header


  

STUDIUM

STUDIUM Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Gregor Betz :
Argunet

Gregor Betz stellt die von ihm mitentwickelte Argumentationssoftware für regelgeleitetes Argumentieren und logisches Rekonstruieren komplexer Debatten vor


Ein erstes einfaches Beispiel

In dem Schreiben an die Sorbonne, das Descartes seinen Meditationen voranstellt, heißt es:
Es ist ganz und gar wahr, dass die Existenz Gottes geglaubt werden muß, weil dies ja in den Heiligen Schriften gelehrt wird, und umgekehrt den Heiligen Schriften zu glauben ist, weil Gott sie uns gegeben hat [...]; trotzdem kann man Ungläubigen damit nicht kommen, weil sie das als Zirkelschluß beurteilen würden. (AT VII, 2)

Descartes kritisiert hier eine Argumentation zugunsten der These:
(T) Gott existiert.
Diese Argumentation besteht, wie man unschwer erkennt, aus zwei Argumenten. Das erste Argument (A) begründet die Existenz Gottes.
(A1) In den Heiligen Schriften wird gelehrt, dass Gott existiert.
(A2) Alles, was die Heiligen Schriften lehren, ist wahr.
(A3) Also (aus 1,2): Gott existiert.
Das zweite Argument (B) weist nach, dass die Heiligen Schriften zuverlässig sind.
(B1) Gott ist allwissend und zuverlässig.
(B2) Alles, was die Heiligen Schriften lehren, ist das Wort Gottes.
(B3) Das, was uns ein allwissendes und zuverlässiges Wesen mitteilt, ist wahr.
(B4) Also (aus 1,2,3): Alles, was die Heiligen Schriften lehren, ist wahr.

Argument B stützt Argument A, da B's Konklusion mit der zweiten Prämisse von A identisch ist. Argument A wiederum begründet die These T. Skizzieren wir diese dialektischen Beziehungen:

- Skizze -


Descartes bemängelt nun, dass diese Argumentation zirkulär sei. Ist sie das? Sie ist offenkundig nicht zirkulär in dem Sinne, dass die zu begründende These T bereits als Prämisse in einem der begründenden Argumente verwendet würde. Allerdings scheint die Prämisse B2 die These T bereits vorauszusetzen. T ist eine notwendige Bedingung für B2; mit anderen Worten: B2 impliziert T.

Auch dieser inferentielle Zusammenhang lässt sich in einem Argument (C) ausdrücken.
(C1) Alles, was die Heiligen Schriften lehren, ist das Wort Gottes.
(C2) Es gibt etwas, was uns die Heiligen Schriften lehren.
(C3) Gibt es ein Wort Gottes, so auch Gott selbst.
(C4) Also (aus 1,2): Gott existiert.

Das Argument C verwendet den Satz B2 als Prämisse und stützt die These T. Ergänzen wir unsere Skizze der dialektischen Struktur um C und B2, so ergibt sich:

- Skizze -

Hier wird ersichtlich, dass das Argument C die Argumentation über B und A "kurzschließt" und diese damit in gewisser Weise als redundant nachweist.

Unser kleines Beispiel einer komplexeren Argumentation besteht bisher nur aus Argumenten und Thesen, die sich stützen. Häufig werden Argumente aber auch vorgebracht, um andere zu entkräften. In der Vierten Meditationen, zum Beispiel, erörtert Descartes einen Einwand gegen die These T, der sich stark vereinfacht wie folgt rekonstruieren lässt.

(D1) Wenn Gott kein Betrüger ist, dann dürfte ich mich niemals irren.
(D2) Manchmal irre ich mich.
(D3) Also (aus 1,2): Gott ist ein Betrüger.
(D4) Gott ist (per definitionem) kein Betrüger.
(D5) Also (aus 3,4): Gott existiert nicht. (Es gibt nichts, was mit Gott identisch ist.)
Fügen wir schließlich auch Argument D unserer Argumentlandkarte hinzu:




Warum überhaupt eine Argumentationssoftware?

Jeder von uns hat schon einmal ein Argument rekonstruiert. Sich zu notieren, welcher Satz einerseits überhaupt begründet werden soll und welche Sätze andererseits zur Begründung herangezogen werden, bedeutet, die Prämissen-Konklusion-Struktur einer Begründung zu explizieren. Wir alle wissen, wie mühsam und schwierig eine solche Rekonstruktion bisweilen sein kann: Man notiert zunächst als Prämissen die begründenden Sätze, die sich unmittelbar im Text finden, erkennt dann, dass das Argument so nicht schlüssig ist, modifiziert die Prämissen, prüft erneut, stellt sie um, prüft erneut, ergänzt eine implizite Prämisse, prüft erneut, löscht gewisse Sätze, prüft erneut, stellt die Prämissen abermals um, usw. usw.

Textverarbeitungsprogramme können bei einer solchen Argumentrekonstruktion eine unschätzbare Hilfe sein. Sie erlauben es uns, eine Liste von Sätzen beliebig zu modifizieren, ohne diese nach einer Modifikation immer wieder "ins Reine" schreiben zu müssen.

Rekonstruiert man nun aber nicht nur einzelne Argumente, sondern umfangreiche Debatten, die sich aus zahlreichen sich stützenden oder angreifenden Argumenten zusammensetzen, stellt sich ein ganz analoges Problem, das sich im obigen Beispiel bereits angedeutet hat. Die Argumentlandkarten, die durch schrittweise Rekonstruktion der Argumente entstehen, werden sehr schnell unübersichtlich. Um halbwegs den Überblick zu behalten, müssen die dargestellten Argumente und Thesen kontinuierlich neu angeordnet werden. Mit Bleistift und Papier arbeitend bedeutet dies aber in der Regel: die ganze Argumentlandkarte neu zeichnen. Ferner muss im Laufe der Rekonstruktion einer komplexen Debatte nicht nur die Anordnung der Argumente permanent angepasst werden; die dialektischen Beziehungen selbst werden fortlaufend überprüft und modifiziert. Denn ändert man beispielsweise die Rekonstruktion eines Arguments, indem man eine Prämisse P durch P' ersetzt, greift ein Argument mit der Konklusion non-P das modifizierte Argument nicht mehr an.

Die Argumentationssoftware Argunet ist im Kern ein Hilfsmittel für die Rekonstrukteure komplexer Argumentation. Argunet vereinfacht die Analyse der dialektischen Struktur einer Debatte in ähnlicher Weise wie ein Textverarbeitungsprogramm die Analyse der logischen Struktur eines einzelnen Arguments vereinfacht. Zusätzlich erfüllt Argunet diese letztgenannte Funktion von Textverarbeitungsprogrammen, indem es einen maßgeschneiderten Argument-Editor bereitstellt, mit dem einzelne Argumente noch komfortabler als in einer Textverarbeitung rekonstruiert werden können. In Argunet stellt sich die dialektische Struktur der oben analysierten Argumentation mitsamt des Arguments D wie oben abgebildet dar.  (Skizze)

Ein letzter Punkt: Argunet ist nicht nur eine Hilfe bei der ständigen An- und Umordnung einer Argumentlandkarte. Die Software hilft uns auch, die dialektischen Beziehungen zwischen Argumenten und Thesen anzugeben. Genau genommen bestimmt Argunet diese Beziehungen selbst. Denn sobald die Argumente rekonstruiert sind und sobald Argunet mitgeteilt wurde, welche der in der Debatte vorkommenden Sätze äquivalent sind und welche sich widersprechen, visualisiert Argunet automatisch sämtliche zwischen den Argumenten bestehenden dialektischen Beziehungen – auch solche, an die man als Rekonstrukteur vielleicht noch gar nicht gedacht hatte.

Einsatzmöglichkeiten in universitärer Forschung und Lehre – und darüber hinaus
Pro- und Hauptseminare
Argunet kam bereits in zahlreichen meiner Seminare zum Einsatz – allerdings mehr oder weniger intensiv. Das paradigmatische Vorgehen ist dabei vielleicht dieses: Zu Beginn des Semesters werden – wie üblich – studentische Arbeitsgruppen gebildet, die einen Text zu einer bestimmten Sitzung vorbereiten müssen. Die Vorbereitung besteht darin, den Text mit Argunet zu rekonstruieren, um die Argumentlandkarte dann im Seminar vorzustellen. Ich richte auf dem Argunet-Server (bisher gibt es einen solchen nur an der Freien Universität Berlin) eine Online-Debatte ein und weise den Seminarteilnehmern Lese- und Schreibrechte zu. Die Arbeitsgruppen können nun parallel auf ein und dieselbe Argumentlandkartensammlung zugreifen, die vorläufigen Rekonstruktionen der anderen AGs einsehen und ihre eigenen Ergebnisse dort einstellen. Insbesondere erlaubt mir das als Dozent, bereits vor einer Sitzung die entsprechende studentische Rekonstruktion des Textes zu begutachten. In den Sitzungen stellt die jeweilige AG ihre Rekonstruktion mit Argunet und Beamer vor.

- Skizze: Beispiel einer Argument-Landkarte -

Die rekonstruierte Argumentlandkarte strukturiert und orientiert dann die Seminardiskussion: Die Wortbeiträge beziehen sich typischerweise auf Thesen und Argumente der präsentierten Karte. Modifikationsvorschläge können während der Diskussion eingearbeitet oder in einem Kommentar vermerkt werden. Weiterführende Überlegungen und Kritikpunkte werden in der Argumentlandkarte skizziert, ohne diese bereits detailliert zu rekonstruieren (das dauert in der Regel zu lange). In der Nachbereitung der Sitzung arbeitet die AG die skizzierten und in Kommentaren vermerkten Überlegungen in die Rekonstruktion ein. Dadurch, dass alle AGs im Prinzip an ein und derselben Argumentlandkarte arbeiten, strukturiert Argunet nicht nur einzelne Sitzungen, sondern stellt auch einen sitzungsübergreifenden Diskussionszusammenhang her. Die standardisierte, visuelle Dokumentation der besprochenen Argumente gestattet es beispielsweise, schnell an eine Überlegung anzuknüpfen, die zuletzt vor sechs Wochen im Seminar erwähnt wurde. Im Laufe des Semesters entsteht idealerweise eine umfangreiche Argumentlandkarte, die das Endergebnis des Seminars darstellt.

Vorlesungen
In Vorlesungen kann Argunet herkömmliche Folien sinnvoll ergänzen. Wie in den Seminaren richte ich zu Beginn des Semesters eine Online-Debatte ein, erteile den Hörern jedoch nur Lesezugriff. In der Vorlesung präsentiere ich Argumente und komplexe Argumentationszusammenhänge mit Argunet. Die Argumentlandkarten werden dann Woche für Woche den Hörern zugänglich gemacht. So können sie die Vorlesung nachbereiten. Ferner können die Hörer die Argumente aus der Online-Debatte lokal speichern und Kopien derselben in ihre eigenen Argumentlandkarten einbauen, dort ergänzen oder modifizieren. Argunet ist hier in der Lage, ähnlich wie in den Seminaren, der Vorlesung eine natürliche Struktur aufzuprägen, die ihr einen sinnvollen und am Ende des Semesters unmittelbar erkennbaren Gesamtzusammenhang verleiht.

Interdisziplinäre Projekte
In einem BMBF-Projekt setzt das Argunet-Team zur Zeit gemeinsam mit dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung Argunet und die Technik der Argumentationskartierung ein, um die Analyse der Chancen und Risiken von "Organic Computing" zu strukturieren. In einem iterierten Verfahren erstellen wir Argumentlandkarten, die abwechselnd in Experten-Workshops diskutiert und von uns überarbeitet werden. Hier bestätigt sich: Auch Debatten außerhalb der Philosophie lassen sich gewinnbringend mit Argunet analysieren.

Strukturierende Leitung und Moderation von Diskussionen
Unter dieser Überschrift möchte ich ein – wie ich finde doch bemerkenswertes – Experiment schildern, das das Argunet-Team auf der Langen Nacht der Wissenschaften 2007 wagte: die Live-Rekonstruktion einer Diskussion. Die Versuchsanordnung war die: Für das nächtliche Pendant zum Tag der offenen Tür der Berliner Universitäten kündigte das Argunet-Team eine Publikumsdiskussion zu einem kontroversen Thema an. (Die Gäste entschieden sich mehrheitlich für die Gentechnikdebatte.) Das Argunet-Team stellte die Moderatorin der Diskussion sowie drei Rekonstrukteure, die im Hintergrund die Debatte verfolgten und die Aufgabe hatten, alle Gründe und Gegengründe, die in Wortbeiträgen angeführt wurden, unmittelbar zu skizzieren und zu rekonstruieren. Die rekonstruierte Argumentlandkarte wurde an eine große Leinwand geworfen. Sowohl die Moderatorin als auch das gesamte Publikum hatten so den aktuellen Diskussionsstand jederzeit vor Augen. Ferner konnte die Moderatorin durch die an die Leinwand geworfene Debatte "navigieren" und Detailrekonstruktionen einzelner Argumente öffnen.

Alles in allem waren wir nach der Durchführung dann verblüfft, wie konsequent und präzise sich die Diskussionsteilnehmer aufeinander – bzw. auf die an der Leinwand sichtbaren, bereits vorgetragenen Argumente bezogen. Von diesem Hilfsmittel wurde sofort Gebrauch gemacht. Es entfaltete sich eine – trotz aller Tiefe (so wurden etwa Gegen-Gegeneinwände vorgebracht) – übersichtliche und transparente Diskussion, die rundum ein positives Echo fand.

Schulunterricht
Im Schuljahr 2007/08 wurde Argunet in einem Pilotprojekt im Deutschunterricht zweier neunter Klassen eingesetzt. Dabei hat das Argunet-Team die Unterrichtseinheit "Erörterung" begleitet und unterstützt. Ein Problem, auf das wir hier sofort stießen, ergab sich aus den vorhandenen Unterrichtsmaterialien zu diesem Thema. Diese deckten sich nicht ohne weiteres mit dem argumentationstheoretischen Ansatz, der Argunet zugrunde liegt. Wir haben im Rahmen des Pilotprojekts daraufhin damit begonnen, Lernmaterialien zu entwerfen (Übungsbögen, Beispiele), die ein Stück weit auch unabhängig von Argunet genutzt werden können und die uns geeignet scheinen, Neuntklässler in eine Analyse komplexer Argumentation und Debatten einzuführen, die mehr als eine bloße Pro-und-Kontra-Gegenüberstellung ist. Andererseits wurde aber auch deutlich, dass wir, letztlich auch angesichts der Kürze der Zeit, Argunet nicht in vollem Umfang nutzen können. Wir beschränkten uns auf die bloße Skizze von Debatten und behandelten die Detailrekonstruktion einzelner Argumente nicht. Insgesamt scheint uns das auch ein sinnvolles Vorgehen zu sein: In den unteren Jahrgangsstufen mit der Grobstrukturierung und Skizze einer komplexen Debatte vertraut zu werden, um in höheren Jahrgangsstufen die Detailrekonstruktion zu erlernen und (in ganz unterschiedlichen Fächern) anzuwenden.

Als nächstes...
Seit Sommer 2008 können alle Argunet-Nutzer ihre erstellten Argumentlandkarten direkt von ihrem Argunet-Programm aus auf unserer Homepage www.argunet.org veröffentlichen. Wir hoffen, dass die Argunet-Community so dazu beiträgt, dass nach und nach eine Debattendatenbank mit Rekonstruktionen vieler philosophischer Klassiker entsteht. Ein Schwerpunkt der Weiterentwicklung von Argunet wird darauf liegen, den softwaregestützten Rekonstruktionsprozess noch weiter zu vereinfachen. Des weiteren planen wir, die E-Learning-Software Argunet um Evaluationsalgorithmen zu ergänzen, die es ermöglichen, rekonstruierte Debatten zu bewerten – etwa indem Proponentenpositionen in einer Argumentlandkarte verortet werden, diese auf Kohärenz geprüft werden, die Begründungsgrade einzelner Thesen berechnet werden, etc.

UNSER AUTOR:

Gregor Betz ist Juniorprofessor für Philosophie der Simulation am Institut für Philosophie der Universität Stuttgart. Von ihm erscheint demnächst:
Theorie dialektischer Strukturen.

Das Argunet-Team: Christian Voigt (Konzeption, Programmierung, Argunet-Debattenportal, BMBF-Projekt), David Schneider (Programmierung), Helen Bohse-Nehrig (Argunet in der Schule), Sebastian Cacean (Programmierung), Eugen Pissarskoi (BM BF-Projekt)
Kostenloser Download der Argumentationssoftware: www.argunet.org/editor
Das Argunet-Tutorial (von Christian Voigt und Helen Bohse): www.argunet.org/help/
---------

EINFÜHRUNGEN

Rousseau

Durand, Béatrice: Rousseau. 135 S., kt., € 9.90, 2007, Grundwissen Philosophie, Reclam, Stuttgart.
Rousseau ist bei den Philosophen ein zwar sehr bekannter, aber wenig gelesener Autor. Und was die Forschung betrifft, ist diese fast ganz zu den Romanisten abgewandert. Die Autorin dieser Einführung ist denn auch eine Romanistin; sie ist Privatdozentin am Institut für Philosophie der Universität Halle-Wittenberg. Das ist vielleicht auch ein Vorteil, denn die Autorin macht auf ansprechende, auf erzählende Weise mit Werk und Person Rousseaus bekannt. Dabei beschränkt sie sich, wie es dem Konzept der Reihe entspricht, auf die Grundgedanken, stellt dafür alle Teile des Werkes von Rousseau vor und arbeitet deren inneren Zusammenhang heraus. Ein gelungenes Buch.

Husserl

Paul Janssen, inzwischen emeritierter Philosophieprofessor an der Universität Köln und ausgewiesener Husserl-Spezialist, hatte im Jahr 1976 im „Alber-Kolleg Philosophie“ einen Band „Edmund Husserl. Einführung in seine Phänomenologie“ veröffentlicht, ein inzwischen längs vergriffener Band.

Nun hat Janssen das Buch in leicht modifizerter Form neu veröffentlicht und dazu einen zweiten Teil hinzugefügt, der seine eigene Auseinandersetzung mit zentralen Themen Husserls enthält, mit dessen „ichlichem Zeitbewusstsein“ und der „Lebenswelt“:

Janssen, Paul: Edmund Husserl. Werk und Wirkung. 306 S., kt., € 39.— 2008, Karl Alber, Freiburg.

Damit steht das Buch unter der unauflösbaren Spannung, dass es zum einen eine einführende Darstellung und zum anderen eine intime Auseinandersetzung mit einem komplexen Werk ist. Der erste, einführende Teil, steht unter einem hermeneutischen Ziel: Janssen interpretiert Husserls Phänomenologie als eine „auf Universalität, Totalität, und Einheit abzielenden transzendentalen Subjektivismus“. Dabei folgt er chronologisch den von Husserl selbst veröffentlichten Büchern. Den Schwerpunkt legt er auf die transzendentale Phänomenologie, von der er wichtige Lehrstücke eingehend darstellt. Andere Teile von Husserls Werk beschreibt er mehr, als dass er dessen Thesen herausarbeitet.

Für eine Einarbeitung in Husserl ist demgegenüber der Band

Bernet/Kern/Marbach: Edmund Husserl. Darstellung seines Denkens. 244 S,, Ln., 1989, € 36.—, Meiner, Hamburg

vorzuziehen. Dieser Band arbeitet klar und präzise Husserls Grundgedanken heraus und ist, auch wenn er schon älter ist, die beste Darstellung der Phänomenologie Husserls.

Gefühle

Engelen, Eva-Maria: Gefühle. 125 S., kt., Reclam 20316, € 9.90, Grundwissen Philosophie, Reclam, Stuttgart.
Diese Einführung verfolgt einen interdisziplinären Ansatz und führt die Forschungslinien der verschiedenen empirischen Wissenschaften zusammen – eine Linie, die die Autorin auch in ihrer eigenen Forschung verfolgt – das Buch ist denn auch primär eine Einführung in deren eigenen Ansatz.
Sie stellt eingangs dar, worüber man redet, wenn man von Gefühl redet und welche Erklärungsansätze es gegenwärtig in den verschiedenen Wissenschaften für dieses Phänomen gibt und wie man Gefühle etwa von Stimmungen unterscheidet. Im zweiten Teil zeigt die Autorin anhand empirischer Belege, dass Vernunft auf eine funktionierende Emotionalität angewiesen ist. Dabei ist sie insbesondere der Theorie des Bewusstseins und der Emotionalität des Neurowissenschaftlers Damasio verpflichtet. Ein weiterer Teil behandelt die Frage, ob Emotionen unbewusst sein können. Der Schluss behandelt ethische Fragen, die das Thema mit sich bringt.

Das Buch ist systematisch aufbereitet, die Autorin weist jeweils an entsprechenden Stellen auf Autoren, Theorien und Experimente, die ihr für das Thema wicht sind, hin. In didaktischer Hinsicht ist das Buch zu wenig gegliedert, sodass der Leser durch die verschiedenen Autoren und Ansätzen, von denen die Autorin hin- und herspringt, etwas verwirrt werden kann und die Übersicht, die er doch erst erhalten will, verliert. Unberücksichtigt bleibt die phänomenologische Tradition, die gegenwärtig an Boden gewinnt. Das Buch eignet sich insbesondere für Leser, die sich von einem naturwissenschaftlich orientierten Ansatz dem Thema Gefühl nähern.
Was ebenfalls fehlt, ist die Behandlung der Gefühle bei den philosophischen Klassikern. Das findet man bei

Landweer, Hilge/Renz, Ursula: Klassische Emotionstheorien. Von Platon bis Wittgenstein. 703 S., Ln., € 98, 2008, de Gruyter, Berlin.
Die Theorie der Emotionen bzw. der Gefühle, lange vernachlässigt, stellt gegenwärtig eines der aktuellsten philosophischen Themen dar. Der Band bietet in Form von Abhandlungen eine Darstellung der Emotionstheorien wichtiger Klassiker – sowohl Klassiker der Philosophie allgemein als auch Denker, die interessante Gefühlstheorien entwickelt haben. Man findet hier zum einen etwa Platon, Aristoteles, Augustinus, Thomas von Aquin, Descartes, Hume, Kant (nicht aber Fichte, Hegel, Schelling), Nietzsche, Wittgenstein, Heidegger, zum anderen Evagrius Ponticus, Wilhelm von St.-Thierry, Montaigne, Huarte de San Juan, Malebranche, Shaftesbury oder Susanne K. Langer. Die Autorinnen und Autoren sind ausgewiesene Kenner der Materie.

Ästhetik

Philosophische Ästhetik beinhaltet in einem geläufigen Sinne Nachdenken über das Schöne und die Kunst. In neuerer Zeit hat sich das Thema ausgeweitet auf ästhetische Erfahrung im weitesten Sinne.

Pöltner, Günther: Philosophische Ästhetik, 268 S., kt., € 24.—, 2008, Urban Taschenbuch 400, Grundkurs Philosophie, Kohlhammer, Stuttgart
beschränkt sich aber auf das erste, die Frage nach dem Schönen – eine Frage, die gegenwärtig in den Hintergrund getreten ist, was der Autor, der aus der katholischen Tradition kommt, bedauert und dem er gegensteuern will. Er bietet einen Gang durch die Philosophiegeschichte wobei es ihm wichtig ist, zu zeigen, wie sich die Antworten auf die Fragen nach dem Schönen verändert haben. Die Positionen wichtiger Autoren werden textnah referiert, mit vielen Zitaten. Man kann hier konzentriert nachlesen, was Platon, Plotin, Augustin, Baumgarten, Kant, Schelling, Hegel, Schopenhauer, Nietzsche, Adorno u.a. über das Schöne geschrieben haben. Mit Adorno endet der historische Teil, Autoren nach dem linguistic turn fehlen – laut Pöltner ist die Frage nach dem Schönen verloren gegangen.
Ein zweiter Teil enthält einen eigenen Ansatz, einen „Neuansatz einer philosophischen Ästhetik“, wobei es Pöltner um „Strukturmomente der ursprünglichen Erfahrung mit Schönem“ geht – ein stark von Heideggerschem Vokabular geprägten Neuansatz, den der 1942 geborene Pöltner allein vertritt und von dem man sich fragen kann, ob der in einen „Grundkurs Philosophie“ gehört.
Eignet sich nicht für Leser, die sich für die gegenwärtig aktuelle Ästhetik interessieren. Dies, Kunst und ästhetische Erfahrung in einem weiten Sinn findet sich bei

Brandstätter, Ursula: Grundfragen der Ästhetik. Bild – Musik – Sprache – Körper. 200 S., kt., € 15.90, 2008, UTB3084, Böhlau, Köln.

Dafür fehlt bei ihr die ganze Geschichte der Ästhetik und – würde wohl Pöltner monieren – die Frage nach dem Schönen ist hier verlorengegangen. Die Leitfrage von Ursula Brandstätter (sie ist Professorin für Musikpädagogik an der Universität der Künste, Berlin) ist die, ob die vielen künstlerischen Formen etwas Gemeinsames haben. Sie geht ihr nach, in dem sie die erkenntnistheoretischen Grundlagen erkundet (Kap. 1), Kunst von der Wissenschaft abgrenzt (Kap. 2), danach fragt, was Kunst (Kap. 4) und was ästhetische Erfahrung (Kap. 3) ist, um danach zu ihrer Leitfrage (Kap. 5) zu gehen und die Transformationen zwischen den Künsten zu untersuchen (Kap. 6).
Das Buch ist in einer lebendigen Sprache geschrieben, es liest sich leicht, auch indem es, anders als das von Pöltner, weniger in die Tiefe geht. Die beiden Bücher, die dem Titel nach eigentlich dasselbe Thema beinhalten, haben rein gar nichts gemeinsam und ergänzen einander gerade dadurch.

Eine kurzgefasste Darstellung der Geschichte der Ästhetik, die bis zur Gegenwart führt, und sich nicht auf das Thema Schönheit beschränkt, bietet
Stefan Majetschak, Ästhetik zur Einführung (178 S., kt., 2007, € 13.90, zur Einführung, Junius, Hamburg).

WINTERSCHULE

Das “Ethics Institute and the Netherlands Research School for Practical Philosophy (OZSE)” organisiert erstmals einen fünftägigen Intensiv-Winterkurs “Ethical Theory and Moral Practice” und zwar vom 22.-26. März 2010 in Barchem (NL). Der Kurs wendet sich an Studierende und gibt einen Überblick über die gegenwärtigen Debatten in der praktischen Philosophie mit dem Schwerpunkt auf der Rolle von normativen Theorien in Anwendungskontexten. Beteiligt sind Dieter Birnbacher (Düsseldorf), Bert van den Brink (Utrecht), Göran Collste, Julia Dietrich (Tübingen), Marcus Duewell (Utrecht), Paul van Tongeren (Nijmegen), Marcel Verweij (Utrecht) und Jan Vorstenbosch (Utrecht). Anmeldefrist: 1. Dezember 2009
(winterschool2010 @phil.uu.nl) Weitere Informationen:
http://www.ethics.uu.nl/Ethics_Institute_UU/Home/Artikelen/2009/7/16_Winterschool_ Ethical_Theory_-_Moral_Practice.html




Bestellen Sie das Einzelheft oder abonnieren Sie die Zeitschrift.




© Information Philosophie     Impressum     Kontakt