01 2010
| Leseprobe STUDIUM |
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Patrick Spät :
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Verhaltene Rezeption Alfred North Whitehead – geboren 1861 im englischen Ramsgate, verstorben 1947 im US-amerikanischen Cambridge – gilt vielen als der wichtigste Erneuerer der Metaphysik im 20. Jahrhundert. Den meisten jedoch ist er höchstens dem Namen nach ein Begriff. Dies gilt insbesondere für den deutschsprachigen Raum, in dem sich vielleicht gerade einmal zwei handvoll Philosophen (allerdings auf einem häufig hohen Niveau) mit Whiteheads Denken auseinandersetzen. Im anglophonen Raum ist der Kreis beachtlich größer – im kalifornischen Claremont gibt es gar ein Center for Process Studies samt hauseigener Fachzeitschrift –, doch auch hier beginnt Whiteheads fruchtbare Metaphysik erst langsam eine Wirkkraft außerhalb des ‚Whitehead-Zirkels’ zu entfalten. Dort wie hier ist das schmerzliche Fehlen einer Gesamtausgabe ein Zeugnis der verhaltenen Rezeption im gesamtphilosophischen Diskurs – im deutschen Raum fehlen gar noch einige wichtige Übersetzungen seiner Schriften. Bekannt ist Whitehead meist nur für seine monumentale, zusammen mit Bertrand Russell verfasste Principia Mathematica (1910-1913) und die berühmte These, dass die abendländische Philosophie „aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon besteht“ (4, S. 91). Bei Whitehead ist dessen Einfluß deutlich spürbar, doch seine Philosophie ist weit mehr als eine Neuauflage der platonischen Tradition (und anzumerken bleibt auch, dass Whitehead den Wert und die Neuheit der modernen Philosophie keineswegs in Frage stellt). Trugschluss der unzutreffenden Konkretheit Fast ebenso geläufig ist Whiteheads Kritik an der Naturwissenschaft und ihrer unhinterfragten Übernahme in der modernen Philosophie. Der von ihm diagnostizierte „Trugschluss der unzutreffenden Konkretheit“ (1, S. 66) lässt sich mit einem bekannten Bild von Alfred Korzybski veranschaulichen: Die Naturwissenschaften erstellen die Landkarte der Wirklichkeit, doch diese abstrakte und verallgemeinernde Landkarte sagt nichts darüber aus, wie die Landschaft samt ihrer qualitativen und vielschichtigen Merkmale an und in sich beschaffen ist. Das heißt, die Naturwissenschaften arbeiten mittels einer objektiven ‚Sprache der Mathematik’. Hieran ist nichts auszusetzen, und die Erkenntnisse der Naturwissenschaften sind nach Whitehead nicht anzuzweifeln. Doch sollten diese abstrakten Relationen nicht mit der Reichhaltigkeit und Vielseitigkeit der Wirklichkeit per se verwechselt werden. Das bewusste Erleben unserer Umwelt – ihre Farben, Gerüche, Töne und Freuden – ist genauso Teil der Wirklichkeit wie die abstrakten Naturgesetzlichkeiten. Ein umfassendes Verständnis der Wirklichkeit muss alle Aspekte berücksichtigen und darf nicht blindlings von dem abstrahieren, was die Theorie ursprünglich zu erklären beanspruchte. Auch für die Philosophie gilt dieser Anspruch: Selbst wenn die „Fachtermini eine feste Bedeutung annehmen, so verbleiben sie doch Metaphern, die stumm auf ein Überspringen der Phantasie warten. [...] Unser Datum ist die wirkliche Welt, zu der wir selbst gehören. [...] Kein metaphysisches System kann hoffen, diesen pragmatischen Anforderungen zu genügen“ (4, S. 33). Wer war Whitehead? Dürfen wir den Berichten von Victor Lowe (1985) und Lucien Price (1954) Glauben schenken, dann war Whitehead ein äußerst liebenswürdiger, aufgeschlossener und weitläufig gebildeter Zeitgenosse, der – um mit dem Titel eines seiner Werke zu spielen – stets ein Abenteurer der Ideen war. Sein heiteres Gemüt und dokumentierter Sinn für Humor schimmert auch in seinen Schriften durch. Über die Leugnung von Zwecken in der Natur seitens der Naturwissenschaften etwa bemerkte er ironisch: „Ich finde, Wissenschaftler, deren Lebenszweck in dem Nachweis besteht, daß sie zwecklose Wesen sind, sind ein hochinteressanter Untersuchungsgegenstand“ (7, S. 16). Aufgrund seiner mathematischen Begabung genoss er ab 1880, gefördert durch ein Stipendium, eine umfängliche Ausbildung am renommierten Trinity College in Cambridge. Im Jahre 1891 heiratete er Evelyn Wade – eine Ehe, die ein Leben lang hielt und aus der drei Kinder hervorgegangen sind. Im Alter von 63, wo manch einer schon an die Pensionierung denkt, vollzieht sich der große Um- und Durchbruch: 1924 siedeln die Whiteheads von London aus in die USA um. Whitehead wird Professor an der berühmten Harvard Universität. Hier entstehen seine großen Schriften: Wissenschaft und moderne Welt (1925), das magnum opus Prozeß und Realität (1929a), Abenteuer der Ideen (1933) und Denkweisen (1938). Nicht außer acht gelassen werden darf freilich, dass Whitehead schon vor der Reise über den großen Teich neun Monographien publiziert hatte, darunter der viel beachtete Treatise on Universal Algebra (1898). Doch das philosophische System, das sich über Jahrzehnte des gemeinsamen Diskutierens und einsamen Nachdenkens in England herauskristallisiert hatte, wurde erst im liberalen Neuengland systematisch entworfen und niedergeschrieben. ... |
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