header


  

Zeitschriften

A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z
Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Widerspruch

Widerspruch

45

„Glaube oder Vernunft. Zur Kritik der Religion“ lautet das Thema von Heft 45. Es enthält einen Essay „Glaubst du noch oder denkst du schon?“ von Michael Schmidt Salomon, der in der Behauptung gipfelt, die Rede von Gott sei sowohl aus ethischer wie auch aus wissenschaftlicher Perspektive schädlich. Zudem sei in der Geschichte der Menschheit die Unvereinbarkeit von religiösem Glauben und wissenschaftlichem Denken noch nie so deutlich zum Vorschein gekommen wie heute, keine der bestehenden Religionen sei mit den Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung in Einklang zu bringen.

Konrad Lotter geht dem merkwürdigen und kaum bekannten Phänomen nach, dass in einigen Bundesländern, vor allem aber in Bayern, die katholische Kirche bei der Besetzung einiger Lehrstühle auch außerhalb der theologischen Fakultät ein Wort mitzureden hat. Bei diesen sogenannten Konkordatslehrstühlen (beruhend auf einem Konkordatsvertrag mit dem Vatikan) wird dafür Sorge getragen, dass die entsprechenden Professoren durch ihren Lebenswandel und kraft ihres Wortes für Religion und Kirche eintreten. In Bayern sind das insgesamt 21 Konkordatslehrstühle, die die Fächer Philosophie, Pädagogik, Politikwissenschaft und Soziologie betreffen. Was die Philosophie betrifft, so sind von den insgesamt 19 Lehrstühlen in Bayern 7 Konkordatslehrstühle (Christian Schröer, Markus Riedenauer, Maximilian Forschner, Wilhelm Vossenkuhl, Wilhelm Lütterfelds, Rolf Schönberger und Karl Mertens). Hinzu kommen, was katholische Philosophie in Bayern betrifft, neben der katholischen Hochschule Eichstätt und der Jesuitenhochschule in München noch der GuardiniLehrstuhl für „Philosophie der Religionen Europas“ (nicht genannt sind die Philosophielehrstühle in den theologischen Fakultäten).
Von den meisten dieser Konkordatsprofessoren ist gar nicht bekannt, dass die katholische Kirche bei ihrer Berufung ein gewichtiges Wort mitgeredet hat. Diese Professoren „ betätigen sich“, so klagt Lotter, „gewissermaßen undercover und lassen ihre Glaubensüberzeugungen unterschwellig in den wissenschaftlichen Diskurs einfließen… Zumindest handelt es sich um eine Art von Etikettenschwindel: Es ist nicht drin, was draufsteht.“

46

Diese Ausgabe der „Münchner Zeitschrift für Philosophie“ hat die „Zukunft der Stadt“ zum Thema, und sie versucht, aus linker Perspektive eine „kritische Theorie der Stadt“ zu entwickeln. Roger Behrens, Redaktor der „Zeitschrift für kritische Theorie“ zeigt eine Dialektik der Städte auf: Ihre Krise, die ihnen wie dem Kapitalismus in konstitutiver Permanenz wesentlich ist, kann in ein und derselben Stadt sowohl den totalen Zusammenbruch als auch totalisierende Sanierung bedeuten. Die Wirklichkeit der Stadt der Zukunft ist für ihn aus der Möglichkeit der be freiten Gesellschaft zu konstruieren, nicht aus den gegenwärtigen Städten. Nicole Wiedinger und Wolf Dieter Enkelmann sehen die Differenz zwischen Stadt und NichtStadt, die Peripherie der Städte, die Differenz, die zwischen dem Niemandsland der Entfremdung eine Kultur der Aneignung macht, als ein offenes Wechselspiel.

47

Thema des Heftes ist die Kritik an der herrschenden Ökonomie und die Suche nach alternativen Ökonomien. Für den Berliner Philosophen Frieder Otto Wolf beinhaltet dies die Frage, auf welcher wissenschaftlichen Grundlage es möglich ist, eine Wirtschaftspolitik im strengen Sinne, d. h. als politischer Eingriff in die Grundlagen des Wirtschaftens zu denken und dabei das „politische Grundprinzip der neoliberalen Konterrevolution“, nämlich die Aussage „There is no alternative!“ zu widerlegen. Für Wolf beinhaltet dies den Bruch mit der traditionellen deterministischen marxistischen Betrachtungsweise, wonach es keine alternativen Optionen gibt, solange die „Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise“ besteht. Es geht ihm um die Bündelung fachlich konkret ausgewiesener Handlungsmöglichkeiten zu einer komplexen Strategie, deren Teilstränge sich wechselseitig verstärken können, indem sie an artikulierte und artikulierbare Interessen anknüpfen. Erst in einer derart gebündelten Gestalt können alternative Einzelvorschläge eine Politisierung der Wirtschaftspolitik lei¬sten, die dem Versuch ihrer Entpolitisierung zu reinen Fachfragen wirksam entgegentritt. Alexander Pechmann stellt dar, wie sich die heute dominierende Wirtschaftslehre selbst als „alternative Ökonomie“ etabliert hat und nennt zwei fundamentale Defizite, die diese Lehre heute zu einem gefährlich autistischen Betrieb machen: die wachsende soziale Ungleichheit und die ökologische Herausforderung. Diese beiden Probleme zwingen, die Themen der klassischen Ökonomie wieder aufzunehmen: nach welchen Gesetzen wird der gesellschaftliche Reichtum verteilt, und wie wird der gesellschaftliche Reichtum produziert?

 

 48

Der Münchner Widerspruch behandelt in dieser Ausgabe „1968  Idee – Entwürfe – Utopien“ das Thema „1968“ und geht auch auf das ein, was davon erhalten geblieben ist. Dabei wird vor allem die Form des Interviews mit Zeitzeugen verwendet. Dabei zeigen die Fragen, dass der „Widerspruch“ eine linke Zeitschrift geblieben ist.

 

Oskar Negt berichtet, 1968 sei von einer Aufbruchstimmung gekennzeichnet und von einer Neugierde in den verschiedensten Bereichen. Damals seien Perspektiven geöffnet worden wie auf dem legendären Hambacher Fest von 1832. In Frankfurt, wo Negt war, sei die Bewegung im Unterschied zu Berlin sehr theoriegeleitet verlaufen, den Studierenden sei es darum gegangen, ihr eigenes Leben in die wissenschaftliche Aufklärung einzubinden. Mit der Gründung der verschiedenen K-Gruppen und der Auseinanderdividierung der Bewegung in verschiedene Blöcke sei der revolutionäre Impuls dann verloren gegangen. Hierhin gehöre auch die Faschismustheorie, sie sei ein Spätprodukt, eigentlich ein Zerfallsprodukt der Bewegung. 

 

Heinz Paetzold beklagt den Verlust der     Utopie. Mit Schrecken habe er festgestellt, dass mittlerweile auch die Grünen das Wachstum der Automobilindustrie unhinterfragt als eine Selbstverständlichkeit hinnehmen. Die gegenwärtige Situation ist ihm mit der vor 1968 vergleichbar, eine fortschreitende Militarisierung bedrohe das gesellschaftliche Leben: obwohl der Feind nicht mehr da sei, würden die Rüstungshaushalte enorm aufgebläht. Utopische Energien sieht Paetzold nur noch in Bolivien und Venezuela am Werk. Einzig in einem Punkt sei man den utopischen Träumen von 1968 näher gekommen, dem sog. „Multiversum der Kulturen“ (Ernst Bloch), woraus sich eine interkulturelle Neuorientierung der Philosophie ableite. Christian Kerbel berichtet über das Philosophiestudium an der Münchner Universität 1968. Damals gab es 30 bis 40 Seminare  und Vorlesungen, aber keine Einführungsveranstaltungen. Diese Lücke haben dann die „Basisgruppen“ und „Rote Zellen“ ausgefüllt. Sie sagten dabei den Studienanfängern zugleich, bei welchen Professoren es sich lohne, Seminare zu besuchen. Interessanterweise wurde Hermann Krings, obwohl katholisch und dem Konkordatslehrstuhl nahe stehend, aufgrund seiner Offenheit geschätzt. Den besten Ruf hatte aber Ernesto Grassi, der Herausgeber von „rowohlts deutsche enzyklopädie“, der als links galt. Kerbel erzählt, wie damals bei einer Vorlesung hinter dem Professor die Assistenten in den Raum traten, dahinter die wissenschaftlichen Hilfskräfte, die sich darum stritten, wer die Tasche tragen und den Stuhl des Ordinarius zurechtrücken durfte. Alle schrieben fleißig mit, was der Meister vortrug, Nachfragen gab es keine. Als Nikolaus Lobkowicz 1969 eine Vorlesung über Hegel ankündigte, wurde er zu Beginn der Vorlesung gefragt, ob er Zwischenfragen zulasse. Das lehnte er ab. Auf die Nachfrage, ob es nicht widersinnig sei, eine dialektische Philosophie monologisch vorzutragen, erfolgte ein Wutausbruch und Lobkowicz verließ den Saal.  Die Vorlesung wurde abgebrochen, im Studentenjargon „gesprengt“.  Die Studierenden organisierten nun eigene Veranstaltungen. Um den Debatten, denen sie nicht gewachsen waren, aus dem Weg zu gehen, schickten die Professoren junge Dozenten, die dabei waren, sich zu habilitieren. Die boten dann Seminare    über Bloch oder die Kritische Theorie, wie Eberhard Simons, oder über Hegel, wie Lorenz Puntel, an. 

 

51 – Vertrauen in der Krise

 

Der Münchner Phänomenologe und Scheler-Kenner Wolfhart Henckmann diagnostiziert am Vertrauensphänomen zwei Strukturmomente: zum einen in der Ergänzungsbedürftigkeit des Vertrauensaktes durch     einen wie auch immer ausfallenden antwortenden Akt der Person, der Vertrauen entgegengebracht wird. Zum anderen wird das Verhältnis zwischen Personen, die in einem Vertrauensverhältnis stehen, gleichsam in der Mitte unterbrochen: Der Vertrauende wendet sich an eine von ihm innerlich vorgestellte Person, die sozusagen das Vertrauen ermöglicht, während umgekehrt die das Vertrauen empfangende Person ganz analog den Vertrauenden nach Maßgabe eines Bildes wahrnimmt, das in seiner der Person zugewandten Haltung vorgezeichnet ist.

 

Konrad Lotter, der verantwortliche Redakteur des Widerspruch, sieht einen Argwohn der Aufklärung gegen das Vertrauen und daraus abgeleitet ein Programm, die traditionellen Autoritäten wie auch die traditionellen Beziehungen der Menschen zueinander und ihre Institutionen zu überprüfen: Wo Vertrauen herrschte, sollte Kontrolle stattfinden. Lotter sieht dieses Programm von drei Seiten her begrenzt: von der Seite der menschlichen Bedürfnisse nach Wärme und Geborgenheit, von der Tatsache, dass viele Handlungen in eine offene Zukunft hinein gerichtet sind und dazu Vertrauen benötigen, das nicht kontrolliert werden kann und schließlich von der Unübersichtlichkeit des modernen Lebens, das eine Kontrolle unmöglich macht.

 







© Information Philosophie     Impressum     Kontakt