header


  

FORSCHUNG

FORSCHUNG Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Kant: Kant und die katholische Philosophie

 KANT

Lehnt die katholische Philosophie Kant (immer noch) ab?

Das Verhältnis der Katholiken zu Kant ist seit dem Verbot der Lektüre der Kritik der reinen Vernunft durch den Vatikan von 1827 ein zwiespältiges. Der in Eichstätt lehrende Norbert Fischer hat nun in einem von ihm herausgegebenen Buch

Fischer, Norbert (Hrsg.): Kant und der Katholizismus. Stationen einer wechselhaften Geschichte. 638 S., Ln., € 85.—, 2005, Herder, Freiburg

diese Geschichte aufgearbeitet – und dabei allerdings kantfreundliche Philosophen bevorzugt.

Anfänglich wurde Kants Philosophie an den katholischen Fakultäten breiter und engagierter diskutiert als an protestantischen. Ja, sie gab dem katholischen Geistesleben sogar, wie Christoph Böttigheimer (Zur Geschichte des Verhältnisses des Katholizismus zu Kant) ausführt, neuen Aufschwung. Für die katholischen Frühkantianer war die zunehmende Unzufriedenheit mit der rationalistischen Schulphilosophie Wolffscher Prägung für das Interesse an Kant entscheidend. Auch waren sie wie „elektrisiert“, angesichts rapid wachsender Fortschritte und eines enggeführten wissenschaftlichen Vernunftideals in den Wissenschaften deren Wissensanspruch begrenzen zu können.

Hinzu kommt noch etwas: Kants Philosophie steht für den emeritierten Fuldaer Kant-Forscher Aloysius Winter (Kann man Kants Philosophie „christlich“ nennen?) der katholischen Position wesentlich näher als der protestantischen, und deshalb sei es verständlich, dass seine Philosophie in der ersten Zeit besonders an den katholischen Fakultäten Aufnahme fand. Kant orientiere sich immer wieder an den Vorgaben der Offenbarung, die er aber „innerhalb der bloßen Vernunft“ interpretiere. Auch bekomme die scheinbar rigorose Pflicht durch das Christentum etwas Liebenswürdiges. Deshalb könne man den christlichen Charakter seiner Philosophie nicht bestreiten.

Diese in Vergessenheit geratene Tradition des katholischen Frühkantianismus hatte eine erstaunliche Breitenwirkung. Kant fand hier eine manchmal geradezu enthusiastische Zustimmung. Katholischer Kantianer der ersten Stunde war der Exjesuit und katholische Pfarrer Sebastian Mutschelle (1749-1800). Selbst seine Predigten sind immer im kantischen Denkrahmen gehalten: „Wer das Gute wollen will, wende sich dem Christentume zu, wer es nur sollen will, dem mag Immanuel Kant hinreichen.“ Eine Pionierrolle kommt aber insbesondere dem Würzburger Philosophieprofessor Matern Reuss (1751-1798) zu. Er hatte erkannt, welchen epochalen Einschnitt der kritische Ansatz Kants für die bisherige Philosophie bedeutete. Ihm widerfuhr auch das Privileg, Kant in Königsberg persönlich besuchen und in eine freundschaftliche Beziehung zu ihm treten zu können. Reuss kam zu der Auffassung, dass der Kantische Kritizismus zur Verteidigung der katholischen Religion besonders gut geeignet sei: „Wer Kants Philosophie versteht, fragt nicht mehr, ob man dieselbe auch auf katholischen Universitäten erklären soll: diejenigen also, welche noch so fragen mögen, verstehen Kants Philosophie gewiß nicht.“ Das sokratische Pathos metaphysischer Bescheidenheit, das mit Kants Projekt einer Selbsterkenntnis der menschlichen Vernunft verbunden war, hatte auf Reuß von Anfang an eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausgeübt. Gegenüber der in der damaligen Metaphysik verbreiteten Neigung zur Viel- oder Allwisserei besteht Reuß darauf, dass man die Grenzen dieser Wissenschaft weit enger ziehen müsse als man bisher gedacht habe. Wer sich ohne vorhergehende Kritik des Erkenntnisvermögens auf metaphysische Spekulation einlässt, betreibt eine Art geistigen Schleichhandel und muss sich den Vorwurf des „Dogmatismus“ gefallen lassen.

Mit dieser Schwerpunktsetzung auf den Erkenntnistheoretiker Kant lag Reuß jedoch abseits von der frühen katholischen Kant-Rezeption, bei der theologisch relevante Themen im Mittelpunkt standen. Hier sind die Benediktiner Ildephons Schwarz und Ulrich Peutinger zu nennen. Schwarz, Philosophieprofessor im Kloster Banz, begrüßte die neue Philosophie zwar enthusiastisch, nahm sie aber nur eklektisch in sein eigenes Denken auf. Für Peutinger, der von 1792 bis 1804 als Dogmatiker an der Universität Salzburg lehrte, liegt Kants Errungenschaft darin, den Skeptizismus durch den Aufweis der Kategorien als Denkgesetze überwunden zu haben.

 

 


Dann folgte aber bis in die jüngste Zeit eine Phase der Ablehnung und der Kritik. So hört man noch von den Älteren, die zugleich gut katholisch und philosophisch gebildet waren, dass sie in ihrer Jugendzeit ihre Kant-Lektüre beichten mussten. Selbst wer wissenschaftliche Lektüre betrieb, brauchte als Katholik eine Sondergenehmigung, wollte er Kant lesen. Oder noch besser: Er verzichtete auch darauf. So soll es der einflussreiche Jesuit Guido Mattiussi (1852-1925), Philosophieprofessor an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, getan haben. Auf jeden Fall schrieb er ein 1907 erschienenes Buch mit dem Titel Il veleno kantiano („Das Kant’sche Gift“). Darin wurde Kants Philosophie nicht nur als Atheismus, sondern auch als „Tod der Wissenschaft und des Verstandes“ bezeichnet. Eine Kritik der Vernunft durch die Vernunft erschien Mattiussi ein Widerspruch, es bedürfe einer Vernunft, um über die unsere zu urteilen.

Insgesamt wurde ein scheinbar unüberwindbarer Widerspruch zwischen Kantischer Philosophie und katholischem Glaubensgut ausfindig gemacht, ein vermeintlicher Gegensatz, der zu einer Entscheidung nach dem Modell des Entweder-Oder zwang. Im Horizont neuscholastischer, ultramontanistischer Strömungen, die auf dem Ersten Vatikanischen Konzil ihren Höhepunkt erreichten, wurde jede Auseinandersetzung mit Kant und dem Subjektivitätsgedanken unter das Verdikt des Semirationalismus gestellt. In Abgrenzung zu einer sich autonomisierenden Welt nahm die Kirche eine defensiv-apologetische Haltung ein, motiviert durch den behaupteten Eigenbesitz der Wahrheit.

Auf der Seite der Kant-Ablehner sticht Benedikt Stattler (1728- 1797) hervor. Sattler, Professor zuerst in Innsbruck, dann in Ingolstadt, hatte mit der damals üblichen scholastischen Methode gebrochen und suchte mit Hilfe der Philosophie von Christian Wolff die Übereinstimmung der katholischen Glaubenslehre mit der Vernunfterkenntnis rational nachzuweisen. 1781 wurde ihm der Lehrstuhl entzogen, nachdem er vehement gegen die Einführung der deutschen Sprache an der Philosophischen Fakultät gekämpft hatte. Er musste sich auf eine Pfarrei in der Oberpfalz zurückziehen. Nach seiner Übersiedlung erschien ein dreibändiges Werk Anti-Kant. Stattler zeigt sich völlig überzeugt, den Alleszermalmer Kant selbst zermalmt zu haben, ja, er ist sogar überzeugt, dass die Kritik der reinen Vernunft nicht erschienen wäre, „wenn dem redlichen Hr. Kant meine Schriften bekannt, oder geläufig gewesen wären“. Seine Kritik speist sich vollständig aus dem rationalen Geist der Leibniz-Wolffischen Philosophie, indem er einen Gegenentwurf aus dem Satz vom zureichenden Grund entwickelt, der sich für ihn sowohl auf die Denkbarkeit als auch auf die Existenz der Dinge bezieht. Auch ist er der Meinung, das Dasein Gottes könne rational nach dem Vorbild der Mathematik aufgewiesen werden. Im Zentrum steht aber die eudämonistische Glückslehre, die Sattler gegen Kant verteidigt. Für Stattler ist die Beförderung der eigenen Glückseligkeit die erste Pflicht des Menschen und der Zweck der Schöpfung. Wenn Kant nun den Begriff der Glückseligkeit als oberstes Prinzip aller sittlichen Regeln von der Moral abschneide, entledige er sich eines hinreichenden lustreizenden Zweckes, der den Willen kategorisch bestimmen kann. Für Sattler lautet das oberste moralische Prinzip: „Thu allezeit das, was, wenn es alle thun würden, nothwendig alle glücklich und selig würden, sowohl in diesem, als im künftigen Leben.“

Christian Göbel hat die Geschichte der Indexierung der Kritik der reinen Vernunft an den Quellen untersucht. Indexiert wurde genau genommen nicht Kants Werk als ganzes, eigentlich auch nicht die KrV, sondern vielmehr ihre von dem italienischen Militärarzt Vincenzo Montavani (1773-1832) angefertigte italienische Übersetzung in acht kleinen Bändchen. Das Original war dem Gutachter, der kein Deutsch verstand, nicht bekannt. In seinem Gutachten stellte er Kant als gottlosen Aufklärer dar, der die Unmöglichkeit eines Vernunftbeweises der Existenz Gottes sowie der Unsterblichkeit der Seele nachweisen wollte. Auch sei Kant selbst vom protestantischen und aufgeklärten preußischen König Friedrich dem Großen mit einem Publikationsverbot belegt worden – deshalb könne die katholische Kirche nicht zurückstehen. Verfasser dieses Gutachtens ist der Philosophiedozent Alberto Bellenghi (1757 bis 1839), Präsident des Philosophischen Kollegs der Universität Rom, übrigens ein guter Bekannter von Antonio Rosmini. Statt eine genauere Analyse vorzunehmen, suchte der Zensor in Kants Werk nach Bestätigungen für die Gefahren, die er mit dem modernen Denken im allgemeinen verband. Kant erscheint als Idealist und Skeptiker – Begriffe, die für Gottlosigkeit stehen.

1798 veröffentlicht der Priester Peter Miotti Über die Nichtigkeit der Kantischen Grundsätze in der Philosophie, 1801 gefolgt von einem umfangreichen Werk Über die Falschheit, und Gottlosigkeit des kantischen Systems. Im Unterschied etwa zu Bellenghi hatte Miotti Kant ausführlich studiert und begründete seine Thesen auch argumentativ. Er sieht in der Philosophie Kants eine Gefahr für die Kirche, um deren Zukunft er sich sorgt. Kant wirft er vor, er kündige „eben denselben Philosophen den Krieg an, welche die Philosophie so glücklich emporgebracht haben“, und er gebe „willkührliche Erklärungen, welche die der Peripatetiker an der Dunkelheit und Unverständlichkeit weit übertreffen“. Diese Unverständlichkeit sieht Miotti in den offenbaren Widersprüchen zur gesunden Vernunft des Realismus begründet, mit denen auch der christliche Glauben untergraben werde. Miotti kann als der eigentliche Initiator des vatikanischen Anti-Kantianismus gesehen werden. Damit ist auch das Urteil des Lehramtes vorgezeichnet:
Kants Philosophie ist „unverständlich“, „dunkel“, „gottlos“ und „Gift für jeden guten Katholiken“. Diese Schlüsselwörter werden zu Topoi der katholischen Kantkritik. Dasselbe gilt für die Überzeugung, dass Kants Philosophie zugleich gegen Religion und Vernunft (und empirische Naturforschung) verstößt, dass sie also doppelt anzugreifen ist.

Vor Bellenghi hatte auch bereits der Wiener Nuntius Antonio G. Severoli (1757-1824) auf die Gefahren von Kants Philosophie hingewiesen. Er höre, so schreibt er 1802 nach Rom, „von weisen und unterrichteten Leuten, dass nicht wenige von ihnen von den verzerrten Grundsätzen der herrschenden Philosophie angegriffen sind, besonders vom Idealismus Kants“.

Durch die am 11. Juni beschlossene und am 16, Juni 1827 veröffentlichte Indizierung der Kritik der reinen Vernunft wurde verboten, diese Schrift (in jeder Sprache) zu lesen und aufzubewahren und angeordnet, dass alle Exemplare der Ordinarien und Inquisitoren auszuhändigen seien. Dies galt bis 1967. Wer sich dennoch mit dem Werk (natürlich aus wissenschaftlichen Gründen) beschäftigen wollte, musste dazu (so noch 1963 der nun emeritierte Fuldaer Philosophieprofessor Aloysisus Winter) eine bischöfliche Sondererlaubnis einholen.

Der emeritierte Eichstätter Philosophieprofessor Franz Bader sieht (Untergräbt die Transzendentalphilosophie Kants Grundpositionen der katholischen Glaubenslehre?) den Hauptgrund für die Ablehnung von Kants Philosophie darin, dass bei Kant die Sinnenwelt zur Erscheinung wird und nicht mehr Ding an sich sein soll und dass Raum und Zeit nur Anschauungsformen des äußeren und inneren Sinnes sein sollen.

Erst ab den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erfolgte erneut eine zunehmende Öffnung für die Probleme und Ansätze neuerer Philosophie. Dazu gehört etwa Erich Przywara (1889-1972), der sich im Rahmen seiner philosophisch-theologischen Anthropologie mit der neueren Philosophie, u. a. auch mit Kant befasste. Der entscheidende Impuls kam aber vom belgischen Jesuiten Joseph Maréchal (1878-1944), der die transzendentalphilosophische Methode rezipierte und eine Synthese zwischen der thomistischen Erkenntnismetaphysik und Kants Erkenntniskritik suchte: Kant sollte durch Kant selbst überwunden werden. Für Maréchal hat Kant den subjektvergessenen Realismus der traditionellen Metaphysik zwar mit Recht in Frage gestellt, aber auf eine missliche Weise, die in das gegenteilige Extrem des Idealismus führt. Maréchal versuchte nun den Vorteil der transzendentalen Denkweise und der ihr eigentümlichen Gewissheit zu behalten, ohne aber die idealistischen Folgerungen in Kauf nehmen zu müssen.

Maréchals Ansatz fand im deutschen und französischen Katholizismus viele Rezipienten. Die deutsche Maréchal-Schule brachte Kant in Auseinandersetzung mit dem Deutschen Idealismus (Walter Brugger, Emerich Coreth) oder strebte eine Synthese mit Heideggers Existentialphilosophie an (Johann Baptist Lotz, Karl Rahner).

Der Hauptstrom theologischer Kantrezeption im 20. Jahrhundert geht von einem anderen Vernunftideal als Kant aus. Sie ist davon überzeugt, dass für die kritische Abwehr rationalistischer Einseitigkeiten die aristotelisch-thomistische Lehre von der „analogia entis“ völlig ausreiche und auch deshalb unüberbietbar sei, weil sie für die Reflexion der Offenbarung eine hinreichend tragfähige Grundlage liefere. So stellte 1919 der Jesuit Viktor Kolbl Kant als „Quelle der Irrwege der modernen Philosophie“ dar, insbesondere des „Idealismus, Pantheismus, Nihilismus“. Heute kommt Kant in der katholischen Theologie nur am Rande vor. In Teilen der katholischen Moraltheologie hat sich die Überzeugung herauskristallisiert, dass die Kantische Ethik und speziell der Autonomiebegriff als kritische Messlatte und Abstoßpunkt zugleich in die eigene Reflexionsarbeit aufzunehmen sei. Und noch indirekter als die Moraltheologie bewegt sich die Sozialethik in einem kantianischen Gefälle, indem sie sich weitreichend dem Paradigma der sich als semantisch-handlungstheoretische Kant-Transformation verstehenden Diskursethik einschreibt. Dennoch finden sich auch im katholischen Raum genuine Kant-Forscher wie Josef Schmucker oder Giovanni B. Sala. Aber auf die systematische theologische Arbeit der Gegenwart haben diese keinen Einfluss.

Aber es gibt noch heute Widerstand: So ist auf der Homepage des kürzlich verstorbenen Kardinals Paolo Dezze SJ zu lese: „Die Vernunft zu kritisieren ist absurd … Mit was wollt ihr die Vernunft kritisieren und beurteilen, wenn nicht eben mit dieser Vernunft?“






Bestellen Sie das Einzelheft oder abonnieren Sie die Zeitschrift.




© Information Philosophie     Impressum     Kontakt