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UNTERRICHT

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Zeitschrift für Didaktik der Philosophie

Heft 1/2007

Im Hamburger Rahmenplan für den Philoso-phieunterricht wird die Auseinandersetzung mit Pseudowissenschaften explizit gefordert.
Wie soll man diese im Unterricht behandeln? Wie sind sie von den seriösen Wissenschaf-ten zu unterscheiden?

Heft 1/2007 der Zeitschrift für Didaktik der Philosophie und der Ethik geht diesem be-sonders aktuellen Thema nach. In einem ausführlichen Essay stellt Peter Janich, seit kurzem emeritiert, sein Konzept von Wissenschaft bzw. Wissenschaftstheorie vor. Dabei kritisiert er die gegenwärtig gängige nach-kuhnsche Wissenschaftstheorie: Sie habe sich selbst ad absurdum geführt, von ihr sei keine Unterscheidung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft mehr zu erwarten: Wissenschaft ist nur noch, was Wissenschaftler treiben.
Für Janich hat das Wort Wissenschaft zwei Bedeutungen: Zum einen meint es den Betrieb Wissenschaft, zum anderen eine besondere Qualität von Wissen, die durch Anspruch an Geprüftheit und Verlässlichkeit von allgemeinem Wissen ausgezeichnet ist. Janich fordert dazu auf, insbesondere ersterem gegenüber skeptisch zu sein: Wissenschaftler neigten dazu, ihre Ansprüche zu überziehen, die eigenen Kräfte zu über-schätzen und auch Phänomene wie Selbst-täuschung, Irrtum aus Nachlässigkeit oder gar Diebstahl sind nicht unbekannt.
Seriöse Wissenschaft ist aus den vorwissenschaftlichen Bereichen des täglichen Lebens entstanden; sie kommt durch Handeln von Menschen in die Welt, und sie führt in das Leben zurück, wo sie sich vor den Instanzen des Alltags legitimieren muss. Verwissen-schaftlichung führt nun aus der lebensweltli-chen Perspektive zum einen zu einer Verallgemeinerung in Richtung Transsubjektivität, zum anderen Richtung Universalität. Die Forderung nach Transsubjektivität muss auf zwei Ebenen erfüllt werden, zum einen beim Treiben von Wissenschaft und zum anderen bei der Bestimmung von Wissenschaft.

Die Probe aufs Exempel, ob sein vom Erlanger Konstruktivismus herkommender Wissenschaftsbegriff etwa zur Abgrenzung der Familienaufstellung nach Hellinger (die doch auch vom Leben kommt und ins Leben zurück führt) taugt, überließ Janich dem Hamburger Didaktiker Tiedemann. Für die-sen ist Pseudowissenschaft dann gegeben, wenn Anspruch auf wissenschaftliche Güte erhoben wird, gleichzeitig aber die Standards der modernen Verfahrensregeln nicht eingehalten und/oder die eigenen, prämodernen Fundamente geleugnet werden. Für Tiedemann bietet nun die Philosophie mit den Methoden der Analytik (verstanden als Prüfung zentraler Begriffe und Argumente), der Dialektik (verstanden als das Zuspitzen von Dilemmata) und der Phänomenologie (als das Einfordern von umfassenden und differenzierten Beschreibungen) das Verfahren, mit dem sich die Seriosität unterschiedlicher Orientierungsangebote überprüfen lässt. Allerdings ist dieses Thema im Unterricht ein unbequemes Geschäft: die Gefahr, dass man, statt das anvisierte Bildungsziel zu erreichen, eine Plattform für Verunsicherung oder gar Propaganda bietet, ist groß. Explizit nennt Tiedemann als Beispiele für Pseudowissenschaften die Familienaufstellung nach Hellinger und den Geschichtsrevisionismus.

Tanja Reinlein stellt an einem Beispiel vor, wie Astrologie im Philosophieunterricht be-handelt werden kann. Dabei zeigt sie den Schülern und Schülerinnen nicht von Anfang an einen abgeklärten Ausweg aus der dem Unterrichtsthema anhaftenden Irritation, sondern nutzt diese kreativ. Sie beginnt mit Horoskopen des vergangenen Tages und fordert die Jugendlichen auf, ihre konkreten Erlebnisse mit den „Vorhersagen“ zu vergleichen. Damit entsteht ein kurzweiliges Unterrichtsgespräch. Es zeigt sich nun, dass der Wahrheitsgehalt der Astrologie sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. Und man erinnert sich mehr der Erlebnisse, die zu den Vorhersagen passen als solcher, die quer dazu verliefen. In einer zweiten Stufe mussten die Schüler zu den Fragen, die sich aus der ersten Stunde ergaben (etwa: Warum gab es bei den Horoskopen so viele Übereinstimmungen mit den Erlebnissen des vorhergehenden Tagen?) schriftlich Stellung nehmen.
Anschließend wurde ein Horoskop aus der Zeitschrift Zukunftsblick hinsichtlich Wortwahl, Themen und Satzbau untersucht. Dabei stießen die Schülerinnen und Schüler von sich aus auf eine horoskopunabhängige Allgemeingültigkeit und Banalität eines Großteils der Aussagen und stellten fest, dass man letztlich genau das herauslese, was man erlebt oder was man als „allgemeine Lebensweisheit“ bereits im Laufe seines Lebens akzeptiert habe.
Schließlich verschafften sich die Kursteilnehmer mit Hilfe eines Radiobeitrags des Südfunks einen Überblick über gegensätzlichen Haltungen und Meinungen zur Astrologie. In einer Doppelstunde wurden nun zwei Astrophysiker als Experten eingeladen, Fragen der Klasse zu beantworten. Dabei interessierten sich die Schülerinnen und Schüler hauptsächlich für deren Einstellung zur Astrologie. In der darauffolgenden Hausaufgabe zeigte sich, dass die Klasse sehr genau in der Lage war, deren Aussagen theoretisch zu reflektieren. Der Kurs endete mit der Lektüre einzelner Ausschnitte aus Poppers Logik der Forschung. 

2/2007

Lange Zeit hatte man in der Pädagogik der Ironie gegenüber Bedenken und warnte vor den Gefahren des „uneigentlichen Sprechens“. Denn Ironie beinhaltet eine gewisse Verletzungsgefahr: Sie kann zwar auf andere Personen Rücksicht nehmen, sie kann diese aber auch verletzen. Ironie werde, so kritisierte man, als Ausdruck einer kognitiven und sozialen Überlegenheit verstanden und verfolge die Absicht, Schüler zu blamieren. Doch inzwischen hat sich die Sicht auf die Ironie verändert, ihre Vorzüge – etwa die gruppendynamischen Möglichkeiten – werden gesehen, und sie spielt in der Pädagogik eine immer größere Rolle; kaum jedoch in der Philosophiedidaktik. Die Zeitschrift für Didaktik der Philosophie und Ethik hat deshalb in Heft 2/2007 die „Ironie“ zum eigent-lichen Thema gemacht.

Für Johannes Rohbeck, Professur u. a. für Philosophiedidaktik in Dresden, kann der Ethik- und Philosophieunterricht die Ironie zum Thema machen, um deren kommunikative Funktion zu explizieren. Zu unterschei-den ist dabei zwischen der Ironie als zu vermittelnder Kompetenz und als Gegenstand des Philosophierens. Für die Schüler stellt sich zunächst die Aufgabe, eine ironische Aussage zu entschlüsseln oder einen ironisch formulierten Text zu verstehen. Sodann sol-len sie in die Lage versetzt werden, dieses Stilmittel selbst anzuwenden, indem sie Rollenspiele mit Ironie erproben und ironische Texte schreiben. Dabei machen sie die Erfahrung, dass mit ironischen Äußerungen bestimmte soziale Verhaltensweisen verbunden sind. Unterrichtsziel ist es, eine bestimmte Lese- und Schreibkompetenz in eine soziale Kompetenz zu überführen.

Nadine Böhm (Mitarbeiterin am Institut für Philosophie an der Universität Dresden) stellt ein Unterrichtskonzept vor, indem es darum geht, mit interkulturellen Vorurteilen auf ironische Weise umzugehen. Dabei tritt an die Stelle des moralischen Appells die witzige Distanzierung, um den Vorurteilen die diskriminierende Schärfe zu nehmen. Der besondere Akzent liegt dabei auf dem Verhältnis von Ironie und Vorurteil. Vorurteile hängen insofern mit Ironie zusammen, als sie zum gemeinsamen Wissenshorizont gehören, ohne den ironische Äußerungen nicht verständlich sind. In ironischen Kontexten treffen bestimmte kulturelle Kontexte aufeinander. Indem man mittels Ironie an Vorurteile anknüpft, kann man diese bewusst machen und damit möglicherweise entschärfen, da man ihnen die aggressive Spitze nimmt und sie damit gewissermaßen friedensfähig macht.

E-mails, das Versenden von Kurznachrichten und der Austausch mit anderen vie Instant Messenger, Chats und Weblogs gehört für junge Menschen zur alltäglichen Kommuni-kation. Dabei hat sich auch der Umgang mit der Ironie verändert. Für Nina Trompler, die in Cottbus Deutsch, Gemeinschaftskunde sowie Philosophie/Ethik unterrichtet, muss dieses veränderte Verhalten auch beim Thema Ironie im Ethikunterricht berücksichtigt werden. So ist es im Internet erforderlich, ironische Aussagen besonders zu kennzeichnen und dafür haben sich bestimmte Ironiesignale herausgebildet. Es ist sogar ein Programm „Ironiedetektor“ entstanden, mit dem man im Internet veröffentlichte Artikel auf ironische Stellen überprüfen kann.
Das Heft enthält ferner u. a. eine Filmographie für die Fächer Philosophie – Praktische Philosophie – Ethik – Werte und Normen und L-E-R.




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