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Heidegger, Martin: Zu Ernst Jünger

HEIDEGGER

Zu Ernst Jünger


Im Rahmen der Martin Heidegger-Gesamtausgabe sind zum ersten Male und – so H. D. Kittsteiner – „sehnlichst erwartet“ Zeugnisse von Heideggers Auseinandersetzung mit dem Schriftsteller Ernst Jünger veröffentlicht worden:

Heidegger, Martin: Zu Ernst Jünger. 472 S., Ln., € 42.—, 2004, Martin Heidegger Ge-samtausgabe, IV. Abteilung: Hinweise und Aufzeichnungen, Band 90, Vittorio Kloster-mann, Frankfurt.

Der Band enthält zum einen oftmals stichwortartige Aufzeichnungen in losen Blättern, die Heidegger über einen längeren Zeitraum über Jünger angelegt hat, dann zusammen-hängende Texte über Jünger aus den Jahren 1932 und 1939/40, zwei Briefe über Jünger sowie u. a. die Randbemerkungen Heideg-gers zu Ernst Jüngers Der Arbeiter.
Wie der Herausgeber Peter Trawny im Nachwort berichtet, beginnt Heideggers Auseinandersetzung mit Jünger im Jahr 1932. Heidegger sieht, dass in Jüngers Schriften – insbesondere in Der Arbeiter – eine Interpretation der geschichtlichen Gegenwart zur Erscheinung kommt, die einen wesentlichen Zugang zur Wirklichkeit der Neuzeit erfordert.

Unter dem Einfluss der Philosophie Nietzsches versteht Jünger den sich im Ersten Weltkrieg kristallisierenden Geist seines Jahrhunderts als eine Erscheinung des „Willens zur Macht“. Heidegger legt Jüngers Texte als die einzige nennenswerte Fortsetzung des Nietzscheanischen Denkens aus, die durch ihre Beschreibung der Zeit zeigt, dass und inwiefern Nietzsches Philosophie als der Schlüssel zur Wirklichkeit des 20. Jahrhunderts verstanden werden kann. So schreibt Heidegger im Text Ernst Jünger, der Arbeiter, 1932. Ernst Jünger bekenne sich nicht zur „Metaphysik“ Nietzsches als einem vermeintlichem System und einer Lehrmeinung, sondern fasst inmitten der „Wirklichkeit“ Fuß, die Nietzsche nicht aus-gedacht, sondern denkerisch erlitten hat. Das Wirkliche, inmitten dessen Jünger zufolge einer entscheidenden Grunderfahrung Fuß fasst, ist durchherrscht von jenem Wesenszug, den Nietzsche als die Wirklichkeit die-ses Wirklichen erkannte und mit dem Namen „der Wille zur Macht“ festhielt. Das Ausge-zeichnete an Jüngers Haltung wird erst dann sichtbar, wenn man sie auf dem Hintergrund der Wirkung sieht, die Nietzsches Metaphysik in dem letzten halben Jahrhundert be-schieden war. Eine Wirkung, die man als unübersehbare Kette von ziellosen Missdeutungen und rechtlosen Ausbeutungen vereinzelter Aussprüche und Lehren kennzeichnen kann. Diese „Wirkung“ Nietzsches ist nur zum geringsten Teil durch ihn selbst ver-schuldet; sie entspringt vielmehr dem Wesen des Zeitalters, das jeden unmittelbaren und echten Bezug zur Metaphysik eingebüsst hat. So wird Nietzsche gleichzeitig als Stütze und Ausrufer gegenchristlicher Weltanschauungen wie als willkommene Fundgrube zur zeitgemäßen Aufmachung der Kirchenlehren geschätzt.

Ein wesentliches Phänomen, das Jünger in seinen Schriften betrachtet, ist die moderne „Technik“. Indem Heidegger sich immer wieder diesen Betrachtungen zuwendet, entwickelt sich eine Sicht, die seine Auslegung des metaphysischen Denkens als der „Machenschaft“ sowie die spätere Deutung der Technik als „Ge-Stell“ bestimmend bewegt. Wie Trawny darstellt, geht Heidegger aber in Bezug auf Jünger bald auf Distanz. Für ihn versagt Jüngers alle technischen und ge-schichtlichen Ereignisse seiner Zeit bejahende Haltung des „heroischen Realismus“ vor der philosophischen Aufgabe, nach einem Übergang aus der Vollendung der Metaphysik in eine andere Geschichte zu fragen. Auch wirft Heidegger Jünger vor, er sei jemand, der sich in einen Bereich wagt, für den ihm das Rüstzeug fehlt, „wobei nicht an sachliche Kenntnisse gedacht ist, sondern an Grunderfahrungen und Schärfe und Klarheit und Übersicht des Fragens“.

















Ernst Jünger

Im Text Zu Ernst Jünger 1939/40 bringt Hei¬degger das Wesen der Macht mit dem Welt-krieg und dem Kommunismus in Verbin-dung. Weil das Wesen der Macht auf die un-bedingte und vollständige Herrschaft drängt, ist der Grundvorgang der Ermächtigung der Macht zu ihrem Wesen die „totale“ Mobil-machung. Diese aber findet ihre entschie-denste Förderung und Festigung in einem Weltkrieg. Deshalb hat Lenin im Jahr 1914 den Ausbruch des Weltkriegs bejubelt. Da ein Weltkrieg nur in der totalen Mobilma-chung möglich ist, muss er dem die Bahn brechen, was Lenin unter „Kommunismus“ versteht. Der „Kommunismus“ ist für Hei-degger ein metaphysischer Vorgang, d. h. eine Wesensgestaltung des Seienden im Ganzen, in der sich das abendländische Zeit-alter der Metaphysik vollendet. Für Lenin und den Kommunismus ist die Vollendung der Technik und ihre Beherrschung alles. Er ist keine bloße Umordnung der Gesellschaft und schon gar nicht die Pflege des „Sozia-len“ – der Fürsorge für das Volk. Das „Prole-tariat“, das durch den Kommunismus erst zu einem solchen wird, ist ein Machtmittel unter anderem. Je entschiedener der Weltkrieg be-trieben wird, umso unaufhaltsamer wird auf beiden Seiten die totale Mobilmachung. Und je unbedingter diese zur Wirklichkeit kommt, umso unausweichlicher ist der Kommunis-mus im metaphysischen Sinne. Die jeweili-gen Staatswesen, die demokratischen, fa-schistischen, bolschewistischen und ihre Mischformen sind für Heidegger lediglich Fassaden. Also treibt alles in den Untergang, in die Entscheidung und zwar eine einzige – die wir kaum ahnen, weil ihre Einzigartigkeit uns noch fremd ist, fremd, aber nicht gänz-lich verhüllt und entzogen.

Dieser Band, schreibt Stephan Schlak in der Süddeutschen Zeitung, sei ein Ereignis.
Jünger sei, so fasst H.D. Kittsteiner in der Berliner Zeitung Heideggers Auseinander-setzung mit Jünger zusammen, in der meta-physischen Frage des Willens zur Macht ste-hen geblieben und habe sich nicht, wie Hei-degger selbst, auf den Weg der „Verwin-dung“ der Metaphysik begeben. Aber Jünger biete Heidegger gutes Ausgangsmaterial für die Reflexion über den „heroischen Realis-mus“, und er teile dessen Grundgedanken: „Die Ablösung des bürgerlichen Individuums durch den Typus des Arbeiters“. Die Bürger-klasse muss überwunden werden.

Wie steht es mit Heideggers Stellung zum Dritten Reich? Sie ist, so Kittsteiner, nur in Andeutungen erfahrbar. Heidegger lehne Jünger ab, weil er noch nicht zu Heideggers Gedanken der „Seinsverlassenheit des Seien-den“ vorgedrungen sei. Und diese Seinsver-lassenheit in der Langeweile des Nichtigen betreffe auch das Dritte Reich. Anders Ste-phan Schlak in der Süddeutschen Zeitung: „Wir sehen Heidegger, dem die nationalsozi-alistische Wirklichkeit die Begriffe aus der Hand genommen hat, bis auf das letzte ideo-logische Hemd ausgezogen“. Wenn Jünger vom „tiefsten Glück des Menschen“ „geop-fert zu werden“ schwärme, notiere Heidegger am Rande: „Ist das ein würdiges Ziel? Ist es überhaupt ein Ziel? Oder ist es die Sinnlo-sigkeit an sich?“.

Besprechungen finden sich in der Frankfurter Allgemeine 24.1.2005, der Süddeutschen Zeitung 23.2.2005, Berli-ner Zeitung 4.7.2005.









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