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STELLUNGNAHMEN

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Was bedeutet die Internationalisierung der Geisteswissenschaften für die Philosophie?


Gegenwärtig wird wissenschaftspolitisch eine Internationalisierung der Geisteswissenschaften gefordert bzw. gefördert. Was bedeutet das für die Philosophie?

Pirmin Stekeler: Bevor man vernünftigerweise etwas zu der Frage des Sinns eines wissenschaftsstrukturellen Unternehmens wie das der Internationalisierung der Geisteswissenschaften über entsprechende Steuerungsmechanismen, nämlich durch finanzielle Anreize und Verlockungen, und dann auch zu ihrer Bedeutung für die Philosophie sagen kann, sollte man sich wohl vergewissern, was denn die Aufgaben der Geisteswissenschaften und der Philosophie sind oder sein sollten und was für ein ‚Wissen’ es ist, das in diesen akademischen Disziplinen produziert und vermittelt wird oder werden sollte. Denn sonst bleibt alles bloße Reaktion auf das, was irgendwelche Kommissionen in ihrer konsensuellen Weisheit zeitgeistgemäß für gut befunden haben. Mit dem heute kaum mehr begriffenen Heidegger ist nämlich gegen Idealismen habermasscher Prägung zu betonen, dass ‚Konsens’ realbegrifflich zunächst orthogonal zu dem steht, was ‚vernünftig’ zu heißen verdient. In der wirklichen Welt ist Konsens bloß der kleinste Nenner dessen, was man so meint und was daher gerade nicht durchdacht ist.

Wenn es nun richtig ist, dass die Geisteswissenschaften insgesamt, nicht bloß die Philosophie, auf ein Orientierungswissen ausgerichtet sind, das immer schon im Rahmen des gemeinsamen institutionellen Handelns steht, nicht auf ein sachhaltiges Wissen, wie es unser technisches Können leitet, dann gehen ihre Aufgaben weit über das hinaus, was ihnen die restliche Wissenschaftsgemeinschaft aus ihrem naturgemäß positivistischen Selbstverständnis heraus zuzugestehen bereit ist: eine bloße historia oder Tatsachen- und Wissensgeschichte.

Es geht vielmehr um ein Begreifen der kooperativen Verfassung von Vernunft in ihrer prekären Spannung zwischen den Urteilen autonomer Personen und einem gemeinsamen Handeln. Auflösen lässt sich diese Spannung immer nur durch die Entwicklung eines kulturellen Bewusstseins, wie es die Geisteswissenschaften und die Philosophie gemeinsam entwickeln, durchaus auch als Wissen über religionsartige oder zivilreligiöse Bindungen in den relevanten ‚Wir-Gruppen’. Diese verbleiben zunächst aus guten geschichtlichen Gründen innerhalb eines ’Volkes’ im Sinn einer Schriftsprachengemeinschaft, bevor der Biologismus im Verein mit dem Imperialismus des 19. Jahrhunderts diesen wesentlichen Sinn gerade auch des Wortes „Nation“ (neben dem des Staatsvolkes) teils tribalistisch, teils rassistisch zerstörte – und Europa entsprechend aufsplitterte.

Da nun kulturelle Kooperationsprojekte eines Volkes nie schon per se die ganze Weltgemeinschaft umfassen, wohl aber die immer auch ethische Platzierung der Nation in der Welt, ist schon die idealistische Prämisse irreführend, wahre Geisteswissenschaft und Philosophie müsse international, daher auch nach Möglichkeit in einer internationalen lingua franca artikuliert sein. Letzteres wäre etwa so, wie wenn wir in den Kirchen und Opernhäusern das Englische als liturgische Sprache einführten. Diese ‚These’, die wohl eher eine generische Feststellung ist, schließt freilich keineswegs aus, dass wir – wer immer je ‚wir’ sind – von den je anderen lernen können. Im Gegenteil. Aber von anderen zu lernen bedeutet im Bereich der autonomen Aneignung von Institutionen, Praxisformen und kulturellen Selbstentwicklungen immer etwas ganz anderes als im Bereich des Sachwissens etwa der Naturwissenschaften, der bloßen historia oder der Technologie. Im Übrigen ist die ‚Methode’ des ‚Argumentierens’ in den Geisteswissenschaften und der Philosophie eben deswegen anders als die einer bloßen Sachwissenschaft, weil es um freie Anerkennung von autonomen Selbstverständnissen im Umgang mit eigenen und fremden Kulturtraditionen geht. Hier ist, wie in jedem Fall bloßer Vorschläge zur gemeinsamen Formung von Kultur, der kritische Streit um das gemeinsam Anerkennbare und, wie in den Rechtswissenschaften, seine genau verstehbare sprachliche Formulierung die Methode. Die Ergebnisse wiederholbarer Beobachtungen, wiederholbarer technischer Experimente, archäologischer, archivarischer und erst recht mathematischer Beweise sind dagegen auf fast selbstverständliche Weise übersetzungsinvariant. Für deren Darstellung ist die geisteswissenschaftliche und philosophische Pflege einer nationalen Schriftsprachenkultur zwar keineswegs unerheblich, aber oft sekundär. Für die Philosophie ist der Gedanke der Internationalisierung ihrer ‚Argumente’ und ‚Ergebnisse’ aber gerade auch deswegen eine irreführende Illusion, weil sie wesentlich Begriffs- und damit Schriftsprachenentwicklung war und ist, weit über die Enge der Verwendung der internationalen Schriftsprache mathematischer Formallogik hinaus.

Dieter Thomä: Was genau heißt Internationalisierung? Nach besten Kräften verfolgen, was die Kollegen aus anderen Sprachräumen hervorbringen – das ist das Minimalprogramm. Darüber hinaus kann man sich bemühen, im Ausland als Gesprächspartner, als Vortragender, mit Publikationen präsent zu sein. Wenn man schließlich nicht nur international, sondern transnational arbeitet, dann leistet man als Philosoph Beiträge zu einer Forschungsdiskussion, in der die Herkunft der Beteiligten eigentlich keine Rolle mehr spielt; man wird Mitglied einer Weltrepublik der Geister.

Wie bei der ökonomischen Globalisierung, so hängt auch bei der wissenschaftlichen Internationalisierung alles davon ab, unter welchen Rahmenbedingungen sie erfolgt. Hier wie dort stößt man auf die Alternative zwischen Homogenisierung und Differenzierung. Wie bei der Weltmusik, so ist auch beim geistigen Weltkonzert die Chance hoch, Unbekanntes kennen zu lernen. Man kocht nicht immer nur im eigenen Saft. Doch wenn es einfach nur um Öffnung ginge, gäbe es ein großes Durcheinander. So spielen Selektion, Fokussierung, Konzentration, agenda setting eine Schlüsselrolle. Internationalisierung hat demnach nicht nur mit Sach-, sondern auch mit Machtfragen zu tun. Sie kann bereichern, sie kann aber auch Stromlinienförmigkeit produzieren. Wenn alle sich auf ein Thema stürzen, wird das Denken eindimensional.
Welche Formen der Internationalisierung sind nun bei der deutschsprachigen Philosophie zu beobachten?

Die schlechteste Form der Internationalisierung ist, wie mir scheint, immer noch die verbreitetste. Man versteht Internationalisierung als Amerikanisierung, hechelt hinter dortigen Diskussionen her, überträgt am Ende aber nur einen vorgestrigen Diskussionsstand auf hiesige Verhältnisse. Diese Strategie der Internationalisierung qua Nachahmung hat ihre Wurzel in der Unterscheidung zwischen analytischer und kontinentaler Philosophie, aus der eine Zwei-Klassen-Gesellschaft und ein nachhaltiger Verdrängungseffekt an den Universitäten erwachsen ist.

Die Rezeption der sogenannten analytischen Philosophie in Deutschland war fruchtbar, weil man damit die Forscher hier zu Lande aus dem bequemen Sofa des hermeneutischen Vorverständnisses aufgescheucht hat. Und doch ist es peinlich, wenn Wissenschaftler, die eigentlich Wert auf begriffliche Präzision legen sollten, die unsinnige Gegenüberstellung von methodischen („analytisch“) und geographischen („kontinental“) Attributen zum Identitätskriterium hochjubeln. Das ist ungefähr so absurd, wie wenn man synthetische und lunare Philosophie unterscheiden würde.

Allzu viele haben sich gleichwohl auf die sogenannte analytische Philosophie gestürzt, als wären sie Ertrinkende. Häufig hat man mit Verspätung und Verbohrtheit auf Themen und Thesen gesetzt, die in den USA ihre Anziehungskraft bereits eingebüßt hatten. Manche nahmen das Reinheitsgebot der analytischen Philosophie zum Anlass, den späten Wittgenstein aus ihr auszuschließen, andere bastelten noch am Schulterschluss zwischen Philosophie und Neurowissenschaften, als die Hoffnung darauf anderswo längst zu den Akten gelegt worden war. Schließlich wunderte man sich darüber, dass die Amerikaner anfingen, nicht nur Kant, sondern auch solche deutsche Philosophen zu rezipieren, die man selbst schon halb vergessen hatte.

Die Folge dieser Internationalisierung qua Nachahmung ist letztlich der eigene Bedeutungsverlust. Man verschließt sich den Anregungen aus anderen Sprachräumen wie etwa dem französischen. Man verbaut sich selbst die Möglichkeit, etwas Originelles zustande zu bringen.

Manchen deutschsprachigen Philosophen ist es gelungen, von der Internationalisierung qua Nachahmung in die Internationalisierung qua Partizipation aufzusteigen. Dass diese Fachvertreter als Mitglieder eines internationalen Diskurszusammenhangs anerkannt werden, ist alle Anerkennung wert; dahinter steckt bekanntlich harte Arbeit, die neben dem einfachen Nachdenken, das ja auch gelegentlich vorkommen soll, die Etablierung auf dem Markt der Zeitschriften und Verlage und das pragmatische networking umfasst.

Wenn ich mich nicht sehr täusche, reicht die Kraft aber bislang nicht, um über das bloße Mitspielen und Mitschwimmen auf der internationalen Bühne hinaus eigene Themen zu setzen oder gar ein neues schulbildendes Profil herauszubilden. Wenn ausländische Kollegen fragen, von welchen neuen Trends in der deutschsprachigen Philosophie zu berichten sei, wollen sie eigentlich nicht hören, dass jetzt echt der Stand der amerikanischen Forschung erreicht sei. Sie sind neugierig auf etwas, das sie noch nicht kennen. Bei der Beantwortung dieser Frage ist man nicht ganz ratlos, aber es gehen einem schnell die Beispiele aus.

Mir scheint es fachphilosophisch und wissenschaftspolitisch am sinnvollsten, eine Doppelstrategie zu verfolgen. Demnach sollte es in Zukunft einfach undenkbar sein, dass Nachwuchswissenschaftler mit nur episodischer Auslandserfahrung Karriere machen oder dass Projekte ohne Berücksichtigung der internationalen Forschung konzipiert und durchgeführt werden. Dieser Stand ist, nimmt man etwa die bei der DFG eingereichten Anträge als Maßstab, noch längst nicht erreicht.

Letztlich sollte man sich aber nicht darauf beschränken, dass deutschsprachige Philosophen als Einzelkämpfer um den Anschluss an die angloamerikanische Forschung ringen. Nicht zu unterschätzen, nicht zu verachten mit Blick auf die Förderung der Forschung ist die kritische Masse vor Ort und in Reichweite. Die Fixierung auf den angloamerikanischen Diskurs geht häufig damit einher, dass man sich in einer Art von philosophischem Selbsthass weigert, die Fruchtbarkeit der nächstliegenden philosophischen Res-sourcen zu prüfen. Damit macht man sich das geistige Leben schwer. Denn auch wenn die Rede vom Fremden und Eigenen in Geistesdingen nur sehr begrenzt anwendbar ist, sind zündende Gedanken häufig aus der Kombination ganz unterschiedlicher Traditionen erwachsen. (Was wäre aus John Stuart Mill geworden, wenn er nur Bentham und nicht auch Wilhelm von Humboldt gelesen hätte?)

Die Zukunft liegt hier (wie auch andernorts) in einer Kombination aus Nomadentum und Sammlung. Sinnvoll ist eine Balance zwischen Internationalisierung einerseits, der Förderung des Wachstums von Forschungszusammenhängen innerhalb der deutschsprachigen Philosophie andererseits. Übrigens: Mit nationalen Tönen, mit der Sorge um den Bedeutungsverlust von Deutschland als dem Land der Philosophen hat dies gar nichts zu tun, sondern allein mit der Hoffnung auf spannende Forschungsergebnisse.

Christoph Fehige: Auch in der Philosophie wird länderübergreifend noch mehr kommuniziert werden; die Bildungs- und Berufswege werden im Durchschnitt noch internationaler werden, die englische Sprache noch dominanter.

Wenn wir Glück haben, steigt mit der Öffnung und dem Wettbewerb das Niveau. Wenn wir Pech haben, kommt nach der weltweiten Homogenität der Einkaufszentren und Kinoprogramme die weltweite Homogenität der Philosophischen Institute und Zeitschriften und Verlage: überall dieselbe Handvoll von Stars und kanonischen Texten, von Paradigmen und Themen.

Meine Hoffnung gilt dem Long-Tail-Effekt. Neben den Megatrends könnten auch die philosophischen Nischenprodukte profitieren. Gerade für die verstreuten Anhänger außergewöhnlicher Methoden oder Themen kann das Leben besser werden. Durch das www und den Philosopher’s Index werden sie leicht aufeinander aufmerksam. Durch E-Mail und den Sog der englischen Sprache vereinfacht sich die Kommunikation zwischen ihnen; sie können zum Beispiel spielend trotz der großen Entfernungen philosophische Texte miteinander verfassen oder eine mit Gutachten operierende Zeitschrift gründen und betreiben. Und auch sie können Fördermittel für internationale Forschungskooperationen oder Konferenzen beantragen. Auf diese Weise können rege Teilgemeinschaften der Philosophie entstehen oder aufblühen, die es vorher als Gemeinschaften nicht gab oder die es vorher schwerer hatten.

Internationalisierung ohne philosophische Oligopole, das wäre ein gutes Ziel. Die meisten von uns haben ja die eine oder andere Chance, dazu beizutragen.

Tilman Borsche: Parallelen zur Philosophie sind mutatis mutandis notwendig, wichtig und zu begrüßen. Doch vorweg möchte ich festhalten, dass die Philosophie so wenig eine Geisteswissenschaft wie eine Naturwissenschaft ist. Würde man sie vorweg so oder so zuordnen, würde das ihre Internationalisierung von vornherein erschweren und einschränken.

Als innovatives Beispiel für Internationalisierungsbemühungen in einer Geisteswissenschaft möchte ich die „kontrastive Kulturkomparatistik“ erwähnen, mit der Teruaki Takahashi (2006) die bisher allein aus deutscher Perspektive betriebene Wissenschaft der Germanistik durch Fragestellungen und Anregungen aus der japanischen Kulturtradition zu bereichern versucht.

Vergleichbares gilt auch für die Philosophie. Selbstverständlich sollte man die chinesische Kantforschung zur Kenntnis nehmen und ihre Eigenwilligkeiten diskutieren (Stephan Schmidt, AZP 33.1, 2008), aber das ist nur ein erster Schritt. Ernsthaft und schmerzhaft wird die Frage der Interkulturalität erst gestellt, wenn man sich für die Tatsache öffnet, dass eine Rezeption fremder Traditionen geeignet sein könnte, den Begriff von Philosophie, wie er in Europa und Amerika akademisch institutionalisiert ist, in Frage zu stellen, d.h. dass dieser Begriff durch die Lektüre philosophischer Texte z. B. aus dem alten und dem neuen China erweitert und transformiert werden könnte, vielleicht auch sollte.
Was die Lektüre fremder Texte als erstes in Erinnerung rufen dürfte, wäre die Tatsache, dass „die“ Philosophie auch in unserer europäischen Tradition immer außerordentlich vielfältig gewesen ist und nur um den Preis einer Verkümmerung des Denkens auf den state of the art einer analytischen Scholastik reduziert werden kann, wie es im gegenwärtigen Diskurs der akademischen Philosophie bisweilen erscheinen mag.

Internationalisierung der Philosophie kann sich nicht darin erschöpfen, dass man in den philosophischen Instituten der Universitäten von La Paz und Manila, von Beijing und Pretoria auch Wittgenstein liest, so sehr genau dieses zu begrüßen ist. Internationalisierung der Philosophie bedeutet vielmehr, dass wir lernen, Stimmen aus uns fremden Traditionen so zu vernehmen und zu verstehen, wie Montesquieu es in den Lettres Persanes mit den Mitteln der Fiktion versucht hat; nun aber als authentische Stimmen fremden Denkens, nicht mehr als Fiktionen philosophischer Universalhistoriker, wie wir sie aus einer imperialistisch inspirierten Philosophiegeschichtsschreibung zur Genüge kennen. Bislang sind es innerhalb der Philosophie nur einzelne Gestalten, die sich dieser Form einer Dezentrierung des eigenen Denkens nachhaltig auszusetzen bereit und in der Lage sind. Als ein Freund ostasiatischen Denkens möchte ich stellvertretend für einige andere nur François Jullien erwähnen, den unermüdlichen Sucher chinesischer Gegengewichte zu Athen.

Vielleicht könnte ein so verstandener Internationalisierungsschub sogar dazu beitragen, die Marginalisierung der Philosophie im Bewusstsein der Gesellschaft zu überwinden. Ich fürchte allerdings, dass die Institutionen der Förderungspolitik diese innovative und potentiell hoch dynamische Dimension einer ‚Internationalisierung’ der Philosophie noch gar nicht wahrgenommen haben.

Wie steht es dabei um die deutsche Sprache als Kultursprache, als Sprache der Philosophie?

Christoph Fehige
: Dass gute Forschung in deutscher Sprache zu Papier gebracht wird, wird auch in der Philosophie immer seltener werden. Die Realität setzt einfach andere Anreize.

Warum sollte eine fachlich ambitionierte Denkerin in Zukunft einen Forschungsbeitrag auf Deutsch verfassen? Erstens würde sie damit die wissenschaftliche Leserschaft des Beitrags dezimieren, denn für die Mehrheit von Forschenden und Lehrenden auf diesem Planeten ist das Deutsche eine sprachliche Hürde, die sie beim Rezipieren nicht zu nehmen bereit sind. Zweitens verschlösse sie sich eine Vielzahl der angesehensten Buchverlage und Zeitschriften.

Drittens würde sie sich auf dem Arbeitsmarkt für philosophische Forschung und Lehre weltweit schaden. Für den größten Teil dieses Marktes gilt, dass er nicht im deutschsprachigen Raum liegt und seine Gremien und Meinungsbildner(innen) deutschsprachigen Publikationen so gut wie kein Gewicht beimessen. Und selbst die entscheidenden Gremien im deutschsprachigen Raum dringen auf die Internationalität von Werdegang und Veröffentlichungen. All das sind für jede Forscherpersönlichkeit mächtige Anreize. Bequemlichkeit und Folklorismus werden diesen Zug nicht aufhalten.

Von der Sprache des ambitionierten Forschens zu unterscheiden wären drei andere Dinge. Zum einen die Sprache des weniger ambitionierten Forschens, wie es sich etwa bei manchen von denen findet, die mit dem Doktortitel in Händen die Philosophie verlassen wollen. Des Weiteren die Sprache des Erforschten, vor allem bei der Lektüre von Klassikern. Wie es heute in der Philosophie weltweit eine Teilmenge von Fachleuten gibt, die sich mit Heraklit beschäftigen und dabei das von ihm Überlieferte auf Altgriechisch lesen, so wird es auch weltweit eine Teilmenge von Fachleuten geben, die historisch oder systematisch wichtige deutschsprachige philosophische Werke aus der Vergangenheit, etwa die von Friedrich Schelling oder Christian von Ehrenfels, im Original lesen.

Und schließlich die Sprache des Vermittelns. In populären Medien und in Schulen, vielleicht sogar in manchen universitären Einführungsveranstaltungen wird Philosophie sicher noch eine Weile lang landessprachlich betrieben werden.

Mit keiner dieser Prognosen ist etwas darüber gesagt, ob wir diese Entwicklungen begrüßen sollten. Vielleicht wäre eine Welt besser, in der sich auf jedem Kontinent jede(r) philosophisch Forschende so munter durch die Korpora an Primär- und Sekundärliteratur aller Sprachen bewegt wie der Fisch durchs Wasser: Hebräisch, Altgriechisch und Latein, Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch; auch Russisch und die eine oder andere asiatische Sprache wären sicher hilfreich. Nicht zu vergessen die Sprache der Physik, damit man sich auch in der Wissenschaftstheorie nicht zum Narren macht. Doch selbst wenn die Vielsprachigkeit besser wäre und wir die Einsprachigkeit von bedeutenden Teilen der philosophischen Gemeinschaft bedauern, sollten wir kaum so weitermachen, als gäbe es das bedauerte Phänomen nicht. Entscheidende Teile der Gemeinschaft würden dann so weitermachen, als gäbe es uns nicht, und es ist nicht klar, wem und welcher Sache damit gedient wäre.

Tilman Borsche: Wie das Wesen erscheinen muss, so muss das Denken sprechen. Es ist sonst nicht da. Die Sprache des Denkens ist der grundlegende und alles andere bestimmende Faktor für die Begegnung des Denkens mit fremdem Denken wie mit sich selbst, sie ist das Feld der Reflexion. Dasjenige, worauf die Reflexion reflektiert, ist wiederum nur in Worten gegeben, in Worten, die einer bestimmten Sprache angehören. In ihnen ist die Fülle der Tradition des in dieser Sprache Gedachten und Gesagten zwar nicht aktuell präsent, aber doch in den geprägten Formen der jeweiligen Satz- und Wortbildungsgrammatik wirksam. Folglich kann es gar nicht gleichgültig sein, in welcher besonderen Sprache das Denken sich jeweils artikuliert.

Jeder Sprecher wird die Vorzüge seiner eigenen Sprache hervorheben, weil er mit dem in ihr Gedachten und Gesagten und deshalb auch mit dem in ihr Sag- und Denkbaren am besten vertraut ist. Deshalb zitiere ich lieber einen unverdächtigen Beobachter, Leszek Kołakowski, der 1992 in einem Vergleich der deutsch-polnisch-englischen Philosophensprache anmerkte: „Das Deutsche ist bis vor kurzem die Philosophensprache schlechthin gewesen, ähnlich wie das Französische die Sprache der Diplomatie war... Das ist nach dem Zweiten Weltkrieg ganz anders geworden. Es gibt auf der Welt eine ganze Menge Philosophieprofessoren, die absolut nicht Deutsch können und der Meinung sind, sie könnten das, was man unbedingt gelesen haben muss, auch in englischer Übersetzung lesen, und was nicht übersetzt sei, brauche man wohl auch nicht gelesen zu haben…. [Doch] man trifft immer häufiger auf junge Leute, die sich darüber klar geworden sind, dass es keine Philosophie gibt ohne die deutsche Philosophie und dass man diese nicht kennt, wenn man sie nicht in der Originalsprache studieren kann.“ Selbstverständlich ist auch das eine Meinungsäußerung aus der Perspektive des Umgangs mit nur einigen Sprachen der Philosophie, aber immerhin hat sich diese Meinung durch die reiche Erfahrung eines langen mehrsprachigen Philosophenlebens gebildet.
Indirekt ist diesem Zitat auch zu entnehmen, dass die Frage nach der Sprache der Philosophie von politischen Machtfragen nicht zu trennen ist, so wenig wie die Frage nach der jeweils anerkannten Sprache der Diplomatie; was sich durch historische Beobachtungen vielfältig bestätigen lässt.

Nicht unproblematisch erscheint es in diesem Zusammenhang, dass ein Philosophisches Institut einer renommierten deutschen Universität eine Summer School zu Problemen des „Post-Kantian Idealism“ – auf Englisch – anbietet. Sollen deutschsprachige Studierende hier lernen, Hegel auf Englisch zu lesen? Das wäre ein Sprachkurs der besonderen Art. Oder sind eher englischsprachige Studierende angesprochen, die Hegel lesen, wie wir Platon lesen, nämlich in der eigenen Muttersprache? Dann würde man das Deutsch Hegels als eine tote Fremdsprache behandeln. Eine erstrebenswerte Internationalisierung im Bereich der Philosophie sieht anders aus. Auf Englisch kann man Hegel lectures schließlich auch in England hören. Wer eigens nach Deutschland kommt, um deutsche Philosophie zu studieren, dürfte anderes im Sinn haben. Zu verweisen wäre hier auf jüngste Berichte in Forschung und Lehre, die nahelegen, dass ausländische Studierende oft gerade kein deutschfreies Studium wünschen und sich durch ein solches eher von ihrem Gastland ausgeschlossen fühlen.

Pirmin Stekeler: In der Fremdsprache verstehen wir die Begriffe nie genau genug. Ironischerweise ist das ein Grund dafür, warum die Hauptsprache der Schlager oder Hits ab den 60er Jahren das Englische wurde. Denn während sich die Plattheiten und Sentimentalitäten der Texte in nichts unterschieden, wirkten und sind sie in der Landessprache oft unerträglich, eben weil man diese hört und genau versteht. Für die Geisteswissenschaften und die Philosophie bedeutet die ‚Internationalisierung’, sprich Anglisierung ihrer Ausdrucksform entsprechend, dass deutsche und französische oder dann auch italienische oder spanische Autoren die Inferenzkraft ihrer fremdsprachlich verfassten Begrifflichkeiten nur noch zum Teil überblicken. Ironischerweise ist nicht die Globalisierung, sondern eine Provinzialisierung ihres Denkens die notwendige Folge. Denn jeder native speaker kann sich dann schon genauer ausdrücken, so dass die entsprechenden englischsprachigen Bücher bestenfalls – soweit überhaupt – wahrgenommen werden, wie weit sie sachhaltige, etwa historische, Informationen enthalten. Als eigenständiger Beitrag für eine philosophische Nationalsprachenkultur spielen sie dann weder hier noch dort eine Rolle. Man mag darauf hinweisen, dass die deutsch- oder französischsprachigen Bücher und Zeitschriften in England, Amerika oder weltweit auch nicht gelesen werden. Aber es gibt die viel sinnvollere Möglichkeit der Übersetzung der wichtigsten Werke und ihre Förderung: das wäre immer schon der rechte Weg gewesen, wie ja auch die belletristische Literatur zeigt.

Dieter Thomä: Ich war kürzlich bei einer Tagung in Südamerika, die sich mit einem deutschen Philosophen befasste. Die Kongresssprachen waren Englisch und Spanisch. Doch wechselten die Teilnehmer aus Bolivien, Südkorea oder den USA bei den Gesprächen am Rande der Tagung durchaus immer wieder ins Deutsche. In Vorträgen wurde gelegentlich auf Originaltexte rekurriert, um Streitfragen auf seriöser Basis zu verhandeln. Wenn man Deutsch und Spanisch als Kongresssprachen gewählt hätte, wäre das ganze Unternehmen nach hinten losgegangen. Mir scheint, dass eine Mischung aus Entgegenkommen einerseits, Selbstbewusstsein andererseits das richtige Rezept ist.

Oft lösen im englischsprachigen Raum Thesen und Argumente Aufregung aus, die in der deutschsprachigen Diskussion durchaus bereits ausgiebig verhandelt worden sind. Nur weiß man dort davon nichts und meint auch, sich nicht darum kümmern zu müssen. Zur Internationalisierung gehört, dass Borniertheit auf allen Seiten bekämpft wird. Zu leisten ist dies nicht mit einer kompletten Umstellung der Philosophie aufs Englische, sondern mit einer Bejahung und Verteidigung ihrer Mehrsprachigkeit.

Was heißt das für die im deutschen Sprachraum erscheinenden philosophischen Fachzeitschriften?

Christoph Fehige: Die im deutschen Sprachraum erscheinenden philosophischen Fachzeitschriften müssen sich, ich sage das ohne jede Polemik, warm anziehen. Sie müssen der Tatsache ins Gesicht sehen, dass gute deutschsprachige philosophische Forschung immer seltener werden wird.

Abgesehen vom Einstellen des Betriebs sehe ich drei Möglichkeiten. Eine Zeitschrift könnte sich statt als Forum von Forschung als Instrument der Vermittlung begreifen, als ein Medium also, das sich weniger an andere Forschende als an Lehrkräfte oder interessierte Laien wendet. Dieser Transfer ist eine wichtige Aufgabe.
Eine Zeitschrift könnte zweitens versuchen, ihr Auskommen in der wissenschaftlichen Zweit- oder Drittklassigkeit zu finden. Ein solches Segment gibt es ja in fast jedem Bereich, etwa in der Gastronomie oder der Musik oder dem Sport: die, die auch wollen, aber nicht so feste wollen oder nicht so gut können. Es wäre dann aber hilfreich, wenn diese Eigenschaft einer solchen Zeitschrift bei einschlägigen Gelegenheiten auch benannt werden dürfte.

Drittens könnte die Zeitschrift versuchen, und einige versuchen dies ja bereits, international mitzumischen. Dass sie nur englischsprachige Beiträge bringt, wäre dafür nur eine notwendige Bedingung. Bei mancher Zeitschrift wäre wohl ein Ruck vonnöten, der die ganze Praxis erfasst: die inhaltliche und sprachliche Qualitätskontrolle; Engagement und Strategie; die Rekrutierung von Herausgeber(inne)n und Gutachter(inne)n; die Art des Begutachtens und Kommunizierens; das methodologische und thematische Profil; die Außendarstellung.

Kurz gesagt, die Globalisierung bringt es auch in den Geisteswissenschaften mit sich, dass ein härterer Wind weht. Wir sollten unsere Ausrüstung und Fertigkeiten verbessern.

Dieter Thomä: Die stümperhaften Versuche der European Science Foundation, ein Ranking für geisteswissenschaftliche Zeitschriften zu entwickeln, mündeten 2007 im ersten Anlauf in einer „initial list“ mit einem Klassifikationsvorschlag, der schnell auf scharfe Kritik stieß. Die B-Kategorie, die für „good reputation […] in different countries“ stand, war für Zeitschriften aus dem deutschsprachigen Raum nur erreichbar, wenn sie mindestens zum Teil englischsprachige Beiträge veröffentlichten. Bei dieser Ableitung von Reputation aus Sprachlichkeit gab es kuriose Effekte. So landete die österreichische Zeitschrift „Kriterion“ in der B-Gruppe, die „Deutsche Zeitschrift für Philosophie“, die „Philosophische Rundschau“ und ähnliche Publikationen in der C-Gruppe, deren Charakterisierung („local“, „domestic“) eher zu einem Biomarkt als zu den genannten Produkten passt. (Eine revidierte Liste ist auf der Website der Foundation für Ende 2009 angekündigt, dort aber nicht abrufbar.) Wenn diese seltsame Ranking-Diskussion überhaupt zu irgendeinem Ergebnis führen sollte, dann hoffentlich dazu, dass die internationale Reputation einer Zeitschrift nicht davon abhängig gemacht wird, ganz oder teilweise in Englisch verfasst zu sein.
Angeblich befassen sich Philosophen mit komplizierten Fragen. Es müsste zumutbar sein, deren Formulierung und Bearbeitung in mehreren Sprachen zur Kenntnis zu nehmen.

Pirmin Stekeler: Wie bedeutsam das schnelle und genaue Verstehen der je eigenen Sprache gerade auch für die erwachende Wissenschaft in Europa nach dem Mittelalter war, wird bis heute kaum begriffen. Denn es ist gerade die Abkehr von der Lingua Franca der Theologen, Philologen und anderweitig Gelehrten, also vom Latein, zu je einer der europäischen Vernakularsprachen als ein zentraler Fortschritt in der Wissenschaftsentwicklung zu begreifen. Dies gilt für den Gebrauch des Italienischen etwa bei Galileo ebenso wie des Französischen bei Descartes und seinen Nachfolgern. Jetzt erst konnten hinreichend viele in den Wissenschaften und einer kritischen Philosophie authentisch mitreden und die tradierten Inhalte selbständig mitprüfen. Erst was sich in der Prüfung einer zunächst lokalen, daher nicht extensiven, aber eben daher umso intensiver miteinander kommunizierenden Wissenschaftsgemeinde bewährt hat, wird durch Übersetzungen international sichtbar. Für unser Fach spielt die Sprache eine besonders gravierende Rolle. Thema der Philosophie ist die streitbare Reflexion auf Wissen und Wissenschaft, auf deren Sprache und auf die Institutionen, in deren Rahmen Wissen allein begreifbar ist und in denen Wissen wichtig wird. Philosophische Kompetenz ist daher nicht von der vollen Beherrschung der eigenen Sprache und dem direkten, in der eigenen Schriftsprache geführten, Diskurs besonders auch in Fachzeitschriften zu trennen.

Eine generelle Bevorzugung des Englischen würde außerdem für unser Fach eine thematische Vorentscheidung in der Gewichtung bedeuten, die sich gegen die kontinentaleuropäische Tradition der begrifflichen Empirismuskritik und der philosophischen Phänomenologie richtet. Beruhigend ist allerdings, dass die Einsicht in diese Zusammenhänge zur Zeit gerade in den USA an Boden gewinnt, wenn man etwa an Autoren wie R. Pippin oder R.B. Brandom denkt. Für die philosophischen Journale gilt, dass ihre internationale Verbreitung ohnehin nicht nur an der Sprache hängt, wie man oft meint. Gravierender ist, dass wie im Fall von Romanen oder Bildzeitungen die Qualität der Inhalte von der quantitativen Verbreitung unabhängig ist. Den nationalen Evaluationen keine Signifikanz zuzusprechen, wäre außerdem im besten Fall ignorant – als wären einerseits die nationalen scientific communities nicht in der Lage, die Standards wissenschaftlicher Beurteilung zu kontrollieren, oder als wäre es andererseits per se schon eine signifikante Leistung, internationale Netzwerke der Zustimmung zu provinziellen Modemeinungen aufzubauen.

Internationalität ist daher einfach kein signifikantes Kriterium für die Bedeutsamkeit eines Themas oder die Qualität seiner Behandlung. Jede schematische ‚Internationalisierung’ der deutschen philosophischen Journale und auch der anderen Veröffentlichungen unseres Faches würde daher, wohl im Widerspruch zu den ehrlichen Intentionen ihrer Protagonisten, die Zerstörung einer autonomen Kultur des philosophischen Argumentierens in unserem Sprachkreis bedeuten. Es mag ja so sein, dass das am Ende nur die verdiente Strafe früherer deutscher Überheblichkeit ist. Aber anstatt sich selbst so zu entgeistigen, nur weil man die Dialektik von Intention und Realität und insbesondere von Eigensprache und Begriffsverstehen nicht mehr kennt, ist vielleicht doch eher eine Neubesinnung auf ein institutionelles Denken angebracht, und das jenseits bloß oberflächlicher Kommissionsplausibilitäten.

Tilman Borsche: Die Antwort auf diese Frage ergibt sich aus dem zuvor Gesagten, ausführlicher habe ich dazu im Vorwort der jüngsten Heftes der AZP (Jg. 35.1, 2010) Stellung genommen, allerdings nur für die AZP. Die Frage lässt sich nicht allgemein beantworten. Mit Kołakowski ist leicht einzuräumen, dass es Bereiche und Stile des Philosophierens gibt, bei denen es wenig darauf ankommt, in welcher Sprache man sich ausdrückt. Das sind sicherlich eher wissenschaftsförmige Themenfelder wie die Logik, die Wissenschaftstheorie selbst, u.a.. Hier ist gegen einen weltweiten Diskurs in der lingua franca der Gegenwart nichts einzuwenden. Denn hier gilt die Hobbes’sche Feststellung, „words are wise men’s counters“, hier soll mit Begriffen gerechnet werden. So weit das möglich ist, soweit es gelingt und akzeptiert wird, ist das auch in Ordnung. Die außerordentlich engen Grenzen eines Philosophierens im Rahmen einer Begriffsschrift oder einer caracteristica universalis, wie sie Leibniz vorschwebte, sind bekannt und blieben auch Leibniz nicht verborgen. Inakzeptabel wäre es nur, wenn man, was häufig geschieht, den Spieß umdrehen wollte und alles Philosophieren in einer anderen als der englischen Universalsprache für provinziell erachtete. Provinzialität ist keine geographische Größe und auch keine Frage der Zahl. Provinziell ist es, die Grammatik des je eigenen Denkens für die einzig akzeptable, weil die einzig „wissenschaftliche“, mithin die einzig mögliche zu halten. Tertium datur, diesen Grundsatz des dialektischen Denkens, verstehe ich als eine Grundbedingung des Gesprächs freier Menschen, d.h. der platonischen Bestimmung der Philosophie. Man wende nicht ein, das sei eben nur platonisch. Man wird keine Definition für irgendeinen Grundbegriff finden, auch nicht für den der Philosophie, der keinen historischen, vielleicht nicht unbedingt einen namentlichen, aber doch einen zeitlichen und räumlichen Index mit sich führte. Eine Kritik des genannten Begriffs der Philosophie müsste einen besseren, tragfähigeren, weiter reichenden Begriff derselben explizieren.

Es hängt also von den Themengebieten sowie vom historischen Umfeld einer philosophischen Fachzeitschrift ab, in welcher Sprache sie sinnvollerweise publizieren sollte. Das Deutsche ist eine Sprache mit einer reichen philosophischen Tradition, einer ganzen Reihe von philosophischen Eigentümlichkeiten und einem vielstimmigen philosophischen Gegenwartsdiskus. Zwar bindet keine Tradition auf immer, Eigenes kann sich mit der Zeit verlieren. Doch solange der philosophische Diskurs in deutscher Sprache geführt wird, sollte und wird es deutschsprachige philosophische Fachzeitschriften geben. Daneben gibt es erfreulicherweise mehrsprachige Fachzeitschriften, deren Sprachauswahl sich jedoch an ähnlichen Maßstäben, nämlich denen der jeweils praktizierten Mehrsprachigkeit ihrer Leser zu orientieren genötigt sieht, und es gibt auch, in den genannten thematischen Grenzen, englischsprachige Fachzeitschriften in Deutschland.
Sprachverbote sind so barbarisch wie Denkverbote, glücklicherweise sind wir davon weit entfernt. Doch eine indirekte Unterdrückung von bestimmten Sprachen des Denkens, die sich Gehör verschaffen wollen, mittels einer diskriminierenden Förderungspolitik wäre kaum weniger barbarisch. Dafür finden sich leichte Anzeichen, eher noch Vorformen, zumeist in Gestalt einer dem Zeitgeist vorauseilenden Selbstzensur.

UNSERE AUTOREN:
Tilman Borsche ist Professor für Philosophie an der Universität Hildesheim, Christoph Fehige ist Professor für praktische Philosophie an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, Pirmin Stekeler ist Professor für theoretische Philosophie an der Universität Leipzig, Dieter Thomä ist Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen und derzeit Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.



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