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04 2009

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Gregor Betz :
Argunet

Gregor Betz stellt die von ihm mitentwickelte Argumentationssoftware für regelgeleitetes Argumentieren und logisches Rekonstruieren komplexer Debatten vor


Ein erstes einfaches Beispiel

In dem Schreiben an die Sorbonne, das Descartes seinen Meditationen voranstellt, heißt es:
Es ist ganz und gar wahr, dass die Existenz Gottes geglaubt werden muß, weil dies ja in den Heiligen Schriften gelehrt wird, und umgekehrt den Heiligen Schriften zu glauben ist, weil Gott sie uns gegeben hat [...]; trotzdem kann man Ungläubigen damit nicht kommen, weil sie das als Zirkelschluß beurteilen würden. (AT VII, 2)

Descartes kritisiert hier eine Argumentation zugunsten der These:
(T) Gott existiert.
Diese Argumentation besteht, wie man unschwer erkennt, aus zwei Argumenten. Das erste Argument (A) begründet die Existenz Gottes.
(A1) In den Heiligen Schriften wird gelehrt, dass Gott existiert.
(A2) Alles, was die Heiligen Schriften lehren, ist wahr.
(A3) Also (aus 1,2): Gott existiert.
Das zweite Argument (B) weist nach, dass die Heiligen Schriften zuverlässig sind.
(B1) Gott ist allwissend und zuverlässig.
(B2) Alles, was die Heiligen Schriften lehren, ist das Wort Gottes.
(B3) Das, was uns ein allwissendes und zuverlässiges Wesen mitteilt, ist wahr.
(B4) Also (aus 1,2,3): Alles, was die Heiligen Schriften lehren, ist wahr.

Argument B stützt Argument A, da B's Konklusion mit der zweiten Prämisse von A identisch ist. Argument A wiederum begründet die These T. Skizzieren wir diese dialektischen Beziehungen:

- Skizze -


Descartes bemängelt nun, dass diese Argumentation zirkulär sei. Ist sie das? Sie ist offenkundig nicht zirkulär in dem Sinne, dass die zu begründende These T bereits als Prämisse in einem der begründenden Argumente verwendet würde. Allerdings scheint die Prämisse B2 die These T bereits vorauszusetzen. T ist eine notwendige Bedingung für B2; mit anderen Worten: B2 impliziert T.

Auch dieser inferentielle Zusammenhang lässt sich in einem Argument (C) ausdrücken.
(C1) Alles, was die Heiligen Schriften lehren, ist das Wort Gottes.
(C2) Es gibt etwas, was uns die Heiligen Schriften lehren.
(C3) Gibt es ein Wort Gottes, so auch Gott selbst.
(C4) Also (aus 1,2): Gott existiert.

Das Argument C verwendet den Satz B2 als Prämisse und stützt die These T. Ergänzen wir unsere Skizze der dialektischen Struktur um C und B2, so ergibt sich:

- Skizze -

Hier wird ersichtlich, dass das Argument C die Argumentation über B und A "kurzschließt" und diese damit in gewisser Weise als redundant nachweist.

Unser kleines Beispiel einer komplexeren Argumentation besteht bisher nur aus Argumenten und Thesen, die sich stützen. Häufig werden Argumente aber auch vorgebracht, um andere zu entkräften. In der Vierten Meditationen, zum Beispiel, erörtert Descartes einen Einwand gegen die These T, der sich stark vereinfacht wie folgt rekonstruieren lässt.

(D1) Wenn Gott kein Betrüger ist, dann dürfte ich mich niemals irren.
(D2) Manchmal irre ich mich.
(D3) Also (aus 1,2): Gott ist ein Betrüger.
(D4) Gott ist (per definitionem) kein Betrüger.
(D5) Also (aus 3,4): Gott existiert nicht. (Es gibt nichts, was mit Gott identisch ist.)
Fügen wir schließlich auch Argument D unserer Argumentlandkarte hinzu:



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