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PORTRÄTS

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Ludger Lütkehaus:
Ree, Paul

Ein heiliger Immoralist
Ludger Lütkehaus über Paul Rée (1849-1901)

Am 28. Oktober 1901 wird in der Charnadüra-Schlucht in der Nähe des Oberengadiner Ortes Celerina die Leiche eines 51jährigen Mannes aus dem Inn geborgen. Der Ertrunkene ist der seit Sommer 1900 in Celeri-na ansässige Dr. Paul Rée. Sein plötzlicher Tod löst Teilnahme und Bestürzung aus. Als menschenfreundlicher Armenarzt war Rée weithin bekannt, ja verehrt. Dem „Amtlichen Protocoll über die Auffindung der Leiche des Dr. Paul Rée aus Berlin“ zufolge war er auf dem sehr steilen oberen Schluchtweg ausgeglitten, hatte sich bei dem Sturz schwere Verletzungen zugezogen und war vermutlich bewusstlos in den reißenden Fluß gestürzt. Drei Tage später schreibt die Engadiner Post in ihrem Nachruf:

Wer den verunglückten Doktor kannte, rühmte ihn als einen besonders guten und wohlmeinenden Herrn. Er bekümmerte sich, im Gegensatz zur Großzahl unserer Fremden, auch um die einheimische Bevölkerung in freundlichster Weise und verkehrte mit denen von Celerina liebreich und nett, in stillem und thätigem Wohlwollen. In der Familie Misani vom Hotel Misani lebte er wie zu Hause. Begreiflich daher und erfreulich zugleich, wenn die Trauer um den Heimgegangenen (…..) eine allgemeine auf aufrichtige genannt werden darf. Ja, wir sind überzeugt, dass noch nie ein Fremder, in unserem Thal verstorbener Kurgast so aufrichtig ist betrauert worden, wie gegenwärtig Dr. Rée betrauert wird.

Das Grab ist heute nicht mehr zu finden. Nur in der Charnadüra-Schlucht ist neben der vielbefahrenen Straße, die St. Moritz mit Silvaplana und Sils-Maria verbindet, eine Ge-denktafel im Fels eingelassen:

In memoriam Paul Rée Philosoph Arzt 1849 – 1901
Kein Augenzeuge freilich hat den Absturz beobachtet. Und die Gerüchte wollten und wollen bis heute nicht verstummen, dass es sich um keinen Unglücksfall, sondern um einen Selbstmord gehandelt habe.

Am 21. November 1849 wurde Rée als zweiter Sohn assimilierter jüdischer Gutsbesitzer auf Bartelshagen in Pommern geboren. Später siedelte die Familie auf das Gut Stibbe in Westpreußen um. Entgegen seinem Wunsch, Philosophie zu studieren, drängt der Vater ihn zu einem juristischen Studium, das er in Leipzig beginnt. Im deutsch-französischen Krieg wird er im August 1870 bei Gravelotte verwundet. Im Rahmen seiner nunmehr naturwissenschaftlichen und philosophischen Studien wechselt Rée nach Berlin und Zürich, 1873 nach Basel. Und hier lernt er den fünf Jahre älteren Friedrich Nietzsche kennen.

1875 wird Rée in Halle mit einer lateinischen Dissertation über den Begriff des Schönen bei Aristoteles promoviert. Das klingt beruhigend historisch. Aber schon die fünf Thesen, die Rée verteidigt, sind provokativ genug: Die menschliche Handlungsfreiheit ist eine Illusion. Das Gewissen hat keinen transzendentalen Ursprung. Hinter hehren Zielen stehen oft weniger hehre Motive. Es gibt keinen Fortschritt in menschlichen Dingen. Der kategorische Imperativ Kants ist nicht geeignet, eine Sittenlehre zu begründen.

Ebenfalls 1875 erscheinen anonym Rées Psychologische Beobachtungen. Die Psychologie Rées ist Entlarvungspsychologie, wie dann bei Freud auch Psychologie des Unbe-wussten, des Traums, des Widerstands und der Verdrängung. Schopenhauers Pessimismus, seine hellsichtige Schwarzseherei, ist allgegenwärtig. Trotzdem bringt Rée es zu Beobachtungen von ganz eigenständiger Prägnanz, deren aphoristische Zuspitzung größte Schärfe im Paradox gewinnt:

Wer fühlt, daß er sich tactlos gegen uns benommen hat, verzeihet uns das nicht… In Einem Punkte halten wir die Anderen aufrichtig für besser, als uns selbst: Es kommt uns niemals der Gedanke, daß sie eben so schlecht über uns sprechen, wie wir über sie sprechen.

Auf den abschließenden „Versuch über die Eitelkeit“ laufen die Psychologischen Beob¬achtungen zu. Die Eitelkeit hat zwei Gesich-ter: „positive“ Form als Ehrgeiz, Geltungs-sucht, Wille, bewundert zu werden, und Wille, die anderen unsere Macht fühlen zu lassen, „negative“ als Furcht vor Schande und Beschämung. Rée hält sie für den eigentlich gesellschaftsbildenden Impuls. Sie bringt und hält die Menschen zusammen – freilich um den Preis einer permanenten Geltungskonkurrenz, in der sich die Hochschätzung des eigenen Selbst auf das kurioseste mit der Geringschätzung aller anderen verbindet: das „bellum omnium contra omnes“ „sublimiert“ sich zum „contemptus omnium“, zur Missachtung aller für alle…

In der Entlarvungspsychologie entspricht der Schritt von Schopenhauer zu Rée etwa dem von Freud zu Adler. Nietzsche ist von den Psychologischen Beobachtungen sehr angetan. 1876 intensiviert sich die Freundschaft. Das distanzierte „Sie“ wird allerdings immer beibehalten. Der krankheitshalber für ein Jahr beurlaubte Nietzsche, Rée und der lungenkranke Nietzsche-Schüler Albert Brenner leben in Salerno am Golf von Neapel in der Villa Rubinacci Malvida von Meysenbugs über ein halbes Jahr zusammen. Die paradoxe Formel dafür: „Es wird eine Art Kloster für freiere Geister“.

Weniger geistlich im Geist freilich die Philosophie, die nun entsteht. Rée arbeitet an einem Werk über den Ursprung der moralischen Empfindungen. Er wendet die entwick-lungsgeschichtliche, genetisch-morphologische Betrachtung der Leitwissenschaft des 19. Jahrhunderts, der durch Darwin und Lamarck geprägten Biologie, auf das Allerheiligste der Moral an und fragt nach ihren „natürlichen Ursachen“. Moral ist wie schon für die englische Moralphilosophie des 18. Jahrhunderts Empfindung, nicht wie in der von Kant geprägten deutschen Selbstgesetzgebung und Urteil der reinen praktischen Vernunft. Ebenfalls englisch geprägt der moralphilosophische Utilitarismus, der den „Ursprung der moralischen Unterscheidungen vom Nutzen herleitet“. Nur eine einzige In-stanz gibt es, die sich über den Zwang der Utilitäten wie den primär „egoistischen Trieb“ hinwegsetzt und doch einen höheren Nutzen und eine tiefere Lust verspricht: die interesselose Erkenntnis. Rée ist zu sehr vom Pathos der Wahrheit erfüllt, um sich diesen letzten Glauben nehmen zu lassen.

Dank Nietzsches Vermittlung, der den Ursprung der moralischen Empfindungen als „entscheidenden Wendepunct“ in der Ge-schichte der Moralphilosophie rühmt, kann das Werk 1877 in Nietzsches Verlag Ernst Schmeitzner zu Chemnitz erscheinen. Rée bedankt sich mit einer handschriftlichen Widmung: „Dem Vater dieser Schrift dank-barst deren Mutter.“ Nietzsche selber sieht seinen Anteil indes bescheidener. Als ein Jahr später Menschliches, Allzumenschliches, sein „Buch für freie Geister“, bei Schmeitz-ner erscheint, schickt er es dem Freund mit dem Satz: „Ihnen gehörts, den Andern wird’s geschenkt.“ Rée bedankt sich: „Was Sie über mich sagen, betrachte ich weniger als verdient, wie ein zu Verdienendes.“

Das bezieht sich auf die Abschnitte 36 und 37 des zweiten Hauptstücks von Menschliches, Allzumenschliches, das mit einem fast wörtlichen Zitat „Zur Geschichte der moralischen Empfindungen“ überschrieben ist. Nietzsche stellt den „französischen Meistern der Seelenprüfung“ den „Verfasser der ‚Psychologischen Beobachtungen’“ an die Seite und rühmt den Verfasser des Buches Über den Ursprung der moralischen Empfindungen als „kühnsten und kältesten Denker“. Ja, brieflich tauft Nietzsche das kühne und kalte Denken, zu dem Rée ihn inspiriert hat, mit einem ebenso anerkennenden wie
























Paul Rée

treffenden und witzigen Wort auf den Namen seines Urhebers: Es geht um „Réealia“.
„Mein Appetit ist sehr lebendig nach ‚Réea-lismus’“. Und gleich noch einmal, wiewohl mit einer kleinen ironischen Spitze, die sich verletzter Eitelkeit verdankt: „Alle meine Freunde sind jetzt einmüthig, daß mein Buch von Ihnen geschrieben sei und herstamme: weshalb ich zu dieser neuen Autorschaft gra-tuliere. (…) Es lebe der Réealismus und mein guter Freund!“.

Gewiss darf man den Einfluss Rées auf Nietzsche nicht überschätzen. Gleichwohl ist die Bedeutung Rées und des „Réealismus“ für Nietzsche weitaus größer, als es der Nietzsche-Kult meist weiß oder wahrhaben will. Schon er kommt – als Denker, nicht als Mensch – „Jenseits von Gut und Böse“ an. In der philosophischen Arbeits- und Lebensge- meinschaft mit Rée vollzieht sich Nietzsches Wandlung vom noch metaphysikgläubigen Denker seiner ersten Phase zum materialisti- schen Aufklärer, zum Positivisten, zum „Mo-ralisten“ im Sinn der französischen Traditi-on, zum Entlarvungspsychologen, mit einem Wort: zum „freien Geist“.

Nietzsches bisherige Penaten Wagner und Schopenhauer – wohlgemerkt nicht Rées Schopenhauer, der Anti-Idealist, sondern der Anwalt des „metaphysischen Bedürfnisses“ der Mystiker – weichen den Vertretern der westeuropäischen Aufklärung und der Wis-senschaft des 19. Jahrhunderts. Stilistisch ist Nietzsches Wendung zum Aphorismus Rées Vorliebe für diese Form und der durch ihn vermittelten französischen Moralistik zu dan¬ken. Methodisch das Interesse an genealogi-schen Fragestellungen. Thematisch hallt von Menschliches, Allzumenschliches, wo etliche Hauptstücke Réesche Titel tragen und die Anleihen wortwörtliche Zitate einschließen, bis zu den Werken aus der Spätzeit Nietz-sches, sowohl in der Genealogie der Moral wie in Jenseits von Gut und Böse, ja noch in Nietzsches Leiden am Mitleid das Echo Rées nach.

Nietzsches alte Freunde, die Freunde des „guten“, metaphysikgläubigen Wagnerianers und Schopenhauerianers (im Anti-Réeschen Sinn), haben denn auch Nietzsches Abfall von den alten Göttern und den „verderbli-chen“ Einfluss Rées, dieses „zersetzenden Intellektes“, mit Schärfe gerügt. Richard und Cosima Wagner, denen Nietzsche in Salerno ein letztes Mal begegnet, wissen ohnehin, was es mit dem mephistophelischen Intellekt Rées und seiner „widerwärtigen Weltan-schauung“ auf sich hat:

Schließlich kam noch Israel hinzu in Gestalt eines Dr. Rée, sehr glatt, sehr kühl, gleich¬sam durchaus eingenommen und unterjocht durch Nietzsche, doch in Wahrheit ihn über-listend, im Kleinen das Verhältnis von Judäa und Germania. (…) Ich weiß, daß hier das Böse gesiegt hat.

Im Sommer 1882 wird der alte Plan zu einer klösterlichen Lebens- und Arbeitsgemein-schaft für freiere Geister wieder belebt. Diesmal ist der Ort sinnreicherweise Rom. Doch jetzt kommt zu den männlichen Zöliba-tären eine sowohl erotisch wie intellektuell




















Paul Rée mit Nietzsche und Salomé

überaus anziehende junge Frau hinzu, die „femme fatale“ Lou von Salomé. Mit Rée beginnt sie ein fast fünfjähriges „Zusammen¬leben“. Rée, der im Unterschied zu seiner Kühle und Distanz als Autor nicht nur mit der Spielleidenschaft, sondern auch einer ihn geradezu wehrlos machenden Empfindungs-fähigkeit geschla¬gen ist, verliebt sich zwar Hals über Kopf in Lou. Aber Lous „total ent-riegelter Freiheitsdrang“ und ihr noch auf viele Jahre unerwecktes Liebesleben wollen von derlei überhaupt nichts wissen. Sie sucht und findet den „Bruder“, den Kameraden, den fürsorglichen Freund. Eine „fast überir-dische Güte“ schreibt sie ihm zu.

Diese Güte wird von allen seiner Freunden hervorgehoben, der Menschenfreund Rée öf-ters sogar für einen neuzeitlichen Heiligen gehalten. Zusammengenommen mit dem „eiskalten“ Analysierer des egoistischen menschlichen Triebwesens, dem Entlar-vungspsychologen, dem Diagnostiker der Eitelkeit scheint sich indessen eine paradoxe Struktur zu ergeben, die durch den „geist-lich“ anmutenden „freien Geist“ und die klösterliche Lebensform eines bekennenden Atheisten noch unterstrichen wird: das Para-dox eines heiligen Immoralisten. Für welche Sünden suchte er Buße, warum Entlastung von der Moral?

Das Beisammenleben mit Lou erfährt eine beträchtliche Komplikation, als Nietzsche hinzukommt und die römische Arbeits- und Lebensgemeinschaft zur „Dreieinigkeit“ ex-pandiert. In Wien, München, Paris, Berlin will man sich niederlassen. Jetzt ist freilich das alte Paradox eines „Klosters für freiere Geister“ dadurch kompliziert, dass der un- verheirateten Lou und den beiden Junggesel-len Rée und Nietzsche die üble Nachrede der bürgerlichen Moral droht, der Verdacht auf eine „ménage à trois“. Einerseits ist man „freier Geist“ genug, sich darüber hinwegzu- setzen, zumal die wahren Verhältnisse weiß Gott sexuell völlig unverdächtig sind. Ande-rerseits kommt man der Konvention doch so weit entgegen, dass man die obligaten weib-lichen Aufsichtspersonen akzeptiert: eine Kompromissbildung.

Anfang Mai bricht man gemeinsam nach Norden auf. In den kommenden Monaten dreht sich das Karussell von unglücklicher Liebe, Eifersucht, Intrige und Verrat. Ein un-erquickliches Kapitel, in dem vor allem der mit seinen Leiden sonst so zum Mitleiden einladende, als psychologischer Philosoph so klarsichtige Nietzsche im Kontrast zu Rée schlecht abschneidet.

Zur Tragödie wendet sich der Unheilssom-mer zwar erst, als Nietzsches Schwester Eli-sabeth ihm das Gift einer bösen Intrige ins verletzliche Herz träufelt. Bemerkenswert aber, dass er, der sich jenseits von Gut und Böse wähnt, sich das böse Gerede seiner hochmoralischen Schwester über eine angeb-liche üble Nachrede der Freunde zu eigen macht und seinen guten Ruf, sein ganzes Le-ben, sein Werk in den Schmutz gezogen sieht, wo ein „freier Geist“ allenfalls mit den Achseln gezuckt hätte. Die Intrige kann nur wirken, weil Nietzsche die christlich-bür¬gerliche Moral völlig verinnerlicht hat. Im Trio dieser drei Immoralisten ist er der bei weitem moral- und konventionsabhängigste Geist.

Im Winter 1882 rechnet er in wüsten Invek-tiven mit den Freunden von ehemals ab:

Ich habe noch nie so viel Ekel in meiner Seele beisammen gehabt, wie jetzt, bei dem Gedanken, daß solch ein schleichender ver¬logen heimtückischer Gesell jahrelang als mein Freund hat gelten können. (….) Pfui, mein Herr! (…) Also von Ihnen stammt die Verunglimpfung meines Charakters, und Frl. Salomé ist nur das (…) sehr unsaubere Mundstück Ihrer Gedanken über mich ge-wesen (…) ich hätte große Lust, Ihnen mit ein paar Kugeln eine Lektion in der prakti-schen Moral zu geben: und vielleicht errei-che ich, Sie ein für alle Mal von der Be-schäftigung mit Moral abzubringen: dazu nämlich mein Herr Dr. Rée gehören nur rei-ne Hände aber nicht Schlammfinger!“.

Als Nietzsche sein inzwischen gewandeltes Denken weiterhin mit dem von Rée ver-wechselt sieht, schüttelt er sich geradezu, obwohl er die wechselseitige Beeinflussung nicht dementiert: „Verwechselt. Mit Rée!!!“. Die Widmung von Rées nächstem Werk Die Entstehung des Gewissens verbittet er sich. Immerhin lautet sein Urteil nicht völlig nega-tiv: „Ich vergaß zu sagen, wie hoch ich die schlichte, klare und beinahe antike Form des Réeischen Buches zu schmecken weiß.“ Das letzte öffentliche Urteil, das Nietzsche in der Vorrede zur Genealogie der Moral über Rée, diesmal den Ursprung der moralischen Emp-findungen, fällt, ist heftig, gewiss, aber auch anerkennend:

Vielleicht habe ich niemals Etwas gelesen, zu dem ich dermaassen, Satz für Satz, Schluß für Schluß, bei mir Nein gesagt hätte wie zu diesem Buche: doch ganz ohne Verdruß (…) ein klares, sauberes und klu-ges, auch altkluges Büchlein .

Nietzsches menschliche Größe zeigt sich zu guter Letzt in seinen versöhnlichen Reaktio-nen, die er dem unversöhnlichen Hass der Schwester entgegenstellt, auch in seiner Selbstkritik:

Dr. Stein hat mit der höchsten Verehrung vom Charakter des Dr. Rée und seiner Lie-be für mich geredet – was mir sehr wohl- getan hat. – (…) Was ich gethan, das kann man nicht verzeihen.

Als Nietzsche 1888 aus Berlin eine anonyme Geldspende bekommt, die er für die Druck- kosten seiner Schriften auch annimmt, ver-mutet er Rée dahinter, der freilich der Spen-der nicht war. Im übrigen hat Nietzsche Rée und Lou nicht wiedergesehen. Die „Drei¬einigkeit“ war für immer zerbrochen.

Die Zweieinigkeit allerdings dauerte einst¬weilen an. Während Nietzsche krank, ein-sam, immer wieder selbstmordgefährdet no-madisiert, zugleich einen produktiven Exzess sondergleichen erlebt, lebt Rée in der Ar-beitsgemeinschaft, die nun für länger Wirk-lichkeit wird, ohne noch unter klösterlichen Vorzeichen stehen zu müssen, mit Lou und anderen bedeutenden Geistern der Zeit in Berlin zusammen: Georg Brandes, Hans Delbrück, Paul Deußen, Hermann Ebbing- haus, Wilhelm Halbfaß, Max Heinemann, Heinrich von Stein, Ferdinand Tönnies …

Rée setzt, nachdem seine wiederholt betrie-benen Habilitationspläne endgültig geschei-tert sind, mit seinen Büchern über Die Ent-stehung des Gewissens und Die Illusion der Willensfreiheit die Arbeit einer positivisti-schen Aufklärung fort. Während Nietzsche sich unablässig wandelt, bleibt Rée als Den-ker wie als Charakter der Gleiche. Der Satz, mit dem er sich in seinem nachgelassenen Werk Philosophie, postum 1903 veröffent-licht, von seinen früheren Werken rundum distanziert, entspricht der Konstanz seines Lebenswerkes nicht. Während Nietzsche sei-ne „Vorspiele der Zukunft“ inszeniert, be-harrt Rée auf seinen genealogischen Moral-fragen. Während Nietzsche auf der Suche nach neuen Horizonten seine großen Mythen, die prekäre Frohbotschaft seines Anti-Evangeliums verkündet, pflegt Rée weiterhin den illusionslosen Blick auf das Gegebene, den skeptischen „Réealis¬mus“.

Aber auch seine Lebenstragödie geht ihren Gang. Als Lou 1886 in dem Orientalisten Friedrich Carl Andreas neben dem „Bruder“ eine Vaterfigur findet, sieht Rée keinen Raum mehr für sich. Wahrscheinlich im Vor-frühling 1887 findet die letzte Begegnung statt; Lou hat sie in ihrem Lebensrückblick festgehalten:

Der letzte Abend, da er von mir fortging, blieb mit nie ganz verglimmendem Brand mir im Gedächtnis haften. Spät in der Nacht ging er, kehrte nach mehreren Minuten von der Straße zurück, weil es zu sinnlos regne. Worauf er nach einer Weile wieder ging, je-doch bald nochmals zurückkam (…) Nach-dem er nun fortgegangen war, wurde es schon Morgen. Ich schaute hinaus und wur-de stutzig: über trockenen Straßen schau-ten die erblassenden Sterne aus wolkenlo-sem Himmel. Mich vom Fenster wendend, sah ich im Schein der Lampe ein kleines Kinderbild von mir aus Rées Besitze liegen. Auf dem Papierstück, das drum gefaltet war, stand: „barmherzig sein, nicht suchen.“

Ein Satz ohne Subjekt, ohne Objekt, nur eine letzte Bitte. Ein Ende von schwer überbietba-rem Schmerz. Rée nimmt ein medizinisches Studium auf, das er 1890 mit der Promotion in München abschließt. Dann praktiziert er zehn Jahre in Stibbe als Armenarzt.

Oft wurden auf seine Kosten Kranke in die Kliniken von Berlin oder Breslau gebracht, häufig sah man ihn „unter seinem Mantel reiche Spenden von Speisen und Wein in die Wohnungen armer und kranker Arbeiter tragen“, er lebt (…) „dort wie ein Heiliger“ in der Erinnerung.

Doch wer von diesem Heiligen erwarten ha-ben mochte, dass er sich zu einem anderen, frömmeren Denken bekehren würde, sieht sich enttäuscht: Rée bleibt ein heiliger Im-moralist. 1900, im Todesjahr Nietzsches, zieht Rée nach dem Verkauf des Gutes Stib-be nach Celerina im Oberengadin um, dem Ort seiner Ferien mit Lou, der Nachbarschaft von Sils-Maria. Auch dort wirkt er als Ar-menarzt. Auch dort wird er, ohne dass man von dem immoralistischen Denker wüsste, als Menschenfreund hoch verehrt.

Sein Ende – Unfall oder Selbsttötung? – wird sich vermutlich nie aufklären lassen. Es deu-tet indes einiges auf die Möglichkeit einer Selbsttötung hin. Er, der „schon als Jüngling mit Selbstmordgedanken nicht nur gespielt“, trug selbst in der gemeinsamen Zeit mit Lou „ständig eine Giftphiole bei sich.“ In Rées Psychologischen Beobachtun- gen spielen „Selbstmörderstimmungen“ eine beträchtli-che Rolle. Eine davon hat Rée für sich als le-bensnotwendig Philosophierenden festgehal-ten:

Ich muß philosophieren, wenn ich also kei-nen Stoff zum Philosophieren mehr habe, so ist es am besten für mich zu sterben.

Wie auch immer – gewiß, daß am 28. Okto-ber 1901 in der Charnadüra-Schlucht bei Ce-lerina ein Leben endet, das radikal desillusi-onierend im Denken, exemplarisch im hu-manen Handeln und von der Tragik einer heillosen Liebe überschattet war:

Paul Rée Philosoph Arzt



UNSER AUTOR:

Ludger Lütkehaus ist Professor für neuere deutsche Literatur an der Universität Frei- burg. Von ihm ist zum Thema erschienen:

Ein heiliger Immoralist. Paul Rée (1849- 1910). 48 S., kt., € 24.—, Basilisken-Presse, Marburg.
Über Nietzsche und Rée vgl. auch: Ludwig Lütkehaus: Nichts. Abschied vom Sein, Ende der Angst. 6. Auflage, € 9.90, Zweitausend- eins, Frankfurt.





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