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STICHWORT

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Claudia Pawlenka:
Sportethik



Der Begriff „Sportethik“ wurde in der Philosophie erst kürzlich eingeführt. Er bezeichnet jene Bereichsethik, welche die dem menschlichen Handeln in Sport und Sportwissenschaft zugrundeliegenden moralischen Normen und Prinzipien kritisch reflektiert und begründet. Die Möglichkeit einer eindeutigen Definition und Abgrenzung des Begriffs „Sport“ wird hierzulande mit Verweis auf Wittgensteins Vorstellung von Familienähnlichkeiten mit verschwimmenden Rändern weitgehend negiert. Dagegen steht die im angelsächsischen Sprachraum gebräuchliche Definition von „sports“ als (körperliche Fertigkeiten, eine breite Anhängerschaft und In-stitutionalisierung voraussetzendem) freiwilligem Versuch, durch Spielregeln auferlegte nicht-notwendige Hindernisse zur Zielerreichung zu überwinden.

Die Sportethik vereinigt in sich individual-ethische und sozialethische Aspekte. Auf der Akteursebene stehen das moralisch richtige und gute Handeln der am Sport direkt oder indirekt Beteiligten (Sportler, Trainer etc.), d. h. insbesondere die Regelbefolgungspraxis und Fairneßfragen im Vordergrund. Auf der Ebene der Sozialethik stellen sich unmittelbar institutionenethische Fragen wie z.B. die Frage nach der Legitimierung des Dopingverbots oder Probleme des Kinderhochleistungssports. Hier werden die Strukturen von Sport und Sportwissenschaft (Regelkodizes/-implementierung, Wissenschaftsethik) sowie die Einbettung und Rolle des Sports im gesamtgesellschaftlichen bzw. globalen Zu-sammenhang kritisch reflektiert (Umweltfragen, Körperkultur, Legitimation des Sports). Die Ebenen können jedoch teilweise überlappen, insofern z.B. Doping sowohl individual- als auch institutionenethisch betrachtet werden kann. Klassische Problemfelder des vorwiegend individualethisch geführten Sportethikdiskurses sind die Zunahme an Gewalt (Foulspiel, Zuschauerkrawalle) und Betrugshandlungen (Schwalbe, Doping, Rundenabsprachen). In jüngerer Zeit findet eine Ausdifferenzierung statt durch Reflexionen zum Trainerethos, zu tier- und umweltethischen Problemen sowie zu leibökologischen Fragen des nachhaltigen Körperumgangs und Wandels der Körperverhältnisse.

Neben der anwendungsorientierten Ebene gibt es eine Grundlagendiskussion, in der es um begriffsanalytische Unterscheidungen in Bezug auf Regeln und Fairness geht, um Fragen nach Sinn und Logik des Sports und den Merkmalen sportlicher Eigenwelt sowie um metaethische Reflexionen über die bereichsspezifische Adäquatheit ethischer Theorien bzw. die Frage nach einer Spezialethik. Denn ein Grundproblem der Sportethik liegt darin, inwiefern moralische Normen aus der Logik des Sports oder nur unter Hinzunahme all-gemeinethischer Prinzipien begründet werden können. Die Sportethik befasst sich folglich mit Fragen der deskriptiven wie normativen Ethik, mit strebensethischen ebenso wie mit metaethischen Problemen, d. h. mit einer umfassenden Analyse und Bewertung moralischer Phänomene im Sport.

Die bis ins 19. Jh. reichenden pädagogisch-religiösen Wurzeln der Sportethik liegen im Olympismus (Pierre de Coubertin) und in der Theorie der Leibeserziehung (Carl Diem) und waren eher Ausdruck einer ideologisch-moralischen Positionsbestimmung. Das Erscheinen der ersten ethischen Monographien zum Sport ab Mitte der 1960er Jahre markiert die Anfänge des Fachbereiches „Sportethik“, der seinen institutionellen Ausdruck 1970 zeitgleich mit der Institutionalisierung der „Sportwissenschaft“ fand. Die seit ihren Anfängen in den 60er Jahren maßgeblich von Theologen und sportaffinen Einzelvertretern der Philosophie, allen voran der Philosoph und Olympiasieger Hans Lenk, geführte Debatte vollzog sich fast ausschließlich im Rahmen der Sportwissenschaften. Dies erklärt teilweise, weshalb die ab Mitte der 80er Jahre stark wachsende Disziplin der Sportethik, mit einem Ende der 90er Jahre er-scheinenden umfangreichen „Lexikon der Ethik im Sport“ von Grupe und Mieth (1998), in der Philosophie bislang wenig wahrgenommen wurde. Dies verdeutlicht jedoch auch den einseitigen Reflexionsbedarf sportmoralischer Probleme seitens des Sports und der Sportwissenschaft, da der Sport als Bereich des Nicht-Notwendigen unter besonderem Legitimationsdruck steht.

Für das philosophische Desinteresse am Sport ursächlich ist nicht zuletzt der Sport selbst als eine fiktive Welt in der wirklichen Welt. Angesichts der rasanten Entwicklungen im Bereich von Medizin und Biologie, angesichts globaler Umwelt-, Politik- und Wirtschaftskrisen erscheinen die ethischen Herausforderungen im Sport vergleichsweise harmlos und „hausgemacht“, scheinen jenseits von lebensweltlichem Ernst auf dem Spielfeld zu bleiben. Die unbestreitbar positiven Auswirkungen des Sports auf die Gesellschaft sind dagegen nur in einem schwach normativen oder strebensethischen Sinne relevant, d. h. für die philosophische Reflexion des Sports als Allheilmittel besteht ebenfalls kein vergleichbarer Problemdruck und Orientierungsbedarf. Dies zeigt sich auch an der Einrichtung von Kommissionen und Lehrstühlen für Bio-, Medizin- oder Wirtschaftsethik, nicht so für den Bereich des Sports. Der Sport, so scheint es, symbolisiert eine Gleichzeitigkeit von gesellschaftlicher Relevanz und Irrelevanz. Sport ist einerseits Abbild oder Spiegel der Gesell-schaft und gleichsam omnipräsent, andererseits ein durch Regeln künstlich erzeugtes, kontingentes Gebilde, eine von der Lebenswelt ausgegrenzte Spielwelt, eine Gegenwelt zur wirklichen Welt.

In Großbritannien und den Vereinigten Staaten sind Sportethik bzw. -philosophie dage-gen in ganz anderem Maße an den Hoch-schulen vertreten, verfügen seit 1974 über eine eigene Fachzeitschrift, das Journal of the Philosophy of Sport, und sind seit 1972 zusätzlich institutionalisiert im Rahmen der „International Association for the Philosophy of Sport“ (IAPS). Die vergleichsweise große Bedeutung der Sportphilosophie ist mögli-cherweise auf das höhere Sozialprestige des Sports bzw. die vor allem in den USA bedeu-tende Rolle des Sports an den Hochschulen zurückzuführen. Die inhaltlich differenzierte-re, in der hiesigen Fachdiskussion jedoch weitgehend unbeachtete angelsächsische Tradition der Sportphilosophie verdeutlicht das Standardwerk von Morgan und Meier „Philosophic Inquiry in Sport“ (1995), wo neben ontologischen Kapiteln zu Sport, Spiel und Leiblichkeit je eigene Kapitel über Fair-ness und „sportmanship“, Doping, Tierethik, Genderforschung und Ästhetik aufgeführt sind.

Das Heraustreten der auch hierzulande mitt-lerweile etablierten Disziplin Sportethik aus der Sportwissenschaft und ihre Positionierung im Kanon der Bereichsethiken durch Herausgabe des Sammelbands Sportethik. Regeln-Fairness-Doping (Pawlenka 2004) war einerseits nur eine Frage der Zeit, hängt andererseits jedoch vor allem mit dem Auf-kommen der modernen Biotechnologie zu-sammen. Das Verhältnis von Philosophie und Sport war bislang ein instrumentelles, da der Sport bzw. das Regelspiel aufgrund sei-ner Regeldominanz und Überschaubarkeit zuweilen als heuristisches Mittel Gegenstand der Philosophie war, die sich seiner An-schaulichkeit bediente. Prominente Beispiele sind John Rawls’ Aufsatz Two Concepts of Rules, Herzstück der ab Mitte der 1950er Jahre geführten Debatte zwischen Akt- und Regelutilitarismus, sowie auch die sprach-philosophischen Untersuchungen von Searle und Wittgenstein. Dabei steht weniger das Spiel selbst im Vordergrund, der Rückgriff auf die Spielregeln erfolgt vielmehr zur Verdeutlichung bestimmter Sachverhalte, was zum Verkennen ihrer Eigenart und unzulässigen Analogien von Spielregeln mit anderen praxiskonstituierenden Regeln oder moralischen Regeln führen kann.

Mit dem Thema Gendoping hat die bioethische Krise nun jedoch auch den Sport erfasst, und der Sport findet als ernstzunehmende Größe zunehmend Eingang in die bioethische Diskussion. Denn auch hier entsteht ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass der Sport aufgrund seiner Sonderweltlichkeit eine Vorreiterrolle bezüglich des Einsatzes von Biotechnologien spielen und einen Dammbruch bewirken kann (slippery slope). Denn nicht nur der Spielcharakter, sondern auch der olympische Steigerungsimperativ des citius-altius-fortius prädestinieren den medienrelevanten Leistungssport zu einem Versuchsfeld der Biotechnologie. Die kom-plexe Dopingthematik ist ein typisches Problem der Angewandten Ethik, dessen theoretische Reflexion in besonderer Weise an die Praxis rückgebunden und dessen Lösung nur durch eine interdisziplinäre Zugangsweise möglich ist. Es verdeutlicht einerseits paradigmatisch die Transferleistung, welche die Anwendung philosophischer Theorien und Begriffe auf die strukturellen Besonderheiten des Sports erfordert, geht anderseits als em-pirisches Klugheitsproblem jedoch über die klassischen Problemfelder und Methoden-probleme der Sportethik hinaus.

Dies führt zur Frage nach dem Selbstverständnis der Sportethik und ihrem systematischen Ort im Spannungsfeld von Philosophie und Sportwissenschaft. In der Sportethik zeigt sich bislang ein eher traditionelles bzw. deduktivistisches Verständnis von Ethik, das durch die Anwendung deontologischer und konsequentialistischer Positionen (kantische, diskursethische, christliche oder utilitaristi-sche Ethik) sowie einer Vielzahl weiterer Ansätze (materialwertethische, sprachanalytische, phänomenologische, evolutionäre, anthropologische) geprägt ist. Daneben finden sich zunehmend auch kohärentistische (co-existentiale, vermittelnd-funktionale u.a.) und immanente Begründungsmodelle.

Die Tatsache, dass trotz des überwiegend deduktivistischen Selbstverständnisses die Partikularität der Sportethik im Sinne einer Spezialethik allgemein betont wird, verweist auf metaethische Besonderheiten in diesem Bereich. Diese liegen weniger in der Ent-wicklungsdynamik des Sports und in den unser moralisches Alltagsbewusstsein überfor-dernden Orientierungsproblemen, sondern primär in seinen strukturellen Besonderheiten und seinem struktureigenem Konservati-vismus: in der rigorosen Vereinfachung aller Lebensverhältnisse im Sport, in seiner Transparenz und Überschaubarkeit sowie in seiner regelkonstituierten Eigenlogik. So er-fahren ethische Theorien und Begriffe in der Anwendung auf den Sport häufig – mutatis mutandis – Veränderungen hinsichtlich ihrer argumentativen Stärken und Schwächen, so dass sich Begründungsprobleme und Kon-troversen konkurrierender ethischer Theorien teilweise auflösen.

Eine traditionell starke Stellung behauptet die Sportethik im Rahmen der Sportphilosophie, die sich derzeit ebenfalls mit der Frage nach ihrem Selbstverständnis als bloß angewandter Philosophie oder als eigenständigem Teilbereich der Philosophie beschäftigt. Be-rührungspunkte ergeben sich jedoch auch zwischen der Sportethik und den übrigen Disziplinen der Philosophie, insbesondere mit der Anthropologie und Ästhetik.
Für die weitere Etablierung der Sportethik als Bereichsethik wird entscheidend sein, ob es ihr gelingt, ihren sportspezifischen Prob-lemhorizont und Anwendungscharakter in die Diskussion um das Selbstverständnis der Angewandten Ethik einzubringen.

Ausgewählte Literatur zum Stichwort

Mieth, Dietmar / Grupe, Ommo (Hg.): Lexikon der Ethik im Sport. 712 S., kt. € 38. Band 99, Schorndorf: Karl Hofmann, 3. unv. Aufl., 2001.

Pawlenka, Claudia (Hg.): Sportethik. Regeln-Fairneß-Doping. 328 S., kt. € 38. ethica Bd. 7, Paderborn: mentis, 2004.

UNSERE AUTORIN:

Claudia Pawlenka habilitiert sich zum Thema Doping am Philosophischem Seminar der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sportwissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/M.




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