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FORSCHUNG

Gefühle: Heiner Hastedt über Gefühle


Heiner Hastedt über Gefühle

Der in Magdeburg lehrende Philosophiepro-fessor Heiner Hastedt verwendet in seinem Buch

Heiner, Hastedt: Gefühle. Philosophische Bemerkungen. 164 S., kt., € 4.80, 2005, Rec-lam UB 18357, Reclam, Stuttgart

den Begriff „Gefühl“ als Oberbegriff von acht Untergruppen von Gefühlsausdrücken:

 Leidenschaften. Sie sind starke Gefühle, die uns antreiben. Sie prägen uns ganz und können sich bis hin zum Rausch entwickeln. Das Subjekt steht ihnen mit einem Element von Passivität gegenüber, und manchmal ist der Anteil des Leidens nicht zu übersehen.

 Emotionen sind langwellige Grundtönungen der Existenz und der Weltwahrnehmung, die sich punktuell in Leidenschaft äußern können, ohne dass dies zwingend ist. Beispiele für Emotionen sind Angst und Freude.

 Stimmungen haben wie Emotionen den Charakter von Grundtönungen. Sie beziehen sich allerdings auf einzelne Situationen, in denen sie ein Element des Überindividuellen haben, auch wenn ein Einzelner sie durchaus an sich wahrnehmen kann. Stimmungen können sehr unterschiedlich erlebt werden, ihnen kommt überhaupt eine merkwürdige Ungreifbarkeit zu. Neben Substantiven benutzen wir Adjektive, um sie umzuschreiben. Martin Heidegger charakterisiert sie in Sein und Zeit eindrücklich: „Die Stimmung überfällt. Sie kommt weder von „Außen“ noch von „Innen“, sondern steigt als Weise des In-der-Welt-Seins aus diesem selbst auf“. Ein Beispiel für eine Stimmung ist Fröhlichkeit.

 Empfindungen sind Körpergefühle. In der analytischen Philosophie sind vor allem die Schmerzen als Körpergefühl die am meisten diskutierten Gefühle. Sexuelle Lust ist dagegen die am meisten interessierende Empfindung. Bei Empfindungen steht die leibliche Beteiligung im Zentrum der Aufmerksamkeit. Sie werden häufig als Wahrnehmung nach innen verstanden. Weitere Beispiele sind Ekel und Depression.

 Ob sinnliche Wahrnehmungen, die Wahrnehmungen unserer fünf Sinne, zu den Gefühlen gehören, ist nicht eindeutig. Das erlebte Spüren von Wahrnehmungen führt zu Gefühlen. Wahrnehmungen verweisen begrifflich auf Äußeres, Empfindungen auf Inneres.

 Hinter jeder Handlung lässt sich ein Wunsch rekonstruieren.

 Erkennende Gefühle zeigen ohne große Begrifflichkeit Sachverhalte auf, erahnen den Charakter von Personen und führen zu Erkenntnissen, wo der Verstand noch ohne Er-kenntnis bliebe. Ein Beispiel für ein erkennendes Gefühl ist Intuition.

 Gefühlstugenden haben, anders als eine sich rein kognitiv verstehende Ethik behaup-tet, einen starken Gefühlsanteil. Dies gilt natürlich auch für Laster, deren Gefühlsanteil den Tugenden in nichts nahe steht. Beispiele für Gefühls(un)tugenden sind Geiz, Gewissen und Mitleid.

Innerhalb dieser Typologie der Gefühle las-sen sich zwei konzentrische Kreise denken: In einen inneren Kreis gehören die Leidenschaften, die Emotionen, die Stimmungen und die Empfindungen, die die Kernbedeutung des Begriffs der Gefühle ausmachen. Den äußeren Kreis bilden die sinnlichen Wahrnehmungen, die Wünsche, die erkennenden Gefühle und die Gefühlstugenden. Hierbei haben wir es mit Gefühlen zu tun, die gleichsam in andere Bereiche menschlicher Fähigkeiten hineinragen.

Es ist nicht möglich, keine Gefühle zu haben. Gefühle prägen uns immer. Was irrtümlich als gefühllos daherkommt, sind andere Ge-fühle, Gefühle der Distanz, der Disziplinie-rung. Gefühle dienen dazu, die Perspektive einer Besonderheit hervorzubringen und so eine innere Beteiligung zu schaffen. Sie sper-ren sich gegen allgemeine Worte, weil diese gerade das Spezifische des leiblich-seelischen Involviertseins verfehlen. Gefühle tönen die Welterschließung und die Wahr-nehmung von uns und anderen: „Gefühle sind Atmosphären, die freilich nicht wie das Wetter physikalisch interpretierbar sind, diesem aber in anderer Hinsicht ähneln“ (Schmitz).

Hastedt plädiert dafür, die Vielfalt der Ge-fühle zuzulassen, diese nicht zu eliminieren. In der Philosophie haben dagegen seit Descartes Reduktionsprogramme die Oberhand. Manche reduzieren Gefühle auf bewusste Gefühle, auf Handlungen, auf Empfindungen oder auf Intentionalität. Im 20. Jahrhundert nahm die Orientierung der Gefühle auf Handlungen eine prominente Rolle ein. Im Hintergrund steht dabei der psychologische Behaviorismus, der in Kritik an der Gleichsetzung von Gefühlen mit bewussten Gefühlen nach Hastedt den Verhaltensbezug des Mentalen überzeichnet. Die Reduktion von Gefühlen auf Empfindungen in der analytischen Philosophie hat dagegen vor allem innertheoretische Gründe und resultiert nicht aus einer Beobachtung der Phänomene.

Gefühle gehören zur biologischen Grundausstattung des Menschen; gleichwohl bedeutet es eine Kulturleistung, Gefühle differenziert auszubilden und Worte für sie zu finden. Die Kulturleistung besteht nicht darin, die Natürlichkeit des Gefühls zu verlassen, vielmehr ist in der Natur des Menschen eine Offenheit für die kulturelle Ausgestaltung angelegt. Neurologen sprechen in diesem Zusammenhang von der Plastizität des Gehirns.

Wenn Gefühle im Inneren zu finden sind, liegt es nahe zu unterstellen, dass sie authentisch und privat nur mir selbst zugänglich sind. Hastedt hält diese Vorstellung von den eigenen Wünschen und Gefühlen für falsch. Gefühle sind nicht vor aller Interpretation unabhängig vorhanden, als wenn sie bloß Ereignisse in unserem Inneren wären, mit denen wir gar nichts zu tun haben. Es gehört zu den Irrtümern der cartesianischen Tradition, so Hastedt, wenn man meint, dass Gefühle immer recht haben, weil sie Fakten unseres Innenlebens sind. Den Zugang zur eige-nen Innerlichkeit als unkorrigierbar und privilegiert zu deuten ist ein Fehlurteil, das der Vielschichtigkeit der menschlichen Gefühle nicht gerecht wird. Denn es gibt kein wahres Ich: Was wir als Ich bezeichnen, ist jeweils unsere eigene Interpretation. Deshalb können wir uns auch nicht als authentische Urheber und Autoren unserer Gefühle verstehen.

Heute leben wir in einer Zeit der mit der Rationalisierung einhergehenden Kälte, die als zunehmend schwer lebbar empfunden wird. Deshalb muss die Gefühlswelt viel Aufwand betreiben, um die Rationalität und die Kälte zu kompensieren. Es wird ein schamloser Kult mit Gefühlen betrieben, und diese werden nach Belieben manipuliert durch Praktiken, die Wohlgefühle hervorrufen sollen.
Gleichzeitig werden Gefühle in ihrer Wichtigkeit nicht zugelassen, deswegen kommen sie an teilweise wenig erwünschten Stellen zur Geltung. Was wir haben, ist eine Erlebniskultur. Dabei wird aus einem Konzert ein Ereignis, ein Event, das durch Ästhetisierung und Werbung überhöht erlebt werden soll. Aber, so Hastedt, Erlebnisse sind vor allem die gespielten Leidenschaften des modernen Menschen, in dessen gedämpftem Leben echte Leidenschaften immer weniger vorkommen. Eigentlich, so das Fazit, ist der kompensatorische Erlebniskult der Gefühle ohne spezifischen Gegenstand; es handelt sich bloß um ein Deutungsphänomen. Für Hastedt hat speziell in Deutschland eine kompensatorische Aufwertung der Gefühle eine lange und verhängnisvolle Tradition. Vor allem sieht er die deutsche Romantik, den Wagnerkult und den Irrationalismus von Schopenhauer als markante Daten im Irratio-nalismus des deutschen Sonderweges.

Gefühle reichen nicht aus, richtige von falschen Handlungen zu unterscheiden. Sie sind in dieser Hinsicht Material für die Urteilskraft und für eine rationale Reflexion, die entscheidet, ob die Gefühle Recht oder Unrecht haben. Hastedt plädiert für eine rationale Aufwertung der Gefühle verbunden mit einem erweiterten Vernunftbegriff, der die „Machete der utilitaristischen Rationalität“ (Nussbaum) vermeidet. Während die Vernunft ohne Verkürzung auf Utilitarismus, Instrumentalisierung und Rationalisierung zu denken ist, ist es sinnvoll, auf Seiten des Gefühls das Kognitive einzubeziehen. So lässt sich eine begriffliche Annäherung von Gefühl und Vernunft denken, wenn auf beiden Seiten reduktive Begriffsfestlegungen vermieden werden.