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Zukunftsperspektiven von Philosophieabsolventen

Eine Promotion wirkt sich positiv
auf das Einkommen aus
Eine Untersuchung über die Zukunftsperspektiven
von Philosophieabsolventen



Katrin Bialek und Holger Sederström sind dem Lebensweg von 77 ehemaligen Studierenden, die mit einem Magister im Hauptfach Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin abgeschlossen hatten, nachgegangen. Sie und ihr Team haben gefragt: Was ist aus ihnen geworden? Befragt wurden diejenigen, die in den Jahren 1995 bis 2005 ihr Studium erfolgreich abgeschlossen hatten – und deren gegenwärtige Adresse man herausfinden konnte. Das sind von 154 Personen immerhin noch 77, dabei ist der Prozentsatz von denjenigen, die vor 2000 abgeschlossen hatten, geringer, was sich auf das Resultat auswirkt: viele arbeiten noch an ihrer Promotion. Von den Erfassten sind 1/3 weiblich, 2/3 männlich. Die Resultate finden sich in der „Verbleibstudie des Instituts für Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin“ auf 81 Seiten.

Das Durchschnittsalter beim Studienabschluss liegt bei 29 Jahren, die durchschnittliche Anzahl der Semester bis Studienende beträgt 13,3. Elf der Befragten hatten bereits promoviert, weitere achtzehn arbeiteten noch daran. Das beliebteste zweite Hauptfach bzw. Nebenfach ist mit Abstand Germanistik (31), es folgen Politik (15), Geschichte (10), während nur 3 Biologie nennen. 16% der Befragten haben den Magisterabschluss mit „ausgezeichnet“, 39% mit der Auszeichnung „sehr gut“ und 40% mit dem Prädikat „gut“ erreicht.

In was für Berufen arbeiten diese Personen nun? Interessanterweise geht etwa ein Drittel mehreren beruflichen Tätigkeiten nach (deshalb auch im folgenden Mehrfachnennungen). Genannt wurden die folgenden Felder:



Wissenschaft 41
Journalismus 11
Unternehmen 11
Nebentätigkeit, Jobs 10
Ausbildung 7
Selbständigkeit 7
Lehrtätigkeiten 4
Praktikum 3
Interkultureller Dialog 1
Vereine 1
Ehrenamtlich 1

Von den im Bereich Wissenschaft Arbeitenden haben allerdings nur 25% einen regulä-ren Arbeitsvertrag als wissenschaftlicher Mitarbeiter oder Assistent. Und sie arbeiten auch nicht alle im Bereich Philosophie. Vielmehr arbeitet einer in einem Wirtschaftsforschungsinstitut, einer habilitiert sich im Bereich Medienwissenschaft, ein anderer promoviert in Biologie, wieder ein anderer im Bereich Geschichte. Und auch nicht alle in Deutschland; genannt wurden auch die Länder Dänemark, Polen, Uganda und die USA.

Den Journalismus üben die meisten, die diese Tätigkeit nennen, nur nebenberuflich, ne-ben der wissenschaftlichen Qualifikation, aus. Einer hat eine unbefristete teilzeitliche Redakteursstelle und promoviert daneben. Auch zwei von denen, die freiberuflich tätig sind, arbeiten nebenbei an der Promotion, ein anderer arbeitete zu deren Finanzierung in einem Kaufhaus.

Neun der Befragten (11,7%) sind zeitlich unbefristet mit einem vollen Pensum in einem Unternehmen beschäftigt (drei davon arbeiten wiederum gleichzeitig an ihrer Promotion). Beschäftigt sind sie in den Bereichen Personalabteilung, Management, Marketing und Finanzconsulting. Fünf der Befragten führen verschiedene Hilfsjobs zum Lebensunterhalt aus, zwei davon als studentische Hilfskräfte. Einer ist Lehrer an einer Schule und gibt nebenher privat in einer Metallverarbeitungsfirma Unterricht.

Fünf der Befragten haben ein weiteres Studium abgeschlossen. Dabei wurden die Stu-diengänge Mathematik, Humanmedizin, Musik, Pädagogik und Deutsch als Fremdsprache genannt. Eine Absolventin nimmt neben ihrer Arbeit an der Promotion an einer Ausbildung zur Familientherapeutin teil, zwei arbeiten als Praktikanten in einem Verlag.

Die sieben Selbständigerwerbenden arbeiten in den Bereichen Webdesign (2), Übersetzungen, Lehrtätigkeit, Lektorat (4), Journalismus (4) sowie freiberufliche Tätigkeit im Theater. Die meisten haben ein zweites Standbein, d.h. sie arbeiten in zwei Bereichen.

Allerdings stehen von den Genannten nur 15,6% in einem zeitlich unbefristeten Ar-beitsverhältnis (zwei in der Wirtschaft, zwei im Journalismus), was wiederum damit zu-sammenhängt, das viele an ihrer Promotion arbeiten. Die meisten mit einem befristeten Arbeitsvertrag sind als wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität tätig.

Fünf der Genannten sind offiziell als arbeitssuchend genannt. Drei davon bewerben sich für ein Stipendium, einer arbeitet freiberuflich. Zwei befinden sich in der Elternzeit mit der Option, später wieder in ihrem Beruf arbeiten zu können.

Wie sind sie zu ihrer jetzigen Tätigkeit gekommen? Knapp die Hälfte fand dank der Mithilfe ihrer Freunde, Bekannten und Kollegen einen Arbeitsplatz. Ein weiterer großer Prozentsatz kam aus einer vorangegangenen Tätigkeit (meist Praktikum) dazu. Nur 30% fanden ihre Stelle über eine Stellenausschreibung und 20% aufgrund eigener Bewerbung.

Interessant ist auch, dass 86% der Befragten kinderlos sind bzw. waren (übrigens: dieser Anteil ist markant höher als bei anderen Instituten). Die Mehrzahl der Befragten mit Kindern war jedoch der Ansicht, dass Kinder bei Bewerbungen kein Hindernis sind.

Was das Einkommen betrifft, so erhalten 27,8% finanzielle Unterstützung von anderen Personen aus dem Familienkreis (was wiederum mit der hohen Zahl von Promotionen zusammenhängt). 18,2 % haben ein Stipendium, und insgesamt sechs Personen beziehen staatliche Unterstützungsleistungen (vier ALG II und zwei Erziehungsgeld). Das durchschnittliche Monatseinkommen liegt zwischen 800-1500 Euro (34), nur 6 Personen verdienen mehr als 2500 Euro (dazu gehören ein Jurist, ein Mitarbeiter in einem Forschungsprojekt, ein Mitarbeiter im Bereich Medizin einer Universität, ein freier Autor und ein Lehrer im Ausland; fünf Männer und eine Frau). Die Autoren der Studie kommen zu einem Zwischenfazit: „Die Absolventinnen und Absolventen des Instituts für Philosophie haben für das hohe Arbeitspensum, welches sie beschrieben haben, ein erschreckend niedriges Einkommen.“ Dabei sinkt der Prozentsatz der Frauen, je höher das Einkommen wird. Aber bei denen, die schon länger auf dem Arbeitsmarkt sind, steigt das Einkommen. Das niedrige Einkommen hängt damit zusammen, dass ein großer Teil noch an der Promotion arbeitet. Und eine Promotion wirkt sich langfristig positiv auf das Einkommen aus.

12 der Befragten hatten bereits vor dem Studienabschluss eine Stelle gefunden, mit der sie sich selbständig finanzieren konnten. Weitere 28 fanden innerhalb von drei Mon-ten nach Abschluss Arbeit, insgesamt konnten also über die Hälfte bereits drei Monate nach Studienabschluss ihren Lebensunterhalt selbständig bestreiten. Nur 12 brauchten mehr als ein Jahr für die Stellensuche. Aber viele leben, bedingt durch die Arbeit an der Promotion, in zwei Parallelwelten: „eine für die Finanzierung des Lebensunterhaltes, und eine für die Karriere“, was zu persönlichen Problemen führt. Insbesondere finanzielle Schwierigkeiten werden oft genannt. Ein weiteres Problem ist für viele, dass sie mehrere Tätigkeiten nebeneinander ausführen (müssen). Auch fällt auf: für die einen ist es kein Problem, eine Arbeitsstelle zu finden, für andere hingegen sehr wohl. „Mit Philosophie ist man außerhalb der Wissenschaft problematisch eingestuft“, gibt eine Absolventin zu bedenken.

Ein nicht untypisches Beispiel einer Karriere: Ein Absolvent strebt eine wissenschaftliche Karriere an und will gleich nach dem Abschluss mit der Promotion beginnen. Die Promotion wird abgelehnt, er versucht nun an verschiedenen Universitäten eine Betreuung für sein Thema zu finden, was ihm aber nicht gelingt; in dieser Zeit ist er als arbeitslos gemeldet. Er bekommt nun in München eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft, von der er allerdings nicht leben kann (und von der Familie Unterstützung braucht). Danach arbeitet er für drei Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Fachhoch-schule und versucht nebenbei erneut zu promovieren. Dank dieser Arbeit kommt er zu einer Vollzeitstelle in einer Rechtsanwaltskanzlei, wo er noch zum Zeitpunkt des Interviews arbeitet. Und noch während der Einarbeitungszeit in der Kanzlei kann er seine Promotion abschließen.

Ein zweites Beispiel. Eine Absolventin beginnt nach dem Studienabschluss ein sechs-monatiges Praktikum bei einer Stiftung im Bereich Entwicklungszusammenarbeit. Da-nach folgt ein weiteres Praktikum bei einer Nichtregierungsorganisation. Daneben musste sie zur Finanzierung ihres Lebensunterhaltes in einer PR-Agentur jobben (und erhielt zusätzlich von ihren Eltern eine finanzielle Unterstützung). Gleichzeitig absolvierte sie noch ein Fernstudium zur Vorbereitung einer Arbeit im Ausland. Nun arbeitet sie als Sprachabsolventin im Ausland und überlegt sich, ob sie über das Thema Konfliktberatung und Netzwerkbildung promovieren will.

Die Berufsbiographien von Philosophinnen und Philosophen sind, so das Fazit der Studie, „durch viele Stationen und mehrere Tätigkeiten“, die parallel ausgeübt werden, ge-kennzeichnet. Die Tatsache, dass man außerhalb der Wissenschaft von der Philosophie wenig weiß, führt dazu, dass die Absolventen „in falsche Schubladen“ gesteckt werden. Aber umgekehrt sind nur 25% der Befragten der Meinung, dass das Studium auch auf den Arbeitsmarkt vorbereitet habe, und damit ist dann auch der Hochschularbeitsmarkt ge-meint. Gefordert werden konkret Ausbildung von Schreibfähigkeit, effektives Halten von Referaten und bessere EDV-Kenntnisse. „Das Problem“, so ein Fazit, „ist nicht, dass man Geisteswissenschaften studiert hat, son-dern dass der Praxisbezug fehlt.“ Andererseits wird auch gesehen, dass die Aufgabe des Philosophie- Studiums nicht darin liegen kann, auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten.

Welche der erworbenen Fähigkeiten sind jedoch im späteren Beruf nützlich? An erster Stelle stehen hier die rhetorischen Fähigkeiten. Frei reden zu können, Ergebnisse präsentieren zu können, das kann man später nutzen. An zweiter Stelle steht die Schreibkompetenz. Erst später kommt die Fähigkeit zu selbständigem Arbeiten und zur Arbeitsorganisation. Von großer Bedeutung ist da-gegen die Fähigkeit zu systematischem Denken. Hierunter fallen Prozesse wie das Erkennen von Zusammenhängen und Sachverhalten, die Strukturierung und Gewichtung von Informationen und das Formulieren von Problemen anhand von Strukturen. Weiter die Fähigkeit, Perspektiven zu wechseln, das kritische Bewerten anderer Argumentationen und das Stellen adäquater Fragen.

Rund 30% der Befragten hatte auf dem eigentlichen Arbeitsmarkt noch keine Erfahrung, d.h. sie hatten sich lediglich inneruni-versitär für Assistentenstellen bzw. Stipendien beworben. Dabei hatte die Hälfte davon gute Erfahrungen gemacht, wenn sie sich als Philosophinnen bzw. Philosophen vorstellten, die andere Hälfte hingegen negative. Aber nur 14% derjenigen, die in Tätigkeiten außerhalb der Wissenschaft arbeiten, sind der Meinung, dass das Fach bzw. die Inhalte des Faches bei den Personalchefs bekannt sind. Wenn dies aber der Fall ist (dazu gehören insbesondere der Kulturbereich, der Journalismus, die Unternehmensberatung, der Verlagsbereich und nicht zuletzt auch der Bun-destag), dann wir das Fach sehr geschätzt. Anders aber bei denen, die wenig über das Fach wissen: „Der Ruf des Philosophen ist weltfremd, wenig pragmatisch, Schwafelbacke.“ In zwei Fällen wirkte sich diese Meinung negativ auf die Bewerbung aus.

Als gewünschte zukünftige Berufsfelder wurden genannt:

Akademische Laufbahn 27
Journalismus 6
Beratung 6
Selbständigkeit 6
Interkultureller Dialog 3
Kultur 3
Schreiben 3
Therapeut 2
Verlag 2
Politik 1

Etwa die Hälfte meint, das für sie zutreffende Berufsfeld bereits gefunden zu haben. Aller-dings sind die meisten davon in der Wissenschaft mit einem befristeten Vertrag tätig.

88% der Befragten würden, wenn sie die Wahl hätten, erneut Philosophie studieren, kaum jemand hat die Wahl des Faches nachträglich bereut.




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