhandel nicht mehr erhältlich). Die Gedanken werden in „Was sich zeigt“, München 2002, weiter ausgeführt.

(6) Lütterfelds, Wilhelm / Mohrs, Thomas (Hrsg.): Globales Ethos. Wittgensteins Sprachspiele interkultureller Moral und Religion. 222 S., kt., € 25.—, 2000, Königshausen und Neumann, Würzburg. Enthält Wohlfahrt: Global-Moral? (S. 77ff.)

(7) Arnswald, Ulrich / Weiberg, Anja (Hrsg.): Der Denker als Seiltänzer. L. Wittgenstein über Religion, Mystik und Ethik. 230 S., kt., € 19.80, 2001, Parerga, Berlin. Enthält Kroß: Die Grammatik der „Naturgeschichte“ und die Aufgabe der Philosophie. Ferner Sommavilla: Religion und Kunst in Wittgensteins Philosophie.

(8) Neumer, Katalin (Hrsg.): Das Verstehen des Anderen. 259 S., kt., € 46.—, 2000, Lang, Bern / Frankfurt. Einige Aufsätze verdeutlichen die Versuche einer mystisch-künstlerischen Welterkundung.

(9) Lütterfelds, W. (Hrsg.): Erinnerungen an Wittgenstein – „kein Sehen in die Vergangenheit“? 235 S., kt., € 42.50, 2004, Wittgenstein-Studien Band 7, Lang, Bern/ Frankfurt a. M. 2004. Aufsätze zum Philosophiebegriff, zur Mathematik u. a.

(10) Haller, R. / Puhl, K. (Hrsg.): Wittgenstein und die Zukunft der Philosophie. Eine Neubewertung nach 50 Jahren. Akten des 24. Int. Wittgenstein-Symposiums, 476 S., € 76.—, 2002, öbvhpt, Wien. Enthält zahlreiche Beiträge zu unserem Thema.

UNSER AUTOR:

Kurt Wuchterl war bis zum Ruhestand Professor für Philosophie an der Universität Stuttgart. Zum Thema sind von ihm u. a. erschienen:

Struktur und Sprachspiel bei Wittgenstein. Suhrkamp, Frankfurt 1969

Handbuch der analytischen Philosophie und Grundlagenforschung – Von Frege zu Wittgenstein. 682 S., kt., € 14.90, 2002, Haupt, Bern.




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