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Handlungstheorie: Rüdiger Bittner über die Gründe, warum jemand etwas tut

HANDLUNGSTHEORIE

Rüdiger Bittner räumt auf mit der herge-brachten Auffassung der Gründe, warum jemand etwas tut


Welches sind die Gründe, aus denen Leute etwas tun und in welcher Beziehung stehen sie zu diesem Tun? Dieser Frage geht der in Bielefeld lehrende Rüdiger Bittner in seinem ursprünglich in englischer Sprache erschienenen, nun ins Deutsche übersetzten Buch

Bittner, Rüdiger: Aus Gründen handeln. 235 S., kt., € 29.95, 2005, Ideen und Argu-mente, de Gruyter, Berlin

nach. Er hat auch eine Antwort: Ein Grund ist etwas, was in der Welt der Fall ist, ein Zustand der Dinge, und was aus einem Grund getan wird, ist eine Reaktion auf diesen Zustand.

Bittner lehnt damit die in letzter Zeit populär gewordene Ansicht ab, dass Gründe Dinge im Geiste oder Kombinationen solcher Dinge seien, ab. Er versucht vielmehr ein vollkommen „weltliches“ oder naturalistisches Verständnis von Gründen und Handeln aus Gründen zu gewinnen.

Die Standardauffassung

Die geläufige Antwort auf die Ausgangsfrage lautet: Ein Grund aus dem jemand etwas tut, ist eine Kombination aus einem Begehren und einer Meinung des Handelnden. Jemand möchte ein Bier trinken, und er denkt, wenn er zum Kühlschrank geht, so trägt das dazu bei, dass er dann wirklich eins trinkt: jenes Begehren und diese Meinung zusammen bilden den Grund, aus dem er zum Kühlschrank geht. Autoren wie Carl Gustav Hempel, Donald Davidson, Paul Churchland, Alvin Goldman und Michael Smith sind sich darin einig, dass eine vollständige Gründe-Erklärung eines Handelns ein relevantes Begehren des Handelnden angibt sowie eine Meinung des Handelnden mit dem Inhalt, dass das Handeln zur Realisierung des Begehren beiträgt.

Bittner sieht hier Schwierigkeiten. Eine betrifft die Frage, wie hier „Begehren“ zu ver-stehen sei. So wurde geltend gemacht, dass bei einem Verständnis von Begehren als Lust auf etwas nicht erklärbar wird, warum wir etwas aus moralischen Gründen tun. Und auch den Zahnarzt besuchen wir wohl kaum, weil man dazu Lust hat. Für Bittner lassen sich bei jeder Definition von „Begehren“ eine Vielzahl von Fällen finden, die sich nicht darunter subsumieren lassen. Davidson hat das erkannt und zugegeben, dass es
Gründe bzw. Erklärungen von Handlungen gibt, die nicht auf ein Begehren oder Meinen des Handelnden Bezug nehmen. Er hat dies Erklärungen durch nicht-primäre Gründe genannt. Nicht-primäre Gründe verdanken ihre Erklärungskraft der Tatsache, dass sie anzugeben einen anderen, einen primären Grund erkennen lässt. Allerdings umgeht Davidson die Frage, wie denn dies zu verste-hen sei. Aber auch andere Autoren bleiben bei dieser Frage unbestimmt. So schreibt Co-lin McGinn, dass ein Grund, mit dem wir eine Handlung erklären, „am besten verstanden wird als ein Begehren und eine Meinung in einer bestimmten Art von Verbindung“, und genauso unbestimmt ist Martha Nussbaum, wenn sie schreibt, dass „es in der Natur der Handlung liegt, durch ein Begehren oder eine Meinung bestimmt zu sein“.

Die Mängel der Standardauffassung

Einzig Michael Smith hat das Argument, dass Gründe, aus denen Leute etwas tun, immer aus einem Begehren und einer Mei-nung bestehen, ausgearbeitet und zwar in folgenden Schritten:

1. Einen Grund haben, aus dem man etwas tut, ist unteren anderem dies, ein Ziel zu haben.
2. Ein Ziel haben heißt in einem Zustand sein, mit dem die Welt übereinstimmen muss.
3. In einem Zustand sein, mit dem die Welt übereinstimmen muss, ist ein Begehren.
4. Folglich, einen Grund haben, aus dem man etwas tut, ist unter anderem dies, etwas zu begehren.

Bittner lässt dieses Argument nicht gelten. Einen Satz von Dispositionen zu haben, hält er für keine hinreichende Bedingung für das entsprechende Begehren, und Begehren besteht nicht darin, solche Dispositionen zu haben. Doch selbst, wenn es darin bestünde, würde dies nicht der dritten Prämisse des Arguments helfen: das dispositionelle Verständnis von Begehren stützt nicht die Vorstellung, dass in einem Zustande sein, mit dem die Welt übereinstimmen muss, Begehren ist.

Warum braucht es beides, Begehren und Meinung, für einen primären Grund, aus dem jemand etwas tut? Die Standard-Antwort auf diese Frage lautet: „Handeln aus einem Grund beruht auf einer leitenden Meinung und einem motivierenden Wollen“ (Robert Audi), und nach Georg Henrik von Wright ist „das Wollen das, was bewegt, und die Er-kenntnis (kausaler Verknüpfungen) das, was die Bewegung steuert“.

Bittner hält das nicht für kohärent. Wenn Begehren für sich ein hilfloses Verlangen nach dem Ziel ist, dann ist es nicht wahr, dass es einen zum Handeln bewegt. Die Widersprüchlichkeit zeigt sich an den unvereinbaren Rollen, die dem Begehren zugewiesen werden. Begehren in der einen Rolle „setzt das Ziel“, wie sich Audi ausdrückt. Begehren in der zweiten Rolle ist das, was denjenigen in Bewegung setzt, der tatsächlich Schritte unternimmt. Doch von einem so verstandenen Begehren kann man nicht sagen, dass es für sich nicht zum Handeln gelangt: zum Handeln zu führen ist ja gerade seine Rolle.

Warum aber konnte sich diese Standard-These solange halten, wenn sie doch sichtliche Mängel hat? Dazu Bittner: Die philosophische Orthodoxie der Gegenwart steht hinter ihr, weil das die hergebrachte Auffassung ist. Die klassische Quelle ist Humes Lehre. wonach „erstens, die Vernunft allein nie Motiv für irgendeine Haltung des Willens sein kann, und zweitens, dass sie bei der Lenkung des Willens der Leidenschaft nichts entgegenzusetzen vermag“.

Die kantische Position

Es gibt allerdings noch eine zweite Antwort auf die Frage, was ein Grund ist, dass jemand etwas tut. Sie hat allerdings nicht so viele Anhänger wie die Standard-Antwort und besagt, dass ein Grund, warum jemand etwas tut, ein Prinzip ist. Diese Auffassung geht auf Immanuel Kant zurück, in der Gegenwart wurde sie von Onora O’Neill und Thomas
Hill ausgearbeitet. Kant spricht zwar nicht von Gründen, aus denen Personen etwas tun, er spricht vielmehr von Maximen und von praktischer Vernunft, aber laut Bittner läuft das auf die Konzeption hinaus: Gründe sind Prinzipien des Handelns. Doch auch diese Antwort scheitert, meint Bittner.

Kant spricht davon, ein vorausgehendes Be-gehren sei die Bedingung dafür, eine Regel sich als Maxime zu eigen zu machen. Andrews Reath und Henry Allison haben aber überzeugende Gründe dafür vorgebracht, dass die Vorstellung, ein Begehren übe eine Kraft auf den Willen aus, mit praktischer Freiheit im Sinne Kants nicht zu vereinbaren ist. Weiter ist es, um eine Maxime zu haben, nicht erforderlich, auch nach ihr zu handeln.

Bittners Konzeption

Bittner schlägt eine ganz andere Konzeption vor, die die Mängel der vorhergehenden nicht teilt: „Ein Grund, aus dem jemand etwas tut, das ist soviel wie, etwas sein, auf das die betreffende Handlung eine Reaktion ist.“ „Reaktion auf etwas“ ist allerdings nicht im naturwissenschaftlichen Sinne gemeint, gemeint ist vielmehr der Sinn, in dem wir das Wort in der Beschreibung unseres normalen Umgangs miteinander gebrauchen. Charakteristisch ist, dass dazu eine Geschichte gehört, die das einbegreift, worauf die Handlung eine Reaktion ist. Wir lernen Dinge zu tun und zu beschreiben, was getan wird, zum Teil dadurch, dass wir lernen auf das, was geschehen ist, zu reagieren und Reaktionen darauf als solche zu erkennen. Wir lassen uns ein auf ganze Handlungsverläufe und verstehen uns auch als eingelassen auf sie; und manche dieser Handlungsverläufe, wie zum Beispiel durch die Stadt fahren, schließen charakteristischerweise ein, Dinge in Reaktion auf etwas, das geschehen ist, zu tun.

Den ersten Hinweis auf die von Bittner vorgeschlagene Richtung gab Georg Henrik von Wright, indem er zwischen internen Gründen, verstanden nach dem vertrauten Muster der Begehren-/Meinungstheorie, und externen Gründen unterschied. Externe Gründe sind dabei Herausforderungen, wobei Dinge wie Befehlen, Bitten und Fragen eine Gruppe von Herausforderungen bilden und Dinge wie Normen, Gebräuche und Traditionen eine andere. Handeln aus einem externen Grund ist Handeln in Reaktion auf eine solche Herausforderung. Allerdings ist der von Bittner eingeschlagene Weg radikaler: Gründe, aus denen Leute etwas tun, sind allesamt externe Gründe im Sinne von Wrights.

Auf welche Arten von Dingen sollen Hand-lungen aus Gründen Reaktionen sein? Hand-lungen sind nach Bittner Reaktionen auf Zustände oder Ereignisse, nicht auf Gegenstände, Personen oder Tatsachen, obgleich wir manchmal so reden, als ob auch diese letzteren Dinge Gründe sein könnten. Der Kreis der Dinge, auf die Handlungen Reaktionen sein können, engt sich noch weiter ein: Ein Grund, aus dem jemand etwas tut, kann nicht etwas sein, wovon der Handelnde auf keine Weise Kenntnis hat. Etwas kann ein Grund sein, aus dem einer etwas tut, und für den anderen ist es ein Grund, dasselbe nicht zu tun. Dieser Unterschied rührt daher, dass beide verschiedene Dinge wissen, glauben, erwarten, begehren oder zu tun Lust haben. Es sollte leicht sein, diese beiden Dinge aus-einander zu halten: einen Grund, aus dem
wir etwas tun, und das an uns, was diesen oder jenen Zustand zu einem Grund macht, aus dem wir etwas tun. Aber die beiden Dinge werden häufig verwechselt, vermutlich in Folge der ähnlichen Verwechslung von Gründen und Ursachen.

Dasjenige, was die Gründe, aus denen man wirklich etwas tut, aus dem großen Feld all dessen, was ein solcher Grund sein könnte, aussondert, hängt also von Zügen des Han-delnden selbst ab. Relevant dafür sind solche Dinge wie, dass man auf etwas aus ist, etwas meint oder etwas erwartet. Man kann daraus so etwas wie eine Reliefkarte von Dingen, die in verschiedenen Graden für uns wichtig sind, machen. Alle Gründe, die wir haben, etwas zu tun, sind irgendwo darauf angesiedelt, und ihre relative Stärke bestimmt sich dadurch, wie wichtig das betreffende Ding für uns ist. Moralische Gründe sind dabei eine Unterklasse der Gründe, die wir haben. Und die relative Stärke moralischer gegenüber anderen Gründen hängt vom Handeln-den und vom jeweiligen Fall ab.

Welche Folgen hat diese Konzeption für das Bild vom Menschen, für die Vorstellung von uns selbst? Was für ein Wesen ist ein aus Gründen Handelnder?

Aus Gründen Handelnde brauchen nach Bittner eine weniger umfassende geistige Ausstattung als in der Theorie angenommen. Sie müssen lediglich Bewusstsein haben so-wie die Fähigkeit, etwas zu tun in Reaktion auf das, wovon sie Bewusstsein haben. Mehr brauchen sie aber nicht. Insbesondere brau-chen sie nicht das spezielle Vermögen – genannt praktische Vernunft –, das in einer weit gefassten platonischen Tradition als erforderlich für das Erkennen von Gründen angesehen wurde. „Handeln aus Gründen“ ist auch nichts spezifisch Menschliches, sondern findet sich in verschiedenen Wesen. Titel wie „Eine Theorie des menschlichen Handelns“, wie sie in der Literatur geläufig sind, gehen von vornherein fehl: Eine Theorie des menschlichen Handelns ist philosophisch gesehen uninteressant.




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