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INTERVIEW

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Appiah, Kwame Anthony: "Experiments in Ethics“.

Warum schrieben Sie „Experiments in Ethics“?

Ursprünglich wollte ich ein Buch schreiben, das das Verhältnis der Ethik zu zahlreichen anderen Disziplinen beleuchten soll, beispielsweise zur Psychologie, Soziologie, Anthropologie, Literaturwissenschaften und Geschichte. Dieses doch sehr weite Spektrum wurde dann unter anderem durch Gespräche mit Joshua Knobe Joshua Greene und Jonathan Haidt – also mit Leuten, die mit psychologischen und neurowissenschaftlichen Methoden moralisches Verhalten untersuchen – eingegrenzt. Ich war sehr interessiert an deren empirischen Arbeiten über die psychologischen und neurologischen Mechanismen, welche moralischen Urteilen in einer – noch genauer zu untersuchenden Form – zugrunde liegen könnten.

Unterscheidet Sie dieses Interesse von anderen Moralphilosophen?

Ich denke, ich habe eine offene Haltung zu diesen empirischen Fragen – offener als andere Moralphilosophen. Viele sind der Ansicht, dass diese Forschungen für ihre Arbeit irrelevant sind. Dies ist mit Sicherheit falsch. Gewiss gibt es auch Psychologen, welche mit einem derart empirischen Zugang zur Ethik die Moralphilosophie quasi übernehmen wollen und denken, auf die Mitarbeit von Philosophen verzichten zu können. Auch das dürfte falsch sein.

Worin sehen Sie die größte Schwierigkeit im Hinblick auf eine „experimentelle Ethik“?

Die schwierigsten Fragen dürften sich im Rahmen einer „moralischen Epistemologie“ stellen – also wenn es darum geht, den erkenntnistheoretischen Charakter der in diesen Experimenten untersuchten Entitäten zu bestimmen. Viele der im Bereich der empirischen Ethik arbeitenden Forscher begannen als Antirealisten und sind demnach der Ansicht, normative Entitäten existieren nicht im gleichen Sinn wie Entitäten der natürlichen Welt. Ich bin aber nicht sicher, inwieweit dieser Antirealismus in Bezug auf die Ethik wirklich zutrifft, wenngleich ich sicher Sympathien dafür habe. Grund dafür ist, dass meiner Ansicht nach Menschen mehrere inkompatible Bilder über die Welt haben, je nach Kontext und je nach Problem, das es zu lösen gilt. Die Weltsicht der Psychologie entspricht nicht jener der Physik und auch nicht jener unseres alltäglichen Zugangs zur Welt. Wir können diese Sichtweisen auf die Welt weder vereinheitlichen noch die anderen zu Gunsten einer einzigen aufgeben, auch wenn wir zuweilen gewisse Weltsichten aufgegeben haben.

In der Ethik hat der kohärentistische Ansatz – also die Idee, Werte, Prinzipien und Einzelfallurteile stünden in Kohärenz zueinander, was die Begründung moralischer Urteile erlaubt – derzeit einen hohen Stellenwert. Steht dies nicht in einem Spannungsverhältnis zu Ihrer These der inkompatiblen Weltsichten?

Das Problem der kohärentistischen Ethik ist, dass unklar ist, was alles zueinander in Kohärenz gebracht werden sollte. So etwas wie eine „globale Kohärenz“ zwischen den oben genannten Weltsichten ist meines Erachtens unmöglich. Dann ist weiter unklar, was Kohärenz eigentlich meint. Manche halten Kohärenz für eine Form logischer Konsistenz. Doch auch das dürfte absurde Konsequenzen haben – ganz abgesehen davon, dass wir gar nicht wüssten, wie wir unsere unterschiedlichen Sichtweisen auf die Welt in eine logische Konsistenz bringen sollten. Die Rede von Kohärenz macht meines Erachtens nur innerhalb einer bestimmten Weltsicht Sinn, die für die Lösung eines mehr oder weniger klar umrissenen Problems angemessen ist. Kohärenz ist nur lokal und in Relation zu einer bestimmten Fragestellung gegeben. Unabhängig davon denke ich aber, dass wir in nur einem Universum leben und die Tatsache, dass es unterschiedliche Bilder des Universums gibt nicht heisst, dass es unterschiedliche Realitäten gibt – in diesem Sinn bin ich kein Relativist. Die Leute gehen aber zu rasch von der Aussage, es gebe nur ein Universum zur Aussage, es gebe nur ein Bild vom Universum.

Gehen wir zurück zur empirischen Moralforschung. Diese strebt an, so etwas wie die „moral machinery“ finden, die erklärt, wie Menschen unter definierten Umständen und bei definierten moralischen Stimuli moralisch handeln. Nehmen wir einmal an, diese „moral machinery“ sei bekannt: welche normativen Konsequenzen hätte das?

Eine mögliche Konsequenz liegt in der Befürchtung, man könnte Leute dazu bringen, durch geeignete Manipulation der „moral machinery“ zu irgendwelchen, von anderen gewünschten Urteilen zu bringen – etwa zur Aussage, es wäre moralisch absolut in Ordnung, jemanden zu foltern. Dieses Problem des Missbrauchs von Wissen erscheint mit nicht anders als in anderen Fällen, wo kausale Zusammenhänge erkannt und missbraucht werden können. Nehmen wir das Beispiel der optischen Illusionen. Das Wissen, wie solche zustande kommen, kann natürlich dazu genutzt werden, solche zu erzeugen. Das Wissen befähigt uns aber gleichermaßen dazu, den Unterschied zwischen Illusion und Wirklichkeit genauer kenntlich zu machen. Soweit ich die empirische Moralforschung derzeit kenne, dürfte sie in einem ähnlichen Sinn dazu beitragen, mehr Einsicht in unser moralisches Urteilen zu erhalten, was dann wiederum unser Urteilen auf eine bessere Grundlage stellt. Soweit ich das Gebiet überblicke, sehe ich derzeit keine Ergebnisse die darauf hindeuten, dass wir den Urteilen, die unsere „moral machinery“ produziert, grundsätzlich misstrauen sollten.

Offenbar ist die Fähigkeit, Ursachen für Verhaltens- und Urteils-Dispositionen zu erkennen und in einen Begründungszusammenhang zu bringen, ein Kernelement der „moral machinery“. Das führt natürlich zur Frage, inwieweit wir diese wirklich erkennen können. Oder anders gefragt: Trägt die empirische Moralforschung nicht auch im Kern eine Vereinfachung und Verzerrung unseres moralischen Urteilsvermögen in sich?

Hier sehe ich in der Tat ein zentrales Problem – doch das ist beileibe nicht nur ein Problem der empirischen Moralforschung. Auch die Philosophie der letzten Jahrzehnte neigte dazu, die Komplexität und Vielgestaltigkeit unseres Daseins als moralisch Handelnde zu vereinfachen. Die Versuche, unser moralisches Urteilen in vereinheitlichende Theorien wie etwa den Utilitarismus oder deontologische Theorien zu erklären, bringt diese unzulässige Vereinfachung mit sich – und die Psychologen übernehmen nun gewissermassen diese Vereinfachung und suchen danach, ob Menschen nun eher wie Utilitaristen oder eher wie Kantianer moralisch urteilen. Ich aber denke, dass wir eine weitaus differenziertere „moralische Phänomenologie“ benötigen.

Was müsste in einer solchen moralischen Phänomenologie enthalten sein?

Ich schreibe derzeit an einem Buch über „Ehre“. Ehre baut ein normatives System auf, das sich in Konflikt mit vielen etablierten ethischen wie auch religiös-normativen Theorien befindet und auch mit dem Gesetz teilweise inkompatibel ist – denken wir etwa an das Duellieren. Doch es gab in der Geschichte zahlreiche Ausprägungen von Ehre, Leute wie Adam Smith und David Hume sahen darin einen legitimen Aspekt des normativen Lebens und auch heute ist der Begriff der Ehre nicht verloren gegangen. Denken wir an den US-Präsidentschafts wahlkampf, wo der Appell an die Ehre beispielsweise von McCain regelmäßig aufgeworfen wurde – und er meinte das durchaus ehrlich. Weil es eben solche Dinge wie Ehre gibt, die in vielen zeitgenössischen moralphilosophischen Überlegungen kaum eine Rolle spielen, sollten wir uns davor hüten, vereinfachende moralischen Phänomenologien als Basis für das Verständnis des tatsächlichen menschlichen Moralverhaltens zu nehmen. Gerade Moralpsychologen müssten sich mehr um diese Details kümmern – was auch darauf hinweist, dass es eben unterschiedliche Bilder der Welt gibt. Man könnte moralische Dilemmas demnach auch dadurch charakterisieren, dass sich Menschen für unterschiedliche Bilder entscheiden müssen. Nehmen wir das Beispiel von William Wilberforce, ein bedeutender Aktivist gegen den Sklavenhandel. Er dachte über das Duellieren nach, entschied für sich, dass dies falsch war und führte keine Duelle mehr, obwohl er damit in den Begriffen von damals seine Ehre verlor. Er nutzte aber das System der Ehre in seinem Kampf gegen die Sklaverei. Er war also nicht gegen Ehre an sich, sondern nur dagegen, Duellieren als Ausdruck von Ehre zu verstehen. Erstaunlich ist zudem, dass Menschen Situationen, welche die Ehre betreffen, sehr schnell erfassen und verstehen können. Alle wissen also, dass es so etwas wie Ehre gibt. Wir haben sicher wenig Wissen darüber, was uns wirklich motiviert. Doch in diesem Fall denke ich, dass Ehre ein wichtiger Teil unseres normativen Universums ist.

Empirische Moralforscher orientieren sich demnach zu stark an den normativen Theorien der Ethik?

Ja, zumindest war das so. Denken wir an Kohlberg. Er hat explizit gesagt, dass er sich an Kant orientiert, als er seine sechs Stufen postulierte – und er hat damit gezeigt, wie limitiert dieser Ansatz ist. Das Problem der Kritik solcher Ansätze, wie dies im Fall von Kohlberg durch Carol Gilligan geführt wurde, ist dann, dass man seinerseits ein vereinfachendes Gegenmodell aufstellt. Ich selbst verstehe mich hier nicht als „Theoriebauer“. Mein Ansatz ist vielmehr zu sagen: die Dinge liegen meist komplizierter. Ich suche die Lücken. Auch diesem Grund schreibe ich auch Romane, weil sie einen alternativen Zugang zu diesen Beschreibungen der Welt ermöglichen.

Warum hat dieses Naturalisierungsprojekt in der Moral derzeit einen derart großen Zuspruch in der Öffentlichkeit? Will man das Gute gewissermaßen in der Biologie ansiedeln?

Es hat etwas Beruhigendes, dass man denkt, das Gute sei in uns biologisch gewissermassen einprogrammiert, so dass man eine externe moralische Realität nicht braucht. Das Problem ist natürlich: auch das schlechte ist biologisch einprogrammiert. Dennoch gilt festzuhalten, dass solches Wissen – und auch viel andere Erkenntnisse aus der Sozialpsychologie, Soziologie etc. – uns darüber aufklärt, warum gute oder schlechte Dinge in der Welt passieren. Die Frage ist dann: wie nutzen wir dieses Wissen?

Kwame Anthony Appiah ist Professor für Philosophie an der Princeton Universität und Leiter des dortigen Center for Human Values. Zudem ist er Schriftsteller und Präsident des PED American Center. Im Frühjahr 2008 veröffentlichte er „Experiments in Ethics“, eine Übersicht über aktuelle empirische Forschungen in der Ethik, verbunden mit einer Einschätzung der philosophischen Bedeutung der Resultate dieser Experimente. Markus Christen führte das Interview mit Appiah im Oktober 2008 in New York City.

Markus Christen arbeitet am Graduiertenprogramm für interdisziplinäre Ethikforschung des Universitären Forschungsschwerpunkts Ethik in Zürich an einem Projekt über moral agency.





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