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PHILOSOPHISCHE PRAXIS

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Berufsfeld philosophische Praxis

Berufsfeld: philosophische Praxis
Über verschiedene Versuche, eine Ausbildung zum philosophischen Praktiker bzw. Praktikerin anzubieten. Von Peter Moser 


Philosophische Praxis – ein schwieriges Arbeitsfeld

Im Internet finden sich in verschiedenen Listen an die hundert philosophische Praxen verzeichnet. Davon sind aber um die zwanzig nicht mehr aktiv, dafür sind innerhalb kurzer Zeit zehn neue hinzugekommen. Einerseits ist also das Interesse vor allem von jungen Philosophen groß, eine solche Praxis zu gründen; andererseits sind die Chancen, dass sich eine solche Praxis etablieren kann, gering. Nur etwa zehn haben sich über einen längeren Zeitraum halten können. Die meisten geben auf, weil sie nicht genügend Kunden finden.

Die Konzepte, mit denen die Praktiker arbeiten bzw. arbeiten würden, hätten sie denn eine Klientel, sind ganz unterschiedlich. Philosophische Praxis hat zwei Bedeutungen: zum einen bedeutet es Philosophieren über das Leben und insbesondere über das je eigene Leben, also eine philosophische Tätigkeit; zum anderen beinhaltet das Wort eine Art Beruf, der nicht unbedingt eine Kunst, aber eine Kunstfertigkeit (auf keinen Fall aber eine Wissenschaft) zum Inhalt hat).

Was das Philosophieren betrifft, so unterscheidet sich Philosophische Praxis wesentlich von der akademischen Philosophie. Lebens- und Sinnfragen spielen eine herausragende Rolle und damit auch bestimmte Autoren. Es ist wohl nicht zufällig, dass man gerade bei erfolgreichen Praktikern auffallend viele gläubige Christen findet, bei denen diese religiöse Grundlage in ihrer Arbeit eine wichtige Rolle spielt. Etwa beim Stuttgarter Thomas Gutknecht, dem Präsidenten der Gesellschaft der philosophischen Praktiker: Bei ihm weiß man gelegentlich nicht, ob man es nun mit einer theologischen oder eine religiösen Rede zu tun hat. Die Philosophie übernimmt hier Arbeitsbereiche, die vordem Theologen zugefallen waren. Gutknecht spricht denn auch explizit von „philosophischer Seelsorge“. Er geht sogar soweit, Philosophische Praxis als eine genuin neue Form des Philosophierens zu sehen. Einig sind sich die Praktiker aber darin, dass es darum geht, Denkblockaden zu lösen und eine Bewegung des Denkens in Gang zu bringen. Es bestehen viele Möglichkeiten philosophischer Seelsorge, die noch kaum genutzt sind – von der Arbeit im Spital bis zur Arbeit mit Hinterbliebenen.

Die Arbeitsbereiche philosophischer Praxis

Was den zweiten Teil, das Berufsfeld betrifft, kann man drei verschiedene Arbeitsgebiete, in denen philosophische Praktiker tätig sind bzw. sein können, unterscheiden.

Die philosophische Lebensberatung steht im Zentrum des Interesses, wenn auch hier die finanziellen Möglichkeiten eher gering sind. Viele, auch solche, die Praktiker werden wollen, verstehen unter „philosophische Praxis“ in erster Linie „philosophische Lebensberatung“. Sie bildet aber in der Regel nur einen – oft kleinen – Teil der Arbeit des Praktikers

Den Schwerpunkt der Beratung bilden Einzelgespräche. Die Motive für eine solche Beratung können die verschiedensten sein. Ein Beispiel hierfür ist etwa die Frau, die vor dreißig Jahren ihre Kinder verlassen hatte und nun unter Schuldgefühlen leidet. Häufige Themen sind Liebe und Probleme am Arbeitsplatz. Im Zentrum steht oft die Sinnfrage, religiöse Themen spielen, wie gesagt, auch eine große Rolle. Für den Praktiker geht es nun nicht darum, seinem Klienten Ratschläge zu geben, sondern mit ihm gemeinsam seine Situation zu beraten. Oftmals su-chen aber Leute nur jemanden, mit dem sie reden können, und der Praktiker ist sich dann selbst nicht im klaren darüber, was nun an seiner Arbeit spezifisch philosophisch ist.

Eröffnet jemand eine philosophische Praxis, wendet er sich in der Regel an die örtliche Presse. Diese ist gerne bereit, die Praxis in einem kleinen Artikel vorzustellen. Daraufhin melden sich zur Freude des Praktikers bzw. der Praktikerin verschiedene Personen. Was er nicht weiß: Ein nicht geringer Teil davon ist von einer Therapie zur anderen gegangen und hat sich als „therapieresistent“ erwiesen. Nun geht es darum, die philosophische Praxis zu „testen“. Das kann für einen jungen Philosophen, der meint, in ein „philosophisches Gespräch“ einzutreten, zu einem Problem werden. Auf jeden Fall springt ein solcher Kunde für gewöhnlich nach zwei oder drei Sitzungen wieder ab. Für den jun-gen Praktiker ist dies eine deprimierende Er-fahrung.

Um in diesem Bereich Erfolg zu haben, spielen hier Lebenserfahrung, persönliche Aus-strahlung und die Kunst, ein Gespräch zu führen eine genauso wichtige Rolle wie phi-losophisches Wissen. Aber philosophische Praxis in diesem Bereich kann auch eine gute Ergänzung für Seelsorger, Mediziner und Psychologen sein, die ihr Arbeitsfeld erweitern wollen und bereits über mehrjährige Erfahrung in ihrem Arbeitsbereich verfügen.

Die Hauptarbeit – und auch die größten Zu-kunftsschancen – philosophischer Praxis liegt in der eigentlichen Bildungsarbeit. Dazu gehören Kurse, die in eigener Regie oder in Zusammenarbeit mit Institutionen (etwa Volkshochschulen) angeboten werden, dazu gehören Vorträge verschiedenster Art wie auch „philosophische Cafés“. Hier liegen gerade auch für einen Anfänger die besten Chancen. Und da die Zahl der geistig regen und philosophisch interessierten Rentner zunehmen wird, hat dieses Betätigungsfeld Zukunft. Philosophische Praktiker könnten auch helfen, die philosophischen Seminare von Seniorstudenten zu entlasten.
Gerhard Stamer in Hannover ist ein Praktiker, der sich erfolgreich auf solche Bildungsarbeit spezialisiert hat. Die Vermittlung von philosophischen Texten, wie sie etwa Stamer anbietet, unterscheidet sich wesentlich von der an Universitäten. Es geht hier nicht um eine wissenschaftliche Herangehensweise an den Text, sondern um ein unmittelbares Phi-losophieren. Stamer liest den Text vor, er erläutert ihn dann so, dass dieser den Zuhörer unmittelbar berührt, dass er lebendig wird und zu eigenen Gedanken anregt. Dadurch entsteht ein unmittelbares Philosophieren auch bei Personen, die kein philosophisches Vorwissen haben. Über Kurse in Hannover bietet Stamer auch solche an Ferienorten, etwa in den Schweizer Bergen an. Dabei hat er ein Stammpublikum aufgebaut, das Jahr für Jahr wieder teilnimmt.

Für junge Praktiker ist die Arbeit über Insti-tutionen, sei es mit Kursen oder mit Vorträ-gen, eine Möglichkeit, mit potentiellen Kunden für Einzelstunden in Kontakt zu kommen und deren Vertrauen zu gewinnen. Ein Arzt, der von einem Vortrag über ein bioethisches Problem beeindruckt ist, ist auch bereit, in einem Einzelgespräch mit dem Praktiker seine ihn bedrückenden Bedenken über die technische Entwicklung zu bereden – und daraus kann eine über Jahre dauernde Beziehung entstehen.

Ein drittes Berufsfeld beinhaltet Projektarbeiten, also Arbeiten, die von Institutionen bezahlt werden. Dazu gehört die Beratung von Unternehmen. Hier geht es oft darum, kongruente Leitbilder bzw. auch ethische Leitbilder zu erstellen. Hier kann aber die Bezeichnung „Philosophie“ von Nachteil sein, da sie verschwommene oder gar negative Vorstellungen assoziieren kann.

Langjährige Erfahrung in solcher Projektarbeit hat der Salzburger Günther Witzany. Witzany sieht sein philosophisches Ziel darin, an einer Verhaltensänderung des Menschen zur belebten Natur zu verändern. Er arbeitet dazu in verschiedenen Projektarbeiten, die von Institutionen bezahlt werden, mit. Dabei treffen meist verschiedene Interessen, zumeist wirtschaftlicher Art, aufeinander. Der Philosoph ist für Witzany dabei der „Anwalt des Menschen“, derjenige, der von keinen anderen Interessen beeinflusst ist, denn, so fragt er, wer setzt sich sonst für die Interessen des Menschen ein? So ist Witzany Behindertenbeauftragter der Stadt Salzburg und berät in ganz Österreich Gemeinden darüber, wie man Behinderten eine Teilnahme am Gemeinschaftsleben ermöglichen kann. Ein weiteres Projekt ist die „geistige Dorferneuerung“. In vielen Gemeinden ist das Wissen um die eigene Herkunft verlorengegan-gen, was als Verlust empfunden wird. In diesem Projekt geht es darum, sich dieser Herkunft wieder bewusst zu werden. In einem weiteren Projekt beschäftigte man sich da-mit, wie in Zentren großer Städte mehr Lebensqualität geschaffen werden kann.

Dieses Feld praktischer Arbeit bietet Philosophen große Chancen. Hierher gehört etwa der Aufbau von Seniorenstudiengängen, wie sie Eckart Ruschmann in Innsbruck organisiert.

Für alle Betätigungsfelder der philosophischen Praxis braucht man einen langen Atem: es müssen Beziehungsnetzwerke aufgebaut, Initiativen ergriffen, Rückschläge verkraftet werden. Und man braucht finanzielle Reserven. Entscheidend ist aber, dass hier nur derjenige überleben kann, der auch qualitativ gute Arbeit leistet, und gerade hier scheitern nicht wenige.

Eine Ausbildung zum philosophischen Praktiker?

Ein Philosophie-Studium an einer Universität ist eine entscheidende Voraussetzung für philosophische Praxis; ohne theoretisches Hintergrundwissen ist dieser Beruf nicht er-folgreich auszuüben. Aber das theoretische Wissen reicht nicht. Es braucht eine Weiter-bildung und auch eine praktische Betreuung beim Aufbau einer Praxis. Gerd Achenbach, hatte früher mehrere „Lehrpraxen“ angeboten und auch durchgeführt, und daraus sind namhafte Praktiker wie Anders Lindseth, Petra von Morstein oder auch Martina Winkler-Calaminus hervorgegangen. Diese Arbeit hat er allerdings eingestellt. Seither sind die-jenigen, die mit einer philosophischen Praxis beginnen wollen, auf sich selber angewiesen.

Wie aber müsste eine Ausbildung aussehen? Sie müsste zum einen auf theoretischer Ebe-ne den zukünftigen Praktiker beim Universitätsabschluss abholen und ihm die theoretischen Inhalte, die für seinen Beruf wichtig sind, aber beim Studium zu kurz kamen, nachholen. Allerdings darf dieser Teil nicht inhaltlich fixiert werden, dieser Ausbildungsteil muss für alle philosophischen Richtungen Raum lassen.

Zum anderen müsste sie den Aspiranten auf der praktischen Ebene in die verschiedenen Berufsfelder wie auch die dialogische Ge-sprächsführung einführen. Auch der unter-nehmerische Aspekt darf nicht außen vor bleiben – eine philosophische Praxis ist ein Unternehmen, das ein entsprechendes Markterfolgskonzept braucht. Und schließlich muss dem Unternehmer auch später, beim Aufbau der Praxis, beratend zur Seite gestanden werden. Am sinnvollsten wäre die Zusammenarbeit mit einer Universität und einem speziellen Nachdiplomstudiengang „Philosophische Praxis“, etwa analog dem Studiengang „Angewandte Ethik“, wie ihn die Universität Zürich anbietet (siehe Rubrik Nachrichten, Zürich). Eine Universität könnte für die Qualität der Ausbildner und mit einer Prüfung und entsprechendem Diplom für einen hohen Ausbildungsstandard sorgen. Damit wäre auch dafür Sorge getragen, dass der Name „Philosophische Praxis“ einen guten Ruf verleiht.

Ruschmanns gescheitertes universitäres Ausbildungsangebot

Eckart Ruschmann hat versucht, eine solche Ausbildung auf universitärer Ebene anzubie-ten. Ruschmann, der sich mit seiner Arbeit Philosophische Beratung habilitiert hatte, hat auf Wintersemester 2004/2005 in Innsbruck einen sechssemestrigen Lehrgang „Philosophische Praxis / Philosophische Beratung“ angeboten. Dieser Lehrgang sollte insgesamt 30 Semesterstunden mit einer Regelstudien-dauer von 6 Semestern dauern und als Pflichtstunden je 2 Stunden „Philosophische Praxis“, „Geschichte der Philosophie als Le-bensform und Lebenskunst“, „Hermeneutik“, „Ethik“, „Alltagsphilosophie“ und „Philoso-phische Beratung“ enthalten. Erfolgreiche Teilnehmer sollten ihn mit dem Titel „aka-demisch geprüfter philosophischer Praktiker“ abschließen. Die Mindestteilnehmerzahl wurde auf 20 festgelegt, wurde aber nicht erreicht, und der Kurs fand nicht statt – die Studierenden waren zwar an dem Thema interessiert, aber kaum jemand an dem Beruf „akademisch geprüfter philosophischer Praktiker“. Ruschmann bot daraufhin über vier Semester je zwei Semesterstunden zu den genannten Themen an der „Innsbrucker Akademie“ an; die Teilnehmer waren zumeist Erwachsene ohne philosophische Vorkennt-nisse. Ruschmann steht neuen Ausbildungsangeboten skeptisch gegenüber: „Ich halte es nach meinen Erfahrungen mit Philosophiestudenten in Freiburg, Klagenfurt und nun Innsbruck auch nicht für sinnvoll, Erwartungen zu wecken, als könnte Philosophische Praxis bzw. Beratung eine gute berufliche Grundlage bieten.“ Auf jeden Fall ist nach seiner Erfahrung die kommunikative Kompetenz entscheidend, und dazu braucht es ein entsprechendes Training.

Das „Konzept“ der IGPP

Die „Internationale Gesellschaft Philosophi-scher Praktiker IGPP“, der Berufsverband der Praktiker, entwarf ein eigenes Ausbil-dungskonzept: Danach sollte „ein Team mit interessierten Leuten (Lernende und Lehrende gemeinsam) ein Curriculum entwickeln im Prozess auf der Suche nach geeigneten Formen der Befähigung zum philosophisch ausweisbaren Praktizieren“. Die IGPP wendet sich insbesondere gegen jedwede Verschulung und gegen eine Anbindung an Universitäten (wie hier vorgeschlagen wird und wie es in einigen romanischen Ländern bereits gemacht wurde). So war die IGPP auch nicht am Treffen der philosophischen Gesellschaften anlässlich des Philosophiekongres-ses in Berlin vertreten, als es um die Zusammenarbeit der „Deutschen Gesellschaft für Philosophie“ mit den einzelnen philosophischen Gesellschaften ging.

Dafür war die IGPP für ihr Konzept mit Gerhard Achenbach im Gespräch, fühlte sich aber von und seinen kommerziellen Interessen instrumentalisiert und brach das Ge-spräch ab.

Achenbachs Zusatzausbildung „Philosophischer Praktiker“

Gerd Achenbach, der Nestor philosophischer Praxis, bot darauf im Rahmen der „Gesellschaft für Philosophische Praxis GPP“ Absolventen des Fachstudiums Philosophie eine eigene zweijährige Zusatzausbildung zum Beruf des „philosophischen Praktikers“ an. Es ist dies ein strikt als Curriculum aufgebautes Ausbildungsseminar, wobei die Studierenden sich in Gestalt von Referatbeiträgen oder Berichten von philosophischen Beratungsgesprächen auf die jeweiligen Seminare vorbereiten. Innerhalb des Seminars werden dann Fragen der Philosophischen Praxis am konkreten Einzelfall studiert und nachvollzogen.

Achenbach hat in Italien für die Universitäten Cagliari, Pisa, Venedig, Neapel und Mailand die Grundzüge eines Curriculums für einen Masterstudiengang „Philosophische Praxis“ mitentwickelt – ein weiterer solcher Studiengang entsteht in Madrid. Das dabei entwickelte Konzept wendet nun Achenbach auf seinen Lehrgang an. Er soll es den Teilnehmern ermöglichen, in verantwortlicher Weise eine eigenständige Philosophische Praxis aufzubauen. Der/die erfolgreiche Ab-solvent(in) des Kurses erhält ein spezifiziertes Zertifikat, das zur Teilnahme an einem einjährigen Vertiefungskurs im nächsten Jahr befähigt. Dieser weiterführende Kurs wird vor allem Supervisionen und praktische Übungen anbieten.

Themen dieser Ausbildung zum Philosophischen Praktiker sind u. a.:

 Geschichte der Philosophie in praktischer Absicht, orientiert an der sokratisch leitenden Gewissheit, nur ein geprüftes sei ein gutes Leben;

 Praktische Philosophie im Blick auf Bera-tungspraxis. Dazu gehören Themen wie etwa „Über das Ethos des Sprechens und Hörens“ und „Wie der Gast in der Philosophischen Praxis angesehen wird“. Themen sind weiter „Über Liebe“, und, nahe damit verwandt, „Scheiternde Lebensläufe“ und „Die Masken der Laster“; weiter eine erneuerte Lehre der philosophischen Vermögen (Achenbach rechnet dazu u. a. „Heiterkeit“, „Menschen-kenntnis“ und „Vertrauen.“

 Ordnungen der Philosophischen Praxis. Gemeint sind damit Themen wie „Die Zeit als Bedingung des Gesprächs“ oder „Die Stimmung als Animateur fälliger Einsicht“.

 Philosophie des Gesprächs.

 Rechenschaft und bedachtes Ziel philoso-phischer Praxis.

 Reflektierte Praxis. Dies beinhaltet Analy-sen einzelner Beratungen und anschließende Übung.

Achenbach hat die Teilnehmerzahl auf 12 Personen beschränkt (es sind schließlich aber doch 13 geworden). Interesse hatten an die 25 Personen bekundet, doch aufgrund von Vorgesprächen riet Achenbach zehn von ih-nen ab. Von den übrigen haben sich etliche bereits für den folgenden Kurs vorangemel-det. Dabei sind die Teilnahmekosten für den Grundkurs nicht gering, sie betragen mit je vier zweitägigen und zwei siebentägigen Seminaren € 4800.—. (Informationen zum Kurs finden sich unter:
www.achenbach-ppde
die e-mail-Adresse lautet:
post@Gerd-Achen¬bach. de)

Die meisten Teilnehmerinnen und Teilneh-mer (es sind sieben Frauen und fünf Männer) haben Philosophie studiert, (drei mit einem Zusatzstudium in Psychologie, Medizin und Theologie) und waren beruflich bereits erfolgreich, etwa als Gymnasiallehrerin oder in der Jugendarbeit. Eine Person ist im Vorruhestand und trägt sich mit dem Gedanken, eine philosophische Praxis zu eröffnen. Die Psychoanalytikerin und der Mediziner wollen das Angebot ihrer je bereits erfolgreichen Praxis um philosophische Gespräche erweitern. Weitere Teilnehmer kommen aus der Unternehmens- und Berufsberatung, und nur einer hat soeben den Magister in Philosophie abgeschlossen.
Hinzu kommt noch eine Philosophie-Professorin aus Süd-Korea, die die Philosophische Praxis in Korea heimisch machen will.

Es sind also nicht unbedingt Personen, die „Philosophische Praxis“ zu ihrem Beruf machen wollen. Die, die eine Zusatzausbildung oder sich einfach nur weiterbilden wollen, sind in der Mehrheit.

Allerdings hat die Sache, wie der Badenser sagt, zudem „ein Gschmäckle“. Die Ausbildung erfolgt im Rahmen der „Gesellschaft für Philosophische Praxis GPP“. Man würde nun denken, das sei die offizielle Gesellschaft der deutschen Praktiker. Aber dem ist nicht so: diese nennt sich „Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis IGPP“. Die GPP ist lediglich die regionale Ortsgruppe der IGPP von Bergisch-Gladbach, wo Achenbach seine Praxis hat. Man hatte sich seinerzeit gewundert, warum Achenbach seinen Verein so genannt hat – nun glaubt man in der verwirrenden Namensgebung die Absicht eines gewieften Strategen zu erkennen.

Ausbildung zum „Philosophischen Berater“

Kurz nachdem Achenbach seinen Kurs an-geboten hatte, wurde ein Konkurrenzangebot bekannt: Das St. Jakobushaus in Goslar, die Akademie der katholischen Diözese Hildesheim, bot ebenfalls eine Zusatzausbildung an, nicht zum „Philosophischen Praktiker“, aber zum „Philosophischen Berater“ (ob das dasselbe ist?), und zwar mit Abschlussprüfung und Zertifizierung. Als Leiter der Aus-bildung wurde der stellvertretende Akademiedirektor Wolfgang Gleixner, ihm zur Sei-te als Referent Gerhard Stamer genannt. Gleixner hat Erfahrung als Mediator und Coach, Stamer in der Erwachsenenbildung. Der Kurs sollte aus sechs dreitägigen Semi-narblöcken mit einem Umfang von 120 Aus-bildungsstunden bestehen (als jeweilige The-menblöcke waren „Menschenbilder und Philosophie“, „Methoden der Philosophie und ihre Bedeutung für die Beratung“, „Reflexion und Sprache“, „Die Sinnfrage“, „Philosophie und Psychotherapie“ sowie „Philosophische Praxis“ genannt) und als Kosten für den ganzen Kurs (inkl. Vollpension) wurden € 1200.—. genannt. Unklar war dabei, was man ausbilden wollte: Laut Stamer philoso-phische Praktiker, nach den Unterrichtsthe-men würde man aber eher an eine Weiterbil-dung an Ärzte und Psychologen denken.

Der Kurs kam nicht zustande. Zwar war das Interesse (oder die Neugier) da, aber zu we-nige haben sich schließlich angemeldet. Doch im Herbst 2008/2009 will man es wie-der mit einem veränderten Konzept versu-chen: Als philosophischer Unterbau soll dann die phänomenologische Anthropologie (Binswanger, Minkowski, von Gebsattel u.a.) stehen. Man will damit bewusst gegen eine gegenwärtig „vorherrschende Beliebigkeit in dieser Form der Beratung“ (Gleixner) eine inhaltliche Basis aufbauen. Allerdings ist es mehr als problematisch, eine Ausbildung auf in Vergessenheit geratene Denker aufzubau-en, deren Praxistauglichkeit nicht erprobt ist.

Wo bleibt die IGPP?

Angesichts dieser vielfachen Aktivitäten erwartet man, dass nun die IGPP mit ihrem an-gekündigten Konzept an die Öffentlichkeit tritt und das Heft in die Hände nimmt bzw. eine eigene Ausbildung anbietet. Doch stattdessen entdeckt die „Internationale Gesell-schaft Philosophischer Praktiker“, dass sie nicht zuständig ist. Denn sie teilt offiziell mit, sie sei „eine Vereinigung im Interesse der Sache Philosophischer Praktiker und nicht eine berufsständige Interessenvertretung von Kolleginnen und Kollegen, die versuchen, mit ihrer Praxis ihren Lebensunterhalt zu sichern“.
Die IGPP sehe ihre vordringliche Aufgabe in einer Grundlegung Philosophischer Praxis, die „indifferent gegen Richtungen“ sei, die „Philosophieren selbst, am Prozess und nicht am Resultat interessiert“ sei. In zweiter Linie brauche Philosophische Praxis ein „geübtes ‚Dialogisches Denken’“, d. h. ein „in der Form des Dialogs praktiziertes, in zweisamer, ja ‚allsamer’ Weise vollzogenes Denken“.

Die IGPP ist nun plötzlich skeptisch gegenüber einer Ausbildung zum Philosophischen Praktiker, da „ein jeder Lehrer und Schüler zugleich ist“ und die „stets anders bestimmte Subjektivität des andern nicht nur auszuhalten, sondern auch zu fördern ist“ – kurz: „die Kunst der philosophischen Sorge um die der Freiheit angemessene und vernünftige Men-schenführung im schulischen Sinn“ kann „nicht gelehrt werden“ – „der eigentliche Lehrer ist die Sache“. So bleibt denn künftigen Philosophischen Praktikern nichts anderes übrig, als entweder mit guten Erfolgschancen bei Meister Achenbach in die Schule zu gehen, oder nach dem Jakobuskonzept Schmalspurpraktiker zu werden, oder aber nach Rat der IGPP bei der Sache selbst zu lernen – und in zumindest in letzterem Fall mit großer Wahrscheinlichkeit zu scheitern.
Peter Moser

Die naturphilosophische Praxis von Reinhard Falter

Reinhard Falter ist Mitbegründer und Leiter des „Instituts für naturphilosophische Praxis (INAP) e.V.“ in München. In den letzten Jahren hat er sowohl mit Gruppen als auch mit Einzelpersonen versucht, die Natur als Therapeutikum erfahrbar zu machen. Wie er in seinem Artikel Natur als Spiegel und Rahmen, Botschaft und Verborgenheit (Wurzel) – Zur Methode naturphilosophischer Praxis, in: psychologik 1, 2006, Karl Alber, Freiburg ausführt, ist dabei im Gegensatz zu den meisten philosophischen Praxen die Ge-sprächsführung nicht dialogisch oder sokratisch angelegt. Vielmehr will er seine Klienten dazu bringen, aus der Natur Hinweise auf die sie bedrängenden Fragen aufzunehmen. Deshalb finden seine Gespräche nicht in einem geschlossenen Raum statt. In einem telephonischen Vorgespräch wird vielmehr ein passender Ort (etwa ein Fluss, ein Wald oder eine Quelle) vereinbart.

Hinter diesem Konzept steht die Annahme, dass Naturlandschaften auf Seelenlandschaf-ten wirken und die Erfahrung, dass Stimmungen, Gedanken und Artikulationsmöglichkeiten nicht unabhängig von Umgebung und Zeit sind. Falter ist der Ansicht, dass die gegenwärtige Psychologie methodisch nicht in der Lage ist, landschaftliche Einflüsse auf Biographien und Weltbilder von Menschen herauszustellen. Der Einfluss der Arbeitsmarktsituation zum Zeitpunkt des Schulabganges auf eine Biographie lässt sich besser hervorheben als die Wirkung der Kindheitslandschaft.

Eine Landschaft lässt sich als eine Konstellation von Qualitäten und Atmosphären auslegen, die ich am eigenen Leib erfahren habe.
Umgekehrt lässt sich eine Psyche aber auch als eine (Seelen)-Landschaft auslegen und ein Fluss lässt sich als Bild der Biographie auffassen. Dabei ist es wichtig mitzubedenken, dass er als solcher Teil des Wasserkreislaufes ist und zwar als dessen gestalthafter Teil, und dass ebenso die Biographie der gestalthafte Teil eines größeren zyklischen Zusammenhanges von Werden und Vergehen ist. Die persönliche Erfahrung angesichts eines Flusses führt uns bei genügend Musse zwangsläufig zu unserer eigenen Biographie. Der Blick vom Berggipfel in einen flammen-den Sonnenuntergang konfrontiert uns mit der Vorahnung des letzten Aufleuchtens un-seres eigenen Lebenslichtes. Der Versuch, solche Betrachtungen niederzuschreiben, führt in der Regel zu tagebuchartigen Aufzeichnungen.
Für Falter sagt die Natur zwar etwas über uns, aber sie geht darin nicht auf und sagt deshalb immer auch etwas über uns, was ü-ber uns hinausgeht. Ihr Ausdruck ist nicht auf uns gerichtet und auch nicht auf die Menschheit. Die Betrachtungen der genannten Art sind nicht solche von Gegenüber- sondern von Mit-Sein. Falter hat dafür den Terminus Bedeutungswissen eingeführt.

In seiner Praxis geht es zunächst darum, so einfache Erfahrungen wie die völlig andere Atmosphäre einer Linde und einer Eiche, die nebeneinander stehen, zu erfassen. Dass heisst zunächst überhaupt wahrzunehmen, dass etwas da ist, dass dies wahrnehmbar ist, indem es einen affiziert, dass aber das Eigenwesen des Baumes erst erfasst wird, wenn wir durch diese Affizierung hindurchgegangen sind. Es vollzieht sich in der Folge eine tendenziell unendliche Pendelbewegung zwischen Selbstauslegung in Bildern der Natur und Naturdeutung in Bildern der Seelenlandschaft.

An einem Fluss offenbart sich in dessen Ver-zweigungen etwas über das Wesen gelunge-ner Biographie. Erkannt wird, dass im eigenen Leben verschiedene Strömungen nebeneinander herlaufen und dass diese Vielstimmigkeit etwas Gutes hat. Dass es aber auch wichtig ist, dass sie nicht einfach auseinanderlaufen, sonst wären sie zum Versickern verurteilt. Auf diese Weise bekommt das Naturbild allmählich Normativität.

erschienen in Heft 1/2007





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