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Erich Fuchs :
Fichte edieren. Über den Abschluss der J.G. Fichte-Gesamtausgabe


Die Textgrundlage für die Fichte-Forschung

Ende Januar 1814 starb der Johann Gottlieb Fichte an den Folgen der Befreiungskriege gegen Napoleon, nämlich am Typhus, mit dem ihn die Gattin, aus dem Militärlazarett nach Hause kommend, angesteckt hatte. Viel Reichtum wird Fichte Frau und Kind nicht hinterlassen haben. Was lag näher, als dass die beiden den Auftrag, das wissenschaftliche Erbe des Verstorbenen tätig zu bewahren, mit der Sorge für die eigene wirtschaftliche Subsistenz verbanden?

Frau Marie Johanne und Sohn Immanuel Hermann Fichte schreiben an den damals wohl potentesten Verleger J. F. Cotta und bieten ihm eine Ausgabe „Sämtlicher Schriften“, und zwar „zwölf oder mehrere Bände“ zum Verlag an. Zu einer solchen ersten Gesamtausgabe kommt es nicht. Weshalb – ist nicht mehr ganz auszumachen, weil Cottas Gegenbriefe fehlen. Vermutlich wegen urheberrechtlicher Schwierigkeiten: Fichte hatte bei neun anderen Verlegern von Königsberg bis Jena Bücher veröffentlicht. Cotta beließ es deshalb bei drei einzelnen Büchern.

1830 veröffentlichte I. H. Fichte die erste Biographie seines Vaters: „Johann Gottlieb Fichte’s Leben und litterarischer Briefwechsel“, 2 Bände. Im selben Jahr wollte er an die Biographie sofort die drei Bände der „Nachgelassenen Werke“ anschließen. Hier kamen „die großen politischen Ereignisse des Jahres 1830, und die daraus entstehende Unsicherheit für alle literarischen Unternehmungen“ (SW IX, S. VI) dazwischen und verzögerten dieses Unternehmung um 4-5 Jahre. Und es dauerte weitere zehn Jahre bis zur Publikation der acht Bände Sämtliche Werke (Berlin 1845/46). Diese elfbändige Ausgabe bildete über 100 Jahre die Textgrundlage für die Fichte-Forschung, und das gilt sogar weithin bis heute. Denn der preiswerte fotomechanische Nachdruck des De Gruyter-Verlags (1962–65; 1971) legt jedem Philosophiestudenten den Erwerb dieser Ausgabe nahe.

Moderne Anforderungen an eine Ausgabe

Über das gewaltige Verdienst I. H. Fichtes als Herausgeber zu sprechen erübrigt sich. Seit 1845 sind aber die Ansprüche, die man aus wissenschaftlicher Sicht an eine Edition stellt, erheblich größer geworden. Deshalb sieht man es heute als untragbar an, wenn eine Edition die Texte nicht in streng chronologischer Reihenfolge bringt, sondern sie nach Sachgebieten zusammenstellt. Die Kriterien einer solchen Ordnung lassen sich selten über den Tag hinaus aufrechterhalten. Ebensowenig wird heute toleriert, dass man nicht deutlich macht, welche Werke der Autor selbst im Druck veröffentlicht hat und welche er nur für seinen privaten Gebrauch oder als Grundlage für seine Lehrtätigkeit an einer Schule oder Universität verfasste. Diese Trennung in „Werke“ und „Nachgelassene Schriften“ war im 19. Jahrhundert noch nicht editorischer Standard.

Auch nicht die kritische Transkription der Nachlassmanuskripte, die ihren Zustand mit den Verschreibungen, Verbesserungen, Einfügungen, Auslassungen möglichst exakt wiedergibt. Diese Informationen machen ja zusammen mit der inhaltlichen Kommentierung über Entstehungsumstände, Anlass und unmittelbare Wirkung der entsprechenden Schrift erst ein zureichendes Studium und Verständnis möglich. Zur Zeit der Abfassung selbstverständliche Hintergrunddetails und Anspielungen bedürfen nach 200 Jahren sehr wohl einer Erläuterung. Auch war es früher nicht üblich, Zutaten und Änderungen, die der Herausgeber am Originaltext vornahm, genau zu kennzeichnen. Und nicht zuletzt waren damals den Bestrebungen, möglichst alle Schriften zu erfassen und der Öffentlichkeit vorzulegen, organisatorische und auch finanzielle Grenzen gesetzt.

Weitere Ausgaben

Um 1871 sprach man nur noch von den nationalen Gedanken Fichtes. Der Historiker und Politiker Treitschke war Initiator für diese Reduzierung Fichtes zum ideologischen Gründervater des deutschen Aufstiegs zur Weltmacht der sog. Gründerzeit. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts sah Fritz Medicus die Zeit reif, das eigentlich philosophische Werk Fichtes wieder zur Geltung zu bringen. 1911/12 gab er mit seiner sechsbändigen Ausgabe im Verlag Meiner der Fichte-Forschung neue Impulse. Die Texte wurden aus der Ausgabe des Fichte-Sohns genommen. 1925 folgte die lange maßgebliche zweibändige kritische Gesamtausgabe der Korrespondenz Fichtes von Hans Schulz.

Während des Philosophiestudiums wies Georg Misch seinen Schüler Hans Jacob (1898-1969) auf den teilweise unveröffentlichten Fichte-Nachlass der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin hin. 1910 hatte nämlich die Familie von Fichte den Großteil des Nachlasses der Berliner Bibliothek übergeben. Jacob sichtete und entzifferte die ihm wichtigsten Handschriften. 1937 konnte er einen Band der „Nachgelassenen Schriften“ herausbringen. Aufgrund seiner editorischen und philologischen Fähigkeiten war er als Leiter eines Instituts für wissenschaftliche philosophische Edition in Berlin vorgesehen. Der zweite Weltkrieg zerstörte die diesbezüglichen Hoffnungen wie auch die Druckstöcke eines fast fertigen weiteren Bandes.
Nachdem sich im 1. Weltkrieg die Nationalisten seiner bemächtigt hatten, waren es nun die Nationalsozialisten. Ein Grund, warum Fichte in den Nachkriegsjahren wenig Interesse und nur geringe Wertschätzung fand.


Ein hoffnungsvoller Neubeginn

Die Fichte-Forschung der Nachkriegszeit ist mit Reinhard Lauth (1919-2007) eng verbunden. Es war das Problem der Interpersonalität, das den damals dreißigjährigen Dozenten (Professor ab 1955) an der Münchner Universität zu Fichte brachte. Wie kann ich überhaupt von der anderen Person wissen? Auf der Suche nach der Lösung dieser Hauptfrage wurde Lauth in theoretischer Hinsicht bei Fichte fündig. Bei seiner vertieften Beschäftigung mit Fichtes Philosophie stellten sich ihm allerdings Hindernisse entgegen: die Texte waren nicht vollständig zugänglich; wichtige Schriften Fichtes waren bisher unbekannt, vor allem die Manuskripte der Spätzeit waren nicht entziffert. Zudem lagen die greifbaren Texte in vielen Fällen in keiner zuverlässigen Fassung vor. Diese Sachlage ließ in Lauth den Plan zu einer Fichte-Edition reifen. In Aloys Wenzl, der Lauths Habilitation betreut hatte und der zudem Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften war, fand er einen aufgeschlossenen Helfer. Aus dem Frühjahr 1956 datieren die ersten Dokumente der Bemühungen Wenzls, die Akademie für das Projekt zu gewinnen. Lauth hatte inzwischen nach längerer Suche Hans Jacob als Mathematiklehrer im hessischen Witzenhausen gefunden, wohin dieser 1950 aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war. In derselben Zeit gelang es Manfred Zahn, dem Mitarbeiter Lauths, die Familie Fichte in Geitau in Oberbayern „aufzustöbern“ und bei dieser den im Familienbesitz befindlichen Nachlassteil von J. G. Fichte, in einer Art Schuppen in einer Kiste verpackt, mitten unter anderem auf dem Boden über dem Hühnerstall abgestellten ‚Gerümpel’“ zu entdecken.

Die Kommission zur Herausgabe des Fichte-Nachlasses

Am 6. Juli 1956 stellte Aloys Wenzl an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften den Antrag auf Gründung einer Kommission für eine Neuausgabe, besonders des Nachlasses von J. G. Fichte. Am 1. Februar 1957 wurde die beratende Kommission in die aktive Kommission zur Herausgabe des Fichte-Nachlasses umgewandelt. So heißt sie auch noch heute, und das mit gutem Grund. Fichte hat in der zweiten Hälfte seines Wirkens seine wissenschaftlichen Arbeiten nicht mehr veröffentlicht. Er sah sich von den Philosophen seiner Zeit missverstanden und hoffte alles von der jungen Generation, die er nur noch in direktem persönlichen Umgang zu unterrichten beschloss. Deshalb kommt den nachgelassenen Manuskripten entscheidende Bedeutung zu, wenn man Fichtes Spätphilosophie nachvollziehen und verstehen will. Diese Manuskripte sind meist die schriftliche Vorbereitung für die Vorlesungen ab dem Jahr 1802 und die Arbeit an diesen Manuskripten hat die Herausgeber auch den größten Teil ihrer Energie gekostet.

Die Arbeit beginnt

Ab 1. Februar 1959 konnten die Arbeiten an der Ausgabe von Hans Jacob, inzwischen nach München umgezogen, und Manfred Zahn, vertraglich durch die DFG abgesichert durchgeführt werden. Vorher war aber noch eine ganz wesentliche Hürde zu überwinden gewesen. Es war die Zustimmung des Eigentümers des Fichte-Nachlasses im Ostteil Berlins, der Deutschen Akademie der Wissenschaften (später Akademie d. W. der DDR) einzuholen. Reinhard Lauth hat oft betont, wie heikel die Situation angesichts der politischen Lage damals gewesen sei. Die Beteiligten (Reinhard Lauth und Manfred Buhr, der spätere Direktor der Akademie der Wissenschaften der DDR) gingen sehr geschickt und vorsichtig vor. Die Sache sei deshalb von Erfolg gekrönt gewesen – so haben Reinhard Lauth und auch Manfred Buhr immer betont –, weil es gelungen sei, übergeordnete Organisationen herauszuhalten und die Publikationserlaubnis ausdrücklich nur auf die Herausgeber persönlich auszustellen. Dabei beeindruckte Buhr vor allem die Tatkraft, Zielstrebigkeit, das Selbstbewusstsein und die Selbstgewissheit Reinhard Lauths. Diesem Eindruck kann man sich auch heute kaum entziehen, wenn man die Dokumente aus dieser Zeit durcharbeitet. Eine besondere Facette bekommt diese Geschichte, wenn man bedenkt, dass damals, als über den Fichte-Nachlass verhandelt wurde, dieses Objekt der Begierde gar nicht zur Verfügung des Eigentümers stand. Der Fichte-Hauptnachlass lagerte damals als Kriegsbeute in Moskau, kam aber bald danach zurück nach Berlin.

Weil die Fichte-Ausgabe für den jungen Stuttgarter Verleger Günther Holzboog das Projekt schlechthin sein sollte, fiel die Entscheidung unter den in Frage kommenden Verlagen auf seinen Frommann-Verlag, den er kurz vorher übernommen hatte. Holzboogs „Wagemut und Unternehmerenergie gefiel den Herausgebern und flößte Zutrauen ein“ (wie Lauth 1997 noch schrieb). Der Verlag Frommann-Holzboog hat in der Folge einen großen Aufschwung genommen, und ein Blick in sein Verlagsprogramm erregt Staunen über so viel verlegerischen Unternehmungsgeist und Risikobereitschaft.

Geplant waren zuerst 20 Bände, die in 10 Jahren fertiggestellt sein sollten. Bekanntlich hat sich die Zahl der Bände verdoppelt und die Dauer der Arbeit vervierfacht, allerdings auch bedingt durch die spätere Hinzunahme der Kollegnachschriftenreihe.

Im Frühjahr 1959 waren die Wiederaufbau-Arbeiten am Akademieflügel der Residenz so weit gediehen, dass der Fichte-Edition ein Arbeitsraum zur Verfügung gestellt wurde, der bis heute das Domizil des von Lauth und Jacob so genannten „Fichte-Instituts“ bildet, das sie zu einem Editionszentrum ausbauen wollten. Dazu sollte es Ausgangspunkt für die aktuelle Anwendung der kantisch-fichtischen Transzendentalphilosophie auf möglichst viele wissenschaftliche Einzelbereiche der Gegenwart werden.

In dieser Zeit gelang es Hans Jacob, die Familie von Fichte zu bewegen, auf ein höheres Angebot aus den USA zu verzichten und den bei der Familie verbliebenen Nachlassteil an die Bibliothek in Marburg zu verkaufen. Heute befindet er sich in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz.

Der Kampf um die Vorworte

Hans Jacob äußert als erfahrener Editor im Juni des Jahres 1960 Besorgnis um die Einhaltung der vereinbarten Termine (für die nächsten zwei Jahre waren drei Bände angekündigt). Auch kämpfte er gegen die Vorliebe Lauths für eigenartige Abkürzungen: „es scheint mir als ein Widersinn, im oben stehenden Text jede Abkürzung bis zu den selbstverständlichen z.B. und u.s.w hin akribistisch zu vermerken, in den Anmerkungen dagegen selbst den Personen den Unterleib abzusägen. … Sch. ist garnichts. Und ich möchte mich selbst in ähnlichem Falle weder als J. noch Sie als L. oder gar als Lau. (was Sie überhaupt nicht sind) finden.“

Die längste und intensivste Sorge, die Jacob nahezu zur Verzweiflung zu bringen schien, waren Aufbau und Inhalt der Vorworte. Am 15. Oktober 1960 berichtet er Holzboog: „Herr Prof. Lauth berichtete bei unserer letzten Besprechung, dass er obwohl er bisher auf das entschiedenste vertreten hatte, dass auch die Vorworte gegenseitig durchgeprüft werden sollten, seine Vorworte an den Verlag geschickt habe, ohne dass ich sie gesehen habe. Ich kenne sie nur zum Teil und nur im Zustande vor ihrer endgültigen Redaktion. Was ich von ihnen gesehen habe, war ihrem sachlichen Inhalte nach wohl richtig, in der Diktion jedoch nicht genügend durchgearbeitet und abgeklärt und im logischen Duktus nicht hinreichend geordnet und ausgefeilt. Manche Vorworte lasen sich so, als seien sie lediglich den jeweiligen Einfällen folgend geschrieben.“ Jacob schlägt vor, die Vorworte einem erstklassigen Lektor vorzulegen. „Ich rechne nämlich damit, dass Prof. L. nicht zugänglich sein wird, wenn Sie oder ich kritisieren. Ich habe ein paar mal scharf kritisiert in der Meinung, Herr Dr. Zahn habe das Vorwort geschrieben, der dann entgegnete, nicht er habe das geschrieben, sondern Prof. L. selbst. Zu einer Besprechung der Beanstandung kam es dann nicht.“

Dann wurde die Sache dramatisch. Jacob an Holzboog: Es wäre gut, „klipp und klar zu sagen, daß es so nicht geht! Dass Ihr Verlag einen Band mit diesen Vorworten nicht herausgibt, dass sie geändert werden müssen. Ich glaube, nur ein scharfes Geschütz kann Prof. L. beeindrucken.“ Holzboog antwortet am nächsten Tag, er habe den erbetenen „großen Schuß“ an Lauth losgelassen. „Wenn er nicht einschlagen sollte, werde ich verschärft nachschießen. Der Umbruch stagniert bis zur Klärung der Sache.“ Diese letztere Entscheidung des Verlegers war nicht unwichtig. Man wollte ja den Akademiegremien Anfang Dezember 1960 den Umbruch des ersten Bandes vorlegen, um eine günstige Entscheidung für die Installierung des „Fichte-Instituts“ zu fördern.

In einem der nächste Briefe schrieb Jacob an Holzboog: „Ich fühle mich schon wieder veranlasst, Ihnen von der Fichte-Front Bericht zu erstatten. Heute vormittag traf ich zufällig Herrn Prof. Lauth in der Stadt, voller Fichtebegeisterung, dass es jetzt rasch voranginge. Er habe wieder 2 korrigierte Vorworte abgeschickt. Von Ihrer Kritik, Ihren Änderungswünschen kein Wort! So als ob Sie nicht geschrieben hätten. Er sprach wieder nur von der jetzigen Beschleunigung des Umbruchs, und dass nun alles im Sauseschritt liefe.“

Jacob schlägt Eduard Spranger als Vermittler vor, als eine urteilende Autorität. „Sie könnten Prof. Spr. auch sagen, ich sei als Nichtprofessor Prof. Lauth gegenüber in einer schwierigen Lage. Aber ich fände die Vorworte noch schlechter als Sie. Und ich hielte die ganze Ausgabe, ihren Rang u. Ansehen für gefährdet.“

Doch Lauth nahm außer ein paar oberflächlichen Änderungen nichts an. Am 18. November schreibt Jacob an Lauth einem Brief und sagt ihm „direkt u. klar …, dass es so nicht geht. Die Sache wurde nun dringend, denn auf dem 5. Dezember war eine Akademiesitzung angesetzt, „in der unsere Fichteinstituts-Sache zur Entscheidung steht“. Der Präsident erbat sich den Umbruchband, „um der Opposition gegenüber etwas Konkretes in der Hand zu haben.“ Schließlich setzte sich Lauth in allen Punkten durch. Diese Führungsgabe sollte sich aber als entscheidend herausstellen, was den tatsächlichen Erfolg der Ausgabe betrifft.

Als Ende 1963 Manfred Zahn als Mitarbeiter ausschied, übernahm Hans Gliwitzky seine Stelle. Er sollte 34 Jahre lang bis Ende 1997 ein unermüdlicher Arbeiter an der Ausgabe sein. Im selben Jahr kam Peter K. Schneider als ständiger Mitarbeiter zum Editionsteam. Er ist auch nach seiner Pensionierung dabei geblieben und nach dem Tod von Lauth und Gliwitzky in die Herausgeberschaft eingetreten.

Nach dem Tod Aloys Wenzls 1967 folgte Alois Dempf (1891–1982) als Kommissionsvorsitzender; zwei Jahre später verstarb Hans Jacob. Im Juli 1969 trat Hans Gliwitzky als Mitherausgeber an seine Stelle. Zur selben Zeit wurde die Reihe IV der studentischen Kollegnachschriften beschlossen und erstmals über die Herausgabe von zeitgenössischen Urteilen über Fichte gesprochen. Kurt Hiller und Anna-Maria Schurr-Lorusso kamen als Mitarbeiter dazu. Letztere bis Ende Februar 1973.

Hans Gliwitzky

In der Studentenzeit habe ich den späteren Mitherausgeber Hans Gliwitzky oft spät abends korrigierend oder entziffernd am Schreibtisch gesehen. Anfangs betreute er vor allem die Briefbände und bemühte sich um die möglichst lückenlose Erfassung der entsprechenden Bestände in den Bibliotheken Europas. Später als Herausgeber bemühte er sich – da auch ihn das Problem der Letztbegründung alles Wissens umtrieb – besonders um diejenigen Texte, die zu diesem Thema relevant waren: vor allem die verschiedenen Fassungen der Wissenschaftslehre, von denen es ja insgesamt etwa 15 gibt. Nahezu von allen bis dahin noch unveröffentlichten Hauptmanuskripten Fichtes hat er die Ersttranskription erstellt. In dieser Arbeit war Hans Gliwitzky sozusagen das personifizierte philologische Gewissen unserer Edition. Nicht nur einmal sah er sich gezwungen, der auf einen Sinnzusammenhang ausgehenden Phantasie Reinhard Lauths in die Parade zu fahren und ihn auf den Boden des schriftlichen Tatbestands zu holen.
„Fichte im Gespräch“

Teils von Reinhard Lauth privat bezahlt, teils als Hilfskraft arbeitete ich schon während meines Studiums an der Ausgabe mit. Im März 1973 wurde ich in das Editionsteam aufgenommen.

Seit 1969 waren zwei zusätzliche Projekte in der Planung. Hans-Michael Baumgartner und Jacobs wollten die gesammelten Rezensionen von Werken Fichtes bei Frommann-Holzboog herausgeben und mit Walter Schieche verhandelte G. Holzboog wegen der zeitgenössischen Dokumente über Fichte. Beide Unternehmungen kamen vorerst nicht zustande. Als mir Walter Schieche anbot, diese Dokumente herauszugeben, habe ich gerne zugegriffen und bald festgestellt, dass diese Materie zu meiner Lieblingsbeschäftigung innerhalb der Editionsarbeit wurde. Auf diese Weise kam eine ‚Datenbank’ des Beziehungsgeflechts der wichtigsten Personen der klassischen Zeit zustande, ursprünglich angelegt, um als Fundus für die sachliche Kommentierung der Fichte-Edition zu dienen. Aus anfänglich geplanten zwei Bänden wurden im Lauf der Zeit sieben. Bei der Kommentierungsarbeit dieser Dokumente kam ich auf immer weitere Verbindungen und Textquellen, nach den gedruckten Dokumenten dehnte ich meine Suche auf ungedruckte, in den verschiedensten Archiven und Handschriftenabteilungen Deutschlands, Dänemarks, Schwedens, der Schweiz, Polens und zuletzt Russlands aus. Dabei fand ich die Kollegnachschrift der WL nova methodo in der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden oder die Aufzeichnungen Lavaters von Fichtes erster Vorlesung in Zürich oder die Nachschrift August Twestens von einer Einleitungsvorlesung im Nachlass von dessen Schwiegersohn in Berlin.

Als sich die Ausgabe „Fichte im Gespräch“ bewährt hatte, nahmen die lange zögernden Bearbeiter der Ausgabe „Fichte in Rezensionen“ Kontakt auf, so dass Walter Schieche und ich 1995 auch dieses Werk der Forschung zur Verfügung stellen konnten.

Aus von Reinhard Lauth angeregten und von uns und anderen Fichte-Forschern organisierten Tagungen entstand 1987 die „Internationale J. G. Fichte-Gesellschaft“. International haben diese Bemühungen ausgestrahlt bis hin zu ausländischen, fremdsprachigen Fichte-Ausgaben (Chinesische Fichte-Ausgabe, 5 Bände ab 1990, japanische Fichte-Ausgabe, von 23 geplanten Bänden sind 12 seit 1995 erschienen) sowie Fichte-Gesellschaften in Japan (1985 gegründet), Russland, USA, Italien und Spanien/Portugal. Eine Fülle von Arbeiten, eigenständigen Publikationen, Aufsätzen, Dissertationen zur Philosophie Fichtes war die Folge.

Hans Glitwitzky und Kurt Hiller schieden 1997 aus Altersgründen aus. Seit 1999 wird das Herausgeberteam durch Günter Zöller verstärkt. Wegen der üblichen Stellensperren konnten erst 1999 wieder zwei Kollegen angestellt werden, die bis Ende 2008 dabeiblieben: Ives Radrizzani und Hans Georg von Manz. 2002 kam Martin Siegel für sechs Jahre hinzu.

Größere Probleme

Größere Probleme machten die Handschriften, (Reihe II), manchmal auch die Briefe (Reihe III). Zuerst war die große Masse chronologisch zu ordnen. Damit hatte Hans Jacob schon in den dreißiger Jahren begonnen, diese Ordnung wurde ständig verfeinert: Einzelne fliegende Blätter mussten zugeordnet werden, oft stimmte die Reihenfolge nicht mehr. Dann ging es an die Entzifferung. Sie wurde von einem der Editoren als ganze geleistet. Diese Ersttranskription ging anschließend an wenigstens zwei weitere Bearbeiter und dann solange zwischen allen Bearbeitern hin und her, bis sich niemand mehr in der Lage sah, eine wesentliche Textverbesserung zu leisten. Dazu gab es die Arbeitsteilung: Lauth/Fuchs leisteten die historisch-philosophische Kommentierung, während Gliwitzky/Schneider sich auf die möglichst originale Fassung des Fichte-Textes konzentrieren. Für die Vorworte, das Grundsätzliche der philosophischen Kommentierung sowie die Bandeinleitungen zeichnete Prof. Lauth allein verantwortlich.

Die Kollegnachschriften

Studenten haben Skripten von besonders geachteten Lehrern angefertigt, abgeschrieben, ja auch weiterverkauft. So auch von Fichtes Kollegs. Diese Nachschriften sind in Reihe IV erschienen.

Aus der ersten Hälfte von Fichtes Lehrtätigkeit, in Jena von 1794–1799, sind uns solche Nachschriften nur von wenigen Lehrveranstaltungen bekannt. Und dann meist jeweils nur eine einzige. In einem solchen Fall entzifferten wir den Text und ergänzten ohne großen Erklärungsaufwand eindeutige Abkürzungen.

Gab es allerdings – und das ist in den späten Berliner Jahren 1810–14 der Fall – von ein- und derselben Vorlesung Nachschriften mehrerer Studenten, wählten wir diejenige aus, die dem Inhalt und auch möglichst der Begrifflichkeit nach dem Fichteschen Originalmanuskript am nächsten kam. Fanden sich in Parallel-Nachschriften ergänzende Informationen, bauten wir sie unter Kennzeichnung ihrer Herkunft in den Leittext ein. Durch diese Arbeit an den Kollegnachschriften werden so manche dunkle, weil sehr knapp formulierte Aussagen in Fichtes eigenen Vorlesungsvorbereitungen verständlicher; ja wir konnten dort schon etliche fragliche Transkriptionen durch eindeutige Stellen aus den Nachschriften verbessern.

Abschluss der Edition

Bis Herbst 2009 sind 39 Bände erschienen. Der letzte Kollegnachschriftenband (IV, 6) geht eben in die Herstellung. Die beiden letzten Nachlassbände mit Manuskripten von 1813/14 sind redaktionell praktisch fertiggestellt, so dass wohl 2011, spätestens aber zu Fichtes 250. Geburtstag am 19. Mai 2012 die Ausgabe mit 42 Bänden vollständig in den Regalen stehen wird.

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OSKAR BECKER

Oskar Becker hatte für die Göschen-Reihe des Verlages Walter de Gruyter in den Jahren 1947-1949 einen Text „Einführung in die Philosophie“ verfasst, der aber aus unbekannten Gründen nie erschienen und nun aus dem Nachlass veröffentlicht worden ist:

Becker, Oskar: Grundprobleme existenzialen Denkens. Herausgegeben von Carl Friedrich Gethmann unter Mitarbeit von Jochen Sattler, 202 S., kt., € 38.—, 2008, frommann-holzboog Studientexte, Frommann-Holzboog, Stuttgart

Der Band bietet eine systematische Gesamtdarstellung von Beckers an Heidegger orientierter hermeneutischer Phänomenologie. Dabei ist seine Grundthese die Gleichursprünglichkeit der zwei Prinzipien von Sein und Wesen. Allerdings ist der Text, wie der Herausgeber in der Einleitung schreibt, „in einem für heutige Leser schwer verständlichen existenz-philosophischen Jargon“ geschrieben. Becker und Heidegger sind gleichaltrig, dennoch sah Becker in Heidegger mehr den Lehrer als den Kollegen.

Die Grundprobleme des existenzialen Denkens sind nichts anderes als die Grundprobleme der Philosophie selbst, gesehen aus der Blickrichtung, die sich dem Sein zuwendet. Philosophische Probleme zeichnen sich für Becker dadurch aus, dass sie niemals beantwortet, sondern nur im Sinne des Bewahrtseins aufgehoben sind.

Becker nennt fünf Begriffe, die für grundlegende philosophische Probleme stehen: Anfang, Wahrheit, Sein, Haltung, Gestalt – Begriffe, die auch für die übliche Einteilung der Philosophie in Disziplinen stehen.

Anfang kann einmal gefasst werden als Ursprung an sich der Dinge an sich. Er kann aber auch gedacht werden als das Erste für uns, als Anfang unseres Philosophierens. Zu Beginn der europäischen Philosophiegeschichte, bei Thales von Milet, fällt beides zusammen. Die europäische Philosophie beginnt mit dem Problem des Anfangs selbst.
Wann aber fängt die Philosophie an? Dann, wenn der Bereich des alltäglichen und des ursprünglichen Mythos überschritten wird durch die Frage nach dem Warum, durch den Willen zum unbedingten Fragen aus umfassenden Bedingungen heraus.

Das Wahre ist das Seiende, sein gelassen. Es enthüllt das, was es wirklich, an sich ist: das Wirkliche. Becker unterscheidet zwischen „objektiver“ Wirklichkeit der Sache und der „existentiellen“ Wirklichkeit, der eigentlichen Existenz des Selbst, bei der die Wirklichkeit zur Wahrhaftigkeit wird. Wahrheit ist gedoppelt in eine fraglose und eine fragwürdige, und das weist zurück auf die doppelte Polarität des Menschen als Menschenwesen und Weltwesen. Hier mündet die Frage nach der Wahrheit in das Problem des Seins. Denn die Frage nach dem Sinn der wahren Erkenntnis führt weiter zur Frage nach dem Sinn von Sein.

Das Problem des Seins hat drei mit den Begriffen Schein, Seiendes und Wesen bezeichnete Seiten. In der langen Geschichte der europäischen Metaphysik ist das wahrhaft Seiende je nachdem als Substanz, Monade, Geist oder Wille bezeichnet worden, bis schließlich eine Art Ermüdung eintrat und man an der Lösung nach der Frage nach dem wahrhaft Seienden verzweifelte. Man nahm in der Verzweiflung Zuflucht zur Logik, und so kam der Positivismus auf und in der Verbindung mit dem praktischen Leben der Pragmatismus.

Eine ganz andere Frage ist aber die nach dem Sein, insbesondere wenn dieses dem Seienden entgegengesetzt wird – nicht nur dem einzelnen Seienden, sondern auch zum Seienden im Ganzen. Es ist dabei außerordentlich schwierig, das Sein selbst im Unterschied zum Seienden zu Gesicht zu bekommen. Denn das Sein ist, wenn man es zu beschreiben versucht, der Träger von einander in paradoxer Weise widersprechenden Eigenschaften. Es ist das Bekannteste und sozusagen das Banalste, und trotzdem ist es das Verborgenste. Martin Heidegger hat in der gegenwärtigen Philosophie vielleicht als einziger dieses Problem in seiner ganzen Tiefe erschlossen.

Im Hinblick auf das Dasein und die Existenz des Menschen berühren sich Wesen des Seins und Wesen des Menschen und zwar so innig, dass das eine ohne das andere nicht erklärt werden kann. Den Menschen kann man geradezu definieren als das Wesen, das ex-sistiert, das herausgetreten ist in die Lichtung des Seins. Becker betrachtet noch ein Drittes neben Sein und Seiendem: das Nichts. Mit dem Sein teilt das Nichts das geheimnisvolle Wesen, kein Seiendes zu „sein“. Die Erfahrung des Nichts, so Becker, kann uns zur Erfahrung des Seins bringen. Deshalb die Frage: Wie wird das Nichts erfahren? Gemeint ist damit die tiefe gegenstandslose Daseinsangst oder Lebensangst.

Sein übertrifft Seiendes. Es ist dies die tiefe ontologische Ungleichung. Becker nennt diese Überschreitung Transzendenz. Sichtbar wird sie im Phänomen der Angst, wenn im Nichts das Sein offenbar wird.

Anders sieht es beim Wesen aus: Wesen gleicht Wesendem. Becker nennt diese fundamentale Gleichung die parontologische Indifferenz. Im Bereich des Geschichtlichen ist die ontologische Differenz die maßgebliche Struktur: In der Spannung zwischen Sein und Seiendem geschieht die Geschichte. Denn in der Geschichte werden die Menschen an den Rand des Abgrunds und so vor das Nichts gestellt.

Haltung setzt die Möglichkeit einer Haltlosigkeit voraus, und die ist nur gegeben im Überraschungsfeld einer offenen Welt. Haltlosigkeit ist auch die Vorbedingung für eine eigentliche Freiheit. Die Grundfragen der Ethik lassen sich vom Begriff der Haltung aus stellen, und sie hängen wesentlich mit dem Begriff der Freiheit zusammen. Der daseiende Mensch erscheint als wesentlich geschichtlich, und deshalb endlich, daher sterblich. Als solcher und nur als solcher besitzt er Haltung im Überraschungsfeld der offenen Welt. In der „Freiheit zum Tode“ ist das Sein gewissermaßen befreit von allen andern „überholbaren“ Möglichkeiten seiner Existenz und ganz es selbst. Im Ergreifen seiner faktischen Möglichkeiten und im ständigen Wissen um seine Vergänglichkeit bewahrt der Mensch Haltung.

In der Ästhetik findet das Problem der Gestalt seine Heimat. Die Ideen sind die vollkommenen Formen der Gestalten, die „idealen Fälle“. Im allgemeinen sind die Gestalten aber nicht vollkommen: Sie können entweder Durchschnittstypen darstellen oder Idealtypen. Die „absolute Gestalt“ äußert sich als Einfluss von der idealen Gestalt her.

MARX

Eine Zusammenstellung zentraler Texte aus dem Werk von Karl Marx
bietet der Band

Marx, Karl: Philosophische und ökonomische Schriften (Herausgegeben von Johannes Rohbeck und Peggy H. Breitenstein. 390 S., kt., € 9.—, 2008, Reclam Universalbibliothek 18554, Reclam, Stuttgart).

Es sind nicht einzelne ganze Texte des Marxschen Oeuvre, die dem Leser präsentiert werden, vielmehr aus verschiedenen Texten die wichtigsten Kapitel herausgenommen und zusammen mit ergänzenden Anmerkungen präsentiert. Textgrundlage ist die historisch-kritische Marx-Engels-Ge-samtausgabe. Die Textauswahl ist chronologisch geordnet und reicht von den frühen Manuskripten bis zum dritten Band des Kapitals. Letzteres, das Hauptwerk von Marx (von dem aber nur der erste Band noch von Marx veröffentlicht wurde, steht im Zentrum der Ausgabe (S. 115-290). Ein Kommentar erläutert einzelne Begriffe und gibt Hintergrundinformationen. Hinzu kommen Nachwort mit einer Gesamtwürdigung von Marx, Zeittafel und Literaturhinweise.


SONDERAUSGABEN

Die achtbändige zweisprachige Platon-Ausgabe der Wissenschaftlichen Buchausgabe, die zum Teil auf der Übersetzung von Schleiermacher, zum Teil auf neueren Übersetzungen beruht, wird anlässlich des 60jährigen Jubiläums der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft zum Preis von € 59.90 (statt bisher € 129.—) angeboten. Die Ausgabe Sämtliche Werke in drei Bänden, herausgegeben von Erich Loewenthal, kostet nun zum Jubiläumspreis 60 Jahre „Wissenschaftliche Buchgesellschaft“ anstatt € 49.90 nur € 24.90.







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