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Politische Philosophie: Nancy Fraser will Umverteilung und Anerkennung verbinden


Nancy Fraser will Umverteilung und An-erkennung verbinden

Die an der New School University in New York lehrende Nancy Fraser ist seit längerem in lebhaftem Diskurs mit Vertretern der Ha-bermas-Schule, mit Seyla Benhabib, Axel Honneth und Hans Joas. Insbesondere hat sie sich kritisch mit der Fokussierung auf den Begriff der Anerkennung bei Honneth aus einandergesetzt und betont ihm gegenüber die Wichtigkeit von Umverteilungsfragen.
Frasers Text ist in einer deutschen Überset-zung zusammen mit einer Antwort von Hon-neth, einer Erwiderung von Fraser und einer Entgegnung auf die darauffolgende Antwort von Honneth bei Suhrkamp erschienen:

Fraser, Nancy / Honneth, Axel: Umvertei-lung oder Anerkennung? Eine politisch-philosophische Kontroverse. 306 S., kt., -
2003, € 13.—, stw 1460, Suhrkamp, Frank-furt.

Nancy Fraser sieht zwei Typen von Forde-rungen nach sozialer Gerechtigkeit:
Auf der einen Seite die Forderungen nach Umverteilung, die eine gerechtere Verteilung der Reichtümer und der Vermögen anstre-ben. Auf der anderen Seite die „Politik der Anerkennung“, die auf eine differenzfreund-liche Welt zielt, in der für Ebenbürtigkeit und Gleichbehandlung nicht mehr der Preis einer Assimilation an die Mehrheit oder herr-schende kulturelle Legitimität zu zahlen wä-re. Hierunter fällt die Forderung, einerseits die Eigenheiten ethnischer, „rassischer“ und sexueller Minderheiten, andererseits die der Geschlechterdifferenz anzuerkennen. Vor-dem bestand einzig die Forderung nach Um-verteilung, mit dem Aufkommen der Forde-rung nach Anerkennung – vertreten insbe-sondere von neohegelianischen Philosophen wie Charles Taylor und Axel Honneth - ha-ben die Forderungen nach Umverteilung viel von ihrer Bestimmtheit eingebüßt, ja mehr, sie sind teilweise sogar aufgegeben werden.

Umverteilung und Anerkennung werden meist als Alternativen gesehen, die einander ausschließen. Verfechter der Umverteilung wie Richard Rorty oder Tidd Gitlin vertreten die Auffassung, dass eine Politik der Aner-kennung von den entscheidenden, nämlich den ökonomischen Fragen ablenkt. Umge-kehrt beharren einige Vertreter einer Politik der Anerkennung (z.B. Marion Young) dar-auf, dass eine Politik der Umverteilung, die für Differenzen blind ist, die Ungerechtigkeit noch befördern könnte, indem sie herrschen-de Gruppennormen irrtümlicherweise uni-versalisiert und von untergeordneten Grup-pen die Assimilation verlangt, statt deren Eigentümlichkeiten anzuerkennen.

Für Fraser ist dieser Gegensatz irreführend. Ihr zufolge verlangt heute Gerechtigkeit so-wohl nach Umverteilung als auch nach An-erkennung. Sie hält es deshalb für notwen-dig, eine zweidimensionale Konzeption von Gerechtigkeit zu entwerfen, die legitime An-sprüche auf soziale Gleichheit mit legitimen Forderungen nach Anerkennung von Unter-schieden in Einklang zu bringen vermag. Gender-spezifischer Ungerechtigkeit kann ihr zufolge nur mit einem Verfahren entge-gengesteuert werden, das eine Politik der Umverteilung mit einer Politik der Anerken-nung verbindet.

Beide, sowohl Honneth wie auch Taylor, hal-ten Anerkennung für eine Angelegenheit der Selbstverwirklichung. Damit vollständige, unverstellte Subjektivität ermöglicht wird, ist es für beide unabdingbar, dass man von einem anderen Subjekt anerkannt wird. Ent-hält man jemandem die Anerkennung vor, so verweigert man ihm eine Grundvorausset-zung menschlichen Wohlergehens. Fraser plädiert für ein anderes Modell der Anerken-nung, das sie Statusmodell der Anerkennung nennt. Für sie ist Anerkennung eine Angele-genheit der Gerechtigkeit. Es ist, so argu-mentiert sie, ungerecht, wenn einigen Indivi-duen und Gruppen infolge bestimmter insti-tutionalisierter Muster kultureller Wertset-zung der Status eines vollwertigen Partners in der sozialen Interaktion vorenthalten wird. Mangelnde Anerkennung ist deshalb nicht (nur) wegen der Verhinderung der Möglich-keit der Selbstverwirklichung zu kritisieren, sondern als ein institutionalisiertes Verhält-nis der Unterordnung und als Verstoß gegen die Gerechtigkeit. Der normative Kern ihrer Konzeption besteht in der Vorstellung einer partizipatorischen Parität. Nach dieser Norm erfordert die Gerechtigkeit gesellschaftliche Vorkehrungen, die allen (erwachsenen) Ge-sellschaftsmitgliedern erlauben, miteinander als Ebenbürtige zu verkehren.

Diese partizipatorische Parität erfordert zwei Bedingungen: Zum einen muss die Vertei-lung materieller Ressourcen die Unabhän-gigkeit und das „Stimmrecht“ der Partizipie-renden gewährleisten (objektive Bedingung partizipatorischer Parität). Zum anderen müssen institutionalisierte kulturelle Wert-muster allen Partizipierenden den gleichen Respekt erweisen und Chancengleichheit beim Erwerb gesellschaftlicher Achtung ge-währleisten (subjektive Bedingung partizipa-torischer Parität). Dabei stellt sich bald die Frage: Wie kann man gerechtfertigte von un-gerechtfertigten Forderungen nach Anerken-nung unterscheiden? Aber auch: Welche Forderung nach Umverteilung ist berechtigt?

Denn es ist klar, dass nicht jeder Anspruch auf Anerkennung berechtigt ist, genauso wie dies nicht jede Forderung nach Umverteilung sein kann. In beiden Fällen benötigt man eine Liste von Kriterien und/oder Verfahrenswei-sen, um berechtigte von unberechtigten For-derungen zu unterscheiden.
Axel Honneth zufolge muss jeder erst seine Andersartigkeit anerkannt bekommen, um damit eine gewisse Selbständigkeit zu erlan-gen. Daraus folgt, dass diejenigen Ansprüche auf Anerkennung, die die Selbstachtung des Anspruchstellenden befördern, gerechtfertigt sind, während diejenigen, die sie vermindern, es nicht sind. Auf der Grundlage dieser Hypothese, so kritisiert Fraser, würde jedoch eine rassistisch begründete Identität ein ge-wisses Maß an Anerkennung verdienen, in-sofern sie es deren Vertretern erlaubt, da-durch ihr Selbstwertgefühl aufrecht zu erhal-ten. Es erlaubt ihnen aber dadurch, dass sie sich gegenüber den ihnen angeblich Unterle-genen profilieren können.

Für Nancy Fraser stellt die partizipatorische Parität den Bewertungsstandard für solche Fragen fest. Diejenigen, die Forderungen nach Umverteilung anmelden, müssen zei-gen, dass bestehende ökonomische Arran-gements ihnen die Ressourcen und Möglich-keiten vorenthalten, die notwendige objekti-ve Bedingungen für die partizipatorische Praxis darstellen. Wer Anerkennung bean-sprucht, muss zeigen, dass institutionalisierte Muster kultureller Bewertung ihr oder ihm den gleichen Respekt und/oder die gleichen Chancen beim Erwerb gesellschaftlichen An-sehens vorenthalten, die wiederum als not-wendige intersubjektive Bedingungen fun-gieren. Nancy Fraser nennt als Beispiel die Schwulen und Lesben: Ihnen verweigert die im Eherecht institutionalisierte hetero-sexistische kulturelle Norm partizipatorische Parität. Das ist nach Maßgabe des von Nancy Fraser eingeführten Modells offenkundig un-gerecht. und deshalb ist ein Anspruch auf Anerkennung berechtigt.

Fraser betrachtet nun unter diesem Blick-punkt die französische Kopftuchdebatte. Da kein analoges Verbot das Tragen christlicher Kreuze in staatlichen Schulen verhindert, verweigert die gegenwärtige Politik den muslimischen Bürgern eine ebenbürtige Stel-lung. Konservative argumentieren, das Kopf-tuch sei ein Zeichen der Benachteiligung der Frauen in der muslimischen Gesellschaft, weshalb ein Zulassen des Kopftuchs in staat-lichen Schulen deren Benachteiligung nur noch verschlimmern würde. Für Fraser ist nun hier die Parität der Beteiligung der ge-eignete Standard, an dem sich die Ansprüche messen lassen müssen. Bei Uneinigkeit in Frage der Interpretation dient die Norm der partizipatorischen Parität dazu, Forderung nach Anerkennung deontologisch zu evaluie-ren, ohne dabei die fraglichen kulturellen und religiösen Praktiken ethisch bewerten zu müssen. Dabei muss diese Norm vermittels eines demokratischen Verfahrens öffentli-cher Debatten dialogisch und diskursiv an-gewandt werden – Nancy Fraser ist hier eine Vertreterin der Diskursethik.

Wichtig bei ihrem Verfahren ist, dass jeweils sowohl der Standpunkt der Verteilung wie auch der der Anerkennung eingenommen wird, ohne einen der beiden Blickwinkel zu reduzieren – sie nennt dies „perspektivischen Dualismus“.


In seiner Erwiderung kritisiert Axel Honneth Nancy Fraser, sie habe eine ganze Dimensi-on in ihrer Analyse ausgeblendet: Die Dy-namik des Kampfes um die angemessene Auslegung des rechtlichen Gleichheitsprin-zips, das die ganze Geschichte des Kapita-lismus bis heute durchziehe. Für Honneth ist der Zugang zum moralischen Gehalt sozialer Konflikte nur unter Verwendung eines hin-reichend differenzierten Anerkennungsbeg-riffs zu gewinnen. Die Erfahrung sozialen Unrechts bemisst sich stets an der Vorenthal-tung einer für legitim gehaltenen Anerken-nung, deshalb ist die Unterscheidung von ökonomischer Benachteiligung und kulturel-ler Deprivation für Honneth phänomenolo-gisch sekundär. Honneth tritt für drei Dimen-sionen der Anerkennung ein: Liebe, Recht und Leistung. Diese Kriterien verdeutlichen die Strukturen persönlicher, rechtlicher und wirtschaftlicher Diskriminierung.

In diesem Buch, so schreibt Herlinde Pauer-Studer in ihrer Besprechung in der „Frank-furter Rundschau“, gehe es um die Frage, welche Interpretationen des Politischen und Sozialen eine Fortsetzung des Projekts der Kritischen Theorie erlauben. Doch werde dabei öfters ungenau argumentiert, und dem Projekt von Fraser/Honneth würde etwas mehr Kant als Hegel gut tun: „Die Gerech-tigkeit einer Gesellschaft steht und fällt mit der rechtlichen Struktur ihrer Intention. Kants Idee war es, eine Gesellschaft nach normativen Prinzipien so einzurichten, dass das soziale Leben erträglich bleibt, selbst wenn die Menschen bei weitem nicht so edel sind, wie es die Idee eines Handelns aus Achtung vor dem Menschengeschlecht ver-langt.“





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