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Kybernetik als dritte Kultur (Stefan Rieger)

Das Bild, das Sehen und die Zeit: Kyber-netik als dritte Kultur

Ende der 60er Jahre hatte Charles P. Snow, ein englischer Physiker, mit seiner Gegen-überstellung von zwei Kulturen die Formel von der dritten Kultur angeregt. Mit ihr sollte endlich der Antagonismus zwischen Natur- und Geisteswissenschaften überwunden wer-den und das, was Wissenschaft ist und sein soll, auf eine gemeinsame Grundlage gestellt werden. Der Ort einer solchen Kultur ist die Kybernetik. Dies stellt Stefan Rieger in sei-ner „Geschichte der Virtualität“ dar:

Rieger, Stefan: Kybernetische Anthropolo-gie. Eine Geschichte der Virtualität.556 S., kt., stw 1680, € 18.—, 2003, Suhrkamp, Frankfurt

Im Jahre 1788 hatte James Watt mit seiner Dampfmaschinensteuerung den so genannten Fliehkraftregler erfunden, ein selbständiges Regulativ, das dem Prinzip der negativen Rückkopplung entsprach. Diesem Fliehkraft-regler gelingt es, übersetzt in die Terminolo-gie der Kybernetik, einen aktuellen Ist-Zustand im System zu erkennen und zu re-gistrieren. Dieser Zustand wird dann mit dem gewünschten Soll-Zustand verglichen. Im Falle einer Abweichung reagiert das System und wird in Gestalt von Effektoren aktiv. Diese verändern Systemkomponenten in der Weise, dass sie zur Erreichung des Soll-Zustandes führen. 1867/68 machte der Phy-siker James Clerk Maxwell in seiner Schrift On Governors das Dispositiv des Fliehkraft-reglers zum Gegenstand theoretischer Über-legungen und übertrug es auf nichttechnische Gegebenheiten. Für Maxwell verkörpert die-ses Dispositiv das Paradox aller Individuali-sierung: nämlich frei zu sein und dennoch bestimmten Regelmäßigkeiten zu unterlie-gen.
Diese Figur der Rückkoppelung macht Kar-riere in den Wissenschaften vom menschli-chen und tierischen Organismus und leistet zum Teil abenteuerlichen Vorstellungen der Verschränkung zwischen maschineller, tieri-scher und menschlicher Regelung Vorschub. Dabei tritt das zentrale Unterscheidungskrite-rium der Moderne zutage: die Komplexität.

1968 fordert Norbert Wiener in einer Denk-schrift Kybernetik. Regelung und Nachrich-tenübertragung in Lebewesen und Maschine ein numerisches Rechenprogramm anstelle der stetigen Messprozesse sowie die Erset-zung von Getrieben und mechanischen Re-lais durch Elektronenröhren zur Steigerung der Verarbeitungsgeschwindigkeit. Wiener knüpft dabei ausdrücklich an das Leibniz-Programm an: „Wenn ich nach Betrachtung der Wissenschaftsgeschichte einen Schutz-patron für die Kybernetik zu wählen hätte, so würde ich Leibniz nennen.“ Sämtliche Re-chenoperationen sollten von der Maschine selbst durchgeführt werden: „Vom Zeitpunkt der Dateneingabe bis zur Auslieferung der Endresultate soll kein menschliches Eingrei-fen erfolgen und alle hierbei notwendigen logischen Entscheidungen sollen in die Ma-schine selbst hineingebaut werden.“ Nicht weniger programmatisch ist die Schrift Ky-bernetik oder die Metatechnik einer Maschi-
ne (1951) von Max Bense. Dabei beschreibt Bense die Differentialgleichungen als Ver-fahren, „unsere Naturgesetze auszudrücken“, und empfiehlt entsprechende Rechentechni-ken zu ihrer Umsetzung.

Mit der Option, Funktionen mit mehreren Variablen technisch handhabbar zu machen, verändert sich das Wissen vom Menschen grundlegend. Die Anthropologie und mit ihr der Mensch als Gegenstand des Wissens kommt ins Spiel. Es ist vor allem die Sin-neswahrnehmung lebender Systeme, die Ky-bernetiker wie Wiener interessiert. Das Se-hen, so Karl Steinbuch 1961, ist zur techni-schen Herausforderung schlechthin der Ky-bernetik geworden: „Auf keinem anderen Gebiet ist die Unterlegenheit technischer Gebilde gegenüber den organischen Syste-men so offensichtlich wie beim Sehsystem“, schreibt Steinbuch. Der Gesichtssinn inspi-riert zu theoretischen Überlegungen wie auch zu technischen Lösungsversuchen. Über die regelungstechnische Theorie und Praxis hin-aus erfolgt nun ein Anschluss an die grund-legenden Forschungen in den Humanwissen-schaften, an frühere Systemtheorien und selbst an die Ästhetik. An der optischen Wahrnehmung, am Sehen von Menschen, Tieren, aber auch derjenigen von Maschinen wird die Karriere der Gestaltpsychologie ebenso entschieden wie die der technischen Mustererkennung.

Die Herausforderung für die Kybernetik bil-det nun der Übergang von der Identität der zu reproduzierenden Vorlagen mit der Wahrnehmung ihrer Inhalte. Es geht dabei darum, dem Sehen das Verstehen beizubrin-gen, d. h. die Erkennung von Formen, Mus-tern und Gestalten umzusetzen und das Se-hen mit dem Wissen des Gesehenen engzu-führen. Dabei hält die Wahrscheinlichkeit Eingang in den Diskurs über optische Wahr-nehmung: Wie wahrscheinlich ist es, dass eine bestimmte Farbe oder ein bestimmter Ton in bestimmten Konstellationen auf-taucht, wie ist es um die Wahrscheinlichkeit der jeweiligen Übergänge bestellt? Diese Zu-sammenhänge begründen den Gegenstand der Informationstheorie und der dieser ange-lagerten Informationsästhetik.

In den Blick Norbert Wieners gerät nun die Phantasie. Sie ist nicht nur die Vorausset-zung für die Produktion ästhetischer Gegen¬stände, vielmehr soll die Phantasie nichts weniger als den Operationsmodus des Men-schen selbst bezeichnen. Die Phantasie er-möglicht ein Vorgreifen in die Zukunft und die Virtualität sowie all die ihr zuzurechnen-den Bildtypen zur Steuerung von was auch immer. Die Phantasie ermöglicht den Men-schen, natürliche Bilder zu sehen, Bilder al-so, die weder gemacht noch intendiert sind. Damit operiert Wiener an der Grenze zwi-schen Bewusstem und Unbewusstem.
Die Kybernetik steht mit den verschiedenen Sichtweisen des Sehens in einem gemeinsa-men Forschungskontext: „Wie erkennen wir die Identität der Gesichtszüge eines Men-schen, ob wir ihn im Profil sehen, im Halb-profil oder von vorne? Wie erkennen wir einen Kreis als einen Kreis, ob er groß oder klein ist, nahe oder weit entfernt? Wie sehen wir Gesichter, Tiere und Landkarten in Wol-ken oder in den Flecken eines Rorschach-Tests?“

Diese Frage betrifft Wissenschaftler der ver-schiedensten Gebiete, Gestaltpsychologen, Filmtheoretiker und Ingenieure genauso wie Philosophen, Wahrnehmungsphysiologen und Semiotiker. Durch die Kybernetik als Form eines institutionalisierten Wissen-schaftsbetriebes haben sie ein entsprechendes Forum erhalten. Und im Versuch ihrer Be-antwortung werden neue Apparaturen, neue Theorien über das Unbewusste entwickelt, werden Überlegungen über den Prozess der Abstraktion und seiner technischen Imple-mentierung angestellt. Anthropomorphie und Technomorphie sind in diesem Prozess ein-mal mehr bis zur Unkenntlichkeit ver-schränkt.

Auf der Suche nach Gewährsleuten für das Sehen aus den Reihen der Gestaltpsycholo-gie werden Norbert Wiener und seine Mitar-beiter bei Kurt Lewin fündig. Lewin, einer der führenden Vertreter der Berliner Schule für Gestaltpsychologie, lebt seit den 30er Jahren im amerikanischen Exil und arbeitet am MIT, von wo er zu der Gruppe kyberne-tisch interessierter Forscher um Wiener stößt. Mit der optischen Wahrnehmung nimmt er das Paradepferd und den Anlass der Gestalt-psychologie in den Blick. Das Resultat, nach dem Menschen auf eine Weise sehen, die im bewussten Umgang mit Relationen und nicht im Abgleich mit fixen, also statisch vorgege-benen Mustern besteht, wird gerade auch für unterschiedliche Aspekte der technischen Implementierung leitend. Mit der Verpflich-tung der Gestaltpsychologie durch die Ky-bernetik kommen zwei Wissensformen in Kontakt, die eine ähnliche Genealogie auf-weisen. Die Gestaltpsychologie wurde epistemisch möglich, als die naturwissen-schaftliche Psychologie und die geisteswis-senschaftliche Hermeneutik, das Verhältnis von Erklären und Verstehen also, als eine in der Episteme begründete Scheinopposition angesehen wurde. Ihr Anspruch kommt da-her dem universalen Anspruch der Kyberne-tik denkbar nahe.

Die philosophischen Anthropologen Arnold Gehlen und Helmuth Plessner suchen nach Differenzkriterien, um Seins- und Lebens-formen voneinander abzugrenzen. Sie finden diese in Figuren, die in der Kybernetik ange-legt sind, und mit ihrer Hilfe kann das Sein von Pflanzen, Tieren, Menschen und Ma-schinen differenziert werden. Mit der um ei-ne Handlungstheorie ergänzten Gestaltpsy-chologie wird eine Symboltheorie entwi-ckelt, wonach das menschliche Tun von der Motorik irgendwelcher Bewegungen bis hin zum artikulierten Sprechen symbolisch ange-legt und strukturiert ist. Den Grund hierfür sieht Gehlen in der biologischen Zweckmäs-sigkeit und Rationalität bzw. in der Entlas-tung durch symbolische Teilrelationen, die an die Stelle aufwendiger Ganzheiten treten. Gehlen gelingt auf diese Weise der Übergang von der Wahrnehmung bestimmter Gege-benheiten zum Begriff der Situation und von dieser zu einer Theorie der Sprache und zu einer Bestimmung des Wortes. Nach Gehlen ist für die klassische Gestaltpsychologie eine Unterschätzung des symbolischen und eine Überschätzung des optischen Sektors kenn-zeichnend.

Neben dem Sehen steht die Zeit im Zentrum der Kybernetik. Es sind vor allem die Ord-nung der Zeitachsen und die Frage ihrer Umkehrbarkeit, die interessieren, aber auch die unterschiedlichen Dimensionen zeitli-cher Erstreckung. Beide Aspekte, die Fre-quenz und die Richtung der Zeit, sind opti-schen Medien geschuldet. Mit den Worten von Rudolf Harms: „Mit Hilfe der Photogra-phie, der Bewegung und des durchsichtigen, an jeder Stelle neu verbindbaren Bildträgers ist es dem Film möglich, Raum und Zeit, Räume und Zeiten von Grund auf zu beherr-schen und ‚Länge und Vorzeichen der Zeit’, wie Ernst Mach einmal geistvoll bemerkt hat, ‚nach Belieben zu ändern’“. Auf der Su-che nach Zeitforschern kommen die Kyber-netiker auf den russischen Arzt, Naturfor-scher und Biologen Karl Ernst von Baer (1792-1876), der 1864 das Buch Abhängig-keit unseres Weltbildes von der Länge des Moments veröffentlicht hatte. Von diesem Karl Ernst von Baer verläuft eine direkte Li-nie über die physiologische Biologie Wil-helm Wundts zur theoretischen Biologie Ja-kob von Uexkülls. Die Frage nach der Be-gründung des Moments wird hier im Lichte eines damals noch nicht vorhandenen techni-schen Mediums, der Kinematographie, unter-sucht. Baers Zeitkonzeption verwies auf eine Theorie des Sehens, bei der die Bildbedingt-heit allen menschlichen Seins im Mittelpunkt steht und die zu einer Theorie der Virtualität führt. Von hier gelangt man direkt zu Mel-chior Palágyis Wahrnehmungslehre.

Melchior Pálagyi ist ein Mathematiker und Physiker mit Interesse für Literaturtheorie und Ästhetik. Er reiht sich ein in die in der Kybernetik häufigen Doppel- und Mehrfach-begabungen. Er hat u. a. Studien zu Schel-lings Naturphilosophie, zur Quantenmecha-nik und Relativitätstheorie und zur Theorie der Literatur veröffentlicht. Für Pálagyi gibt es ein Jenseits der Medien nicht; Grenzbe-ziehungen wie die zwischen Natur und Kul-tur, Mensch und Maschine sind für ihn ge-nauso problematisch wie die epistemischen Sortierungsleistungen, die gemeinhin auf diese Differenzen gegründet werden. Seins- und Sichtweisen können nur gelebt, erlebt und in keiner anderen Form angeschrieben werden. Das heißt, genauso wie die Körper-steuerung sind auch die Weisen der wissen-schaftlichen Theoriebildung einer wissen-schaftlichen Erfindung in der allgemeinen Bildverpflichtung des Menschen und in der Phantasie verbunden. Dieser Verbund an Sein und Sehen, an Existenz und Evidenz führt über sämtliche Belange des Menschen und damit auch über die Strategie menschli-cher Veranschaulichung. Pálagyi stellt den Begriff des Lebens den Seinsweisen physika-lischer oder sonstiger Phänomene voran und zwar im Zeichen der Bewegung, die ihrer-seits unhintergehbar ist. Ob Menschen gehen oder stehen, in beiden Fällen erfolgt die Re-gulation ihrer Motorik über die Strategien bewegter Bilder – alles, was sie tun, ist virtu-ell vorweggenommen.

Palágyi führte eine Pulsfrequenz des Be-wusstseins ein, die, wie etwa im Wachen oder Schlafen offensichtlich, periodischen Veränderungen unterliegt und die einmal mehr die Frage nach ihrer Abzählbarkeit aufwirft. Palágyi erklärte diese Zeitlichkeit zum genuinen Beschäftigungsfeld aller Psy-chologie. 1934 wird hinsichtlich der Zeit-wahrnehmung die Aufmerksamkeit auf die Frage der biologischen Zweckmäßigkeit ge-stellt. Die beiden Psychiater H. Hoff und O. Plötzl weisen auf den „Einfluss der Groß-hirntätigkeit auf das Zeiterleben“ hin. Das Interesse der Forscher richtet sich nun auf eine Typologie unterschiedlicher Erlebnis-weisen von Zeit.

Diese Entwicklung bestimmt das Bild vom Menschen in der Mitte des letzten Jahrhun-derts. Norbert Wiener sieht den Menschen als die Instanz, die sich und andere im Medi-um des Bildes steuert. Andere sehen es ähn-lich. Der Mensch findet im Zeichen der Vir-tualität seine Bestimmtheit als phantombil-dendes Wesen (Max Mikorey), als Schau-spieler (Helmuth Plessner), als Zeichenver-wender (Ernst Cassirer), als Wesen, das seine Umweltbezüge nach Maßgabe einer vitalen Phantasie steuert (Melchior Pálagyi, Hans Kunz). Das Sein von Lebewesen und Appa-raturen wird auf Gemeinsamkeiten bezogen, die in der jeweiligen Zeitstruktur zu finden sind: „Man muß zugestehen, dass eine Rake-te, die ihr eigenes Ziel sucht, schon mehr einem Tier gleicht als ein Automat, der nur die Bein- oder Flügelbewegungen nachahmt. Der moderne Physiker ist überzeugt, dass ei-ne Maschine, die sich so verhält, als wäre sie ein Subjekt mit pathischer Existenz, keines-wegs jenseits unserer technischen Möglich-keiten liegt“, schreibt F.J.J. Buytendijk im Jahr 1958.

Für Rieger gilt es, die Denkansätze eines Plessner, Palágyis oder Buytendijks sowohl für eine Theorie des Menschen als auch für eine Theorie der Medien zu sichern. Sie alle haben erkannt, dass die Physiologie des Menschen nicht nur Aufschlüsse über techni-sche Regelprozesse geben, sondern dass um-gekehrt diese auch dem Wissen vom Men-schen zugeführt werden können.
„Riegers materialreiche und informative Stu-die besticht vor allem dadurch, daß sie Alli-anzen aufscheinen lässt, die allzu oft ausge-blendet werden oder längst vergessen sind“, schrieb Thomas Müller in uni-online.
Cornelia Vismann hebt in der Frankfurter Allgemeinen hervor, dass Rieger eine „ein-drucksvolle Ahnenreihe“ aus Theoretikern unterschiedlicher Disziplinen des 20. Jahr-hunderts zusammenstellt, die Bilder als die Grundbedingung dafür betrachteten, dass kybernetische Techniken der Selbst- und Fremdregulierung des Menschen funktionie-ren.





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