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Joachim Kahl:
Aktuelle Atheismus-Debatten. Ein strukturierender Überblick


Historisch berichtender Teil

Seit dem Flugzeugattentat muslimischer Fanatiker am 11. September 2001 haben – wie mit einem Donnerschlag – alle religionsphilosophischen und religionspolitischen Debatten erheblich an Schärfe und Breite zugenommen. Bis dahin fanden religionskritische Publikationen etwa zum Gewaltpotential in monotheistischen Glaubensrichtungen nur mäßige Resonanz. Nach dem Attentat begann die durchaus erklärungsbedürftige Sprachregelung einer „Wiederkehr der Religion“ und – geringfügig später – einer „Wiederkehr des Atheismus“ in den Medien und in der akademischer Publizistik herumzugeistern.

Dies war freilich nur möglich, weil gleichzeitig – vornehmlich in den USA, aber nicht nur dort – offen wissenschaftsfeindliche Strömungen wie der Kreationismus, allgemeiner: ein biblischer Fundamentalismus an Boden gewonnen hatten. So entwickelte sich das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends zu einem ungewöhnlich lebendigen Zeitraum heftiger geistiger Auseinandersetzungen, oft in Gestalt medienschnittiger Schaukämpfe. In zeitgenössischen Kostümierungen wurden und werden uralte Konflikte zwischen Wissen und Glauben, zwischen Offenbarungsanspruch und Vernunft, zwischen Sakralität und Säkularität, ausgetragen, nicht selten auch gezielt inszeniert – alles auf dem Kenntnis- und Problemstand von heute.

Dabei erweist sich, dass die mentalen Fehlhaltungen Dogmatismus, Fanatismus und Zelotismus keineswegs nur religiöse Verirrungen sind, sondern inhaltsunabhängig in Parteiungen aller Art auftreten. Auch die Figuren des intellektuellen Leichtmatrosen und die des Klugredners – gelegentlich vereint in einer Person – sind überall präsent. Die Tugend einer aufgeklärten und streitbaren Toleranz in der Tradition eines Erasmus, eines Voltaire, eines Lessing, eines Bertrand Russell hat einen schweren, aber keineswegs hoffnungslosen Stand.

Eröffnet wurde die dichte Abfolge von Ereignissen und Verlautbarungen mit einem Essay des Berliner Philosophen Herbert Schnädelbach in der Zeit vom 11.5. 2000 unter dem Titel Der Fluch des Christentums. Die sieben Geburtsfehler einer alt gewordenen Weltreligion. Eine kulturelle Bilanz nach 2000 Jahren – einer klugen und kundigen Generalabrechnung ohne bilderstürmerische Kurzschlüsse. Im Herbst 2001 hielt Jürgen Habermas anlässlich der Entgegennahme des Friedenspreises des deutschen Buchhandels seine Paulskirchenrede unter dem Titel Glauben und Wissen. Darin gab er sich zwar weiterhin – mit den Worten Max Webers – als „religiös unmusikalisch“ zu erkennen. Aber zugleich machte er mit der fragwürdigen Gegenwartsdiagnose einer „postsäkularen Gesellschaft“ der Religion und ihrem vermeintlichen „Glutkern“ erhebliche Avancen.

Diese Avancen wurden in einem Gespräch mit Kardinal Joseph Ratzinger in der katholischen Akademie Bayern 2004 noch deutlicher, als er die Gefahr einer „’entgleisenden’ Säkularisierung der Gesellschaft im ganzen“ beschwor (Jürgen Habermas/Joseph Ratzinger Dialektik der Säkularisierung. Über Vernunft und Religion, 2005, Herder, Freiburg). In bewusster Abgrenzung gegen Kant und Hegel verzichtete er auf den „philosophischen Anspruch, selber zu bestimmen, was von den Gehalten religiöser Traditionen – über das gesellschaftlich institutionalisierte Weltwissen hinaus – wahr oder falsch ist.“ Dieser fatale Verzicht steigerte sich in der Schrift Ein Bewußtsein von dem, was fehlt, die auf eine Diskussion in der Münchener Jesuitenhochschule zurückgeht (Untertitel Eine Diskussion mit Jürgen Habermas, hg. Von Michael Reder und Josef Schmidt, 2008, Suhrkamp, Frankfurt) zu der positiven These, gerade die „postsäkulare Gesellschaft“ benötige „das Unabgegoltene in den religiösen Menschheitsüberlieferungen“. Worin dieses „Unabgegoltene“ bestehe, verriet Habermas freilich nicht.

Im Jahre 2004 wurde mit Sitz in Mastershausen (Rheinland-Pfalz) die Giordano Bruno Stiftung (GBS) gegründet, die seither als prononciert religionskritische „Denkfabrik“ zur Förderung eines „naturalistischen Weltbildes“ und eines „evolutionären Humanismus“ eine beachtliche mediale Resonanz gefunden hat. (www.giordano-bruno-stiftung.de) Der ehemalige Möbelfabrikant Herbert Steffen, langjähriger Mäzen Karlheinz Deschners, stellte Kapital und Räumlichkeiten bereit. Zur Schlüsselfigur stieg rasch der Erziehungswissenschaftler Michael Schmidt-Salomon (Jahrgang 1967) auf, der heute als „Vorstandssprecher“ firmiert. Als kreativer Impulsgeber, umtriebig und medienfixiert, eilt er von Aktion zu Aktion, von Kampagne zu Kampagne, von Publikation zu Publikation. Kaum verwunderlich, dass die vordergründig provokative Absicht und der oft selbst gesetzte Zeitdruck die Seriosität der Inhalte immer wieder beschädigen.

So geht beispielsweise auf seine Initiative einerseits die sinnvolle Gründung eines „Zentralrates der Ex-Muslime“ zurück, womit die Unverzichtbarkeit des Menschenrechts auf negative Religionsfreiheit ins Bewusstsein gerückt wurde. Andererseits propagiert er aber auch den abgeschmackten und geistlosen Spruch „Glaubst du noch oder denkst du schon?“ (Titel eines seiner Standardvorträge). Oder er lässt runde Aufkleber drucken, die in der Art eines Straßenverkehrszeichens mit durchgestrichenen betenden Händen für eine „religionsfreie Zone“ hier und weltweit werben und damit implizit das Menschenrecht auf positive Religionsfreiheit preisgeben.

Dem Jahr 2005 kommt religionspolitisch eine wichtige Bedeutung zu. Kardinal Ratziger wurde zum Papst gewählt und besuchte in dieser neuen Rolle den Kölner Weltjugendtag, auf dem paradigmatisch die Mischgebilde aktueller christlicher Religiosität ihren enthusiastischen Ausdruck fanden. Auch innerhalb des säkular-laizistischen Spektrums der Gesellschaft erschienen weithin beachtete Publikationen. Fast gleichzeitig kamen meine Programmschrift Weltlicher Humanismus. Eine Philosophie für unsere Zeit (Lit-Verlag, Münster) und das Manifest des evolutionären Humanismus. Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur (Alibri, Aschaffenburg) von Michael Schmidt-Salomon heraus. Die strukturelle Rivalität zwischen beiden Entwürfen, die freilich von ähnlichen theoretischen Prämissen ausgehen, wurde in öffentlichen Streitgesprächen ausgetragen, die inzwischen auch gedruckt vorliegen. (Was heißt Humanismus heute? Ein Streitgespräch zwischen Joachim Kahl und Michael Schmidt-Salomon, 2007, Alibri, Aschaffenburg).

Drei weitere Stimmen schalteten sich 2005 produktiv in die Debatten ein. Der Dortmunder Politologe Thomas Meyer analysierte in seiner Abhandlung Die Ironie Gottes. Religiotainment, Resakralisierung und die liberale Demokratie (VS Verlag, Wiesbaden) ein zentrales demokratietheoretisches Problemknäuel. Trotz des lautlosen Verschwindens christlicher Glaubensüberzeugungen bei einer Mehrzahl in der Bevölkerung werde den Kirchen eine gewisse hegemoniale ethische (und soziale) Macht in der Öffentlichkeit eingeräumt. Ein Hauptvehikel dabei sei das raffiniert inszenierte Religiotainment, das bereits der verstorbene Papst Johannes Paul II meisterlich zu nutzen verstanden habe. Seine theoretische Stärke entfaltet das Buch vor allem durch die Orientierung an Lessings Ringparabel, die als das „Lessing’sche Minimum“ eine wesentliche philosophische Grundlage des friedlichen Zusammenlebens in einer säkularen Demokratie benenne.

Der Rechts- und Sozialphilosoph Norbert Hoerster, der seit Jahrzehnten kluge und gut lesbare Beiträge zur Beförderung einer säkularen Vernunft und einer säkularen Staatsordnung einbringt, legte ein kleines Bändchen Die Frage nach Gott vor (C.H. Beck, München). Darin sichtet er alle Argumente für und gegen Gott und gelangt schließlich – wenig überraschend – zu einem atheistischen Ergebnis. Ungleich unterhaltsamer als die eben genannten zwei Bücher, aber nicht weniger kritisch-aufklärerisch ist das Unglaubensgespräch. Vom Nutzen und Nachteil der Religion für das Leben (C.H. Beck, München) der beiden Germanisten Hermann Kurzke (Mainz) und Jacques Wirion (Luxemburg). In einem putzmunteren Gedanken- und Gefühlsaustausch erweist sich Jacques Wirion als „hartgesottener Atheist“, der Kurzkes nostalgischen Traum eines „postmodernen Christentums“ kenntnisreich zerpflückt.

Das Jahr 2007 brachte weitere erwähnenswerte Ereignisse und theoretische Entwürfe. Aus dem Suhrkamp Verlag heraus gründete dessen Leiterin Ulla Unseld-Berkéwics einen „Verlag der Weltreligionen“ und gab damit eine weitsichtige Antwort auf die Herausbildung globalisierter Märkte für Religion, Weltanschauung und Sinnstiftung. Mit der Aufnahme von Essaybänden wurde die Gefahr einer Beschränkung auf die Neuedition „heiliger Texte“ vermieden. Peter Sloterdijks Band Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen knausert nicht mit kritischen Analysen zu den „abrahamitischen Religionen“ und scheut nicht große Linien zu den Totalitarismen späterer Jahrhunderte. Die grobschlächtige Religionskritik Richard Dawkins’, dessen Wälzer Der Gotteswahn ebenfalls 2007 auf Deutsch erschien, charakterisiert er als „ein Denkmal“ „der unvergänglichen Seichtheit des anglikanischen Atheismus“. Sloterdijks Schrift glänzt auch durch die Schlüsselstellung, die sie Lessings Ringparabel bei der „Domestikation der Monotheismen“ einräumt. Sie „vereint in sich den primären Pluralismus, die Positivierung der Simulation, die praktische Suspension der Wahrheitsfrage, die zivilisierende Skepsis, die Umstellung von Gründen auf Wirkungen und den Vorrang des externen Beifalls vor den internen Ansprüchen.“

Von derlei kritischen Überlegungen unberührt verlief im Herbst 2007 die erstmalige Verleihung des Deschner-Preises durch die Giordano Bruno Stiftung an Richard Dawkins in Frankfurt. Im Hinblick auf sein Buch Der Gotteswahn wurde ihm in einer Urkunde attestiert, er habe „in herausragender Weise zur Stärkung des säkularen, wissenschaftlichen und humanistischen Denkens beigetragen“ – eine nicht nachvollziehbare Überschätzung, die auch im säkularen Spektrum nicht unwidersprochen bleiben sollte.

Ebenfalls 2007 erschien eine gründliche sozialwissenschaftliche Untersuchung, die wegen ihrer aufschlussreichen Ergebnisse hier nicht unerwähnt bleiben darf. Das „Forschungskonsortium Weltjugendtag“ betitelte seine Arbeit programmatisch: Megaparty Glaubensfest Weltjugendtag: Erlebnis – Medien – Organisation (VS Verlag, Wiesbaden). Die Kölner Großveranstaltung wird als „Hybridevent“ verstanden, das heißt als eigentümliche Mischung aus fröhlicher Party und frommer Messfeier, und dies alles unter der segnenden Geste des Papstes, der sich willig als Popstar inszenieren ließ. Vielfältig zeigen die Verfasser auf, wie die epochalen Prozesse der Individualisierung und der Pluralisierung auch die katholische Kirche durchdringen. An die Stelle von Glaubensgewissheit sei eine “Multioptionslust“ getreten. Welch historisches Maß an Glaubensverfall hier zum Ausdruck kommt, scheint den Autoren entgangen zu sein. Wo auch von einer beispiellosen spirituellen Entkernung die Rede sein müsste, der inneren Aushöhlung einer Institution, die sich gegründet wähnt auf den unerschütterlichen Fels Petri, bewundern sie nur die unbestreitbare „institutionelle Klugheit“ der römisch-katholischen Kirche.

Robert Spaemann, der für eine klassische Linie katholischen Philosophierens steht, bestätigt unfreiwillig diesen Glaubensverfall, in dem er sein 2007 erschienenes Buch defensiv
Das unsterbliche Gerücht. Die Frage nach Gott und die Täuschung der Moderne (Klett-Cotta, Stuttgart) nennt. Was jahrtausendelang als unbezweifelbare metaphysische Gewissheit galt – die Existenz Gottes – , für die Menschen in den Tod gingen oder in den Tod geschickt wurden, traut er sich nur noch als „Gerücht“, wenn auch als „unsterbliches Gerücht“ zu benennen. Auch ohne Häme gefragt: Ist das Ungeheuer von Loch Ness nicht ebenfalls ein „unsterbliches Gerücht“?

In den Jahren 2008 und 2009 erschienen weitere Publikationen von beiden Seiten, in denen die bereits vorgelegten Argumente jeweils erläutert, zusammengefasst und verteidigt wurden, ohne dass zwingend jeweils etwas substantiell Neues gesagt würde. Hierzu gehören beispielsweise Richard Schröders Abschaffung der Religion? Wissenschaftlicher Fanatismus und die Folgen (2008, Herder, Freiburg). Von seinem eigenen Erfahrungshintergrund eines staatlich geförderten Atheismus und Wissenschaftsglaubens in der DDR aus wehrt er sich gegen die Zumutungen von Dawkins’ Gotteswahn. Ausgesprochen lesenswert ist der Aufsatzband Wiederkehr des Atheismus. Fluch oder Segen für die Theologie? (2008, Herder, Freiburg), herausgegeben von Magnus Striet, in dem unter anderem die Atheismen Burkhard Müllers (Das Konzept Gott – warum wir es nicht brauchen) und Pascal Merciers (= Peter Bieris) im Nachtzug nach Lissabon respektvoll aus katholischer Sicht erörtert werden.

In dem Buch Das Wunder des Atheismus (Schibri, Berlin, 2008) des Berliner Philosophen Lutz von Werder wird überblickhaft eine Art kommentierte Geschichte des Atheismus gegeben – entlang dem Leitfaden: „Das ist das tiefste Wunder des Atheismus: er eröffnet Sinntiefen, von denen der Theismus nur wenig ahnt.“ So überrascht nicht, dass der Autor die „gottlose Mystik“ in der Tradition Fritz Mauthners preist und dem Projekt des französischen Philosophen André Comte-Sponville einer Spiritualität ohne Gott (Untertitel des Buches Woran glaubt ein Atheist?, Diogenes, Zürich, 2008) gerne bescheinigt: „Dieser spirituelle Atheismus könnte auch in Zeiten der Weltwirtschaftskrise überleben.“ In einer gegenläufigen, komplementären Entwicklung heute entdecken die avanciertesten Spielarten des Atheismus dessen spirituelle Dimension, wohingegen auf der religiösen Seite versucht wird, die Vernünftigkeit des Gottesglaubens herauszuarbeiten. Charakteristisch dafür ist das Buch des Kulturjournalisten Alexander Kissler Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam (Pattloch, München, 2008), das freilich den Vernunftanteil in Religion grandios übertreibt. Gespannt sein darf man auf ein DFG-Projekt an der FU Berlin unter Leitung des Religionswissenschaftlers Hartmut Zinser, ausgelegt auf die Jahre 2009 und 2010. Es ist dem Thema gewidmet: Die ‚Rückkehr der Religionen’ und die Rückkehr der Religionskritik – Der ‚Neue Atheismus’ in der deutschen und US-amerikanischen Gegenwartskultur.

Systematischer Teil – Kleine Typologie der Atheismen

Auch Atheismus existiert nicht im Singular, sondern nur im Plural. Wie andere geistige Gebilde lassen sich auch Atheismen unterscheiden in grobschlächtige und feinsinnige, in plumpe und elegante, aufdringliche und unaufdringliche Spielarten. Ein solider und seriöser Atheismus hebt sich deutlich ab von einem alarmistisch aufgeladenen Krawallatheismus, der sich an einem medial erzeugten Strohfeuer wärmt und an einem „Heidenspaß“-Spektakel ergötzt. Im Folgenden versuche ich, innerhalb der atheistischen Szene zu typologisieren und zu unterscheiden zwischen
- einem nostalgischen Atheismus,
- einem bilderstürmerischen Atheismus und
- einem reifen Atheismus.

Ich bin mir durchaus bewusst, damit nicht alle real existierenden Atheismen erfassen zu können. Das wuchernde Phänomen des Patchworks ist nicht auf Religiosität und Familienstrukturen beschränkt. Der „atheistische Glaube“ beispielsweise des heutigen Hamburger Seniorenbildners Paul Schulz, der als „Ketzerpastor“ an der Hauptkirche St. Jacobi in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Furore gemacht hat, lässt sich nur schwer einem der drei Modelle zuordnen. (Atheistischer Glaube. Eine Lebensphilosophie ohne Gott, Marix, Wiesbaden, 2008; Codex atheos. Die Kraft des Atheismus, Rauschenplat, Cuxhaven, 2006.) Aber wichtige Strömungen und Repräsentanten innerhalb des säkularen Spektrums werden in ihren Konturen und Leitideen deutlich.

Der nostalgische Atheismus, der überwiegend in einem geisteswissenschaftlichen Intellektuellenmilieu gepflegt wird, trauert dem abhanden gekommenen Glauben nach und beklagt namentlich das, was jetzt – ohne Gottesglauben – fehle. Der Konflikt zwischen den Standards intellektueller Redlichkeit, die seit der europäischen Aufklärung unverzichtbar geworden sind, und den tröstlichen Verheißungen der religiösen Botschaft wird als quälender Schmerz erlitten. Bei den Philosophen Hans Blumenberg und Herbert Schnädelbach, zwei Hauptrepräsentanten des nostalgischen Atheismus, drückt sich diese Haltung in der zugleich paradoxen und provokativen Selbstbezeichnung aus, sie seien „fromme Atheisten“.

Bei Hans Blumenberg lautet dies so: „Es gibt fromme Atheisten. Ein Satz, den auszusprechen die Scheu vor Geistreichigkeit hindern müsste. Erst Recht ist er keine Lizenz für den Unfug einer Theologie ohne einen Gott.(…) Der fromme Atheist ist im Gegenteil einer, der daran leidet – und an nichts mehr leidet als daran – , Gott nicht existieren lassen zu können. Mit diesem Schmerz treibt sich kein Opportunismus.“ (Notizen zum Atheismus. Aus dem Nachlass, in: Neue Rundschau, Frankfurt/M., 2007 / Heft 2, Thema Atheismus) In demselben Heft gibt sich Herbert Schnädelbach in einem programmatisch betitelten Aufsatz als Der fromme Atheist zu erkennen (wieder abgedruckt in dem wichtigen Aufsatzband Herbert Schnädelbach, Religion in der modernen Welt. Vorträge Abhandlungen Streitschriften, Fischer, Frankfurt/M, 2009, hiernach zitiert).

Zwar räumt er gleich zu Beginn ein: „Der fromme Atheist ist nicht kämpferisch; er will niemanden von irgendetwas überzeugen.“ Aber dann enthüllt er doch auch, dass sich bei ihm „eine Mischung aus Trauer und Wut, dass das alles nicht wahr ist“ einstelle, wenn er etwa den Schlusschoral aus Bachs Johannes-Passion höre. Dass bei Schnädelbach kein schwächlicher Kuschelatheismus vorliegt, lehrte schon seine scharfzüngige Polemik in der Zeit mit dem Titel Der Fluch des Christentums. Und Volker Gerhardt, dem Philosophen-Kollegen an der Humboldt-Universität, der sich bemüht, Die Vernunft des Glaubens aufzuzeigen (in: Magnus Striet, Hg, Wiederkehr des Atheismus), wird heftig entgegen geschleudert, er gehöre eben deshalb zu den modernen „intellektuellen Schamanen“.

Charme und Schwäche des nostalgischen Atheismus leben von der nicht verwundenen Enttäuschung darüber, dass „das alles nicht wahr ist“, dass die religiösen Verheißungen hohl sind und der Himmel von Anfang an leer war. Der nostalgische Atheismus hat den Glaubensverlust emotional noch nicht verarbeitet und sich insofern noch nicht konsequent genug abgenabelt von der Religion. Schnädelbachs Selbsteinschätzung, er sei ein „nachdenklicher, irreligiöser Sympathisant der Religion“ trifft ins Schwarze.

Im Gegensatz dazu bleibt der bilderstürmerische Atheismus weitaus weniger liebenswürdig an die Religion fixiert. Er ergeht sich in einer eifernden Antithese zu ihr, und er erschöpft sich darin. Er will tabula rasa machen, reinen Tisch. Die ganze Welt soll zur „religionsfreien Zone“ erlöst werden, wo nur die reine Lehre der vermeintlich Aufgeklärten gelten soll. Der alte Dualismus von Heil und Unheil, von Licht und Finsternis wird undurchschaut beibehalten und antireligiös umgedreht. An je einem aussagekräftigen Beispiel aus Arbeiten der beiden Hauptvertreter des bilderstürmerischen Atheismus, des Briten Richard Dawkins und des Deutschen Michael Schmidt-Salomon, soll dessen theoretische Dürftigkeit aufgezeigt werden.

Ich zitiere die Schlüsselthese aus Schmidt-Salomons Buch Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel. Ein Buch für alle, die sich nichts vormachen lassen (Alibri, Aschaffenburg, 2007), für das im Verlagsprospekt geworben wird mit dem Slogan „Dawkins for Kids“ und der – vom Autor sicher gedeckten – These, es handele sich auch um einen „subversiven Erwachsenen-Comic“. Das Buch schließt mit den Worten: „Der Gottesglaube auf dem Globus / Ist fauler Zauber: Hokuspokus. / Rabbis, Muftis und auch Pfaffen / Sind, wie wir, nur ‚nackte Affen’/ Bloß, dass sie ‚Gespenster’ sehn / Und in lustigen Gewändern gehen.“ Unbestreitbar gibt es Spielarten des Gottesglaubens, die mit „faulem Zauber“ und “Hokuspokus“ Hand in Hand gehen. Aber ihn platt damit zu identifizieren ist eine unfaire und unsachgemäße Vergröberung. Die Geschichte von Theologie, Philosophie und Mystik kennt hochsublime Gottesbegriffe, die von derlei plumpen Propagandathesen unberührt bleiben. Nicht zufällig korrespondiert damit das reduktionistische und pseudodarwinistische Menschenbild des „nackten Affen“.

An Richard Dawkins seien hier weniger seine Denkinhalte als sein Denkstil angeprangert, mit dem er – in der Pose des atheistischen Großinquisitors – Andersdenkende des „intellektuellen Hochverrats“ bezichtigt. Im ersten Kapitel seines Gotteswahns, das den zutreffenden, ihn selbst charakterisieren Titel trägt „Ein tief religiöser Ungläubiger“, heißt es: „Der metaphorische oder pantheistische Gott der Physiker ist Lichtjahre entfernt von dem eingreifenden, wundertätigen, Gedanken lesenden, Sünden bestrafenden, Gebete erhörenden Gott der Priester, Mullahs, Rabbiner und der Umgangssprache. Beide absichtlich durcheinanderzubringen ist in meinen Augen intellektueller Hochverrat.“

Dass der Gott der Physiker wohl zu unterscheiden sei vom Gott der Theologen, ist ein alter Hut. Bereits Blaise Pascal differenzierte zwischen dem „Gott Abrahams, Jakobs und Isaaks“, zu dem er bete, und dem „Gott der Philosophen“, zu dem er nicht bete. Aber dass sie „Lichtjahre“ voneinander entfernt seien, ist eine der Exaltiertheiten, von denen Dawkins’ Arbeit etliche kennt. Denn der „metaphorische oder pantheistische Gott“ (die keineswegs identisch sind!) sind das späte Sublimat einer anfänglich in den Weltlauf eingreifenden Gottheit. Unbestritten ist es ein Fehler, beide durcheinander zu bringen. Aber selbst, wenn das absichtlich geschähe, wäre es kein „intellektueller Hochverrat“, ein Vergehen, ja, ein Verbrechen, auf das die Höchststrafe steht. Eine derartige Begrifflichkeit entspringt einer totalitären Mentalität, der die Vorstellung einer Gesinnungspolizei nicht fern ist. Die liberale „Weisheit der leidenschaftlichen Vernunft“, für die Ralf Dahrendorf in der Tradition des Erasmus Partei ergreift (Versuchungen der Unfreiheit. Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung, 2006, C.H. Beck, München,), atmet einen anderen Geist: den Geist selbstkritischer Aufklärung, der auch den reifen Atheismus durchdringt.

Der reife Atheismus ist insofern konsequenter Atheismus, als er tatsächlich – inhaltlich und emotional –die Nabelschnur zur Religion durchtrennt hat, ohne freilich das Kind mit dem Bade auszuschütten. Er tritt in ein kritisch-produktives Verhältnis zur Religion als einem Hauptbestandteil des kulturellen Erbes, das uns allenthalben im Alltag begegnet – in Gestalt von sakralen Baudenkmälern, Kunstwerken und religiös motivierten Mitmenschen. Verabschiedet ist der frühaufklärerische Irrtum, der im bilderstürmerischen Atheismus aufgewärmt wird, Religion sei bloßer Priesterbetrug („Hokuspokus“). Vielmehr wird historisch abgeklärt akzeptiert, dass Religion kein vermeidbarer Betriebsunfall der Geschichte war, sondern eine offenkundig notwendige, freilich hochambivalente Übergangsetappe auf dem holprigen und blutgetränkten Weg der Menschheit zu sich selbst. Ohne tröstliche Hoffnungen auf einen machtvollen Ausgleich in einem erträumten Jenseits hätten sich die zahllosen Entbehrungen und Ungerechtigkeiten schwerlich ertragen lassen.

Neben dieser historischen Reflektiertheit zeichnet sich der reife Atheismus in systematischer Hinsicht durch sein undogmatisches Selbstverständnis aus als einer metaphysischen Hypothese zur Gesamtdeutung der Wirklichkeit. Seiner Unbeweisbarkeit ist er sich voll bewusst und bringt damit das Wahrheitsmoment des Agnostizismus zur Geltung. An die Stelle von Beweisen treten freilich Plausibilitätsgesichtspunkte. Der reife Atheismus erfährt und erklärt die Welt – etsi deus non daretur, als ob es Gott nicht gäbe. Diese revolutionäre metaphysische Hypothese, verbunden mit dem Namen des Hugo Grotius, hat für sich, dass in der Tat alles plausibler ohne Gott erklärt werden kann als mit ihm. In dieser Hinsicht manifestiert sich ein reifer Atheismus in der Denk- und Lebensweise eines naturalistisch fundierten säkularen Humanismus, der sich aus vielen Quellen speist und an Klassikern orientiert wie Ludwig Feuerbach und Bertrand Russell, um nur zwei leuchtende Namen aus zwei Ländern und zwei Jahrhunderten zu nennen.

UNSER AUTOR:

Joachim Kahl, freiberuflicher Philosoph geb. 1941, hat zum einen in Theologie (1967), zum anderen in Philosophie (1975) promoviert. Er ist Autor des seinerzeit viel gelesenen Buches „Das Elend des Christentums oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott“ (1968). Bereits in vierter Auflage liegt sein Buch „Weltlicher Humanismus. Eine Philosophie für unsere Zeit“ vor. - www.kahl-marburg.de



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