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Descartes' "Principia philosophiae" neu übersetzt

DESCARTES

Die „Principia philosophiae“ in einer Neuübersetzung

1908 erschien im Leipziger Verlag Dürr Descartes Principia philosophiae in einer von Arthur Buchenau besorgten deutschen Übersetzung. Diese Ausgabe erschien dann 1911. Später übernahm Felix Meiner diesen Text in seine „Philosophische Bibliothek“, dort erschien er 1922 bereits in der 4. Auflage. Seither wurde diese Ausgabe immer wieder nachgedruckt (wobei ab 1955 das Vorwort Buchenaus und die ursprünglich ebenfalls mit abgedruckte Übersetzung der Notae in programma quoddam weggefallen sind. Buchenau wechselte in seiner Übersetzung zwischen dem lateinischen Originaltext von 1644 und der französischen Übersetzung Picots von 1647, macht dies aber dem Leser nicht immer kenntlich.

Nun ist innerhalb der „Philosophischen Bibliothek“ des Meiner Verlages die Buchenau-Übersetzung von einer neuen Übersetzung, besorgt und eingeleitet von Christian Wohlers, ersetzt worden:

Descartes, René: Die Prinzipien der Philosophie. Lateinisch-Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Christian Wohlers. 712 S., Ln., € 68.—, Philosophische Bibliothek 566, Felix Meiner Verlag, Hamburg.

Die Ausgabe ist erstmalig zweisprachig, verzichtet aber auf den Mitabdruck des systematisch bedeutenden Vorworts Descartes’ zu Picots französischer Übersetzung von 1647 (dieses wird voraussichtlich gesondert erscheinen).

Die Principia philosophiae sind erstmals 1644 bei Elzevier in Amsterdam veröffentlicht worden. Descartes war seit seinen 1641 erschienenen Meditationes de prima philosophia ein gefeierter Philosoph.
Der lateinisch geschriebene Text fand deshalb bei Gelehrten und Freunden des Philosophen schnell allgemeine Beachtung, und die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Wie Wohlers in seiner Einleitung berichtet, verfasste der Dichter Constantin Huygens, ein Freund Descartes, huldvolle Verse auf den Philosophen und sein neuestes Werk, die er im Kreise der Cartesianer verteilte. Auch Adrien Heereboord, Professor für Philosophie in Leiden und Cartesianer, erhielt einen Gedichtband und bemerkte in seinem Dankesschreiben an Huygens wenig schmeichelhaft über die Principia, die Lektüre der Gedichte hätte ihm wenigstens einen Ausgleich für die verlorenen Stunden des Studiums der Principia selbst verschafft. Das Interesse an dem Werk ebbte in der Tat in kurzer Zeit ab, ging in Schweigen über und endete schließlich in Befremden.

Denn die darin entwickelte cartesianische Physik war schon bei ihrem Erscheinen ein Unikum und rückwirkend betrachtet gegenüber der Galileischen Physik völlig chancenlos. Sie verschwand spätestens mit dem Erscheinen von Newtons Mathematischen Grundlagen der Naturphilosophie (1687) völlig von der Bildfläche.

Vor diesem Hintergrund, so Wohlers, grenzt es beinahe an ein Wunder, dass gerade Descartes’ Physik auch heute noch übersetzt, verlegt und gelesen wird (während beispielsweise Galileis Saggiatore von 1623 noch immer auf eine deutsche Übersetzung wartet). Verdankt sich das Interesse einfach der Tatsache, dass es sich um eine Schrift von Descartes handelt? Wohlers sagt nein, denn die Schrift verhandle auch Dinge, die man nicht anders denn als metaphysisch bezeichnen könne und die für die Philosophiegeschichte von Bedeutung seien. Allerdings hat der Versuch Kuno Fischers, die metaphysischen Teile aus dem Werk herauszunehmen, keine Nachfolger gefunden.

Descartes’ Physik ist historisch gesehen ein Bindeglied zwischen der antiken und mittelalterlichen Ontologie sowie der neuzeitlichen mathematischen Physik, ein Bindeglied, das freilich fünfzig Jahre zu spät entstanden war. Descartes’ Physik kommt zu einer Zeit, als die mathematische Physik, personifiziert in Galilei, sich schon längst durchgesetzt hatte. Für Wohlers musste Descartes’ Physik deshalb scheitern, weil er das Richtige falsch gemacht hat: Er versuchte die Scholastik durch eine neue Ontologie zu überwinden, und fand sich so wieder zwischen Scholastik und Galilei, dessen Unzulänglichkeiten er wiederholt kritisiert hatte. Er verließ die Scholastik, drang aber nicht bis zur mathematisch-experimentellen Physik vor. Seine Physik ist aber durch eine Selbstreflexion gekennzeichnet und ist dadurch Meta-Physik in einem besonderen Sinne. Sie ist für uns insofern von Interesse, als sie das Verhältnis von Physik und Metaphysik reflektiert und zu bestimmen sucht.


FRIEDRICH DER GROSSE

Der Akademie Verlag plant eine Ausgabe der Werke von Friedrich II von Preußen (1712-1786), eine „Potsdamer Ausgabe Werke in 12 Bänden“. Sie umfasst drei Abteilungen I. Historische Werke (Bände 1-5), II. Philosophische Schriften (Band 6) und III. Militärische und politische Schriften (Bände 10-12). Im Band 6 (ca. 500 S., Ln., ca. € 49.80, 2005, herausgegeben von Anne Baillot und Brunhilde Wehinger) beschäftigt sich Friedrich der Große mit der Rolle des Fürsten und der Staatsführung sowie mit Fragen der Moral, der Humanität, des Fortschritts der Menschheit und des neuen Denkens, das er insbesondere bei den französischen Aufklärungsphilosophen aufmerksam beobachtet und nicht selten vehement kritisiert.


JOHANN GOTTFRIED HERDER

Kein Geld für die „Philosophischen Manuskripte“ von Johann Gottfried Herder

Editionsvorhaben haben derzeit geringe Chancen auf Förderung durch die DFG. Das mussten auch Hans Dietrich Irmscher, emeritierter Professor an der Universität Köln und einer der besten Herder-Kenner sowie Marion Heinz, Philosophieprofessorin an der Universität Siegen, erfahren. Irmscher hat in jahrelanger Arbeit die wichtigsten Manuskripte des noch unedierten Herderschen Nachlasses selektiert und transkribiert. Nun sollte es darum gehen, die philosophischen Manuskripte der Forschung zugänglich zu machen. Dazu müsste man aber die Abschriften der Texte noch einmal mit den Handschriften vergleichen, ein Druckmanuskript herstellen und eine profunde Einleitung verfassen. Ein entsprechendes Förderungsprojekt in der Höhe von ca. € 13'000 hat die DFG abgelehnt. Nun will man versuchen, anderweitig Fördermittel aufzutreiben.


KIERKEGAARD

Ausgaben anlässlich des 150. Todestages


Zum 150. Todestag Kierkegaards im November ist im Meiner-Verlag eine limitierte Sonderausgabe der drei zentralen Schriften Kierkegaards Der Begriff Angst, Philosophische Bissen und Die Krankheit zum Tode erschienen. Die von Hans Rochol übersetzten Schriften sind in drei Bänden zum Preis von zusammen € 14.95 solange erhältlich, bis die Sonderausgabe vergriffen ist.

Der Deutsche Taschenbuchverlag hat die vier 1967 erschienenen und von Hermann Diem und Walter Rest unter Mitwirkung der Kopenhagener Kierkegaard-Gesellschaft her ausgegebenen Bände

Die Krankheit zum Tode. Furcht und Zittern. Die Wiederholung. Der Begriff der Angst. 768 S., kt., € 12.50, dtv 13384

Einübung im Christentum. Zwei kurze ethisch-religiöse Abhandlungen. Das Buch Adler. 576 S., € 12.50, dtv 13385

Entweder – Oder. Teil I und II. 1040 S., kt., € 14.—, dtv 13382

Philosophische Brosamen und Unwissenschaftliche Nachschrift. 1032 S., € 15.—, dtv 13383

ebenfalls auf das Jubiläum hin im Oktober nachgedruckt.

GEORG CHRISTOPH LICHTENBERG

Die Korrespondenz-Ausgabe ist abgeschlossen

Mit dem 5. Band ist die Ausgabe des Briefwechsels von Georg Christoph Lichtenberg vollständig abgeschlossen. Der letzte Band (in zwei Teilbänden) enthält das Personen- und Sachregister:

Georg Christoph Lichtenberg: Briefwechsel Band V in zwei Teilbänden: Personen- und Sachregister, Nachträge, Verzeichnisse. Herausgegeben von Ulrich Joost unter Mitarbeit von Hans-Joachim Heerfe im Auftrag der Akademie der Wissenschaften zu Göttin- gen, 994 und 997 S., € 250.—, C.H. Beck, München.

Der eigentliche Briefwechsel, „ein philologisches Meisterwerk“, so Ludger Lütkehaus in der Neuen Zürcher Zeitung ist in den Jahren 1983-1992 erschienen. Der erste Teilband enthält Addenda und Errata zu den vier Briefbänden, Lichtenbergs Postlisten aus seinen Tagebüchern, Apokrypha und andere Paralipomena, eine mit Vorgänger-Editionen vergleichende Nummern-Konkordanz und ein umfassendes erläuterndes Personen- und Schriftenregister mit über 5000 Stichwörtern und 1600 Verweisen. Der zweite Teilband enthält ein umfangreiches kommentierendes Sachregister mit über 15000 Stich- und Schlagwörtern und 5000 Querverweisen, ein chronologisches Verzeichnis aller in den Bänden I bis V enthaltenen Briefe, einen alphabetischen Korrespondentenkatalog, ein alphabetisches Verzeichnis der Korrespondenten nach ihren Orten und schließlich Pläne zur Topographie von Göttingen.

Die Rezensenten schwärmen durchweg über den Briefwechsel selber (Ludger Lütkehaus: „Nie wird sich der Leser langweilen“) wie auch die Ausgabe (Dieter Hildebrandt: „typografisch bestechend“).


HEINRICH RICKERT

Frommann-Holzboog plant eine von Rainer A. Bast herausgegebene Ausgabe „Sämtliche Werke“ von Heinrich Rickert. Rickert (1863-1936) war als Haupt des badischen Neukantianismus einer der bedeutendsten deutschen Philosophen vor dem Zweiten Weltkrieg. Mit der Edition soll das Werk dieses vielleicht letzten Systemphilosophen wieder präsent gemacht werden. Jeder Band soll einen editorischen Apparat und Herausgeberanmerkungen enthalten und ist mit einem editorischen Bericht ausgestattet. Als erstes erscheint als Band 2, 1-2 Rickerts Habilita tionsschrift Der Gegenstand der Erkenntnis, ein Haupttext der neukantischen Erkenntnistheorie.


LEO STRAUSS

Hobbes’ politische Wissenschaft


Heinrich und Wiebke Meier haben im Verlag J.B. Metzler in drei Bänden das Frühwerk von Leo Strauss herausgegeben. Die Ausgabe enthält alle Bücher, Aufsätze, Artikel und Aufzeichnungen, die vor Strauss’ Übersiedlung in die USA entstanden sind.
Insgesamt sind sechs Bände der „Gesammelten Schriften“ geplant. Vorgesehen sind des weiteren die Bände „Politische Philosophie. Studien zum theologisch- politischen Problem“, „Über Tyrannis“ und „Gedanken über Machiavelli“.

Band III der Gesammelten Schriften, „Hobbes’ politische Wissenschaft und zugehörige Schriften – Briefe (800 S., Ln., 2001, € 44.90) besteht aus zwei Teilen:
Teil I enthält das 1934/35 in London und Cambridge auf deutsch geschriebene und 1936 in englischer Fassung veröffentlichte Buch „Hobbes’ politische Wissenschaft in ihrer Genese“, das Strauss’ frühen Ruhm in der angelsächsischen Welt begründet. Es ist dies die erste Ausgabe der Originalfassung (erweitert um die Änderungen der englischen Fassung und ergänzt um weitere Aufsätze zum Thema).

Teil II, Briefe, gibt die Korrespondenz, soweit erhalten und bekannt, vollständig wieder. Es sind 320 Briefe und Gegenbriefe, u.a. von Gerhard Krüger, Jacob Klein, Karl Löwith und Gershom Scholem.

Die Arbeiten in diesem Band, so Heinrich Meier in seinem Vorwort, bezeugen Strauss’ eingehende, gelegentlich unterbrochene, aber nie aufgegebene Auseinandersetzung mit der Philosophie von Hobbes, die sich über ein Jahrzehnt, von der Mitte der zwanziger Jahre bis 1936 erstreckt. 1932 war das geplante Buch über Hobbes so weit gediehen, dass es Carl Schmitt als Grundlage für ein Gutachten dienen konnte, welches Strauss das dringend benötigte Stipendium der Rockefeller Foundation eintrug. 1934 erhielt Strauss Zugang zu unveröffentlichten Dokumenten aus Hobbes’ Zeit bei der Familie Cavendish. Darunter waren Entwürfe zu De corpore und De homine, aber auch andere Dokumente, die geeignet schienen, Licht in das Dunkel von Hobbes’ philosophischer Entwicklung zu bringen. Vor diesem Hintergrund konzipierte Strauss in England zwei neue Vorhaben: zum einen eine Hobbes-Edition, zum anderen die Rekonstruktion der Entwicklungsgeschichte von Hobbes` Politischer Wissenschaft als einer Art Prolegomenon zu deren Analyse und Kritik. Nach anfänglich vielversprechenden Verhandlungen mit der Cambridge University Press scheiterte jedoch die Hobbes-Edition. Dafür brachte Strauss im Mai 1935 die „Entwicklungsgeschichte“, seine erste große Hobbes-Studie, zu Ende. Allerdings fand sich damals kein deutscher Verleger, der das Buch herausgebracht hätte. Und in England zögerte man zunächst, sich auf eine Übersetzung einzulassen, bevor das Manuskript in der Originalsprache erschienen war, war dann allerdings bereit, eine Ausnahme zu machen. So erschien 1926 The Political Philosophy of Hobbes, allerdings mit dem Untertitel „from the German Manuscript“.

In diesem Buch versucht Strauss die Entwicklung, die in der „Kulturphilosophie“ der damaligen Zeit an ihr Ende gelangt war, an ihrem Beginn, bei Hobbes, zu fassen. In der liberalen Kulturphilosophie hat sich das theologisch-politische Problem mit der Parzellierung des Lebens in einer Vielzahl „autonomer Kulturprovinzen“ verflüchtigt. Sie weiß deshalb auch nicht mehr, dass Philosophie in ihrem ursprünglichen Sinn eine Lebensweise ist. 1935 sagt Strauss, dass eine radikale Kritik des modernen Kulturbegriffs nur in Form eines theologisch-politischen Traktats möglich sei. Ein solcher Traktat müsste die genau entgegengesetzte Tendenz haben zu den theologisch-politischen Traktaten von Hobbes und Spinoza. Was mit der Emanzipation der Politik von der Theologie begann, mündet nach der erfolgreichen Freisetzung einer Welt zunehmender Zweckrationalität und wachsender Prosperität in einen Zustand der Verständnislosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber dem ursprünglichen Sinn der theologisch-politischen Kritik, die Hobbes und Spinoza vortrugen. Ein solcher Traktat hätte die Ansprüche, die Politik und Religion beinhalten, in aller Deutlichkeit ins Bewusstsein zu rufen und den Zusammenhang neu verständlich zu machen, der zwischen den beiden besteht. Meier zufolge kann jedes von Strauss’ Büchern seit 1935 ein theologisch-politischer Traktat genannt werden. In jedem dieser Bücher macht er die theologische und politische Herausforderung so stark, wie er sie eben machen kann. Und ebenso durchgängig betont er den unaufhebbaren Gegensatz, der zwischen dem philosophischen Leben und dessen mächtigstem Gegenüber, dem Offenbarungsglauben, besteht.

Hobbes’ politische Wissenschaft in ihrer Genesis (1935/36)

Hobbes’ politische Wissenschaft ist der erste eigentümlich moderne Versuch, die Frage nach dem richtigen Leben des Menschen, und das heißt zugleich die Frage nach der richtigen Ordnung des menschlichen Lebens, zusammenhängend und umfassend zu beantworten. Alle späteren Versuche nahmen, ausdrücklich oder unausdrücklich, ablehnend oder zustimmend, von der durch Hobbes vollzogenen Grundlegung Bezug. Dass Hobbes in der Geschichte des Naturrechts und des allgemeinen Staatsrechts Epochales geleistet hat, wird fast allgemein zugestanden. Dass die Bedeutung seiner Leistung viel weiter reicht, dass sie wahrhaft universal ist, wird nicht einmal erwogen. Nach allgemeiner Auffassung hat Hobbes Epoche gemacht, weil er die Methode verwendet hatte, mit der zuvor Galilei die Physik in den Rang einer Wissenschaft erhoben hat. So lange man aber diese Methode für entscheidend hält, wird die universale Bedeutung von Hobbes’ politischer Philosophie Strauss zufolge verkannt bleiben. Die für die konkrete Entwicklung der Staatsidee entscheidende Frage nach Ziel und Beschaffenheit des „Einzelwillens“, des Willens des Menschen im Naturzustand, wird durch die Methode nicht vorgezeichnet. Hobbes’ Ansicht, dass der Mensch von Natur aus böse sei, muss einen anderen Ursprung haben als die Methode, und folglich muss es einen näheren, konkreteren Ursprung seiner Politik geben als die Methode. Wo ist dieser Ursprung zu suchen?

Hobbes philosophiert in dem fruchtbaren Augenblick, da die aus der Antike stammende Tradition ins Wanken geraten war und sich die Tradition der modernen Naturwissenschaft noch nicht verfestigt hatte. In diesem Augenblick stellt er die fundamentale Frage nach dem richtigen Leben des Menschen und nach der richtigen Ordnung des menschlichen Zusammenlebens. Dieser Augenblick ist für die ganze folgende Zeit entscheidend: in ihm wird das Fundament gelegt, auf dem die neuere Entwicklung der politischen Wissenschaft beruht und von dem aus das moderne Denken allein verstanden werden kann.

Hobbes stellt den Versuch, die politische Wissenschaft gemäß den Naturwissenschaften auszuarbeiten, durch sein Bewusstsein von den sachlichen Differenzen zwischen den Wissenschaften ständig in Frage. Er ist sich darüber im klaren, dass die politische Wissenschaft von den Naturwissenschaften unabhängig ist, weil ihre Prinzipien durch die Erfahrung, durch die Selbsterkenntnis jedes einzelnen erarbeitet werden. Die politische Wissenschaft ist aber auch ein Hauptteil des Ganzen des menschlichen Wissens: Das Ganze des Wissens gliedert sich in die Naturwissenschaft einerseits, die politische Wissenschaft andererseits.

Was den Menschen charakteristisch vom Tier unterscheidet, ist das Streben nach Ehre und Ehrenstellung, nach Vorrang vor anderen Menschen und nach Anerkennung dieses Vorranges durch die anderen Menschen. Aus der Natur des Menschen ergibt sich mit Notwendigkeit der Krieg eines jeden gegen jeden: jeder ist darum jedes anderen Feind, weil er jedem überlegen sein will und eben dadurch jeden verletzt. Hobbes konnte sich aber nicht dazu entschließen, die Zurückführung der natürlichen Begierde des Menschen offen der Eitelkeit zugrunde zu legen. Die natürliche Eitelkeit verschwindet bei Hobbes in den „caeteros affectus“, weil er die natürliche Unschuld des Menschen behauptet und die menschliche Bosheit als unschuldige „Bosheit“ des Tieres verstanden werden soll. In seiner Beschreibung des Machtstrebens verrät Hobbes, dass dessen moralische Indifferenz eine nur scheinbare ist: das menschliche Machtstreben ist als Machtstreben immer entweder gut und erlaubt oder böse und unerlaubt. Die scheinbare moralische Indifferenz entsteht lediglich durch Abstraktion von der notwendigen moralischen Differenz. Hobbes’ politische Wissenschaft beruht auf einer neuen Moral, oder besser: auf einer neuen Begründung der Moral.

Das zweite der „beiden höchst gewissen Postulate der menschlichen Natur“, das Hobbes nebst dem „Postulat der natürlichen Begierde“ zur Grundlage seiner politischen Wissenschaft macht, ist das „Postulat der natürlichen Vernunft“, das auf das Prinzip der Selbsterhaltung zurückgeführt wird. In der Konsequenz dieses Gedankens versucht Hobbes, das Naturrecht, das Naturgesetz und alle Tugenden aus dem Prinzip der Selbsterhaltung herzuleiten.

Der Ursprung des Rechts und des Staats ist die Furcht vor dem Tod, d. h. das affektive, unvermeidliche Zurückweichen vor dem Tod. Diese Furcht ist aber gegenseitige Furcht, d. h. sie ist die Furcht jedes Menschen vor jedem anderen Menschen als seinem Mörder. Also nicht das vernünftige Prinzip der Selbsterhaltung, sondern diese vor-vernünftige, allerdings im Sinne der Vernunft wirkende Furcht vor gewaltsamem Tod ist nach Hobbes die Wurzel allen Rechts und damit aller Moral. Hobbes hat daraus Konsequenzen gezogen: Er bestreitet allen Tugenden, die nicht zur Ermöglichung des Staates, d.h. des Friedens und damit der grundsätzlichen Sicherung gegen die Gefahr des gewaltsamen Todes beitragen, den Tugend-Charakter.

Hobbes’ Politik geht von dem Gegensatz aus zwischen Eitelkeit als der natürlichen Begierde einerseits und Furcht vor gewaltsamen Tod als dem Affekt, der den Menschen zur Raison bringt, andererseits. Der eitle Mensch braucht die Anerkennung durch andere, er tritt deshalb aus der Welt seiner Einbildung heraus. Der Verachtete verlangt nach Rache; um sich zu rächen, schreitet er zum Angriff auf den anderen. Irgendwann einmal in diesem Kampf löst die tätliche Beleidigung, genauer der physische Schmerz, Furcht um das Leben aus. Furcht mässigt Zorn und verwandelt die Rachebegierde in Hass. Das Ziel des Hasses ist nun nicht mehr der Triumph über den Feind, sondern der Tod des Feindes. Der Mensch, um sein Leben auf Dauer zu sichern, bedarf der Genossen, mit deren Hilfe er sein Leben gegen die übrigen mit Erfolg verteidigen kann. Zwecks möglichst lange dauernder Sicherung gegen den gemeinsamen Feind wird die Gründung des Staates vollzogen. Hobbes’ Behauptung, dass der Staat nur aus gegenseitiger Furcht hervorgeht, hat also einen moralischen, keinen bloß technischen Sinn. Zur Verpflichtung zur gegenseitigen Hilfeleistung kommt es erst auf Grund eines Vertrages der vorher freien, unverpflichteten Menschen.

Allein durch die Erkenntnis der Gefahr des Todes, welche Erkenntnis zugleich Zurückweichen vor dem Tode ist, kann der Mensch radikal von der natürlichen Eitelkeit, von der natürlichen Befangenheit in der Welt seiner Einbildung befreit werden. Wenn dem aber so ist, so ist die Todesgefahr, die Furcht vor gewaltsamem Tode, die notwendige Bedingung nicht allein des menschlichen Zusammenlebens, sondern auch der Wissenschaft.

Im Laufe seiner Entwicklung hat sich Hobbes immer mehr von der Anerkennung der Adelstugend entfernt. Am Ende dieses Prozesses steht die Begründung einer eigentümlichen bürgerlichen Moral und zugleich die Sublimierung und Verinnerlichung der Adelstugend selbst. „Ehrenhaft“ sind insbesondere die Affekte oder Handlungen, die aus dem Bewusstsein der eigenen Überlegenheit hervorgehen.
Dieses Bewusstsein heißt Ruhm oder Stolz. In der Renaissance vollzog sich die Entwicklung von Gesetz und Ruhm als moralisches Prinzip zum Überlegenheitsprinzip des überlegenen Individuums und sein Interesse an der Anerkennung seiner Überlegenheit durch andere. Für Hobbes wird die Gesinnung zum alleinigen moralischen Prinzip, weil er nicht mehr an die Wirklichkeit eines „objektiven“ Prinzips, nach dem sich der Mensch für die Ordnungen seiner Handlungen zu richten hätte, glaubt.

Hobbes’ ursprüngliche moralisch-politische Ansichten lassen sich auf die Aristotelische Tradition, so wie sie im Laufe des 16. Jahrhunderts modifiziert worden war, zurückführen. Seine spätere Lehre aber steht in grundsätzlichem und ausdrücklichem Widerspruch zu dem wie immer verstandenen Aristotelismus. Zu diesem Bruch bedurfte es der Erkenntnis eines grundsätzlichen Mangels der Aristotelischen Philosophie. Diese Erkenntnis verbirgt sich Strauss zufolge in der Wendung von der Philosophie zur Geschichte. Die Geschichte, nicht die Philosophie macht den Menschen klug. Die Lehren der Geschichte übernehmen die Funktionen, die nach Aristoteles Sache der philosophischen Vorschriften waren. Die politische Philosophie bekommt nun bei Hobbes die Funktion, die Geschichte zu ersetzen, und die Geschichte wird immer – bis hin zu ihrer alten Bedeutungslosigkeit – zurückgedrängt. Mit dem Naturzustand – nicht als einer historischen Tatsache, sondern einer notwendigen Konstruktion -, erkennt er aber an, dass der grundlegendere Teil der politischen Wissenschaft eine Geschichte ist.

Hobbes wendet sich nun im dem Moment zur Geschichte zurück, als er eine Möglichkeit sieht, eine auf dem direkten Studium der menschlichen Natur beruhende Lehre von der Anwendung der (traditionellen) Normen zu entwickeln. Die angeblich unanwendbaren Normen der Tradition werden durch andere, prinzipiell anwendbare Normen ersetzt.

Die neue politische Wissenschaft muss nicht weniger exakt sein als die geometrische Erkenntnis von Linien und Figuren. Allerdings hat diese Exaktheit eine ganz andere Bedeutung als in der Mathematik. Die exakte Mathematik ist gleichgültig gegenüber den Leidenschaften, die exakte Politik widerspricht den Leidenschaften. Hobbes’ politische Wissenschaft richtet sich nicht bloß gegen die politische Wissenschaft der Tradition, sondern gegen alle Normen, die auf Meinungen beruhen. Hobbes’ Wendung zu Euklid ist als Rückweg zu Platon zu charakterisieren. Dem Platonismus hat sie ihren antithetischen Charakter, die sie konstituierende Auffassung vom Gegensatz zwischen Wahrheit und Schein, zwischen Vernunft und Leidenschaft zu verdanken.

Das Buch ist im Feuilleton auf großes Interesse gestoßen. Es stelle, so schrieb Thomas Meyer in der Tagespost, „einen nicht zu überschätzenden Beitrag für die intellektuelle Geschichte im 20. Jahrhundert“ dar, es sei, so Jürgen Busche in der Tageszeitung, eine „wahrhaft aufregende Schrift“. Die Schwierigkeit mit Strauss, so Henning Ritter in der Frankfurter Allgemeinen, bestehe nicht in dem, was Strauss beweise, sondern tauche mit der Frage auf, worauf denn Strauss hinauswolle.


WALTER BENJAMIN

Kritische Gesamtausgabe geplant


Das seit kurzem in der Akademie der Künste in Berlin untergebrachte Walter-Benjamin- Archiv kündigt ein „Aufsehen erregendes neues Forschungsprogramm“ an: Benjamins „Werke und Nachlass“ sollen unter Leitung von Christoph Gödde und Henri Lonitz als Kritische Gesamtausgabe erscheinen. Dabei soll Benjamins Arbeitsweise anhand verschiedener, im selben Band versammelter Fassungen nachvollzogen werden. Die Ausgabe ist auf 20 Bände konzipiert; der erste Band mit den Jugendschriften soll Ende 2006, Anfang 2007 erscheinen, in der Folge dann zwei Bände pro Jahr, sodass das Projekt 2017 abgeschlossen sein wird. Das „Passagen-Werk“ und die Notizbücher, die bei der Herausgabe der „Gesammelten Schriften“ noch nicht vollständig vorlagen, sollen in vier großformatigen Faksimile-Bänden erscheinen, die übrigen sechzehn Bände werden Normalformat haben. Finanziert wird die Edition von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur unter Jan Philipp Reemtsma, erscheinen soll sie bei Suhrkamp in Frankfurt.
Berichte über die Ausgabe sind erschienen in Die Welt (31.5.), Frankfurter Allgemeine (31.5.), Tagesspiegel (31.5.), Berliner Morgenpost (31.5.) Neue Zürcher Zeitung (1.6.))


JEAN PAUL SARTRE

Theaterstücke

Bei Gallimard ist unter der Leitung von Michel Contat in der Edition „La Pléjade“ unter dem Titel Théatre complet eine Gesamtausgabe von Sartres Theaterstücken erschienen (1664 S., € 65.—, Le Pléjade 512). Die Ausgabe enthält zusätzlich unvollständige Texte, Photographien von Theateraufführungen, Zeugnisse und Dokumente sowie eine Bi- bliographie.


ROLAND BARTHES

Das Neutrum


Zu den Aufgaben des 1976 an das Collège de France gewählten Roland Barthes gehörte eine wöchentliche Vorlesung, in der er aus seiner aktuellen Forschung berichtete. Im akademischen Jahr 1977/78 behandelte er „das Neutrum“, den „dritten Begriff“, der die binäre Opposition – das klassische Ordnungsprinzip des Strukturalismus – unterläuft. Das Neutrum entzieht sich der Spannung und dem Konflikt. Foucault findet es in zahlreichen Phänomenen: in der Müdigkeit, im Schweigen, in der Stille, in Riten, im Oszillieren, in sozialen Bildern wie dem Apolitischen, in Haltungen wie dem Skeptizismus und schließlich im Sexuellen, in der Figur des Androgynen.

Die französische Originalausgabe der Vorlesung erschien erstmals 2002 unter dem Titel Le Neutre. Notes de cours au Collège de France, 1977-1978. Im Suhrkamp-Verlag ist nun eine deutsche Übersetzung erschienen:

Barthes, Roland: Das Neutrum. Vorlesung am Collège de France 1977-78. Herausgegeben von Eric Marty. Texterstellung, Anmerkungen und Vorwort von Thomas Clerc. Übersetzt von Horst Brühmann. 347 S., kt., 2005, € 12.—, Edition Suhrkamp 2377, Suhrkamp, Frankfurt.

Als relevant für das Neutrum wird dabei jede Modulation bestimmt, welche die paradigmatische, oppositionelle Struktur des Sinns meidet oder außer Kraft setzt und darauf abzielt, die konfligierenden Diskurselemente in der Schwebe zu halten. Barthes erstellt das Verzeichnis dieser Modulationen eines sehr breiten Korpus, das u. a. auch Texte östlicher und mystischer Philosophen umfasst. Er gliedert diese Modulationen oder Bezugspunkte des Neutrums in mehr als zwanzig Figuren, deren jede einen Namen erhält und die in einer Zufallsreihenfolge behandelt werden. Man kann diese Modulationen wiederum in zwei große Gruppen unterteilen: die einen verweisen auf konflikthafte Modi des Diskurses (z. B. die Bejahung, der Zorn, die Arroganz), die anderen auf Zustände und Verhaltensweisen, die den Konflikt in der Schwebe halten (z. B. das Wohlwollen, die Erschöpfung, das Schweigen, das Zartgefühl oder der Schlaf). Im Verlauf allmählicher Annäherungen und diverser Bezugnahmen (vom Tao bis zu Böhme und Blanchot) und freier Abschweifungen will Barthes verständlich machen, dass das Neutrum nicht unbedingt dem trivialen, höchst abschätzigen Bild ähnelt, das man von ihm hat, sondern einen starken, aktiven Wert verkörpern kann.


ERIC VOEGELIN

Anamnesis


1966 ist unter dem Titel Anamnesis eine deutschsprachige Aufsatzsammlung von Eric Voegelin erschienen. Voegelin hatte sich an der Universität Wien habilitiert, musste 1938 in die USA emigrieren, wo er an den verschiedensten Universitäten lehre. 1958 kam er nach Europa zurück und baute an der Münchener Universität das Institut für Politische Wissenschaften als Gründungsdirektor auf. Er kehrte aber 1968 in die USA zurück und forschte bis zu seinem Tod an der Hoover Institution in Palo Alto.
Der Verlag Karl Alber hat Voegelins Aufsatzsammlung von 1966 neu als Studienausgabe ediert:

Voegelin, Eric: Anamnesis. Zur Theorie der Geschichte und Politik. 420 S., kt., € 29.—, 2005, Alber Praktische Philosophie Band 77, Alber, Freiburg.

Voegelin bemühe sich um eine Neukonsti- tuierung der politischen Philosophie auf der Basis der platonischen Philosophie. Mit dem Werk Anamnesis findet Voegelin zu einer Theorie des Bewusstseins: Die Probleme mensch licher Ordnung in Gesellschaft und Geschichte entspringen der Ordnung des Bewusstseins und daher muss eine Philosophie des Bewusstseins das Fundament einer Theorie der Politik bilden. Das Buch enthält dreizehn Einzelstudien, die im Zeitraum von 1943 bis 1965 entstanden sind. Darunter ist die Korrespondenz mit Schütz, mit dem Voegelin seit der Wiener Zeit befreundet war; eine Auseinandersetzung mit Husserl und daran anschließend anamnetische Ex- perimente, in denen Voegelin die sein eigenes philosophisches Bewusstsein konstituierende Erfahrungen interpretiert.


HEIDEGGER

Zu Ernst Jünger

Im Rahmen der Martin Heidegger-Gesamt ausgabe sind zum ersten Male und – so H. D. Kittsteiner – „sehnlichst erwartet“ Zeugnisse von Heideggers Auseinandersetzung mit dem Schriftsteller Ernst Jünger veröffentlicht worden:

Heidegger, Martin: Zu Ernst Jünger. 472 S., Ln., € 42.—, 2004, Martin Heidegger Gesamtausgabe, IV. Abteilung: Hinweise und Aufzeichnungen, Band 90, Vittorio Klostermann, Frankfurt.

Der Band enthält zum einen oftmals stichwortartige Aufzeichnungen in losen Blättern, die Heidegger über einen längeren Zeitraum über Jünger angelegt hat, dann zusammenhängende Texte über Jünger aus den Jahren 1932 und 1939/40, zwei Briefe über Jünger sowie u. a. die Randbemerkungen Heideggers zu Ernst Jüngers Der Arbeiter.
Wie der Herausgeber Peter Trawny im Nachwort berichtet, beginnt Heideggers Auseinandersetzung mit Jünger im Jahr 1932. Heidegger sieht, dass in Jüngers Schriften – insbesondere in Der Arbeiter – eine Interpretation der geschichtlichen Gegenwart zur Erscheinung kommt, die einen wesentlichen Zugang zur Wirklichkeit der Neuzeit erfordert.

Unter dem Einfluss der Philosophie Nietzsches versteht Jünger den sich im Ersten Weltkrieg kristallisierenden Geist seines Jahrhunderts als eine Erscheinung des „Willens zur Macht“. Heidegger legt Jüngers Texte als die einzige nennenswerte Fortsetzung des Nietzscheanischen Denkens aus, die durch ihre Beschreibung der Zeit zeigt, dass und inwiefern Nietzsches Philosophie als der Schlüssel zur Wirklichkeit des 20. Jahrhunderts verstanden werden kann. So schreibt Heidegger im Text Ernst Jünger, der Arbeiter, 1932. Ernst Jünger bekenne sich nicht zur „Metaphysik“ Nietzsches als einem vermeintlichem System und einer Lehrmeinung, sondern fasst inmitten der „Wirklichkeit“ Fuß, die Nietzsche nicht ausgedacht, sondern denkerisch erlitten hat. Das Wirkliche, inmitten dessen Jünger zufolge einer entscheidenden Grunderfahrung Fuß fasst, ist durchherrscht von jenem Wesenszug, den Nietzsche als die Wirklichkeit dieses Wirklichen erkannte und mit dem Namen „der Wille zur Macht“ festhielt. Das Ausgezeichnete an Jüngers Haltung wird erst dann sichtbar, wenn man sie auf dem Hintergrund der Wirkung sieht, die Nietzsches Metaphysik in dem letzten halben Jahrhundert beschieden war. Eine Wirkung, die man als unübersehbare Kette von ziellosen Missdeutungen und rechtlosen Ausbeutungen vereinzelter Aussprüche und Lehren kennzeichnen kann. Diese „Wirkung“ Nietzsches ist nur zum geringsten Teil durch ihn selbst verschuldet; sie entspringt vielmehr dem Wesen des Zeitalters, das jeden unmittelbaren und echten Bezug zur Metaphysik eingebüsst hat. So wird Nietzsche gleichzeitig als Stütze und Ausrufer gegenchristlicher Weltanschauungen wie als willkommene Fundgrube zur zeitgemäßen Aufmachung der Kirchenlehren geschätzt.

Ein wesentliches Phänomen, das Jünger in seinen Schriften betrachtet, ist die moderne „Technik“. Indem Heidegger sich immer wieder diesen Betrachtungen zuwendet, entwickelt sich eine Sicht, die seine Auslegung des metaphysischen Denkens als der „Machenschaft“ sowie die spätere Deutung der Technik als „Ge-Stell“ bestimmend bewegt. Wie Trawny darstellt, geht Heidegger aber in Bezug auf Jünger bald auf Distanz. Für ihn versagt Jüngers alle technischen und geschichtlichen Ereignisse seiner Zeit bejahende Haltung des „heroischen Realismus“ vor der philosophischen Aufgabe, nach einem Übergang aus der Vollendung der Metaphysik in eine andere Geschichte zu fragen. Auch wirft Heidegger Jünger vor, er sei jemand, der sich in einen Bereich wagt, für den ihm das Rüstzeug fehlt, „wobei nicht an sachliche Kenntnisse gedacht ist, sondern an Grunderfahrungen und Schärfe und Klarheit und Übersicht des Fragens“.

Im Text Zu Ernst Jünger 1939/40 bringt Hei degger das Wesen der Macht mit dem Weltkrieg und dem Kommunismus in Verbindung. Weil das Wesen der Macht auf die unbedingte und vollständige Herrschaft drängt, ist der Grundvorgang der Ermächtigung der Macht zu ihrem Wesen die „totale“ Mobilmachung. Diese aber findet ihre entschiedenste Förderung und Festigung in einem Weltkrieg. Deshalb hat Lenin im Jahr 1914 den Ausbruch des Weltkriegs bejubelt. Da ein Weltkrieg nur in der totalen Mobilmachung möglich ist, muss er dem die Bahn brechen, was Lenin unter „Kommunismus“ versteht. Der „Kommunismus“ ist für Heidegger ein metaphysischer Vorgang, d. h. eine Wesensgestaltung des Seienden im Ganzen, in der sich das abendländische Zeitalter der Metaphysik vollendet. Für Lenin und den Kommunismus ist die Vollendung der Technik und ihre Beherrschung alles. Er ist keine bloße Umordnung der Gesellschaft und schon gar nicht die Pflege des „Sozialen“ – der Fürsorge für das Volk. Das „Proletariat“, das durch den Kommunismus erst zu einem solchen wird, ist ein Machtmittel unter anderem. Je entschiedener der Weltkrieg betrieben wird, umso unaufhaltsamer wird auf beiden Seiten die totale Mobilmachung. Und je unbedingter diese zur Wirklichkeit kommt, umso unausweichlicher ist der Kommunismus im metaphysischen Sinne. Die jeweiligen Staatswesen, die demokratischen, faschistischen, bolschewistischen und ihre Mischformen sind für Heidegger lediglich Fassaden. Also treibt alles in den Untergang, in die Entscheidung und zwar eine einzige – die wir kaum ahnen, weil ihre Einzigartigkeit uns noch fremd ist, fremd, aber nicht gänzlich verhüllt und entzogen.

Dieser Band, schreibt Stephan Schlak in der Süddeutschen Zeitung, sei ein Ereignis.
Jünger sei, so fasst H.D. Kittsteiner in der Berliner Zeitung Heideggers Auseinandersetzung mit Jünger zusammen, in der metaphysischen Frage des Willens zur Macht stehen geblieben und habe sich nicht, wie Heidegger selbst, auf den Weg der „Verwindung“ der Metaphysik begeben. Aber Jünger biete Heidegger gutes Ausgangsmaterial für die Reflexion über den „heroischen Realismus“, und er teile dessen Grundgedanken: „Die Ablösung des bürgerlichen Individuums durch den Typus des Arbeiters“. Die Bürgerklasse muss überwunden werden.

Wie steht es mit Heideggers Stellung zum Dritten Reich? Sie ist, so Kittsteiner, nur in Andeutungen erfahrbar. Heidegger lehne Jünger ab, weil er noch nicht zu Heideggers Gedanken der „Seinsverlassenheit des Seienden“ vorgedrungen sei. Und diese Seinsverlassenheit in der Langeweile des Nichtigen betreffe auch das Dritte Reich. Anders Stephan Schlak in der Süddeutschen Zeitung: „Wir sehen Heidegger, dem die nationalsozialistische Wirklichkeit die Begriffe aus der Hand genommen hat, bis auf das letzte ideologische Hemd ausgezogen“. Wenn Jünger vom „tiefsten Glück des Menschen“ „geopfert zu werden“ schwärme, notiere Heidegger am Rande: „Ist das ein würdiges Ziel? Ist es überhaupt ein Ziel? Oder ist es die Sinnlosigkeit an sich?“.

Besprechungen finden sich in der Frankfurter Allgemeine 24.1.2005, der Süddeutschen Zeitung 23.2.2005, Berliner Zeitung 4.7.2005.

FOUCAULT

Foucault über die Anormalen und die Psychiatrie


Der Suhrkamp Verlag hat begonnen, die deutschsprachige Übersetzung der Vorlesungen Foucaults am Collège de France zu veröffentlichen. Damit wird eine neue Seite des Werks von Foucault zugänglich. Als erstes sind die Vorlesungen aus der Zeit vom 8. Januar bis zum 15. März 1975 erschienenen:

Foucault, Michel: Die Anormalen. Vorlesungen am Collège de France (1974-1975). Aus dem Französischen von Michaela Ott. 476 S., Ln., € 38.—, 2003, Suhrkamp, Frankfurt.

Im 18. Jahrhundert nannte man eine scholastische und arithmetische Art des gerichtlichen Be weises einen gesetzlichen Beweis. Es gab vollständige und unvollständige Beweise, volle und halbvolle Beweise, Indizien und Beweismittel. Und dann kombinierte und addierte man all diese Elemente der Beweisführung, um zu jenem Quantum an Beweisen zu gelangen, in welchem das Gesetz oder vielleicht eher die Gewohnheit das notwendige Minimum für die Verurteilung erblickte. Wenn die Summe nicht für das Mindestmaß an Beweisen hinreichte, um die volle und gesamte Strafe anzuwenden, dann hieß das noch nicht, das man nicht strafen sollte. Vielmehr sprach man bei drei Viertel der Beweise eine Dreiviertelstrafe aus. Anders gesagt: Man wurde nicht ungestraft verdächtigt. Diese Wahrheitspraxis hat bei den Reformern des ausgehenden 18. Jahrhunderts – etwa bei Voltaire, Beccaria, Servan oder Dupary – zugleich Kritik und Ironie hervorgerufen. Man hat diesem System der Arithmetik des gesetzlichen Nachweises entgegengehalten, man dürfe nicht verurteilen, bevor man zu völliger Gewissheit gelangt sei. Die Strafe müsse dem Gesetz des Alles oder Nichts gehorchen, ein unvollständiger Beweis dürfe keine Teilstrafe nach sich ziehen. In der Folge ging man von dem arithmetisch-scho lastischen und zugleich lächerlichen Regime des klassischen Beweises über zu einem allgemeinen, anonymen Wahrheitsregime für ein als universell angenommenes Subjekt. Allerdings behielt der Richter in der Praxis trotzdem eine gewisse Proportionalität zwischen dem Maß an Gewissheit und der Schwere der auferlegten Strafe bei. So macht das Geschworenengericht in der Regel von der Gepflogenheit der mildernden Umstände dann Gebrauch, wenn eine Unsicherheit hinsichtlich der Beweislage besteht. Im System der gegenwärtigen französischen Rechtsprechung kommt Polizeiberichten und Zeugnisse von Polizisten eine Art Privileg gegenüber jedem anderen Zeugnis zu. Es sind Aussagen mit spezifischen Wahrheits- und Machteffekten, eine Art Übergesetzlichkeit gewisser Aussagen in der Produktion der Wahrheit von Rechtssprechung.

Das Verhältnis von Wahrheit und Rechtsprechung bildet ein grundlegendes Thema der westlichen Philosophie. Es gibt einen Punkt, an dem die Institution, die die Rechtsprechung regelt und die Institution, die die Wahrheit auszusprechen befugt ist, also Gericht und Wissenschaft, sich treffen. Aussagen mit dem Status von wahren Diskursen (also wissenschaftliche Aussagen) haben beträchtliche Wirkung in der Rechtsprechung. Trotzdem haben sie die seltsame Eigenschaft, selbst den elementarsten Regeln der Bildung wissenschaftlicher Diskurse zuwiderzulaufen, was Foucault zufolge grotesk ist.

Grotesk deshalb, weil ein Diskurs qua Status Machteffekte entfaltet, die ihm aufgrund der inneren Beschaffenheit nicht zukommen dürften. Dieses Groteske ist der Bürokratie, wie sie praktiziert wird, inhärent.

Foucault nennt dabei an erster Stelle das psychiatrische Gutachten. Dieses verdoppelt das vom Gesetz definierte Delikt durch eine weitere Serie von Dingen, die nicht das Delikt selber sind. Das Vergehen, wie es im Gesetzestext definiert wird, wird aus dem Gesetz herausgenommen, um hinter ihm sein Double auftauchen zu lassen. So sagt ein Psychiater, „wenn er einen Mord begangen hat, dann eben, weil er den Trieb zu töten verspürt hat“. Der Richter wird aufgrund dieses Gutachtens nicht das Delikt verurteilen, sondern die abweichende Verhaltensweise, die als Ursache des Verbrechens dargestellt wird und die doch eben nur dessen psychologische oder moralische Dublette gewesen ist. Dass der Erkenntnisbeitrag des psychiatrischen Gutachtens gleich null gewesen ist, ist aber für Foucault nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist vielmehr, die Ausdehnung der Strafmacht auf mehr als das Vergehen zu legitimieren. Im 18. Jahrhundert hatte das Gutachten lediglich noch die Aufgabe zu untersuchen, ob der Angeklagte zum Zeitpunkt der Tat im Zustand der Demenz war. Denn dann konnte er nicht mehr für das, was er getan hatte, verantwortlich gemacht werden. Heute macht das Gutachten aber etwas ganz anderes. Es sucht zunächst das Vorleben anzugeben, das noch diesseits des Bereichs der Straffälligkeit liegt. Es geht um den Nachweis, wie ähnlich das Individuum seinem Verbrechen bereits vor dessen Ausführung gewesen ist. Es werden Mängel im moralischen Sinne gesucht, die noch keine Krankheiten im pathologischen und noch keine Vergehen im gesetzlichen Sinne sind. Der Psychiater leitet also ein Ermittlungsverfahren auf der Ebene der realen Schuld der Individuen ein und wird damit zum Richter.

Dem Individuum wird mit der Strafe eine Serie von Korrektur-, Anpassungs- und Wiedereingliederungsmaßnahmen auferlegt. Damit wird das hässliche Metier des Strafens in das schöne Metier des Heilens verkehrt. Und dieser Umkehrung dient das psychiatrische Gutachten.

Der Wahnsinn lässt das Verbrechen verschwinden, er kann nicht der Ort sein, an dem das Verbrechen geschieht. Das Verbrechen umgekehrt kann nicht eine Tat sein, die im Wahnsinn wurzelt. Es ist das Prinzip der Drehtür: Wenn die Pathologie die Bühne betritt, muss die Kriminalität in Begriffen des Gesetzes abtreten. Die medizinische Institution muss im Falle des Wahnsinns die Oberhand über die Gerichtsinstitution bekommen. Die Justiz muss den Verrückten laufen lassen, sobald sie ihn als verrückt anerkennt. Die Verbindung zum Medizinischen kann nur durch Kategorien gewährleistet werden, die zum einen um den Begriff der Perversität herumgruppiert sind, zum anderen um das Problem einer Gefahr für die Gesellschaft. Der Gutachter spricht entsprechend die Sprache der Angst. Was soll durch sein Gutachten sichtbar werden? Die Krankheit? Nein, sagt Foucault, es handelt sich hier um das heimtückische Eindringen eines weder eindeutig medizinischen noch gerichtlichen Mechanismus in die Gerichtsinstitution an genau ihrer Grenze. Das Gutachten stimmt weder mit dem Recht noch mit der Medizin überein.

Der Bereich der Anomalie baut auf drei Elementen oder Figuren auf. Das erste nennt Foucault „Menschenmonster“. Dessen Kraft und beunruhigende Fähigkeit liegt darin, dass es das Gesetz, obwohl es dieses verletzt, verstummen lässt. Das Monster ist ein Gesetzesbruch, welcher sich automatisch außerhalb des Gesetzes stellt, und das ist die erste seiner Zweideutigkeiten. Die zweite besteht darin, dass das Monster in gewisser Weise die spontane, nackte und folglich natürliche Form der Gegen-Natur ist. Das Monster ist das große Modell aller kleinen Abweichungen. Es ist das Prinzip der Erkennbarkeit aller – in kleiner Münze zirkulierenden – Formen der Anomalie. Die zweite Figur der Anomalie ist die des Unverbesserlichen und die dritte die des Masturbators. Diese drei Figuren tauschen untereinander bestimmte Züge aus, und ihre Profile überlagern sich mehr und mehr. Die entscheidende Figur ist aber die des Monsters. Um sie reorganisieren sich die Wissensfelder. Die Figur des Masturbators – die die Universalität der sexuellen Abweichungen beinhaltet – gewinnt aber zusehends an Bedeutung und überlagert gegen Ende des 19. Jahrhunderts die erstgenannten Figuren.

Vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert ist das Monster ein Mischwesen zweier Bereiche, des menschlichen und des animalischen: der Mensch mit dem Stierkopf, der Mensch mit den Vogelfüßen – lauter Monster. In seiner Mischnatur steht das Monster dafür ein, dass es eine sexuelle Beziehung zwischen einem Tier und einer Frau gegeben hat. Das aber verweist auf den Bruch des zivilen oder religiösen Rechts. Dieses ist wiederum mit dem Problem konfrontiert, ob man ein Wesen, welches einen Menschenleib und einen Tierkopf hat, taufen soll oder nicht. Vermutlich hat jede Epoche ihre privilegierte Monsterform gehabt. Im Mittelalter war es die genannte Mischung aus Mensch und Tier, in der Renaissance der siamesische Zwilling. Im klassischen Zeitalter wird der Hermaphrodit bevorzugt. Mit dem Hermaphroditen kommt auch die Forderung nach einem gelehrten Diskurs über die Sexualität auf – ein Bereich, gegenüber dem der medizinische Diskurs bislang verschlossen war. Da der Hermaphrodit ein Monster ist, muss er genau untersucht werden, damit man festlegen kann, welche Kleider er tragen muss und ob er sich verheiraten darf und mit wem. Wir haben hier einerseits die Forderung nach einem medizinischen Diskurs, gleichzeitig aber noch die traditionelle Konzeption des Hermaphrodismus als Monstrosität.

An der Schwelle zum 19. Jahrhundert tritt diejenige Figur auf, die noch bis ins 20. Jahrhundert eine bedeutende Rolle spielen wird: das Sittenmonster. Wie ist es zu dieser Transformation gekommen? Im klassischen Recht war das Verbrechen in dem Maße ein Verbrechen, als es die Rechte und den Willen des Souveräns betraf. Im kleinsten Verbrechen lag ein Stück Königsmord. Die Bestrafung bedeutete die Rache des Souveräns und die Rückkehr seiner Kraft. Die Maßlosigkeit der Bestrafung musste der Maßlosigkeit des Verbrechens entsprechen und sie überbieten. Neu wurde aber nach der dem kriminellen Verhalten immanenten Rationalität und seiner natürlichen Erkennbarkeit gefragt. Das Verbrechen ist nun etwas, was eine Natur hat. In diesem allgemeinen Klima bildet sich eine neue Theorie der Bestrafung und der Kriminalität heraus: die pathologische Natur der Kriminalität taucht auf. Der Kriminelle wird als der absolute Feind des gesamten Gesellschaftskörpers gesehen, und man muss ihn niederschlagen, wie man einen Feind oder ein Monster niederschlägt.

Das Sittenmonster tritt in zwei verschiedenen Figuren auf: in der Figur des revoltierenden Volkes und in der Figur des inzestuösen Königs. Beide bestimmen in ihrer Zwillingshaftigkeit die Problematik der anormalen Individualität.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam der Trieb in der großen taxonomischen Architektur des 19. Jahrhunderts zum Zuge. Wie aber konnte dieses epistemologisch begrenzte und untergeordnete Teilstück so fundamental werden, dass es schließlich mehr oder weniger das gesamte Feld der psychiatrischen Tätigkeit abdeckte? Indem der Trieb verallgemeinert und als Träger der Gefahr des Todes gesehen wurde, hat er eine zweite Geburt der Psychiatrie eingeleitet. Die Psychiatrie wurde zu einer Technik der Korrektur und hat sich damit in ein administratives Regime eingeschrieben.

Es tauchen zwei neue Figuren des Monsters auf: der Besessene und der Perverse. Es entsteht zu gleich eine Pathologie der negativen familiären Gefühle.
Und neben der Verzahnung der Psychiatrie mit der Administration tritt nun um 1840 ein Anspruch der Familie an die Psychiatrie auf (die Familie als Konsumentin der Psychiatrie) wie aber auch ein politischer Anspruch an die Psychiatrie. Die Psychiatrie ihrerseits entwickelt sich in zwei verschiedene Felder: sie bringt zum einen Krankheitssymptome zur Geltung, die bislang keinen Status im Bereich der Geisteskrankheiten hatten. Symptom einer möglichen Krankheit wird ab 1850 der Grad der Abweichung von den Regeln der Ordnung und der Konformität. Damit kann die Psychiatrie jedes Verhalten psychiatrisieren, ohne sich auf Geistesgestörtheit beziehen zu müssen. Es gibt damit im Verhalten des Menschen nichts mehr, was nicht psychia trisch befragt werden könnte. Die Psychiatrie ist damit von der Analyse der Geisteskrankheit als Delirium zur Analyse der Anomalie als Triebverwirrung übergegangen.

Die Untersuchungen werden in einem Machtverhältnis unternommen, das zugleich sehr strikt und sehr exklusiv ist. Aus dem christlichen Diskurs über das Fleisch und die Psychopathologie wird ein Diskurs über die Selbstbefriedigung. Ein Diskurs, in dem das Begehren und die Lust völlig abwesend sind und in dem es um die Selbstbefriedigung ohne irgendeine Verbindung zu den normalen sexuellen Verhaltensweisen geht. Dieser Diskurs über die Masturbation nimmt die Form einer regelrechten Kampagne an: Es handelt sich um Mahnungen und Ratschläge mit kreuzzugartigem Charakter, die sich an Kinder und Heranwachsende des bürgerlichen Milieus richten, nicht aber an Erwachsene. Das Schreckbild, das man diesen Kindern vorhält, ist das eines von Krankheiten ganz gelähmten Erwachsenen. Foucault zufolge richtet sich diese Kampagne im Grunde gegen die sexuelle Verführung der Kinder durch die Erwachsenen, Adressaten sind die Dienstboten und Erzieher. Das Begehren der Erwachsenen nach den Kindern ist für Foucault der Ursprung der Masturbation. Was verlangt wird, ist die penible Überwachung des Dienstpersonals. Warum aber wird die Masturbation plötzlich zu einem Hauptpro blem?
Die Kampagne findet statt in einem Prozess des Zusammenrückens von Eltern und Kindern, es hatte sich nach und nach eine eng beschränkte und substantielle Familie herausgebildet. Gleichzeitig ist die Kindheit im Begriff, eine Scharnierfunktion für die Psychiatrie zu übernehmen.

In dieser Vorlesung, so schreibt Gesa Lindemann in ihrer Besprechung in der Frankfurter Rundschau, stecke ein subtiles und radikales Freiheitsethos, dessen anthropologischer Bezug verschwiegen werde. Allerdings führe die unausgesprochene Verbindung von Kritik und Analyse in schwere methodologische Probleme: Foucault blende systematisch aus, wie der Kreis derjenigen Körper begrenzt werde, bei denen es überhaupt kritikwürdig sein soll, sie einer Machtausübung zu unterwerfen. Nur wenn es eine implizite Gewissheit hinsichtlich der Grenzen dieses Kreises gebe, könne eine Foucaultsche Machtkritik funktionieren. Diese Vorlesung bedeute einen Wendepunkt im akademischen Leben Foucaults, schreibt Andreas Platthaus in der Frankfurter Allgemeinen. Statt von „Archäologie“, wie in den früheren Arbeiten, ist nunmehr lediglich von „Untersuchung“ die Rede. Diese Wende ins Zurückhaltendere, Offenere habe Foucault eine Weile von seinen Anhängern entfremdet. Und als er im darauf folgenden Jahr las, erklärte er zum Auftakt der ersten Sitzung, er habe sich im Vorjahr in eine Sackgasse manövriert: „All das tritt auf der Stelle und kommt nicht vorwärts; alles wiederholt sich und bleibt unverbunden nebeneinander stehen.“




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