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Levy, Oscar: Gesammelte Schriften

Oscar Levy: Gesammelte Schriften

Der Berliner Parerga-Verlag bringt die „Gesammelten Schriften und Briefe“ des Nietzscheaners Oscar Levy (1847-1946) heraus. Damit wird ein dem deutschen öffentlichen Bewusstsein lange entrückter Autor wieder zugänglich gemacht.
Als erstes ist erschienen:

Levy, Oscar: Nietzsche verstehen. Essays aus dem Exil 1913-1937. Herausgegeben von Steffen Dietzsch und Leila Kais. 354 S., Ln., 2005, € 34.20, Parerga, Berlin.

Oscar Levy kommt aus der Bildungswelt des deutschen Judentums. Schon sehr früh hat er das wilhelminische Deutschland verlassen, um seiner Façon gemäß selbstbestimmt, individuell, exzentrisch und urban leben zu können. Von allem Anfang an ein exemplarisch freier Geist, förderte er maßgeblich die Rezeption Nietzsches in England. Er war als intellektueller Nomade in Europa unterwegs, blieb ein ewiger Außenseiter. Er zog jedoch Seinesgleichen an, dadurch entwickelten sich fruchtbare Freundschaften. Dabei entfaltete Levy eine exzellente Briefkultur, große Korrespondenzen mit den ungewöhnlichsten Menschen seiner Zeit.

Die mentale Eigenart des Schriftstellers und Essayisten Levy ist geprägt von Nietzsches Philosophie der Freiheit. Levy begriff und verteidigte Nietzsches Selbstbild, demzufolge „der tiefste Geist auch der frivolste sein muss, - als beinahe die Formel für meine Philosophie“. Dabei entwickelte er eine eigene Urteilskraft des „Flaneurs“, die die intellektuellen Grenzen des herkömmlich Erlaubten und Verbotenen, des Gebotenen und Abwegigen verschwinden lässt.

Wie Steffen Dietzsch (der zusammen mit Julia Rosenthal die Ausgabe herausgibt) und Leila Kais im Nachwort zum ersten Band schreiben, gehört Levy zu den großen Vergessenen in der ersten Generation der europäischen Nietzscheforschung. Er ist – wie fast alle anderen, also Georg Brandes, Theodor Lessing, Salomon Friedländer, Karl Joel oder Georg Simmel – jüdischer Herkunft. Und deren aller Schicksal – gebrochene, bzw. randständige akademische Karrieren, Exil oder gewaltsamer Tod – teilt auch der lebenslange Exilant Levy.


Am 28. März 1867 wurde Oscar Levy als erstes Kind eines vermögenden Versicherungskaufmanns in der Nähe von Stettin geboren. Auf Anraten seiner Mutter, die große Achtung vor Ärzten hatte, nahm er nach der Schule in Berlin das Studium der Medizin auf, ein von ihm ungeliebtes Studium. Seine Studienzeit ist angefüllt mit Fechtduellen und Trinkmensuren. Dennoch: er besteht das medizinische Examen und promoviert 1891 über „Knochenabscesse“. Er verlässt nun das ihm zu chauvinistische wilhelminische Deutschland und geht als Schiffsarzt auf Reisen: erst nach New York und Kanada, dann zurück nach Hamburg und schließlich nach Ägypten, Singapur, Hongkong, Tokio und Kanton. Zurückgekehrt, lässt er sich in Frankreich als orthopädischer Chirurg nieder. Als Deutschem wird ihm aber die Zulassung zum Examen als Chirurg verweigert. Levy packt die Koffer und geht nach England, wo er ein Jahr später die britische Approbation erhält. Er praktiziert nun als Arzt am deutschen Theater in London und betreut einzig diese Handvoll Patienten. Daneben zieht er sich in den Lesesaal des „British Museum“ zurück. Nach einem Abend mit deutschen Flüchtlingen hat er ein „Damaskus-Erlebnis“: Der Übergang vom Polytheismus zum Monotheismus war kein Fortschritt und Schönheit ist höher und menschlicher als Moral. „But then the Jews were wrong?“ Dieser Gedanke klammert sich nun in ihm fest und wächst. Wenig später empfängt er eine amerikanische Schauspielerin, die ihm Nietzsche zur Lektüre empfiehlt. Levy liest nun Jenseits von Gut und Böse. Damit beginnen lange Jahre der Beobachtung, des Daseins zwischen verfeindeten Fronten, der Zugehörigkeit zu verschiedenen Welten und des anhaltenden Auszugs aus ich
nen an, die sich in Levy zu einem Buch zusammensetzen, das 1904 unter dem Titel Das neunzehnte Jahrhundert in Dresden erscheint. Zu seiner großen Enttäuschung lehnt sein Vater das Buch ab und nennt den Sohn einen Phantasten. Ein Jahr später stirbt sein Vater. Er hinterlässt seinen Kindern eine größere Geldsumme.

Oscar Levy zieht nun nach Turin. Er lernt an den Aktienbörsen mit Geld umgehen und kann dank seines Geschicks selbst bis in Nachkriegszeit unbeschwert von den Erträgen leben. Doch eine tiefe Niedergeschlagenheit ergreift Besitz von ihm. Er übersetzt zwei Romane des britischen Premierministers und Romanschriftstellers Benjamin Disraeli. In ihm erkennt Levy sein einsames Pendant: „Bei den Engländern als Jude verschrien, bei den Juden als Christen“. Während aber Disraeli zur Rückkehr zu den Gesetzen des Sinai mahnt, sieht Levy in einer auf Moralcodices basierenden Religion die Gefahr des Dogmatismus und der Absonderung. Er rät zur Kultivierung der je eigenen Persönlichkeit anstatt einer wie auch immer gearteten Ideologie. Levy setzt darauf, dass etwas die national-üblichen kulturellen Werte und national-selbstbezüglichen Standards Übersteigendes entstehen könnte. Was er dabei imaginiert, sind kulturell-geistige Umrisse für eine „Neue Renaissance“. Dabei versucht er die Ideen Nietzsches in den britischen Geist zu implantieren.

1908 besucht er das Nietzsche-Archiv und Nietzsches Schwester in Weimar. Er will die Bedingungen kennenlernen, unter denen es möglich ist, eine englische Nietzsche-Ausgabe zu verwirklichen. Er schreibt über den Besuch an einen Freund: „Einen ganzen Tag lang durchstreifte ich die Straßen von Weimar und fragte mich, wie es möglich war, dass ein solcher Mann solch eine Schwester hatte“. Es kommt jedoch zu einem Vertrag, und Levy beginnt mit Freunden an einer englischen Gesamtausgabe zu arbeiten. Gleichzeitig schreibt er Artikel über Nietzsche für die englische Presse. Levy ist für ein solches Vorhaben prädestiniert: Er ist vielleicht der authentischste Nietzsche-Leser seiner Generation, er ist Muttersprachler, und er hat genügend finanzielle Mittel, um die Ausgabe zu finanzieren. Bis 1913 haben Levy und sein Team ihre enorme Aufgabe bewältigt und eine 18bändige englischsprachige Ausgabe vorgelegt.

Band 1 der neuen Ausgabe enthält das übersetzte Vorwort des letzten Bandes „Die Nietzsche-Bewegung in England“ der englischen Ausgabe. Die ersten vier Bände seien, so schreibt Levy, in England wohlwollend, wenn auch von einer kleinen und nicht allzu enthusiastischen Öffentlichkeit aufgenommen worden. England sei das wichtigste Land, das es für das Denken Nietzsches zu erobern gelte. Wenn es nicht gelingen sollte, Nietzsche in England Gehör zu schaffen, drohe dessen Gedankengut der Welt womöglich für immer verloren zu gehen. Denn auf dem kontinentalen Europa hätten sich die Mächtigen die Lehren der Sklavenreligion zu eigen gemacht, und Nietzsche stehe auf dem Index. Es würden dort nur diejenigen Wahrheiten zugelassen, die nicht mit den Vorurteilen kollidierten, aber was habe Wahrheit mit Vorurteilen zu tun? Deshalb habe England die besseren Voraussetzungen, Nietzsches Denken zu verstehen.

Levy verbindet mit seiner Edition die Hoffnung, dass sie mit dazu beitragen könnte, eine neue geistige europäische Identität herauszubilden – gewissermaßen die Idee der Geburt Europas aus dem Geist einer Edition.
Als sich der Verkauf der englischen Ausgabe besser als vorgesehen entwickelt, versucht Nietzsches Schwester entgegen dem Vertrag mehr zu kassieren. Das Archiv möchte, so schrieb sie, „nicht mit dem Honorar für die Zukunft gebunden sein“, sondern selbst „bestimmen, was sie zur Zeit für angemessen hält“. Es entstand ein Rechtsstreit, indem das Nietzsche-Archiv unterlag. Ist das „der Dank vom Hause Nietzsche“, so schreibt Levy, „als berechnender Nietzsche-Schieber betrachtet zu werden?“

1908 lernt Levy in London die Tochter eines deutschen Zollbeamten kennen, und bald darauf, am 22. April 1909, kommt ihre gemeinsame Tochter Maud zur Welt. „I have something common with the world“, schreibt Levy.

Im ersten Weltkrieg wird Nietzsche – und indirekt auch Levy - mit der deutschen Aggression in Verbindung gebracht.

Levy schreibt den Text „Nietzsche im Krieg. Eine Erinnerung und eine Warnung“. Diese Verbindung sei eine Erfindung; das Denken Nietzsches habe keinen Einfluss auf die deutsche Regierung und gehöre auch zu den selteneren Bildungsstücken der deutschen Soldaten. Dennoch sei jetzt die Zeit der Revanche für diejenigen geworden, die seine Bemühungen um Nietzsche mit Missmut verfolgt hätten: der langaufgestautte Groll konnte sich direkt in seinem Ziel entladen. Seine Freunde hätten jedoch den auf Durchbruch angelegten Angriff abgewehrt. Und gerade zu der Zeit, als man sich der Nietzsche-Attacke zu schämen begann, sei in Deutschland eine nationalistische Nietzsche-Gesellschaft („für Kriegsarbeit im Sinne Nietzsches“) gegründet worden. Aber Nietzsche als Sturmbock für patriotische Zwecke zu benutzen gehe aus dem einfachen Grunde nicht, „weil dieser Sturmbock einst gegen die Vaterländerei den schärfsten aller Proteste eingelegt hat“. Ob es der deutschen Nietzsche-Gesellschaft so ergangen sei wie dem englischen Oberhaus – sollte sie Nietzsche niemals gelesen haben?

Levys Haus wird während des Krieges besetzt, seine Aufenthaltserlaubnis wird nicht verlängert, sein Gesundheitszustand ist schlecht, und auch die finanzielle Situation ist inzwischen kritisch geworden. Levy ignoriert den Ausweisungsbeschluss und bleibt illegal in England. Doch das Leben ist schwierig geworden. Levy berichtet, wie er mit seiner Tochter aus Hotels und Pensionen verwiesen wird, weil man keine Deutschen beherbergen will. Doch nun protestiert die intellektuelle Welt Englands gegen eine Abschiebung Levys, Schriftsteller wie H.G. Wells, Arthur Conan Doyle und G.B. Shaw setzen sich für ihn ein. Der Polarforscher Fritjof Nansen hatte ein völkerrechtlich anerkanntes politisches Dokument für staatenlose Flüchtlinge angeregt, das Dokument wird 1922 ausgegeben; Levy wird erster Besitzer eines solchen Dokuments und kann damit seine nomadische Existenz fortsetzen.

Levy nimmt nun jede Gelegenheit wahr, das völlige Unverständnis „jener stadtbekannten Schwester“ mit dem philosophischen Grundbestand im Denken ihres „weltbekannten Bruder“ offenzulegen. Als diese Mussolini anlässlich von dessen Konkordatsvertrag mit dem Vatikan gratuliert, schreibt Levy einen Offenen Brief an Frau Elisabeth Förster-Nietzsche

Er könne als echter Nietzsche-Jünger, so schreibt Levy, Mussolinis Versöhnung mit dem Papst niemals billigen. Denn der Katholizismus unterdrücke mit fester Hand und durch hierarchische Organisation das echte Christentum. Nietzscheaner bräuchten sich nicht vor jeder Macht zu beugen, „wir dürfen es auch nicht, selbst wenn wir wollten. Und darum: Kritik, wo Kritik gebührt; Glückwunsch, wo Glückwunsch am Platz ist.“


HERBERT MARCUSE

Im Rahmen der „Nachgelassenen Schriften Herbert Marcuse“ hat Peter Erwin Jansen verschiedene Reaktionen auf die Protestbewegungen der sechziger und frühen siebziger Jahre zusammengestellt und neu – zum Teil in deutscher Erstübersetzung – herausgegeben:

Marcuse, Herbert: Die Studentenbewegung und ihre Folgen. Herbert Marcuse, Nachgelassene Schriften Band 3. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Peter-Erwin Jansen. Einleitung von Wolfgang Kraushaar. Aus dem Amerikanischen von Thomas Laugstien. 254 S., Ln., € 24.—, 2004, zu Klampen, Springe.

Der Band enthält insgesamt 20 Texte zu den Themen Kuba, Vietnam, Studentenbewegung, Israel und Angela Davis. Enthalten sind Marcuses kritische Briefe an Angela Davis wie auch der Briefwechsel mit Rudi Dutschke. Nachfolgend sind fünf der wichtigsten Texte kurz zusammengefasst.

Rede vom 3. Mai 1961

Marcuse wirft den kapitalistischen Ländern vor, sie kämpften dagegen, dass rückständige Länder eine Gesellschaftsform einführen, die sich von unserer grundlegend unterscheidet - mit einer Agrarreform, der Verstaatlichung von Schlüsselindustrien und Banken sowie einer völligen Umverteilung von Eigentum und Macht. Dies findet in einem heftigen Kampf gegen mächtige Interessengruppen statt, die sich der Reform widersetzen. Genau darin sieht Marcuse das Wesen der Revolution. Und eine Gesellschaft, die sich in einem offenen Bürgerkrieg befindet, kann sich die bürgerlichen Freiheitsrechte nicht leisten. Marcuse erinnert daran, dass es während der amerikanischen Revolution keine bürgerlichen Freiheitsrechte für die britischen Loyalisten gab. Marcuse verabscheut deshalb die Heuchelei, mit der man Castros Unterdrückung der bürgerlichen Freiheitsrechte als einen Hauptgrund für den Kampf gegen die kubanische Revolution darstellt.
In der ganzen Welt sind die Interessengruppen, die den Bewegungen zur Einführung einer neuen Gesellschaftsordnung im Wege stehen, mit den Vereinigten Staaten verbündet. Marcuse sieht eine rapide Umwandlung unserer eigenen Gesellschaft in eine unfreie, die schon die gleichen Tendenzen aufweist, die wir in anderen Ländern anklagen.

Die innere Logik der amerikanischen Politik in Vietnam. Beitrag zu einem Sammelband, 1967

Die offizielle Begründung für die amerikanische Vietnampolitik lautet: „Wir kämpfen für die Freiheit“. Faktisch wird jedoch für eine Militärdiktatur gekämpft, die sich ohne amerikanische Bomber keine vierundzwanzig Stunden halten könnte. „Wir kämpfen für die Freiheit“, heißt hier, eine Militärjunta zu unterstützen, deren Macht auf Ausbeutung und Unterdrückung beruht. Amerika führt Krieg gegen eine einheimische Bevölkerung, die radikale Agrarreformen durchführen und die Ausbeutungsherrschaft der traditionellen herrschenden Klasse abschaffen will. Die Macht des ausländischen Kapitals soll beseitigt werden, und dabei wird die einheimische Regierung angegriffen, die von dieser Macht abhängig ist. Ein Erfolg würde zur Enteignung des ausländischen Kapitals und zur Beseitigung der korrupten Unterdrückungsregime, die für rückständige Nationen charakteristisch sind, führen. Die Existenz eines gigantischen Militärapparates ist ein integraler Bestandteil der US-Ökonomie und hat eine aggressive Außenpolitik zur Voraussetzung. Eine diesbezügliche Wende hätte tiefgreifende ökonomische und politische Veränderungen zur Folge. Zudem benötigt die Wohlstandsgesellschaft ein Feindbild, das die Bevölkerung in einen Zustand der permanenten psychosozialen Mobilmachung versetzt.

Analyse eines Exempels. Rede von Marcuse in Frankfurt im Mai 1966.

Alle Ökonomie ist politische Ökonomie im weitesten Sinne. Das System der fortgeschrittenen Industriegesellschaft ist global. Zum einen in dem Sinne, dass es alle Dimensionen der menschlichen Existenz privat und öffentlich den herrschenden gesellschaftlichen Mächten ausliefert. Zum anderem in dem Sinn, dass es für dieses System überhaupt keine äußeren Faktoren mehr gibt, dass die geographisch am weitesten entfernten Kräfte zu zentralen Kräften des Systems werden. Kontrolliert und mobilisiert wird das Innere des Menschen – die Triebstruktur, das Denken und Fühlen, selbst die Spontaneität. Die oppositionelle Jugend weigert sich mitzumachen, es ist ein Ekel vor dem Lebensstil der Gesellschaft im Überfluss, der sich hier durchsetzt. Nur diese Negation ist artikuliert, nur dieses Negative ist die Basis der Solidarität, nicht aber das Ziel: Sie ist Negation der totalen Negativität, die das System der „Gesellschaft im Überfluss“ durchherrscht.

Die Gesellschaft benötigt einen Feind, dessen bedrohende Macht die repressive und destruktive Ausbeutung aller materiellen und intellektuellen Rohstoffe rechtfertigen muss. Der Kontrast zwischen gesellschaftlichem Reichtum einerseits, der methodischen Verschwendung im Angesicht von Armut und Elend wirkt andererseits auf den Menschen als konstante Repression, und die verwalteten Menschen antworten mit einer diffusen Aggressivität. In letzterer sieht Marcuse einen der gefährlichsten Faktoren für die kommende Entwicklung. Dazu gehört auch die ungeheure Brutalisierung der Sprache, an die die Menschen allmählich gewöhnt werden.

Gibt es eine reale Basis der Solidarität für die sozial und geographisch so verschiedenen Gegenkräfte, gibt es eine Basis für eine konkrete Solidarität? Marcuses Antwort: Keine außer der Solidarität der Vernunft und des Sentiments. In dieser instinktiven und intellektuellen Solidarität sieht er die stärkste radikale Kraft.

Die Pariser Revolte im Mai 68. Vortrag am 23. Mai 1968 in San Diego

In jener Nacht im Mai 1968, als die Studenten ihre Barrikaden räumen mussten, gab es insgesamt etwa achthundert Verletzte. Der junge Anführer Cohn-Bendit, der die Barrikaden organisiert hatte und während der ganzen Zeit mit dabei war, sagte nach der verlorenen Straßenschlacht: „Jetzt gibt es nur noch eins, nämlich den Generalstreik.“ Innerhalb von einer Stunde brachte er die großen Gewerkschaften dazu, für den kommenden Montag den Generalstreik auszurufen. In diesem Fall haben die Studenten den Arbeitern gezeigt, wo es lang geht. Und die Arbeiter sind ihnen gefolgt. Die Studenten waren buchstäblich die Avantgarde – die Avantgarde einer Aktion, die sich spontan in eine Massenaktion verwandelt hatte. Und das ist der entscheidende Punkt: Was in Paris erlebt wurde, ist die Wiederkehr einer revolutionären Tradition, die in Europa seit Anfang der zwanziger Jahre eingeschlafen war. Die studentische Opposition hat sich von Anfang an auch gegen die Kommunistische Partei in Frankreich gerichtet, die als Teil des Establishment angesehen wurde.

Die Bewegung war zuerst auf die Universität beschränkt, und die Forderungen waren erst akademischer Natur – die Forderungen nach einer Universitätsreform. Dann kam aber ganz schnell die Erkenntnis, dass die Universität ein Teil der Gesellschaft ist, ein Teil des Bestehenden. Deshalb wurde bereits vor dem Ausbruch dieser Ereignisse der Versuch unternommen, die Arbeiter aktiv zu gewinnen. Als die Studenten dann auf die Straße gingen, sind die Arbeiter ihnen gefolgt. Sie haben ihre eigenen Forderungen – nach höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen – mit den akademischen Forderungen der Studenten verbunden. Damit ist die Studentenbewegung zu einer breiten sozialen Bewegung geworden, zu einer sozialistischen Bewegung. Sie ist gleichzeitig ein Protest gegen das ganze System der Werte, Ziele und Leistungen, die in der bestehenden Gesellschaft gefordert und praktiziert werden. Und deshalb kann man von einer Kulturrevolution sprechen.

Ganz anders die Situation in Berlin. Die Studentenbewegung ist hier ganz entschieden mit der offenen Feindseligkeit der Bevölkerung konfrontiert. In dieser Situation ist es ein heikles Unterfangen, sich auf eine Konfrontation mit der Polizei einzulassen.

Die Unterschiede zwischen alter und neuer Linke Festvortrag am 4. Dezember 1968 - zum 20jährigen Bestehen von The Guardian.

Marcuse sieht die linke Bewegung mit zwei Widersprüchen konfrontiert. Einerseits unterdrückt und zerstört die gegenwärtige Gesellschaft die menschlichen und natürlichen Möglichkeiten, frei zu sein und sein Leben selbst zu bestimmen. Andererseits verspürt ein großer Teil der Bevölkerung kein Bedürfnis nach einer Veränderung. Das ist der eine Widerspruch. Der andere ist die Frage: „Können wir etwas besseres anbieten?“ Die linke Bewegung kann dies deshalb nicht, weil sich ihre Ziele, Werte und Moral schon in ihren Aktionen zeigen müssen. Der neue Mensch, so Marcuse, muss jetzt schon sein. „Wir können aber nur im kleinen die Vorbilder für das abgeben, was der neue Mensch sein könnte. Die Alternative, die genau das zum Ausdruck bringt, ist der Sozialismus und zwar der libertäre Sozialismus, der immer schon der eigentliche Sozialismusbegriff war.“ Die Leute sagen: „Wo ist dieser Sozialismus. Zeigt ihn uns doch. Wir werden sagen, er wird in Kuba aufgebaut. Er kämpft in Vietnam gegen das Supermonster. Aber die Leute schauen sich um und sagen: Der Sozialismus, den wir sehen, ist das, was wir in der Sowjetunion haben.“ Und das heißt für sie: Sozialismus ist ein Verbrechen.
Eine radikale Veränderung ohne Massenbasis ist undenkbar. Aber eine Massenbasis zu bekommen ist mit dieser Voraussetzung genauso undenkbar. „Was fangen wir mit diesem Widerspruch an?“

Marcuse sieht als Antwort: Aufklärung und Erziehungsarbeit. Förderung des politischen Bewusstseins. Darüber hinaus eine Überprüfung einiger lieb gewordener Begriffe. Dazu gehört derjenige der Machtübernahme. In einem Land wie den Vereinigten Staaten das Pentagon besetzen und eine neue Regierung einsetzen zu wollen, dürfte ein utopisches Bild sein. Was dagegen für Marcuse anzustreben ist, ist eine diffuse und weitreichende Desintegration des Systems. Der zweite Begriff, den es zu überprüfen gilt, ist die Rolle der Arbeiterklasse. Immer mehr hochqualifizierte lohnabhängige Angestellte und Techniker haben im materiellen Produktionsprozess eine entscheidende Position inne. Über die traditionelle Industriearbeiterklasse sind neue Arbeiterklassen entstanden, die das Spektrum der Ausgebeuteten erweitern.

Marcuse plädiert dafür, anstatt einer großen zentralisierten Bewegung lokales und regionales politisches Handeln gegen bestimmte Missstände zu initiieren, dazu sollen Unruhen, Ghettoaufstände usw. gehören. Diese Gruppen sollen an vielen Stellen zugleich aktiv sein, eine Art politischer Guerillabewegung im Frieden.

Hier lasse sich, freut sich Martin Büsser in der sozialistischen Jungen Welt, „ein Denker entdecken, der gar nicht anders als radikal links interpretiert werden kann“. Es sei der brauchbarste unter den nachgelassenen Schriften, weil sich hier konkrete Stellungnahmen zu politischen Ereignissen finden, die in dem Maße nie Eingang in Marcuses „offizielle“ Schriften gefunden haben. Umgekehrt gibt Gottfried Oy in der Frankfurter Rundschau zu bedenken, dass es das Schicksal von Intellektuellen, die sich zu stark an soziale Bewegungen binden, ist, „nach dem Abebben dieser Bewegungen in Vergessenheit zu geraten“. Allerdings im Falle Marcuses zu Unrecht, „wie etwa seine hochaktuellen Analysen zur Intellektualisierung und Immaterialität der Arbeit“ zeigten. Und in der Süddeutschen Zeitung meinte Tim B. Müller, Marcuse gehöre zu denjenigen, „deren Nachleben beginnt, wenn keiner mehr mit ihnen rechnet.“

 

Roland Barthes

Der Suhrkamp-Verlag hat eine deutsche Übersetzung der bei den Editions du Seuil unter dem Titel „Le bruissement de la langue“ erschienenen Essais Critiques IV von Roland Barthes herausgebracht:

Barthes, Roland: Das Rauschen der Sprache. Kritische Essays IV. Aus dem Fran-zösischen von Dieter Hornig. Mit einem Vorwort von Pierre Hayat. 405 S., kt., 2006, € 16.—, Edition Suhrkamp 1695, Suhrkamp, Frankfurt.

Der Band enthält insgesamt 46 Aufsätze aus dem Zeitraum von 1967 bis 1980. Thematisch enthält er frühe Texte über Literatur und Wissenschaft, darunter den berühmten Aufsatz „Der Tod des Autors“, Arbeiten aus dem Umfeld der „Mythen des Alltags“ über Sprache und Stil, weiter Lektüren u. a. von Brecht, Michelet, Brillat-Savarin und Bataille. Zentrales Thema all dieser Aufsätze ist die Problematik der Sprache und des Schreibens.


Emmanuel Lévinas

Anläßlich des 100. Geburtstag von Lévinas hat der Alber-Verlag einen Sammelband mit Texten von Lévinas herausgegeben, Texte, die sich über einen Zeitraum von 63 Jahren erstrecken:

Lévinas, Emmanuel: Die Unvorhersehbarkeiten der Geschichte. Aus dem Französischen von Alwin Letzkus. 183 S., Ln., 2006, € 32.--, Karl Alber, Freiburg.

Im ersten Text, Einige Betrachtungen zur Philosophie des Hitlerismus, erschienen 1934, betont Lévinas die Ungeheuerlichkeit des Ereignisses der Machtergreifung Hitlers im Jahr zuvor und macht klar, dass der Hitlerismus einen radikalen Bruch mit dem westlichen Humanismus markiert. Über die „Ideen“ von E. Husserl, der längste Text des Bandes, enthält eine vom 23jährigen Lévinas geschriebene Zusammenfassung des Werkes von Husserl, eine der ersten Arbeiten über Husserl in französischer Sprache. Es folgen kleinere Studien, Freiburg, Husserl und die Phänomenologie und Texte über Jean Wahl. Ein dritter Teil des Buches beinhaltet Texte, in denen sich Lévinas mit Sartre auseinan- dersetzt, insbesondere mit Sartres Thesen zum Antisemitismus, zur Kunst sowie mit dem Existentialismus. Neben kurzen Gelegenheitstexten enthält das Buch abschliessend in Zeitschriften veröffentlichte Gespräche mit Lévinas.


Paul Ricoeur

Die wichtigsten Buchveröffentlichungen des französischen Philosophen Paul Ricoeur liegen in deutscher Übersetzung vor. Allerdings hat sich Ricoeur zu einer ganzen Reihe wichtiger Fragen vor allem in Aufsätzen geäußert. Diese sind weitgehend unübersetzt geblieben oder an abgelegenen Stellen erschienen.
Der Ricoeur-Kenner Peter Welsen, der in Trier Philosophie lehrt, hat prägnante Texte zu den Themen, mit denen sich Ricoeur seit den siebziger Jahren beschäftigte, übersetzt und herausgegeben:

Ricoeur, Paul: Vom Text zur Person. Hermeneutische Aufsätze (1970-1999). 332 S., Ln., € 34,80, Philosophische Bibliothek Band 570, Meiner, Hamburg.

Zu diesen Themen zählen Ricoeurs Überlegungen einer Hermeneutik des Textes, zur Theorie von Metapher und Erzählung, zum Verhältnis von Ideologie und Utopie, zur Religionsphilosophie, zu einer Hermeneutik des Selbst, zur Ethik und Rechtsphilosophie sowie zum Verhältnis von Erinnerung und Vergessen. Die Auswahl der Aufsätze orientiert sich zum einen am Gewicht des Themas innerhalb des Gesamtwerkes, zum anderen daran, dass die Position von Ricoeur exemplarisch dargestellt wird. Die Auswahl selbst wurde von Ricoeur noch zu Lebzeiten (er starb am 20. Mai 2005) gutgeheißen. Ziel ist es, dem Leser einen Überblick über die Schwerpunkte von Ricoeurs philosophischen Arbeiten der letzten drei Jahrzehnte zu verschaffen.

DILTHEY: GESAMMELTE WERKE

Mit Band 26 Das Erlebnis und die Dichtung. Lessing – Goethe – Novalis – Hölderlin hat die Dilthey-Forschungsstelle am Institut für Philosophie der Universität Bochum den letzten Band der Ausgabe von Wilhelm Diltheys „Gesammelten Schriften“ herausgebracht. Diltheys berühmtestes Buch ist damit genau hundert Jahre nach seinem ersten Erscheinen mit einem umfangreichen textkritischen Apparat in der Fassung letzter Hand neu erschienen. Demnächst wird noch Band 25, Dichter als Seher der Menschheit mit einer Sammlung literaturhistorischer Texte folgen. Damit wird die Ausgabe „Gesammelte Werke“ Diltheys abgeschlossen sein.

Im Anschluss an diese gesammelten Schriften arbeitet die Dilthey-Forschungsstelle an der Edition von Diltheys Briefwechsel. Die Vorarbeiten dafür sind in vollem Gange.
Zudem unterstützt und berät sie die Arbeit an allen derzeit im Ausland entstehenden Dilthey-Übersetzungen und –ausgaben. Solche Werkausgaben entstehen in den USA, in Japan, Russland, Portugal, Brasilien, Frankreich.
Die Forschungsstelle besorgt weiter die Edition von wichtigen Werken aus dem Einflussbereich des Diltheyschen Denkens, so u. a. von Georg Misch, Helmuth Plessner und Josef König. Sie betreut und berät auch Projekte deutscher und ausländischer Wissenschaftler, die sich mit Dilthey und seiner Schule befassen.
Hauptamtlich arbeiten Hans Ulrich Lessing (als Kustos) und – durch Drittmittel finanziert – Gudrun Kühne-Bertram in der Forschungsstelle. Diese ist seit der Emeritierung von Frithjof Rodi Gunter Scholtz zugeordnet. Nach dessen Eintritt in den Ruhestand wird Volker Steenblock die Verantwortung für die Stelle übernehmen.


NEUANKÜNDIGUNGEN

Feuerbach-Gesamtausgabe

Für die Herausgabe der letzten drei Bände der Feuerbach-Gesamtausgabe fehlen 21'000 Euro Grundkapital. Die Nürnberger Feuerbach-Gesellschaft schlägt deshalb Alarm: „Es wäre eine Schande, wenn es nicht gelänge, die restlichen Bände fertig zu stellen“, sagte er zu den Nürnberger Nachrichten. Der Herausgeber der Ausgabe, Werner Schuffen- hauer, hat Fördermittel der Bundesagentur für Arbeit und des Landes Berlin in Aussicht bekommen, um die Edition der Bände 15, 16 und 22 zu finanzieren. Allerdings müssen dafür 21'000 Euro Eigenmittel nachgewiesen werden. Die Nürnberger Gesellschaft ruft deshalb zu Spenden auf:
www.ludwig-feuerbach.de

Eugen Fink Gesamtausgabe

Im Verlag Karl Alber erscheint eine auf 20 Bände angelegte und von Cathrin Nielsen und Hans Rainer Sepp unter Mitarbeit von Franz-Anton Schwarz herausgegebene „Gesamtausgabe Eugen Fink“. Die textkritisch angelegte Ausgabe soll sämtliche von Fink publizierten Arbeiten sowie die zum größten Teil noch unveröffentlichten Schriften seines umfangreichen Nachlasses enthalten. Eugen Fink (1907-1975) war Schüler von Husserl und Heidegger, sein Werk stellt eine historisch weitgespannte und sachlich konzentrierte Besinnung auf den Zusammenhang von Mensch und Welt dar.

Als erste Bände erscheinen unter dem Titel „Phänomenologische Werkstatt“ insgesamt vier Bücher mit Aufzeichnungen aus den Jahren 1927 bis 1946, insbesondere mit Texten aus Finks Assistentenzeit bei Husserl.

Hermann Schmitz Studienausgabe

Der Bouvier-Verlag bietet eine Studienausgabe des fünfbändigen Werkes „System der Philosophie“ des Kieler Phänomenologen Hermann Schmitz zum Preis von € 459.— an.

Ernst Troeltsch Gesamtausgabe

Die bislang von der Bayerischen Akademie der Wissenschaft getragene Kritische Gesamtausgabe Ernst Troeltsch wird nun von der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften übernommen. Die Finanzierung trägt die DFG, Projektleiter ist der Münchner Theologe Friedrich Wilhelm Graf.




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