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STICHWORT

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Bernadette Collenberg-Plotnikov :
Iconic Turn


Seit den 1980er Jahren zeichnet sich in der akademischen wie außerakademischen Kultur eine Hinwendung zum Paradigma ‚Bild‘ ab. Auslöser dieses neuartigen Interesses, für das sich die Bezeichnung ‚iconic turn‘ durchgesetzt hat, ist die Erfahrung einer ständig steigenden Präsenz von Bildern, die mit dem Einzug der Neuen Medien in die Alltagswelt ihren Höhepunkt erreicht hat. Bilder sind längst keine Sonderform der Kommunikation mehr, sondern ihre Normalität. Hinzu tritt das durch den allgegenwärtigen Umgang mit den Neuen Medien und den Einfluss der Werbung geweckte Bewusstsein für die Artifizialität und Ästhetizität prinzipiell jedes Bildes, aber auch für seine Manipulierbarkeit. Dabei sind die von der Kunstgeschichte verwalteten Bilder fast zur Randerscheinung geworden: Das Massenmedium ‚Bild‘ – die Bilder der Information, Werbung und Unterhaltung – hat dem Medium ‚Kunst‘ quantitativ unbestreitbar den Rang abgelaufen. Den deutlichsten Ausdruck findet diese kulturelle Wahrnehmung in der immer wieder beschworenen Einschätzung, heute einer ‚Bilderflut‘ ausgesetzt zu sein.

Im Bereich der Kunst verbindet sich mit den Kunstpraktiken der Moderne der Appell, die Prämissen des Bildes zu reflektieren: Sie brechen mit der tradierten Vorstellung des Bildes als Fenster oder Spiegel – also als Mittel der Repräsentation von etwas außerhalb des Bildes Gegebenem – und erkunden die reine Sichtbarkeit des Bildes, das Bild als Objekt. Neuere künstlerische Ansätze, wie sie seit den 1960er Jahren vor allem im Rahmen der Medienkunst vorgebracht werden, reagieren dagegen bereits auf die aktuelle Problematik des fortgesetzten Bildkonsums.

Zu den verschiedenen Typen von Bildern, die heute als bestimmend für das Leben der Menschen betrachtet werden, gehören aber nicht nur materielle bzw. externe Bilder – d.h. Bilder im engeren Sinne – einerseits und informatische, digitale Bilder andererseits. Hinzu tritt eine Fülle weiterer Phänomene, die nun explizit hinsichtlich ihres Bildcharakters thematisiert werden, und ihrerseits den Eindruck nähren, einer Bilderflut ausgesetzt zu sein: mentale bzw. innere Bilder, unter denen man im Wesentlichen anschauliche Vorstellungen versteht, sprachliche Bilder, für die das Phänomen der Metapher paradigmatisch ist, ethisch-normative Bilder, wie sie etwa in der Rede vom Menschenbild oder einem Vorbild bzw. Leitbild Ausdruck fin-den, aber auch das ontische Bild, das prototypisch in der Platonischen Ideenlehre als abbildhafte Teilhabebeziehung an einem Ur-bild entwickelt worden ist. (Zu dieser Eintei-lung der Bildphänomene vgl. Sachs-Hombach.)

Diese Veränderungen haben irritierende Defizite in der theoretischen Kompetenz dem Bild gegenüber offenbar werden lassen. Anders als die Sprache, die durch die Sprach-wissenschaften und die Sprachphilosophie nicht nur als Träger von Inhalten, sondern auch als Medium bereits ausführlich erforscht ist, war das Bild in der Regel nur als Abbild, Kopie, Illustration etc. gedeutet, aber nicht als selbständiges Phänomen erfasst worden. Und so ist das Thema ‚Bild‘ zum Gegenstand einer inzwischen kaum noch zu überblickenden Zahl von Publikationen geworden, die durch Tagungen und For-schungskollegs flankiert werden. Neben der Kunstgeschichtsforschung als der sozusagen klassischen Wissenschaft vom (künstleri-schen) Bild beteiligen sich an diesen Analysen Vertreter so gut wie aller akademischen Fächer. Selbst für die Medizin, die Mathematik und die Naturforschung ist das Bild in-zwischen zum Thema geworden. Auch Praktiker, Macher verschiedenster Arten von Bildern, beteiligen sich an diesem Austausch. (Vgl. u.a. Boehm/Maar/Burda)
Die Rede von einem ‚iconic turn‘ impliziert aber, dass es bei der Analyse des Bildphänomens um etwas anderes geht, als nur um eine theoretische Bewältigung der vielbeschworenen Bilderflut. Der Titel spielt nämlich – selbstverständlich – auf den von Richard Rorty in den 1960er Jahren ausgerufe-nen ‚linguistic turn‘ an. So hatte Rorty die damals letzte der von ihm als eine Folge von ‚Wenden‘ (turns) beschriebenen Geschichte der Philosophie bezeichnet, in denen jeweils neue Problematiken auftauchen, alte dagegen verschwinden. Der durchschlagende Erfolg dieses Titels verdankte sich maßgeblich der Tatsache, dass er eine Interessenlage auf den Begriff brachte, die seinerzeit nicht allein in-nerhalb der Philosophie, sondern auch in den anderen Humanwissenschaften dominierte.

Unter den Wenden, die seitdem in immer kürzerer Folge proklamiert wurden, kommt dem ‚iconic turn‘, was den Umfang und die Konstanz der Diskussion anbetrifft, eine besondere Bedeutung zu. Bereits seit den 1980er Jahren verdichten sich die Auseinandersetzungen mit der Bildproblematik. Die Rede von einem ‚iconic turn‘ wird allerdings erst in den 1990er Jahren geprägt: Im März 1992 erschien in der Zeitschrift Artforum ein Aufsatz des Amerikaners William J. Thomas Mitchell mit dem Titel „The Pictorial Turn“. Bereits im Vorjahr hatte Ferdinand Fellmann im Rahmen seiner Studie zum Symbolischen Pragmatismus von einem „imagic turn“ gesprochen. 1994 konstatierte dann der Basler Kunsthistoriker Gottfried Boehm für die Humanwissenschaften einen „iconic turn“ bzw. deutsch: eine „ikonische Wendung“. Diese Reihe von Versuchen, unter Anspielung auf Rortys Vorgabe einen Namen für die gemeinte Hinwendung zum Bildphänomen zu finden, wird vorerst beschlossen durch Klaus Sachs-Hombach, der 2003 darauf hingewiesen hat, dass – wenn die Analogie wirklich ernst genommen werden soll – eigentlich richtiger von einem „visualistic turn“ die Rede sein müsste. Denn wie im Zeichen des ‚linguistic turn‘ die Formen des Bewusstseins, des Unbewussten, der Kultur und der wissenschaftlich repräsentierten Na-tur in immer neuen Vorstößen als Manifestationen von ‚Textualität‘ und ‚Diskurs‘ gedeutet wurden, geht es auch in der Wendung zum Bild nicht bloß um die Reflexion einer quantitativen, sondern auch und vor allem einer qualitativen Veränderung im Status des Bildes: Es geht um die Annahme einer „Unhintergehbarkeit des Bildhaften“ (Sachs-Hombach). Der Anspruch auf Wissen kann nun nicht länger nur mit diskursivem, sprachgestütztem Wissen verbunden werden. Vielmehr wird hier die Annahme zentral, auch Bilder stellten eine irreduzible Form menschlicher Selbstverständigung und Wissenspräsenz dar. Eine zentrale Rolle bei der Ablösung des Sprach-Paradigmas kommt Ludwig Wittgensteins Konzept des ‚Sprachspiels‘ zu, nach dem Begriffe nicht etwa nach den strengen Regeln der Logik verbunden werden, sondern vielmehr nach der Maßgabe von ‚Familienähnlichkeiten‘. Hier zeige sich, dass selbst philosophisches Denken nicht von seinem bildlich-rhetorischen Boden abgetrennt werden kann – dass es „metaphernpflichtig“ (Hans Blumenberg/ Boehm) ist.

Innerhalb der Einzelwissenschaften bedeutet das Interesse am Bildphänomen für die Kunstgeschichtsforschung als bereits etablierte empirische Bilddisziplin – vorderhand überraschenderweise – die größte Provokation. Die Transformation der traditionellen Kunstgeschichte zu einer übergreifenden Bildwissenschaft ist im anglo-amerikanischen Raum bereits akademischer und kultureller Alltag. Hier widmen sich die ‚visual studies‘ einem neuen Forschungsfeld, der ‚visual culture‘. Aber auch eine Reihe von kontinentaleuropäischen Kunsthistorikern versteht die allgemeine Diskussion um das Bild als Anlass, endlich einen Reformstau innerhalb der Disziplin zu durchbrechen. Dabei wird die Forderung erhoben, die Kunstgeschichtsforschung zu einer allgemeinen Bildwissenschaft umzugestalten. (Vgl. bes. Hans Belting, Gottfried Boehm, Horst Bredekamp) Allerdings zeichnet sich innerhalb des Fachs auch prinzipielle Kritik an diesem generalistischen Impuls ab. Dabei wird nicht etwa eingeklagt, zu einem geschlossenen Kunstbegriff zurückzukehren, sondern vielmehr, die singuläre Funktion des Kunstbildes als geschichtlichem Phänomen gegenüber anderen Bildtypen herauszuarbeiten. Es geht um die Entwicklung einer Kunstgeschichtsforschung, die sich mit der Frage beschäftigt, wie die Kunst zu den Bildern steht – näherhin: die Transformation der Kunstgeschichte zu einer historischen Bild-Kritik. (Vgl. bes. Willibald Sauerländer)

Indem das Thema ‚Bild‘ die Interdisziplinarität geradezu herausfordert, werden aber zugleich weitere Probleme deutlich: Mit welcher wissenschaftlichen Methode sind Bilder zu verstehen? Vermag der Bildbegriff überhaupt so generell gefasst werden, dass es eine Bildwissenschaft geben kann? Hier setzt vor allem der aktuelle philosophische Beitrag zum Thema ‚Bild‘ an.

Innerhalb der Philosophie waren seit jeher in Teilgebieten wie der Ästhetik, Sprachphilo-sophie, Erkenntnistheorie, Anthropologie, Metaphysik und Philosophie des Geistes u.a. auch Aspekte des Bildes thematisiert worden. Im Zuge der neuartigen Hinwendung zum Bild im Zeichen des ‚iconic turn‘ wurde diese dezentralisierte und in der Regel beiläufige Reflexion des Bildthemas in der Phi-losophie allerdings als unzulänglich empfunden. Inzwischen liegt jedoch eine größere Anzahl von Monographien vor, die in diese Lücke stoßen (vgl. bes. Gernot Böhme, Reinhard Brandt, Stefan Majetschak, Klaus Sachs-Hombach, Lambert Wiesing). Und so zeichnet sich nun auch in der Philosophie das ‚Bild‘ als eigenständiger Themenbereich ab. Dabei reagieren die Beiträge auf die Schwie-rigkeit, angesichts der Vielfalt von Perspek-tiven, unter denen das Bild in den Einzelwissenschaften thematisiert wird, überhaupt des Gegenstandes ‚Bild‘ habhaft zu werden. Ausgehend von der bereits von Edmund Husserl und Jean-Paul Sartre geprägten Leitformel, dass ein Bild etwas zeigt, was es selbst nicht ist, sind hierzu Vorschläge unterbreitet worden.

So ist beispielsweise aus kantianischer Sicht das Bild als Vermittlung von Erkenntnis über die Anschauung analysiert worden. In dieser Verknüpfung von Erkenntnis und Anschau-ung wird dabei zugleich der Grund für die traditionelle Vernachlässigung des Themas Bild in der Philosophie gesehen: Bilder seien bisher mit den Vorstellungen, mit denen es die Philosophie zu tun hat, identifiziert worden. Demgegenüber wird nun erklärt, für die Erkenntnisweise des Bildes sei es spezifisch, dass es in (allerdings nur analytisch) voneinander zu trennenden Schritten einerseits in einem invarianten, vorsymbolischen Akt des Betrachtens wahrgenommen und andererseits das Gesehene als von der Wirklichkeit unterschiedener, in signifikanter Weise gestalteter Gegenstand bzw. Inhalt gedeutet wird. Wo das Bild nicht eine bildexterne Kultur, sondern nur noch sich selbst reflektiert, verliert es daher letztlich seinen Status als Bild. (Brandt) Gegen einen solchen Zugang ist eingewandt worden, es gehe dabei weniger um den Aufweis eines genuin bildlichen, nicht-sprachlichen Erkenntnispotentials als um den eines in Bildern sich manifestieren-den außerbildlichen Logos. Bilder konstituierten aber eine irreduzibel eigenständige Wirklichkeit. (Majetschak) Es gebe keine neutrale, intersubjektive und kulturinvariante Art zu sehen. Die Wirklichkeit der Bilder könne ohne Beachtung der ‚Bildpragmatik‘, d.h. unserer unterschiedlichen Umgangsweisen mit Bildern, nicht angemessen verstanden werden. Ein definitives Wesen des Bil-des sei daher schlechterdings nicht begrifflich fassbar. (Böhme) Auf philosophische Initiative geht auch der ausdrücklich wissenschaftstheoretisch angelegte Versuch zurück, eine allgemeine Bildwissenschaft nicht als neue, weitere Disziplin zu etablieren, son-dern vielmehr durch die Erarbeitung einer allgemeinen Bildtheorie den unterschiedlichen relevanten empirischen Einzeldisziplinen einen methodischen Rahmen für die Entwicklung eines integrativen Forschungsprogramms zur Verfügung zu stellen. (Sachs-Hombach) Charakteristisch für diese Ansätze ist dabei, dass das Kunstbild als Prototyp des Bildes ausgezeichnet wird, von dem dann Aussagen über ‚das Bild‘ extrapoliert wer-den.

Allerdings liegen auch philosophische Über-legungen vor, die eine Differenzierung von Kunstbild und nicht-künstlerischem Bild er-reichen. So wird etwa aus phänomenologi-scher Perspektive anhand der Frage nach der Bildpragmatik unterschieden zwischen der (am meisten verbreiteten) Verwendung des Bildes als Zeichen für Gegenstände, ihrer (insbesondere durch die Neuen Medien ins Spiel gebrachten) Verwendung als Verstäker der Imagination und der Verwendung des Bildes zur Erforschung der Wahrnehmung, die maßgeblich im Kunstbild geleistet wird. (Wiesing)

Eine zumindest ebenso große Herausforderung wie die Herstellung einer allgemeinen begrifflichen und methodischen Grundlage für die verschiedenen Theoretisierungen von Bildern scheint es in der Tat zu sein, darüber nicht die kategorialen Unterschiede zwischen den Bildtypen und den geschichtlichen Wandel der Funktionen von Bildern aus dem Blick zu verlieren.

UNSERE AUTORIN:

Die promovierte Kunsthistorikerin Bernadet-te Collenberg-Plotnikov ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der FernUniversität in Hagen. Sie leitet dort den Forschungsschwerpunkt „Philosophische Grundlagen der Kunstgeschichte“. Kontakt: bernadette. collenberg@fernuni-hagen.de

LITERATUR ZUM THEMA:

Boehm, Gottfried (Hg.): Was ist ein Bild? 459 S., kt., 32001 (11994), € 29.—, Wilhelm Fink, München.
Erster, inzwischen klassisch gewordener Versuch, für die deutsche Debatte aus her-meneutisch-phänomenologischer Perspektive einen Überblick über die Grundlagen bild-theoretischer Reflexion zu leisten.

Maar, Christa / Burda, Hubert (Hg.): Ico-nic Turn – Die neue Macht der Bilder. 452 S., kt., 32005 (12004), € 24.90, Du Mont, Köln.
Interdisziplinär angelegter Sammelband, der Beiträge von Vertretern der verschiedensten Geistes- und Naturwissenschaften erstmals mit solchen von Bilder-Machern (Video-künstlern, Filmemachern, Architekten) vereinigt.

Majetschak, Stefan: ‘Iconic Turn‘. Kritische Revision und einige Thesen zum ge-genwärtigen Stand der Bildtheorie, in: Phi-losophische Rundschau 49 (2002), S. 44-64.
Besprechung zentraler philosophischer Publikationen zur Bildtheorie in Deutschland zwischen 1998 und 2000 von R. Brandt, G. Böhme und K. Sachs-Hombach/H. Rehkäm-per (Hg.).

Sachs-Hombach, Klaus: Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer all-gemeinen Bildwissenschaft. 365 S., kt., 2003, € 26.—, Herbert von Halem, Köln.
Philosophischer Entwurf einer Bildtheorie, die als Rahmen für die Kooperation der un-terschiedlichen Bilddisziplinen im Sinne ei-ner allgemeinen Bildwissenschaft konzipiert ist.

Sachs-Hombach, Klaus (Hg.): Bildwissenschaft. Disziplinen, Themen, Methoden. 430 S., Pb., 2005, € 15.—, Suhrkamp, Frankfurt a.M.
Breit angelegter Versuch, einen Überblick über die Bedeutung der Bildlichkeit inner-halb der einzelnen Wissenschaftsdisziplinen zu liefern.

Wiesing, Lambert: Phänomene im Bild. 158 S., kt., 2000, € 23,90, Wilhelm Fink, Mün-chen.
Untersuchung der Bedeutung des phänome-nologischen Verständnisses, dass auf einem Bild Dinge sichtbar sind, die ‚nursichtbar‘ sind, für die Kunst und die Neuen Medien.










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