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DISKUSSION

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Almosen statt Steuern. Ein eigenartiger Diskurs im gehobenen Feuilleton

Ein eigenartiger, fast gespenstischer und kaum fassbarer Disput findet seit zwei Monaten im Feuilleton des gehobenen Feuilletons statt. Im Mittelpunkt steht, wie wäre es anders denkbar, wieder einmal Peter Sloterdijk.

Sloterdijk als Philosoph der Steuerverweigerung

In einem Artikel „Die Revolution der gebenden Hand“, der innerhalb einer Reihe „Die Zukunft des Kapitalismus“ in der Frankfurter Allgemeinen am 13. Juni diesen Jahres erschien, skizzierte Sloterdijk auf gekonnte Weise die Neidgeschichte des Sozialismus. Die Linke, so begann er, sehe das Besitztum der Wohlhabenden als auf ursprünglichen Diebstahl zurückgehend und in der Folge das kapitalistische Wirtschaftssystem als eine Form von Kleptokratie an. Insbesondere in der Lohnzahlung verberge sich unter dem Mantel des gerechten Tausches eine Ausbeutung. Die linke Theorie rufe dazu auf, diese alltägliche Plünderung einzustellen und den ursprünglichen Diebstahl rückgängig zu machen. Das sei aber falsch, so Sloterdijk; in modernen Wirtschaften gehe es um die Sorge um die Rückzahlung von Krediten, und hier stünden Kapital und Arbeit auf derselben Seite. Und wenn man schon den Blick auf die Nehmerseite richte, so hätte man den größten Nehmer ins Auge fassen müssen, nämlich den modernen Steuerstaat. Dieser habe sich zu einem geldnehmenden Ungeheuer entwickelt und zwar durch die Einführung der progressiven Einkommenssteuer – ein sozialistisches Äquivalent zur Enteignung.

Irgendwie habe man sich nun daran gewöhnt, dass eine Handvoll Leistungsträger gelassen mehr als die Hälfte des nationalen Einkommensteuerbudgets bestreite. Deshalb sei auch die Frage, ob der Kapitalismus noch eine Zukunft habe, falsch gestellt – wir lebten vielmehr in einer Art „steuerstaatlich zugreifenden Semi-Sozialismus auf eigentumswirtschaftlicher Grundlage“, den man schamhaft „Soziale Marktwirtschaft“ nenne. In Wirklichkeit handle es sich um eine „rechtlich gezügelte Staats-Kleptokratie“, die selbst vor der Plünderung der natürlichen Lebensgrundlagen der künftigen Generationen nicht Halt mache.

Sloterdijk macht auf eine „Macht“ aufmerksam, die dem Einhalt gebieten könnte: die Revolution der gebenden Hand. Eine solche Revolution, so Sloterdijk „führte zur Abschaffung der Zwangssteuer und zu deren Umwandlung in Geschenke an die Allgemeinheit – ohne dass der öffentliche Bereich deswegen verarmen müsste“.

Unnötige Aufgeregtheit

Um wenigstens zu versuchen zu verstehen, was nun passiert ist, muss man drei Ebenen unterscheiden:
- die Sachebene
- die persönliche Ebene
- die mediale Ebene.

Peter Sloterdijk ist ein Meister der medialen Inszenierung, die er geschickt dafür nutzt, um im Gespräch zu bleiben. Der letzte Abschnitt des besagten Artikels ist denn auch ganz bewusst darauf angelegt zu provozieren und damit Sloterdijk wieder einmal zu einer Debatte zu verhelfen. Und angebissen hat kein Geringerer als der Meisterschüler seines Erzgegners Jürgen Habermas, Axel Honneth.

Almosen statt Steuern?

Sloterdijks Vorschlag, den Sozialstaat anstatt durch Steuern durch Geschenke der Verdienenden am Lob zu erhalten, was die Umsetzung angeht, absurd (wie so vieles bei Sloterdijk). Ein Blick auf ein historisches Beispiel macht das deutlich.


Der kleine Schweizer Kanton Uri schaffte Anfang des 19. Jahrhunderts – so wie es Sloterdijk sich wünscht – bestehende Steuern ab. Auf der Landsgemeinde wurde eine Armensteuer mit der Begründung abgelehnt, man wolle nicht Arbeitsscheue unterhalten und Schlendrian fördern. Die Arbeitslosen, Alten, Kranken und Invaliden waren nun, wenn sie denn keine Familie hatten, die sie unterstützte – so wie es Sloterdijk sich vorstellt –, auf Geschenke (der Fachausdruck dafür lautet: Almosen) angewiesen. Die Folgen waren fatal. Zwar kamen diejenigen, die es verstanden, Geschenke zu erbetteln, gut weg, aber gerade Alte, Kranke und Invalide (der Fachausdruck lautet: Hausarme) bekamen kaum etwas ab. Wer rüstig war, wanderte aus, andere standen in Lumpen gehüllt an der Gotthardstrasse und bettelten Durchreisende an. Um zu verhindern, dass Leute verhungerten, wurde, finanziert von der Kirche, jeden Sonntag nach der Messe Brot an Arme abgegeben. Und bei den Kartoffeläckern mussten Wachen abgestellt werden, damit Hungernde nicht nachts die Kartoffeln ausgruben. Um die Situation in den Griff zu bekommen, führte man – so wie es Sloterdijk wünscht – private Abgaben ein. Doch in nem Dorf waren beispielsweise nur 58 von 1300 Personen dazu bereit. Um die unhaltbare Situation in den Griff zu bekommen, gründete man schließlich ein Armenhaus und sperrte Arme, Kranke und Bettler dort ein. Die Situation verbesserte sich erst, als man eine obligatorische Armensteuer einführte

Solcher Verhältnisse in der Vergangenheit eingedenk mutet es deshalb merkwürdig an, dass Sloterdijks Idee auch ein positives Echo erhielt. Marius Meller etwa schrieb im Berliner Tagesspiegel, der Vorschlag verdiene es, ernst genommen zu werden. Und in der Frankfurter Allgemeinen äußerten sich Professoren ernsthaft zu dieser Möglichkeit. Und selbst in der liberalen Zeit konnte man lesen: „Wenn man hingegen akzeptieren könnte, dass Ungleichheit zu den menschlichen Grundbedingungen zählt, gewänne die Tugend der Barmherzigkeit ihr altes Gewicht zurück. Sie würde den Sozialstaat, der trotz allem ein Gewinn bleibt, nicht ersetzen, sondern ergänzen“.

Honneth platzt der Kragen

Kein Wunder, dass einem Philosophen wie Axel Honneth, der sich Zeit seines Lebens mit dem Begriff der Anerkennung auseinandergesetzt hat, angesichts von Sloterdijks Ansinnen der Kragen platzt. „Selten wohl ist vergangenes Gedankengut, das schon zu seiner Zeit nur dumpfe Ängste und Abwehrhaltungen verriet, mit so viel Aplomb wieder aufgefrischt worden, um es als neuestes Stichwort zur geistig-politischen Lage der Gegenwart auszugeben“, donnert er in einem Artikel „Fataler Tiefsinn aus Karlsruhe“ in der Zeit vom 25. September. Im Kampf gegen soziale Diskriminierung und ökonomische Benachteiligung, so Honneth weiter, versuchten die jeweiligen Akteure nur umzusetzen, was ihnen die moralischen Prinzipien des modernen Rechtsstaates versprechen, dazu sei keine Gier nötig, kein Neid und kein Ressentiment. Man müsse die Argumente „erst mehrmals in Augenschein nehmen, bevor einem dämmert, welche verschrobene These da mit Nonchalance in die Welt gesetzt wird: der Sozialstaat … soll nichts anderes hervorbringen als eine institutionalisierte ‚Kleptokratie‘, eine politische Einrichtung also, die die Schlechtergestellten erfolgreich hätten etablieren können, um sich von den Vermögenden finanziell anzueignen, was sie in blindem Ressentiment für unrechtmäßig erworben hielten“.

Sloterdijk habe bislang seine „stolze Zurückweisung jeder Parteinahme für die Schwachen“ in einem Meer von Nebelkerzen verdunkelt. Nun habe er dieser Verdunkelung auf eine so „kleingeistige Weise…die einem schier die Sprache verschlage“, ein Ende gesetzt. Er habe zwar den kulturellen Erscheinungen „des kapitalistischen Wohlfahrtsstaates nur Verachtung entgegengebracht“, ohne aber für die zukünftige Gestaltung der Gesellschaft eine Idee vorzutragen – und nun das.

Sloterdijks Position

Peter Sloterdijk ist in der akademischen Philosophie eine Art Nicht-Person: Er gilt als Literat und nicht als Philosoph. Er wird kaum gelesen, geschweige denn zitiert, noch wird er zu Vorträgen auf Tagungen eingeladen. Dass er mit gewollt überzogenen Thesen die Sucht der Medien nach Sensationen nutzt, kommt bei den auf Seriosität bedachten Fachphilosophen schlecht an. In letzter Zeit hat sich zwar die Abwehrfront etwas gelockert, Sloterdijk ist an Universitäten eingeladen worden, gelegentlich findet man nun seinen Namen im Autorenregister akademischer Bücher, und die von Honneth mit herausgegebene Deutsche Zeitschrift für Philosophie hat, man glaubt es kaum, in der letzten Nummer einen Artikel über ihn gebracht.

Anders beim breiten Publikum. Hier gilt Sloterdijk als der deutsche Philosoph der Gegenwart schlechthin (aber auch hier gerät seine Position durch einen jüngeren in Gefahr, durch Richard D. Precht). Sloterdijk steht damit vor dem Phänomen, dass er, der sich als elitärer Denker versteht, von der akademische Elite abgelehnt, von dem von ihm verachteten Mittelmaß hingegen bewundert wird. Dass ihm diese Nichtanerkennung zu schaffen macht, wen wundert es. Gelegentlich wird dies durch seine Wutausbrüche, etwa gegen Erzfeind Habermas und nun gegen Honneth, deutlich.

Aber es geht hier auch noch um etwas anderes. Noch vor zwanzig Jahren (bis zum Mauerfall) war die kulturelle Öffentlichkeit durch linke Intellektuelle wie Habermas geprägt. In den letzten Jahren ist sie – nicht zuletzt durch Sloterdijk – nach rechts ins Lager der Konservativen abgedriftet. Hier hat Honneth etwas mit Sloterdijk abzurechnen. Sachliches und Persönliches sind hier eng miteinander verknüpft.

Die Gegenrechnung

Honneths Text bot Sloterdijk die gesuchte Möglichkeit einer medialen Inszenierung. Das sah wohl auch Die Zeit so und lud ihn – eine Auflagensteigerung vor Augen – zu einer „großen Debatte“ ein. Diesen Gefallen tat Sloterdijk dem liberalen Blatt allerdings nicht, antwortete vielmehr mit einem Brief, der den Umfang eines Artikels hatte – den er dann in der Frankfurter Allgemeinen veröffentlichte, um die Debatte auf befreundetem Terrain auszutragen. Er sehe in dem Artikel keinen „scharfen Angriff“, wie die Redaktion meine, schrieb er an die Zeit, sondern „mehr Dumpfheit als Schärfe“. Und er betont dabei nochmals, dass die „politische Moderne ein weltgeschichtlich beispielloses System der Umverteilung erarbeitet hat, in dem der zugleich liberale und soziale Staat sich Jahr für Jahr rund die Hälfte aller Wertschöpfungsergebnisse der wirtschaftenden Gesellschaft aneignet und diese nach Maßgabe seiner Funktionen und Pflichten neu verteilt“, wobei dies auf der Überzeugung beruht, „dass gegen den ungerechten primären Diebstahl nur ein korrigierender gerechter Gegendiebstahl Abhilfe schafft“. Er selber nehme dazu jedoch eine „bedingungslos bejahende Perspektive ein“. Anstoß nehme er nur daran, dass niemand dieses System der Zwangsbesteuerung in Frage stelle und etwa frage, ob dies nicht durch ein System freiwilliger Spenden ersetzt werden könnte. Erst dann könnte von einer Zivilgesellschaft gesprochen werden. Wobei provokativ ein Widerspruch gesetzt ist: Zum einen behauptet Sloterdijk, zum gegenwärtigen System eine bedingungslos bejahende Perspektive einzunehmen, zum anderen ist der entsprechende Absatz betitelt „Ein Plädoyer für die Umstellung von Enteignung auf Spende“.

Und nun kommt die persönliche Abrechnung. Man kann hier zwischen den Zeilen lesen, wie Sloterdijk der Boykott seitens der Philosophieprofessoren wurmt. Sloterdijk nennt denn Honneth (einen der unter Kollegen anerkanntesten deutschen Philosophen) auch nie „Philosoph“, sondern herablassend „Philosophieprofessor“, dabei die Schopenhauersche Unterscheidung zwischen dem eigentlichen Philosophen (als welchen sich Sloterdijk versteht) und dem Philosophieprofessor aufnehmend. Der „Philosophieprofessor“ möge, bevor er sich öffentlich über ihn äußere, erst einmal seine Bücher lesen, wobei Honneth „einen Lektürerückstand von, freundlich geschätzt, sechstausend bis achttausend Seiten“ aufweise. Honneth sei ein Beispiel dafür, „wie weit manche abgehängte Kollegen bei der Zurschaustellung ihrer Stagnation und Frustration zu gehen bereit sind.“ Und die Zeitung stellt neben diesen Schlag unter die Gürtellinie das am wenigsten schmeichelhafte Photo von Honneth, das sich fand, mit dem Untertitel „Desinteressiert, müde und humorlos? Axel Honneth lehrt Philosophie in Frankfurt“.

Die FAZ kommentiert

Der FAZ-Redakteur Jürgen Kaube meint in der Ausgabe vom 25. September, Streit führe, weil man sich gegenseitig nur Werteindrücke vorhalte, zu nichts. Dann geht er zum Gegenangriff über: Die Frage sei doch, was „die Kritische Theorie denn im Angebot hat, um die gegenwärtige Gesellschaft nicht nur zu bewerten, sondern erst einmal zu begreifen?“ Es sei doch, heute nicht weniger als früher, eine Theorie ohne Ökonomie. Auch um eine Theorie der sozialen Schichtung habe sich die Kritische Theorie noch nie bemüht: „Wenn Sloterdijk über die Gesellschaft phantasiert, ist das die Sache eines Autors. Wenn Honneth die Gesellschaft umgeht, um sich nur bei Moralfragen und allen erdenklichen Normen aufzuhalten, ist das ein Konkursantrag“.

Karl Heinz Bohrer unterstützt Sloterdijk

Die Kritik Honneths, Sloterdijk wolle den Sozialstaat abschaffen, sei typisch für das „Schubladendenken linker, konformistischer Sozialphilosophie“. Damit meldet sich der Romanist Karl Heinz Bohrer in der gegenseitigen Abrechnung, die sich Debatte nennt, zu Wort. Auch er jongliert mit Anspielungen. Er bezeichnet Honneth als „letzten Sohn beziehungsweise Enkel des letzten großen Repräsentanten der ‚Kritischen Theorie’“, damit indirekt Honneth dessen Bedeutung als Vertreter der Frankfurter Schule absprechend. Sloterdijks Vorschlag sei eine Utopie, eine Hochrechnung eines Einzelnen, wohlwissend, dass sie keine Chance zur Verwirklichung hat. Honneths „tierischer Ernst“, mit dem er dagegen antrete, sei typisch für das Schubladendenken linker Intellektueller, die mit „einschüchtern wollenden Axiomen“ wie „moralische Legitimierung“ und „moralischer Universalismus“ um sich schlagen und glauben „den Gegner eigenhändig ruinieren zu können“. Dabei übersehe Honneth einen wichtigen Punkt: Die Notwendigkeit sozialer Ungleichheit. Deutschland verliere durch das Schwinden des Freiheitsmotivs zugunsten des Gleichheitsmotivs an geistiger und politischer Attraktivität. Die „buchstäbliche Begriffsstutzigkeit“ der Frankfurter gehe so weit, dass sie nicht sähen, dass ohne Macht keine Gesellschaft, in der man leben möchte, möglich sei. Sloterdijks Philosophie habe im Gegensatz zu Honneths, „den großen Vorteil der Wahrnehmung von Wirklichkeit“.

Klassenkämpferische Töne

Sloterdijk hatte – so abenteuerlich sein Vorschlag inhaltlich auch ist – einen wunden Punkt getroffen: das Unbehagen an den hohen Steuersätzen und den dafür verantwortlich gemachten Sozialstaat. Anknüpfend an die Debatte um Sarrazin („Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert)“ wird von Klassenkampf und von der „Würde der Armut“ (Die Zeit) gesprochen.

Wenn man die Debatte als Kampf um die Meinungsführerschaft zwischen links und rechts sieht, hat Honneth (und die ihm zu Hilfe geeilten Philosophen Menke und Seel) die Schlacht verloren. Bezeichnend dafür ist die Reaktion des Spiegel: Er ließ nicht die Nachfolger von Habermas zu Wort kommen, sondern brachte erst ein Interview mit Peter Sloterdijk, dann eine Art Fazit, verfasst von Richard David Precht (Spiegel 45, 2009). Precht kann im übrigen der Debatte nicht viel abgewinnen; es ist für ihn inhaltlich eine des 19. Jahrhunderts. Was ihn schockiert, ist allerdings der Ton bzw. das Niveau, auf das die Debattenkultur in Deutschland gefallen ist.
Peter Moser





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