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Lebenskunst: Rainer Martens Lob des Praktisch Unmöglichen

Rainer Martens Lob des Praktisch Unmöglichen

Die Aufklärung ist ein Versuch, den Gebrauch der Möglichkeit des Unmöglichen für unzulässig zu erklären und ihn damit um seine lebensbefähigende Kraft zu bringen. Dies behauptet der emeritierte Freiburger Philosophieprofessor Rainer Marten in seinem neuen Buch

Marten, Rainer: Die Möglichkeit des Unmöglichen. Zur Poesie in Philosophie und Religion. 203 S., kt., € 22.—, 2005, Karl Al-ber, Freiburg

Er sieht in der Aufklärung die kontinuierliche Arbeit, nur das für wahr, wirklich und sinnvoll zu nehmen, was durch eigene Wahrnehmung als wahr, wirklich und sinnvoll zu begreifen ist. Das auch für wahr, wirklich und sinnvoll zu nehmen, was künstlerische und religiöse Praxis in Anspruch nehmen, wird dagegen abgelehnt. Aufklärung bedeutet für Marten, den Menschen auf seine eigensten Vermögen zurückzuführen, denen er sein Leben- und Handelnkönnen verdankt. Dabei werden, so sein Vorwurf, Vermögen wie etwa Poesie, die allein für sich etwas entdecken und fruchtbar zu machen verstehen, verworfen.

Poesie erwirkt die Möglichkeit des Praktisch Unmöglichen. Ein Handelnder hat zu dem Praktisch Unmöglichen weder das Vermögen, noch bietet es sich ihm jemals in der Handlungswelt als Alternative an. Beim Praktisch Unmöglichen steht nicht die Wi-derspruchsfreiheit im Vordergrund, sondern eine besondere Verallgemeinerung von Ein-zelnem und der utopische Entwurf. Marten hält es für unredlich, für Utopien, die gerade dadurch ihre Bedeutung haben, dass sie praktisch Unmögliches vorstellen, den Begriff des praktisch Möglichen zu erschleichen, indem sie räumlich und zeitlich disloziert und universalisiert werden. Denn jeder Entwurf einer neuen Erde und eines neuen Menschen ergeht sich in dem was praktisch unmöglich wird. Die Möglichkeit des praktisch Unmög-lichen hat gleichgewichtig zur Voraussetzung: ein Vermögendsein von etwas, wozu niemand vermögend ist, und ein Seinkönnen von etwas aus Freiheit, das niemals aus Freiheit sein kann. Wenn sich dagegen jemand allein an das Mögliche hält, so kommt es al-len, die es anders halten, so vor, als wählte er eigens das Gefängnis seiner manifesten Möglichkeiten. Die über sich selbst aufgeklärte Freiheit dagegen wird, ohne das Mögliche als Königsweg und Ziel aus den Augen zu verlieren, sich auf Unmögliches einzulassen haben, auf solches, was Menschen prak-tisch nicht offen steht. Erst die Erfahrung, ja Praktizierung des Über-sich-hinaus lässt sie gänzlich ihrer selbst sicher sein.

Ein historisches Beispiel für eine philosophische Position, die dem Unmöglichen in all seinen lebenspraktischen Formen kompromisslos den Kampf ansagt, sind die Selbstbetrachtungen von Marc Aurel. Dieser unternimmt es, den Menschen über seine wesentlichen Möglichkeiten aufzuklären, um ihn dafür zu gewinnen, sie wahrzunehmen. Was dieser Aufklärung aber entscheidend fehlt, ist das eigentliche Aufgeklärtsein über die poetische Möglichkeit des Unmöglichen.

Am Beispiel des Gilgamesch-Epos zeigt Marten, dass die poetische Verständigung über sich selbst den Menschen lehrt, dass die Stunde des Todes nicht gewusst wird. Aber anstatt dadurch den Tod zu verdrängen, nutzt der selbstbewusst Lebende diese Ungewissheit, um sich in seinen praktischen Optionen frei zu wissen. Die unabsehbare Offenheit des Lebens, die der Tod gewährt, indem der um ihn Wissende dessen Stunde nicht weiß, ist jeden Moment neuer Grund für Lebens-vertrauen. Wüchse mit dem Erwerb von Lebensbefähigung nicht das Vertrauen, dass das Leben zu leben und das Morgen erlebbar ist, schwände jede Wagnisbereitschaft, erübrigte sich alles Erwarten, Hoffen und Befürchten, verlören Wollen und Planen ihren Sinn. Nun ist mit der Gewissheit des Todes die Offenheit des Lebens als eine endliche gewiss.

Es ist aber diese Lebensoffenheit, die den homo poeticus seit alters dazu verführt, ihre zeitliche Unbestimmtheit zu nutzen, sie in eine Vorstellung zeitlicher Unendlichkeit zu verkehren. Er setzt das, was als Lebensoffenheit rein momentan ist, absolut. Für menschliche Vorstellungskraft ergibt sich aus uneingeschränkter Lebensoffenheit zwingend die Vorstellung uneingeschränkter Möglichkeiten. In unendlicher Lebenszeit ist alles möglich: jede Tat, zu der ein Lebendiges fähig ist, jedes Ereignis, das einen Lebenden treffen kann. Das Verlangen nach ewigem Leben ist ein Ausdruck von Poesie.

Eine Utopie wie Platons Staatsutopie spricht dem Menschen ein abwertendes Nicht zu, das sie an dem von ihr erdachten Ideal misst. Sie erdenkt allen Ernstes die Möglichkeit von praktisch Unmöglichem. Diese Art von utopischem Denken wird dadurch zu einer Negativen Philosophie: sie erkennt das Ganze der Gegenwart im Lichte des Utopischen für nichtig.

Sich mit dem Möglichen, weil Wirklichen zu arrangieren, gilt allen jenen als zutiefst suspekt, ja als inakzeptabel, die einen gefähr-lich wachen Sinn für das menschlich Unerträgliche und nicht Hinnehmbare haben. Das eint Poeten, ob diese nun Schriftsteller, Philosophen oder religiös Gläubige sind. Sie setzen, ob sie es wissen oder nicht, auf autonome Poesie, die sie bald übernehmen, bald selber erzeugen, zumindest mitgestalten. Sie erschaffen das Unmögliche, gleich ob es distanziert als Utopie oder voller Hoffnung als Erlösung gedeutet wird. Das Lebenspraktische wird so durch eine Welt der Wunder poetisch ergänzt. Ist der religiöse Poet philo-sophischer Prägung seiner selbst sicher genug und auch hinreichend spirituell begabt, um sein Aufgeklärtsein über sich selbst zu leben und praktisch zu gestalten, so wird er sich angesichts der Wunder, die Unmögliches möglich sein lassen, nicht gänzlich von ihnen erfassen lassen. Er wird vielmehr samt seiner Poesie, die Unmögliches möglich sein lässt, in der lebensteiligen Wirklichkeit blei-ben, in der sein mit dem Realitätssinn ausgesöhntes Vermögen, lebenskünstlerisch zu wirken, zu Hause ist.





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