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Heidegger und der Nationalsozialismus

Heidegger und der Nationalsozialismus

„Hätte Heidegger auch ohne seine Nähe zum Nationalsozialismus zu einem der großen Denker des Nationalsozialismus werden können?“ Diese Frage hatte einst Derrida ge-stellt, und nun stellte sie in Stanford lehrende Germanist Hans Ulrich Gumbrecht anlässlich der Debatte um das Faye-Buch in der Frank-furter Allgemeinen (31.8.2005) neu. Wäh-rend der Zeit des Dritten Reiches hat sich der Schwerpunkt in Heideggers Denken ver-schoben hin von „Dasein“ und seiner „Eigentlichkeit“ hin zur „Entbergung des Seins“ als „Wahrheitsereignis“. Dabei, so Gumbrecht, setzt Heidegger auf die angeb-lich in der Geschichte des „Volkes“ freiwer-dende Dynamik als Ursprung der Wahrheit und in diesem Zusammenhang folgt der be-rühmte Satz vom „Geschick“ des Menschen, das im „Geschehen der Gemeinschaft, des Volkes“ liege. Und in diesem Sinn hat Hei-degger den Aufstieg Hitlers als völkische Revolution zu befördern gesucht.
Dass er damit in der Freiburger Universität auf wenig Anklang stieß, hat zu seinem Rücktritt als Rektor geführt. Im Sommerse-mester 1933 ist eine Abwendung von der NS-Politik zu konstatieren: „Was heute vol-lends als Philosophie des Nationalsozialis-mus herumgeboten wird“, doziert Heidegger, „hat mit der inneren Wahrheit und Größe dieser Bewegung (nämlich mit der Begeg-nung der planetarisch bestimmten Technik und des neuzeitlichen Menschen) nicht das geringste zu tun“, heißt es in der 1953 erst-mals veröffentlichten Vorlesung. Gumbrecht meint nun, dass die Klammereinfügung 1953 nachträglich eingeschoben sei und dies aus philologischen Gründen: in allen anderen Texten aus dieser Zeit wird die Raserei der entfesselten Technik allein Russland und Amerika zum Vorwurf gemacht, und Hei-deggers Kritik am NS-Regime konzentrierte sich auf die mangelnde Bereitschaft zur nati-onalen Revolution. Dagegen finde sich in diesem Text erstmals die genannte Umorien-tierung von den existentiellen Fragen des menschlichen Daseins zu den ereignishaften Umständen der Entbergung des Seins. Die Wahrheit scheint nun nicht mehr aus dem Schicksal des Volkes auf, sondern wird in die Dimension des Seins verlagert. Diese Wende, so Gumbrecht, geht mit der Ent-machtung der SA und mit einer Selbstumpo-lung des Nationalsozialismus parallel: vom „aufsteigenden Totalitarismus der völkischen Revolution“ hin zu einem hierarchischen To-talitarismus der SS-Spitzen. Damit war jener Nationalsozialismus, auf den Heidegger ge-setzt hatte, besiegt. In der nun einsetzenden Konzentration auf die Technik liegt aber für Gumbrecht der Grund für die andauernde Faszination der Heideggerschen Philosophie.




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