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Binswanger, Ludwig

Ludwig Binswangers Phänomenologie des Daseins

Ludwig Binswanger (1891-1966) war als Sohn eines Arztes im „Bellevue“, einem privaten Spital für Geisteskranke in Kreuzlingen am Bodensee aufgewachsen. Der Umgang mit den Patienten gehörte in seiner Familie zum Alltag. Binswanger studierte Medizin, wurde Assistent von C.G. Jung und übernahm nach dem frühen Tod seines Vaters das „Bellevue“. Daneben beschäftigte er sich intensiv mit Philosophie. Bei seinem 1942 erschienenen phänomenologischem Hauptwerk Grundformen und Erkenntnis menschlichen Daseins handelt es sich um einen dezidierten Gegenentwurf zu Heideggers Sein und Zeit. Dass dabei die intersubjektiven Bezugskontexte des Daseins in das Zentrum gerückt werden, ist das Resultat der ärztlich-therapeutischen Praxis, welche für Binswanger als Psychiater die Ausgangsposition der philosophischen Reflexion bildet.

Zu Beginn von Binswangers wissenschaftlicher Publikationstätigkeit waren die beiden Disziplinen Philosophie und Psychologie noch nicht eindeutig getrennt. In der Erklären-Verstehen-Kontroverse, wie sie zwischen dem Wundt-Schüler Ebbinghaus und Dilthey ausgetragen wurde und wo sich die Grundpositionen der modernen Experimentalpsychologie und der geisteswissenschaftlichen Psychologie artikulierten, stand Binswanger auf der Seite der verstehenden Psychologie. Er suchte jedoch nach einem Ausweg, der aus dem methodischen Schisma von Erklären und Verstehen herausführen sollte. Dabei blieb, wie Michael Schmidt in seiner Promotionsarbeit

Schmidt, Michael: Ekstatische Transzendenz. Ludwig Binswangers Phänomenologie der Liebe und die Aufdeckung der sozialontologischen Defizite in Heideggers „Sein und Zeit“. 324 S., kt. 2004, € 39.80, Königshausen und Neumann, Würzburg

ausführt, das Verstehen in seiner hermeneutischen Traditionslinie für Binswanger der Leitbegriff. Den Ausweg aus der Methodenkontroverse sah er in der Einbeziehung der Phänomenologie, durch welche eine sachgerechte (phänomengerechte) Verortung der differenten Methoden erst ermöglicht werden soll. Die Phänomenologie fungiert für ihn als dritter Weg, durch den der methodische Gegensatz in der Synthese einer Sachorientierung aufgehoben werden soll.
Die Phänomenologie Husserls – im Sinne einer deskriptiven Wesenslehre reiner Erlebnisse – war für Binswanger der Weg zur Aufklärung des Phänomens „Verstehen“. Um gemäß dem Leitwort Husserls zu den Sachen selbst vorzudringen, stellte Binswanger eine phänomenologische Grundreflexion in den Vordergrund. Sie sollte einen klaren Blick auf das Phänomen ermöglichen. Auf dieser Basis schien es ihm möglich, die psychologischen Abwandlungen und Vollzugs-weisen des Verstehens zu klären. Das Verstehen der Erlebnisse vollzieht sich für Binswanger im Hinblick auf deren intentionalen Sinn, weshalb das psychologische Verstehen in erster Linie ein Motivverstehen ist. Das motivationsmäßige Verstehen bleibt dabei immer eingebettet in ein ganzheitliches Personenverständnis, in dem die Erlebnisse nicht losgelöst von der Person und vom Erlebniszusammenhang betrachtet werden.

Entscheidend für Binswangers wissenschaftliche Entwicklung war die Begegnung mit der Psychoanalyse Freuds. Schon während seiner Zeit als Assistenzarzt (1906) an der Zürcher Klinik „Burghölzli“ in Zürich unter Eugen Bleuler und C.G. Jung kam er in Kontakt mit der Psychoanalyse. Über C.G. Jung, seinen Doktorvater, kam es 1907 zu einer ersten persönlichen Begegnung mit Freud, aus der eine Freundschaft resultierte, die bis zu Freuds Tod dauerte. Inspiriert von der Psychonalyse kritisierte Binswanger Jaspers’ Behauptung, dass innerhalb des seelischen Erlebens von Geisteskranken keinerlei Kausal- oder Sinnbeziehungen zu erkennen seien. Gerade die Psychoanalyse ermögliche einen Zugang, um kausale Gesetzmäßigkeiten durch ein verstehendes und nachvollziehendes Verfahren zu erforschen. Indem Binswanger sich gegen Jaspers richtete, plädierte er für die Entwicklung einer Psycholo-gie, die auf der methodischen Grundlage des Verstehens basiert und damit auch spezifische Sinn- und Kausalbeziehungen auf einer psychologischen Ebene untersucht und darstellt. Die Differenz zwischen einfühlbarem und nicht einfühlbarem Seelenleben ist nach Binswanger in maßgeblicher Weise von der Erlebnisfähigkeit des Beobachters abhängig. Dabei ist der Umstand entscheidend, „dass wir andere Individuen nur soweit verstehen, als wir ihnen ähnlich erleben können“. Der Verstehenshorizont der damaligen Psychiatrie war damit in grundlegender Weise erweitert.

In seinem Enthusiasmus ging Binswanger noch davon aus, dass die Psychoanalyse für alle Formen der Geisteskrankheit die geeig-nete Behandlungs- und Heilmethode sei. Im Laufe der Zeit wurde sein Verhältnis zur Psychoanalyse aber immer kritischer und auch fundierter. Insbesondere kritisierte er die Unzulänglichkeit deren tragender Begriffe. Eine Lösung des Problems sah er nun in der Phänomenologie, die das Rüstzeug für eine grundlegende methodologische Fundierung bot. Dabei schloss er sich wesentlich der phänomenologischen Konstitutionslehre Schelers an, der eine Theorie der „inneren Wahrnehmung“ vertrat. Binswanger entwickelte dies zu einer eigenen Psychologie, der „Personwissenschaft“. Dabei bildet die intuitive, innere Wahrnehmung die methodische Basis, durch welche die Motive und das Wesen einer konkreten Existenz mit einer individuellen Lebensgeschichte nacherlebt und verstanden werden können.

Mit dem Erscheinen von Heideggers Sein und Zeit (1927) vollzieht Binswanger eine Wende von der Phänomenologie des Bewusstseins zur Phänomenologie des Daseins. Heideggers phänomenologische Analyse der Seinsverfassung des Daseins und die Darlegung existenzialer Strukturglieder des In-der-Welt-seins werden von Binswanger als eine Konkretisierung der Phänomenologie erfasst und fungieren fortan als Grundlage und Inspiration für die eigene psychiatrische und anthropologische Forschung. Binswanger entwirft nun eine eigene Forschungsmetho-de, die er Daseinsanalyse nennt. Anders als bei Heidegger bezieht sie sich auf den onti-schen Bereich und versteht sich als eine empirisch ausgerichtete phänomenologische Anthropologie.

Neben Heidegger gewinnen in den dreißiger Jahren zunehmend auch dialogisch orientier-te Philosophen Einfluss auf das Denken Binswangers. Insbesondere sind es die Arbeiten Bubers und Löwiths, die ihm als Ausgangsbasis zu seinem 1942 erschienenen Hauptwerk, den Grundformen, dienen. Sowohl Umfang als auch Dauer der Ausarbeitungszeit (ca. 20 Jahre) bezeugen den besonderen Wert dieser Arbeit im Gesamtwerk Binswangers. Dieses Werk bildet den zentralen theoretischen Bezugspunkt aller folgen-den daseinsanalytischen Arbeiten. Binswanger liegt hier eine umfassende strukturelle Analyse menschlicher Kommunikations- und Begegnungsformen vor. Ausgehend von Heideggers Analytik des Daseins, in dem das Mit-sein mit Anderen zwar in einer formalen existenzialen Struktur erfasst ist, dem in der inhaltlichen Ausarbeitung jedoch nur eine periphere Rolle zukommt, entwirft Binswanger eine Phänomenologie der Liebe, in der das Miteinandersein von Ich und Du in den Mittelpunkt gerückt wird. Seine sozialonto-logische Auslegung des Daseins basiert auf der phänomenologischen Analyse von drei anthropologischen Grundformen der dualen Seinsweise: des liebenden Miteinanderseins, der pluralen Seinsweise des unbestimmten Miteinanderseins und der singulären Seins-weise des Beisich-seins.

Ganz im Gegensatz zu einer objektiv-generalisierenden Psychologie kommt mit der Individualität die „Einmaligkeit, Ein(s)heit und Einzigartigkeit“ der Person in die Diskussion. Das individuelle Seelenleben der Person ist wiederum nur über das eigene Erleben oder über die Erschließung von frem-dem Erleben zugänglich. Binswangers Psychologie der Person zeichnet sich besonders durch diese radikale Hinwendung zum Individuellen in seinem erlebenden Lebensvoll-zug aus. Von Scheler übernimmt Binswanger die Ansicht von der ursprünglichen phänomenologischen Undifferenziertheit des fremden Menschen in der Wahrnehmung hinsichtlich Leib und Ich und die Lehre von der ursprünglichen Ungeschiedenheit des Erkenntnisstroms in dem eigenen und fremden Erleben.





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