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Heidegger: Martins Bruder Fritz

HEIDEGGER

Martins Bruder Fritz


In Meßkirch, Martin Heideggers Heimatort, war Fritz der berühmtere der beiden Brüder: jeder kannte ihn. Martin hingegen sah man vor 1939 nur noch selten in Meßkirch; da-nach kam er mehrmals zu Arbeitsbesuchen, denn sein Bruder schrieb seine Manuskripte ab. Erst in den fünfziger Jahren, als Martin häufiger beim Bruder wohnte, in Meßkirch seinen 70. und 80. Geburtstag feierte und schließlich Ehrenbürger der Stadt wurde, wurde auch der Philosoph in Meßkirch eine hochgeschätzte Persönlichkeit. Freilich gab es dann immer noch welche, die munkelten, der Fritz sei der Verfasser der Werke des Bruders; dem Fritz trauten sie dies eher zu als dem Martin, von dem nun alle Welt sprach.

Hans Dieter Zimmermann ist dem Verhältnis der beiden Brüder, insbesondere aber der Persönlichkeit von Fritz Heidegger nachgegangen. Er bietet in seinem im Plauderton gehaltenen und einfühlsam ohne wissenschaftlichen Anspruch geschriebenen Buch

Zimmermann, Hans Dieter: Martin und Fritz Heidegger. Philosophie und Fasnacht. 172 S., Ln., 2005, € 17.90, C.H. Beck

zudem eine Skizze von Meßkirch und Freiburg in der damaligen Zeit.

Fritz Heidegger war erst Kassierer der Bank in Meßkirch, dann gehörte er deren Vorstand an. Er konnte blitzschnell die Geldscheine zählen und wie ein Kartenspiel auf die Theke werfen, dabei noch ein paar Worte mit dem Kunden plaudernd: die Summe stimmte immer. Bekannt war der Bankier aber vor allem wegen seiner Fasnachtsreden, die er einige Male hielt, die erste 1934, die letzte 1949. Fritz war ein origineller Mensch, ein eigenwilliger mit Ecken und Kanten, ein wenig anders als die anderen. Er besuchte auch gerne die Weinkneipen zum Dämmerschoppen. Von Fritz Heidegger werden noch heute in Meßkirch Anekdoten erzählt.

Fritz war schon als Knabe keinesfalls weniger begabt als Martin. Und auch Fritz nahm anfangs den humanistischen Bildungsweg (er wollte Geistlicher werden) und besuchte ein Gymnasium in Konstanz. Er hatte aber ein besonderes Leiden: er stotterte. In der strengen Zucht des Gymnasiums verschärfte sich das Leiden: Was er sagen sollte, sagen wollte, kam nicht heraus. Peinvolle Minuten des vergeblichen Versuchs, bis endlich das begonnene Wort zu Ende gesprochen war. Man gab den Eltern den Rat, das Kind von der Schule zu nehmen. Der Beruf des Geistli-chen war nun für immer verschlossen.

In den „Fasnetsreden“, wie diese im regionalen Dialekt heißen, hatte er, merkwürdig genug, keinerlei Schwierigkeiten zu reden. Sein Spiel mit der Sprache war voll Humor, er nahm die Sprache ernst und er nahm sie nicht ernst, so wie er sich ernst nahm und nicht ernst nahm. Er litt und riss seine Witze darüber. Seine Wortverdrehungen führten zu schlichten und klugen Einsichten.

Nur drei Karnevalsreden von Fritz sind überliefert, die von 1934, 1937 und 1948. Die von 1934 ist gespickt mit Andeutungen auf die damaligen Ereignisse. Fritz spricht vom vergangenen Sommer 1933, der so heiß war, dass er „alles braun werden ließ“. Und er warnte: „Hütet euch vor den 100%igen“. Fritz hatte im Unterschied zu Bruder Martin den Eintritt in die NSDAP abgelehnt; erst 1942 trat er ein, getrieben von der Sorge um die Zukunft seiner Söhne. Doch schon nach einem halben Jahr wurde er wieder ausgeschlossen. Ein Grund dafür mag gewesen sein, dass er den Hitlergruß nicht vorschriftsmäßig mit hoch erhobenem ausgestreckten rechten Arm und Hand ausführte.

1937 wird Fritz noch deutlicher: „Der eine sieht am helllichten Tag Gespenster, der andere zittert vor dem Schlag der Zeit und wieder ein anderer verwechselt die Volkswerdung mit einem alten Kasernenhof. Die wunderbare Tatsache: Alles zieht an einem Strick – und keiner traut dem anderen!... Gar nichts ist selbstverständlich auf dieser Welt. Es ist nicht einmal selbstverständlich, dass ich wieder heil von diesem Gerüst herunterkomme.“ Er zitierte anschließend ein Nazi-Lied „Lasst wehen die Fahnen, lasst flattern die Wimpel“ und fügte bei: „Und wer’s nicht glaubt, ist auch kein Simpel“.

Fritz Heideggers Scherze konnten aber auch recht grob sein. Wenn er schlecht gelaunt war, ließ er dies die anderen durchaus spüren. Es kam vor, dass er grußlos ins Wirtshaus kam, niemanden eines Blickes würdigte und sich an seinen Stammplatz setzte. Gefürchtet war seine Angewohnheit, im Weinglas, das er des öfteren im Wirtshaus leerte, einen kleinen Rest übrig zu lassen, um ihn den armen Seelen der Verstorbenen zu widmen. Denn er schüttete diesen Rest in hohem Bogen über die Schulter. Wen es traf, der hatte Pech gehabt. Erboste Gäste wies er zurecht: „Die arme Seele soll au was habe“.

Fritz hatte auch keinen Respekt vor seinem berühmten Bruder, denn er bei dessen gele-gentlichen Besuchen in der Heimat immer mit in seine Stammkneipe nahm. So auch kurz nach dem 80. Geburtstag von Martin Heidegger. Ein am Stammtisch sitzender honoriger Bürger sprach den Philosophen an: „Herr Professor, wir haben Sie im Fernsehen gesehen und auch ihre Rede gehört, von der wir sehr beeindruckt waren“. Da sagte der Fritz: „Ach was, ihr müsst dem Kerl nit alles glaube, der ist alt und hinterstellig.“

Als sich im Herbst 1938 die Gefahr eines Krieges abzeichnete, bat Martin Heidegger seinen Bruder Fritz zu sich. Er gab ihm zwei große metallene Kisten mit Manuskripten, die er in Meßkirch aufbewahren sollte, wo er sie in Sicherheit glaubte. Sie wurden im Turm der Kirche des Nachbarortes Bietingen verborgen, der dortige Pfarrer war mit der Familie befreundet.

Dies war auch der Beginn einer Zusammenarbeit. Martin bat Fritz, seine Manuskripte ins Reine zu tippen, zunächst die Beyträge, er hatte offenbar in Freiburg niemanden, dem er vertrauen konnte, so dass er den Bruder darum bat. So entstand zwischen den beiden ein Arbeitsverhältnis, das über lange Jahre andauerte und nicht nur Martin nützte, sondern auch Fritz. Fritz war zwar der Dienende, er schrieb die Texte ab, versah sie aber mit Randnotizen, brachte den Bruder zu Verbesserungen, lange Sätze zerschnitt er in zwei Teile. Martin wiederum nahm die Einwände seines Bruders ernst. So schrieb Martin Heidegger am 19. April 1954 seinem Verleger Klostermann, er sei nach längerer Überlegung und Beratung mit seinem Bruder zu dem Schluss gekommen, für die Neuauflage der Schrift Vom Wesen des Grundes ein ausführliches Nachwort zu schreiben, das die Frage nach Grund und Kausalität neu stelle und die frühe Fragestellung der Schrift mit seinem heutigen Denken in Verbindung bringe.

Mit Beginn seines Ruhestandes im Jahr 1959 begann Fritz mit einem Eifer, der an seinen Bruder erinnerte, alles, was ihm durch den Kopf ging, in Notizhefte einzutragen: philo-sophische, theologische Überlegungen, Gedankensplitter, Aphorismen, Exzerpte aus wichtigen Werken, aber auch Anekdoten und Geschichten aus Meßkirch und Umgebung. Aber auch der Entwurf zu einem Roman, der nie ausgeführt wurde. Diese Aufzeichnungen liegen bis heute, unveröffentlicht, im selben Zimmer im Haus der Familie in Meßkirch. Auch sind Briefe zwischen den beiden seit 1927 erhalten, insgesamt etwa 500 Briefe und Karten.

Fritz Heidegger war ein religiöser Denker. Seine lebenslange Beschäftigung mit der Bibel, mit theologischen Werken, mit der Geschichte und der Liturgie der katholischen Kirche sind in seinen vielen Notizen deutlich zu erkennen. Aber er bringt keinen Kommentar zur Bibel, zur Auseinandersetzung zwischen Theologen, seine Überlegungen sind Selbstbefragungen, Standortbestimmungen: der Mensch in der Welt, Fritz Heidegger in dieser Welt und sein Verhältnis zu Gott. Und sie sind von einer Haltung bestimmt, die an die Mystiker erinnert: sich selbst zurücklassen, um Gott zu finden. Sein immer wieder erstrebtes Ziel ist es, die Gegenwart Gottes zu denken, ohne sich diesen vorzustellen. Denn: „Sich auf Gott berufen, kann eine gefährliche Anmaßung sein. Die einen sagen: der liebe Gott, unser Herrgott. Und die ande-ren sagen: das Unendliche, das Absolute, das kosmische Sein. Beide sagen gewöhnlich nichts damit.“ Seine Sehnsucht nach Gott führte zu einer Ablehnung aller äußeren Wichtigtuereien, die das menschliche Leben bestimmen, aber auch der inneren, wie Eitelkeit und Selbsterhöhung: „Ein neuer Silberstreifen am Horizont: die Demut, das wäre die Freundin, an deren Seite alles gesunden würde.“ Oder im Originalton Fritz Heideggers: „Die einen Kühe weiden voll Ergötzen und ohne Mitgefühl dafür, dass die anderen Kühe zur selben Zeit im Schlachthaus nebenan verbluten. Genauso naturhaft blöd benimmt sich der Mensch.“

Mit zunehmendem Alter verlor Fritz die Lust am Abschreiben der Manuskripte des Bruders, der diese schließlich nach Freiburg zurückholte und dort Schüler mit weiteren Abschriften beauftragte.




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