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Philosophie des Geistes: Der Irrweg der Naturalisierung der Intentionalität


PHILOSOPHIE DES GEISTES

Der Irrweg der Naturalisierung der Intentionalität

Die Tatsache, dass einige mentale Zustände intentional sind, lässt es als fraglich erschei-nen, ob sie physikalische Zustände darstel-len. Intentionalität stellt somit ein Problem
für jeden naturalistisch gesinnten Philoso-phen dar – und er versucht daher, die Intenti-onalität auf einer rein physikalischen Basis zu rekonstruieren.
Ein Holzweg, behauptet der Berliner Philosoph Wolfgang Barz in seinem Artikel

Barz, Wolfgang: Naturalisierung der Intentionalität. Ein philosophischer Irrweg, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 2/2006

Für ihn hat das Problem der Intentionalität eine ganz andere Form und braucht ein ganz anderes Vorgehen als in der Regel angenommen.

Viele Philosophen, die sich kritisch mit der phänomenologischen Tradition auseinander-gesetzt haben, weisen darauf hin, dass Einsichten, von denen Brentano und Husserl be-haupteten, sie hätten sie auf der Basis innerer Wahrnehmung bzw. phänomenologischer Wesensschau gewonnen, nichts weiter seien als grammatikalische Intuitionen. Für Barz spricht nun vieles dafür, dass dies auch für die Einsichten gilt, dass Überzeugungen ge-genständlich gerichtet sind. Wir wissen, dass in Überzeugungen etwas geglaubt wird, bzw. dass Überzeugungen stets Überzeugungen von oder über etwas sind – nicht weil wir unsere Überzeugungen in irgendeiner Art von Innen- oder Wesensschau beobachtet haben, sondern weil wir die Grammatik des Verbs „glauben“ rekapituliert haben. Und diese Rekapitulation bringt zum Vorschein, dass wir eine Wortfolge wie „Verena glaubt“ nicht für vollständig erachten. Damit aus einer Wortfolge, die das Verb „glauben“ enthält, ein vollständiger Satz entsteht, bedarf es neben einem grammatikalischen Subjekt auch eines grammatikalischen Objekts.

Mit dem gleichen Recht, mit dem Husserl behauptet, dass „jedes Bewusstsein ein Be-wusstsein von etwas sei“, können wir be-haupten, dass „jede Schenkung eine Schenkung von etwas“, „jeder Tritt ein Tritt gegen etwas“ und „jeder Kuss ein Kuss auf etwas sei“. Trotzdem besitzen Schenkungen, Tritte und Küsse keine Intentionalität. Das beweist: Die Idee der gegenständlichen Gerichtetheit ist unfähig, den Begriff der Intentionalität zu erläutern. Und: Bei der Intentionalität handelt es sich um eine Eigenschaft, die wir ausschließlich anhand sprachlicher Anhaltspunkte identifizieren. Ob etwas intentional ist bzw. Intentionalität hat, hängt davon ab, ob es mithilfe eines Satzes mit ganz bestimmten grammatikalischen oder logischen Eigenschaften beschrieben wird. Für Barz liegt es daher nahe, Intention als Projektion einer sprachlichen Eigenschaft in den Bereich nichtsprachlicher Entitäten hinein aufzufassen. Wenn man etwas als intentional charakterisiert, dann spricht man zwar verbal einer nicht-sprachlichen Entität (in der Regel einem mentalen Zustand) eine Eigenschaft zu: Die Wahrheit dessen, was man sagt, hängt jedoch davon ab, ob ein sprachlicher Ausdruck (die Beschreibung des betreffenden mentalen Zustands) eine bestimmte Eigenschaft (Intentionalität) hat.

Die Ansätze zur Naturalisierung der Intentionalität teilen die Annahme, dass Aussagen des Typs „x hat Intentionalität“ auf Grund der Beschaffenheit von x wahr sind. Denn ob x Intentionalität hat, hängt den Naturalisierern zufolge davon ab, ob x die Beziehung C zu Dingen in der Außenwelt unterhält. Doch wenn Barz recht hat, beruht die Wahrheit von Aussagen des Typs „x hat Intentionalität“ nicht auf der Beschaffenheit von x, sondern auf der Beschaffenheit der Beschreibung von x. X hat Intentionalität genau dann, wenn die Beschreibung von x intentional ist. Die Idee der Naturalisierung der Intentionalität beruht also auf der Verwechslung einer Projektion einer metasprachlichen Eigenschaft in den Bereich nicht-sprachlicher Entitäten hinein mit einer „echten“ objektsprachlichen Eigenschaft.

Falsch wäre aber der Schluss, bei der Intentionalität handle es sich um ein letztlich harmloses Problem. Gerade weil es sich um ein sprachliches Phänomen handelt – so Barz – ist die Intentionalität philosophisch so bri-sant. Und zwar handelt es sich um eine Herausforderung für eine unserer fundamentalen logischen Intuitionen – und zwar für den Grundsatz der Ununterscheidbarkeit des Identischen. Dieser Grundsatz besagt, dass sich zwei identische Gegenstände alle Eigenschaften miteinander teilen. Dieser Grundsatz wird durch das Vorkommen von Intentionalität verletzt. Obwohl in dem Satz „Hammurabi glaubt, dass der Morgenstern manchmal am Morgenhimmel leuchtet“ in der Extension der Ausdrücke „der Morgens-tern“ und „der Abendstern“ ein und derselbe Gegenstand – die Venus – liegt, darf man sie in dem genannten Satz nicht einfach gegeneinander austauschen. Denn der Satz „Ham-murabi glaubte, dass der Abendstern manchmal am Morgenhimmel leuchtet“ ist falsch. Wenn der eine Satz wahr, der andere jedoch falsch ist, bedeutet das, dass zwei identische Gegenstände unterschiedliche Eigenschaften haben. Nur der Morgenstern hat die Eigenschaft, von Hammurabi für etwas gehalten zu werden, was manchmal am Morgenhimmel leuchtet, der Abendstern nicht.

Das Problem, das hier entstanden ist, ist logischer Natur. Intentionalität steht nicht im Widerspruch zu unserer ontologischen Intuition, dass die Welt durch und durch materiell sei. Intentionalität steht vielmehr im Widerspruch zu unserer logischen Intuition, dass zwei Gegenstände alle ihre Eigenschaften miteinander teilen.




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