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Ein öffentlicher Geburtstag. Der 80. Geburtstag von Jürgen Habermas in den Medien


Im Vorfeld: Zwei Tagungen

Im Vorfeld fanden zwei Tagungen statt, auf denen Kollegen und Schüler Habermas mit Vorträgen und Diskussionen ihre Hommage erwiesen.

„Auslaufmodell Demokratie?“ lautete das Thema einer Tagung, die Georg Kohler (Professor für Politische Philosophie an der Universität Zürich) und Lutz Wingert (Habermas’ letzter Assistent und seit kurzem Professor für Philosophie an der ETH Zürich) organisiert hatten. Zürich ist für Habermas kein unbekannter Ort: er hatte als Student dort ein Auslandssemester verbracht und, wie er nun in Zürich preisgab, dort eine „akademische Befreiung“ erlebt. Da man „Demokratie“ ja auch als Synonym für das konsensorientierte Schweizer Politiksystem lesen kann und sich Habermas gelegentlich positiv über dieses System geäußert hatte, vermutete denn auch Kohler scherzend, Habermas’ Konzept einer deliberativen Demokratie könnte auf dieses Semester zurückgehen.

Eine andere Tagung fand, unterstützt von der EU, in Pécs (Ungarn) statt. Habermas hielt dort einen Vortrag „Von den Weltbildern zur Lebenswelt. Zur Genealogie eines Begriffs“, der in die ungarische Sprache übersetzt wurde. Während Habermas ansonsten Interviewwünsche eher ablehnend beschied, machte er bei Nepszabadsag, der größten ungarischen Tageszeitung, eine Ausnahme. In der Folge erscheint dieses Interview in verschiedenen Tageszeitungen Osteuropas, in Belgrad, Sarajevo, in Ljubljana, Sarajevo und in Rumänien.

Mehr zu diesen beiden Tagungen erfahren Sie im nachfolgenden Interview mit Hauke Brunkhorst, der an beiden Tagungen teilgenommen hat.

Zu Beginn: Eine diffamierende Abrechnung

Bereits am 8. Juni, zehn Tage vor dem eigentlichen Jubiläum, sendete der Deutschlandfunk einen ersten Beitrag zum Geburtstag, allerdings, wie es im Titel hieß, „keine Hommage“. Sybille Tönnies, früher in Bremen, derzeit Lehrbeauftragte für Rechtsphilosophie an der Universität Potsdam und Habermas keinesfalls freundlich gesonnen, warf ihm gleich eingangs eine „ausgeprägte Anschmiegsamkeit gegenüber intellektuellen Moden“ vor, „kein Standpunkt, den er nicht vertreten, aber auch wieder aufgegeben hätte“. Dabei habe er jeweils im „Mainstream“ gelegen und „im passenden Moment die Kurve gekriegt“. So geht es weiter, durch den ganzen Text und alles, wofür Habermas gestanden hat, die Linke, die ideale Kommunikationsgemeinschaft und selbst die Letztbegründung werden lächerlich gemacht. „Eine ziemlich üble Diffamierung“ beschied ein Blogger, der den Text gehört hatte; bei jemandem, der Habermas nicht kenne, müsse „dieser nun als Scharlatan gelten“. – Am besten, man vergisst diese für den Deutschlandfunk blamable Abrechnung einer alten Habermas-Feindin.

Dem Anlass voraus war nicht nur der Deutschlandfunk, sondern auch Radio Vatikan. Seit sich der Philosoph mit dem späteren Papst in ein Gespräch eingelassen hat, ist Habermas in katholischen Kreisen hoch angesehen. Und anders als für die Bild-Zeitung (die Sloterdijk für den „bedeutendsten deutschen Philosophen“ hält) ist für den Vatikan Habermas „ohne Zweifel der bekannteste deutsche Philosoph der Gegenwart“. Radio Vatikan ist denn auch voll des Lobes: Er ist „ein unersetzbarer Repräsentant für jeden, der sich über die geistige Situation unserer Zeit nicht nur informieren will, sondern sie in Kontakt bringen will mit seiner eigenen Position des Glaubens“.
Allerdings war der Sender als „Stimme des Papstes und der Weltkirche“ enttäuscht, dass Habermas ein Interview abgelehnt hat.


Weltmacht Habermas?

„Weltmacht Habermas“ titelte Die Zeit auf ihrer Frontseite, und das ohne Fragezeichen. Autor Thomas Assheuer erklärt den Lesern, warum Habermas so einflussreich ist: „Seine Bücher verteidigen den Geist der Moderne. Und dennoch bleiben sie empfindlich für die Niederlagen des Fortschritts“.

Die Süddeutsche, Habermas’ Leibblatt, konnte einen Habermas Ebenbürtigen, nämlich den kanadischen Philosophen Charles Taylor, für einen Artikel gewinnen. Taylor machte darauf aufmerksam, dass öffentliche Intellektuelle vom Format eines Habermas zu einer gefährdeten Spezies gehöre. Habermas, führte er aus, stehe für einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel in unserer intellektuellen Kultur: nämlich für die dialogische Wende, die eine Abkehr von der cartesianischen Erkenntnistheorie bedeute und zum anderen für eine Moraltheorie, die breiter angelegt sei als die der meisten analytischen Philosophen, indem sie durch und durch kontinentaleuropäisch bleibe.

Doch das war nicht die einzige Verbeugung der Süddeutschen. Michael Krüger, Leiter des Hanser Verlags, berichtete über einen unbekannten Habermas: Habermas als Gastgeber, der es sich nicht nehmen lässt, „immer neue Köstlichkeiten aus der Küche zu holen“ und zu dessen kommunikativer Kompetenz durchaus auch ein Gespräch über Marillenknödel gehört.

In der Neuen Zürcher Zeitung gratulierte ihm eine nun in Amerika lehrende Schülerin, die Philosophin Seyla Benhabib. Sie sieht in Habermas in erster Linie den politischen Philosophen, den Verteidiger der Souveränität.

In der Welt gratulierte Wolf Lepenies dem Jubilar und meint, in der Nachkriegsgeschichte der deutschen Wissenschaft und Philosophie komme Habermas an Weltgeltung niemand gleich.

Der Berliner Tagesspiegel würdigte den Jubilar gleich in einer ganzen Serie von Texten, in der sich einzelne prominente Autoren mit Teilen von dessen Werk auseinandersetzen. Wolfgang Welsch zeigte sich angetan von der von Habermas auf dem Essener Philosophie-Kongress geäußerten Vermutung, die Kluft zwischen Geist und Natur lasse sich am ehesten überbrücken, wenn man der naturgeschichtlichen Genese des Geistes nachforsche. Damit rücke Habermas nach vielen Jahrzehnten wieder von Kant ab und Schelling sowie Hegel näher: „Im Spätstadium der Evolution begreift der Geist ebenso wie den Gang der Evolution auch seinen eigenen Hervorgang in ihr; und in evolutionistischer Perspektive kann dies gelingen, ohne dass man den Pferdefuß der hegelschen Theorie mitschleppt, Geist schon anfänglich als Motor zu unterstellen“.
Julian Nida-Rümelin berichtet, wie er Habermas im Kulturforum der Sozialdemokraten zweimal mit Politikern zusammengebracht hat, einmal mit Gerhard Schröder und ein anderes Mal mit Frank-Walter Steinmeier.

Franz Müntefering gratulierte denn Habermas auch im Namen der Sozialdemokratischen Partei in einem Schreiben (das er gleich öffentlich machte). Auch Frank-Walter Steinmeier würdigte Habermas und fügte hinzu: „Ihre Anregungen und Hinweise haben mein politisches Denken und Handeln nachhaltig beeinflusst“. Da durften die Grünen nicht zurückstehen. Joschka Fischer lobte Habermas, er habe sehr viel zum Gelingen der Bundesrepublik beigetragen: „Die Republik wäre eine andere geworden ohne seine intellektuellen Beiträge“. Habermas habe, so die Bundesvorsitzenden der Grünen, Claudia Roth und Cem Özdemir, immer wieder deutlich gemacht, „dass sich eine funktionierende demokratische Öffentlichkeit nicht von selbst versteht, sondern täglich gelebt und verteidigt werden muss“. Von Glückwünschen aus den Reihen der CDU, CSU oder der FDP ist hingegen nichts bekannt.

Stimmen aus Österreich

Der Wiener Standard sieht die Bedeutung von Habermas darin, dass er „die ältere Kritische Theorie der Frankfurter Schule noch einmal entscheidend aufgeklärt hat: Er hat die im Denken von Adorno noch vorhandene Normativität (und die damit vorhandene Geschichtsphilosophie) in eine Theorie der Rationalität überführt, die Vernunft immer als intersubjektiv begreift und Gesellschaft als Ort kommunikativen Handelns“.

Die Wiener Presse sieht die Bedeutung von Habermas vor allem in dessen Bedeutung als öffentlicher Intellektueller und klagt, dass von Jüngeren, etwa Habermas-Schülern, in dieser Beziehung nichts zu hören sei – das sei die Tragik von Habermas.

Abrechnung von rechts

Warum Habermas als bedeutendster deutscher Sozialphilosoph gelte? fragte das Wochenmagazin Focus. Und kommt zu dem Schluss, dessen Bedeutung beruhe auf einer Fehleinschätzung. Seine Philosophie entspreche „ungefähr dem, was die Mamis immer gesagt haben, wenn man mit blutiger Nase heimkam: ‚Kinder, vertragt euch!’“. Der Autor, Michael Klonovsky, informiert die Leser unter der Rubrik „Wissen“, Habermas’ Konzept einer universellen kommunikativen Vernunft laufe laut Rorty auf eine quasireligiöse Idee hinaus, und Lyotard habe Habermas eine Neigung zum „Totalitarismus der Vernunft“ unterstellt. Fazit: Habermas eigne sich bestenfalls zum Schutzpatron der Sozialpädagogen.

Der Bayerische Rundfunk brachte am 18. Juni eine Sendung, in der u. a. Norbert Bolz, Oskar Negt und Hans-Ulrich Wehler zu Wort kamen. Bayern 2 hingegen erinnerte an die Geschichte mit dem verschluckten Brief, den der Cicero öffentlich gemacht hatte. Von diesem Organ ist übrigens hinsichtlich des Geburtstages nichts zu melden.

Dafür hat die politisch am rechten Rande stehende Junge Freiheit hat ihren Feind Habermas nicht vergessen. Dabei wird – im Vergleich zum Wiener Standard – die Lesart gerade umgedreht: Habermas habe wesentliche Erkenntnisse der Dialektik der Aufklärung „verschüttet“. Der Autor erzählt zuerst, um sich als kompetent auszuweisen, von einem Habermas-Seminar, an dem er teilgenommen habe, um dann plötzlich Habermas der Denunziation, „aus der Luft gegriffener politischer Verdächtigungen“ zu beschuldigen und ihm zu unterstellen, er habe die bundesdeutsche „Wissenslandschaft nach seinem Gusto“ zusammengestellt.

Wie würdigt die Linke Habermas?

Indem sie von seinen Anfängen im anti-autoritären Frankfurt erzählt. So macht es die taz, das Kulturblatt der Linken. Deren Autorin Isolde Charim sieht Habermas’ Verdienst darin, „nach der dekonstruktiven Kritik der alten Frankfurter“ in der Dialektik der Aufklärung eine Basis für das Aufklärungsprojekt gefunden zu haben, es nach ihrem Scheitern wiederherzustellen und erklärt ihn damit explizit „zur Trümmerfrau der deutschen Philosophie“.
Weiter links, im Neuen Deutschland, würdigte der frühere DDR-Rechtsphilosoph Hermann Klenner Habermas. Er attestiert ihm eine „Gedankenwelt von zweifelloser Kühnheit wie Erhabenheit“, wirft ihm aber dialektisch im gleichen Satz vor, leider sei diese Gedankenwelt zu oft „erfahrungsfrei“. Eine unter den gegenwärtigen Herrschaftsbedingungen zustande gekommener herrschaftsfreier Diskurs würde nur die Herrschaft der Mächtigen stärken, eine als Kommunikationsgemeinschaft konzipierte Herrschaft könne nur kontrafaktisch gedacht und etabliert werden.

Würdigungen aus Frankfurt

Am 17. Juni eröffnete die Nationalbibliothek in Frankfurt die Ausstellung „… die Lava des Gedankens im Fluss. Jürgen Habermas. Eine Werkschau“. Organisatoren der bis zum 8. Juli gezeigten Ausstellung waren das Archiv der Peter Suhrkamp Stiftung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität und die Nationalbibliothek mit Unterstützung des Suhrkamp-Verlages, des Kulturamtes der Stadt Frankfurt und der Freunde der Goethe-Universität. Im Zentrum der Ausstellung stand die universitäre Lehre von Habermas und die weltweite Verbreitung seiner Schriften.

Mit einem Festakt würdigen Oberbürgermeisterin Petra Roth, Uni-Vizepräsidentin Matthias Lutz-Baumann, die Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz und Alexander Kluge den Philosophen. Habermas seinerseits hielt ein Plädoyer für Frankfurt als geistigen Standort und lobte die Freimut, mit dem die Konflikte hier in aller Unverstelltheit benannt und ausgetragen werden.
Ansonsten blieb Habermas bei all den Veranstaltungen zurückhaltend: er gab keine Interviews und bat die Tagungsveranstalter, die Presse von ihm fernzuhalten.

„Forschung Frankfurt“, das Wissenschaftsmagazin der Universität Frankfurt, widmete dem Jubilar ein „Habermas spezial“. Axel Honneth berichtet darin in einem Interview, wie es zu Habermas besonderen Fähigkeiten gehört, junge Talente aufzuspüren und zu inspirieren. Rainer Forster und Claus Günther stellen dar, wie sich die Philosophie von Habermas im Licht der jüngsten Forschungen zeigt.




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