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Phänomenologische Forschungen

Phänomenologische Forschungen
Phenomenological Studies
Recherches phénoménologiques
2006


Paul Natorp und Edmund Husserl gehörten zu den angesehensten Philosophen ihrer Zeit.
War Husserl berühmt als der Begründer der Phänomenologie, wurde Natorp ebenso klar als ein Hauptrepräsentant der Marburger Schule angesehen, dessen Worte aus autoritative statements galten. In den ersten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg waren beide auf der Höhe ihres Ruhms, als insbesondere die jüngere Generation nach Leitbildern in einer fremd gewordenen Welt suchte. Wie Sebastian Luft (Marquette University) darlegt, stellten beide vor allem die Gemeinsamkeiten ihrer jeweiligen philosophischen Ansätze heraus und hoben diese gegen den „Ungeist“ der Zeit (Naturalismus, Psychologismus, Skeptizismus) und gegen außerphilosophische Bewegungen, die die Philosophie als eigenständige Disziplin mit wissenschaftlichem Charakter bedrohten, hervor. Husserl seinerseits war daran interessiert, als Vertreter einer neuen Richtung mit Fundamentalanspruch, von dem mainstream der akademischen Philosophie in Deutschland anerkannt zu werden und suchte daher den Kontakt zum etablierten Marburger Kollegen. Hinzu kommt, dass beide Familien freundschaftliche Verhältnisse pflegten.
Die beiden waren sich aber auch noch in einem anderen Punkte einig: In dem Bemühen, eine Position zu formulieren, die sowohl der wissenschaftlichen Philosophie gerecht wird, die aber auch die Konkretion des Lebens philosophisch zurück gewinnt – ohne den gefährlichen Reizen auf beiden Seiten zu verfallen: hier einer trockenen Kategorienlehre, die mit dem gelebten Leben der Menschen nichts zu tun zu haben scheint, dort einer Lebensphilosophie, die nicht aus Kontingentem, Empirischem, Narrativem herauskommt und damit keine Philosophie mehr im ursprünglichen Sinn des Wortes ist. Husserls Wende zur transzendentalen Phänomenologie ist ohne den Einfluss Natorps nicht denkbar, Natorp seinerseits war in seiner Entwicklung jedoch weitgehend immun gegen Fremdeinflüsse von außen. Er meinte, dass die Neukantianer von Husserls „schönen Ausführungen doch nicht gar viel erst zu lernen übrig“ hätten. Beide waren jedoch stillschweigend der Meinung, dass sie sich über grundsätzliche Differenzen hinweg nicht verständigen konnten und beließen es dabei. Gemäß Luft scheiden sich die Wege dort, wo es um die Bestimmung der Aufgabe und des Sinnes der Philosophie selbst als transzendentaler ging. Während für Natorp Philosophie selbst eine Kulturgestalt darstellt, war für Husserl echte Philosophie als strenge Wissenschaft nur mit einem Bruch mit der natürlichen Einstellung zu haben – mithin der Einstellung, in der so etwas wie Wissenschaft und Kultur gestaltet wird. Der Philosoph ist für ihn nicht wie für Natorp ein Kulturgestalter neben anderen, sondern „unbeteiligter Zuschauer“, der die Seinssetzung der natürlichen Einstellung „nicht mitmacht“ – und damit gähnt zwischen den Auffassungen der beiden ein Abgrund.

Die französische Tradition der Wissenschaftsphilosophie zeichnet sich durch zwei Charakteristika aus: eine Anlehnung an die tatsächlich historische Entwicklung der Wissenschaften, vor aller der Mathematik und der Betonung der Geschichtlichkeit dieser Entwicklung. Repräsentanten dieser bei uns kaum bekannten Tradition sind Léon Brun¬schvicg (18691944), Albert Lautmann (19081944), JeanToussaint Destanti (19142002) sowie Jean Cavaillès (19031944). Robert Hugo Ziegler, Promotionsstudent an der Universität Würzburg, stellt das Werk des letzteren vor.
Cavaillès geht es um die Erarbeitung von wesentlichen Bestimmungen der Mathematik und dann um die Sache nach der Möglichkeit der Einfügung dieser Bestimmungen in einen umfassenderen philosophischen Kontext. „Ich versuche nicht, die Mathematik zu definieren, sondern mittels der Mathematik zu wissen, was das heißen soll: erkennen, denken…. Die mathematische Erkenntnis ist zentral, um zu wissen, was Erkenntnis ist“, so Cavaillère über sein Programm. Mathematik ist für ihn Geschichte, oder in Cavaillères Worten, ein Werden (devenir). Jede neue Entwicklung in der Mathematik reagiert auf eine Problemlage, die aber nur in der Mathematik selber existiert. Cavaillère hält eine Begründung der Mathematik für ausgeschlossen, dem entspricht, dass ihre Definition nicht im Bereich des Möglichen liegt, denn das würde bedeuten, entweder die Mathematik auf etwas anderes als sie selbst oder auf einen ihrer Teile zu reduzieren; ersteres verkennt ihre Autonomie; letzteres ist absurd.
Für Cavaillès ist die Mathematik das Paradigma der Erkenntnis, an ihr lassen sich die Begriffe von Denken und Erfahrung differenzieren. Cavaillès Analysen führen gemäss Ziegler zu den Grundlagen einer transzendentalen Theorie des Verstehens und sind deshalb auch für die Philosophie von Bedeutung.

Weitere Artikel sind u. a. der Philosophie Husserls gewidmet („Affektion und Immanenz bei Husserl und „Husserls Theorie des Zeitbewusstseins).

2007

Für Rochus Sowa liegt das eigentlich wissenschaftliche Moment der transzendentalen Phänomenologie Husserls in der Wesenslehre. Husserl selber hat durch seine unzureichende und teilweise irreführende Darstellung der eidetischen Methode und durch die Übernahme des traditionsgeladenen Wortes „Wesen“ dazu beigetragen, das die Phänomenologie in den Geruch des Irrationalen und Esoterischen kam. Besonders verhängnisvoll für die Rezeption war dann der terminologische Missgriff „Wesensschau“. Der Begriff weckt völlig falsche Assoziationen und verstellt nach wie vor den unvoreingenommenen Blick auf Husserls Wesenslehre und die von ihm praktizierte Methode wissenschaftlicher Aprioriforschung. Günther Figal legt dar, wie Gadamer stillschweigend Heideggers Überzeugung übernahm, dass die Ontologie beim „Seinsverständnis“ anzusetzen habe. Anders als Heidegger erörtert aber Gadamer das Sein nicht in seiner Verständ¬lichkeit und deshalb vom Verstehen her, sondern er setzt Sein und Verständlichkeit gleich. Für Gadamer ist dabei die Sprache wie ein Spiegel, in dem die angesprochene Sache gegenwärtig ist, zwar in einer „Verdoppelung“, das Spiegelbild gehört aber zum Sein des Gespiegelten und dieses Sein ist, was es ist, indem es sich spiegeln kann. Auch in einem Bild ist das Dargestellte selbst präsent, das Bild ist eine dem Dargestellten zugehörige Erscheinung. Für diese Konzeption zahlt Gadamer einen hohen Preis: Die für Husserl und den frühen Heidegger leitende Überzeugung, dass Phänomenologie Forschung zu sein habe, spielt bei ihm keine Rolle mehr und auch Heideggers Gedanke, dass die Phänomene „Thema einer ausdrücklichen Aufweisung“ sein müssen, kommt bei Gadamer nicht mehr vor.

Für Tanja Stähler ist Lévinas Theorem, dass die Kunst ein ambivalentes Phänomen ist, überzeugend und sinnvoll. Für sie ergibt sich daraus nicht notwendig eine Ablehnung der Kunst. Jan Schapp arbeitet das Verhältnis von Verstrickung und Erzählung in der Geschichtenphilosophie seines Vaters Wilhelm Schapp heraus. Michael Staudigel ent¬wickelt die These, aus der Phänomenologie Patockas lasse sich eine genuin phänomenologische Perspektive, in der sich Einsichten in das Wesen und Wirkungen von Gewalt gewinnen lassen, erschließen. Sonja RinofnerKreidl stellt abschließend das Berliner Modell einer lebensphänomenologisch fundierten Psychotherapie, wie es von Rolf Kühn und Renate Stachura entwickelt worden ist, vor.

1997

In der sog. Wesenslehre liegt das eigentliche wissenschaftliche Moment der transzendentalen Phänomenologie Husserls. Dass dieses rationale Moment in den Geruch des Irrationalen und Esoterischen kam, dazu hat Husserl selbst wesentlich durch seine unzureichende und teilweise irreführende Darstellung der eidetischen Methode sowie durch die Übernahme des traditionsgeladenen Wortes „Wesen“ beigetragen. Besonders verhängnisvoll für die Rezeption seiner Wesenslehre war aber der terminologische Missgriff der „Wesensschau“.
Rochus Sowa arbeitet in seinem Beitrag „Wesen und Wesensgesetze in der deskriptiven Eidetik Edmund Husserls“ Husserls eidetische Methode heraus, um sie von falschen Assoziationen zu befreien und um zu einem unvoreingenommenen Blick auf Husserls Wesenslehre zu gelangen. Er stellt dabei das deskriptive Wesensgesetz ins Zentrum. Artur R. Boelderl entwirft eine „Phänomenologie als Kritische Lebensphilosophie der Gemeinschaft im Ausgang von einer Philosophie der Geburt“ und sieht in Husserls Dekonstruktion eine Fortsetzung von Georg Mischs 1930 erstmals vorgelegtem Projekt einer Annäherung von Lebensphilosophie und Phänomenologie. Günter Figal zeigt, dass Gadamer Heidegger stillschweigend darin folgt, dass die Ontologie beim „Seinsverständnis“ anzusetzen habe. Anders als Heidegger erörtert Gadamer das Sein aber nicht von der Verständlichkeit und deshalb vom Verstehen her, sondern er setzt Sein und Verständlichkeit gleich. Die Sprache, so Gadamer, sei wie ein Spiegel, in dem die angesprochene Sache gegenwärtig sei; zwar sei das Spiegelbild eine „Verdoppelung“, aber dennoch sei die Spiegelung „nur die Existenz von einem“. Für Gadamer ist in einem Bild das Dargestellte selbst präsent; das Bild ist eine dem Dargestellten zugehörige Erscheinung. Gadamer zahlt für seine Konzeption einen hohen Preis: Die für Husserl und den frühen Heidegger leitende Überzeugung, dass die Phänomenologie Forschung zu sein habe, spielt bei ihm keine Rolle mehr.

Levinas wird oft als Kunstfeind gesehen. Tanja Stähler vertritt demgegenüber die These, dass für Levinas die Kunst ein ambivalentes Phänomen ist, dass dies nicht nur sinnvoll, sondern sogar überzeugend ist und sich daraus nicht notwendig eine Ablehnung der Kunst ergibt. Michael Staudigl sieht in Patockas Konzeption menschlicher Existenz eine phänomenologische Perspektive, in der sich Einsichten in das Wesen und die Wirkungen von Gewalt gewinnen lassen.

Weitere Artikel: Visker, R. Art / Junk. Heidegger on Transition; Odenstedt, Anders: Art and History in Gadamer’s Hermeneutics; Schapp, J. Verstrickung und Erzählung; Weiss, M. G.: Subjekt und Herrschaft im Kontext von Biopolitik und Gentechnik; RinofnerKreidl, S.: „das Leben sich selbst sagen lassen“: das Berlin Modell einer lebensphänomenologisch fundierten Psychotherapie.

Phänomenologische

Forschungen

Phenomenological Studies

Recherches phénoménologiques

2008

 

Marko J. Fuchs konstatiert die Unzulänglichkeit des phänomenologischen Ansatzes verobjektivierender Deskription für die Diskussion endlichen Selbstseins und ist sich damit mit Dieter Henrich einig. Allerdings sieht Fuchs auch Henrichs bevorzugtes Modell für das Thema von zweifelhaftem Wert: es handelt sich um eine monistische und in der Einheit einer einzigen Begriffs kulminierende Metaphysik. Hier kommt Adornos Kritik zum Tragen, dass hier dass das Einzelne zugunsten des Allgemeinen zum Verschwinden gebracht wird und das gelte, wie Birgit Sandkaulen überzeugend dargelegt habe, umso mehr für das personale Selbstsein.

 

 In Schelers frühen Schriften ist die Phänomenologie schon im Keim enthalten: das ist eine Meinung, die öfters vertreten wird, zumal Scheler selbst ihr Vorschub geleistet hat. Giuliana Mancusco ist dem Thema nachgegangen und kommt zu einem anderen Schluss: Der junge Scheler wollte sich ursprünglich als Kantianer durchsetzen und seine Wendung zur Phänomenologie um 1906 hatte weniger philosophische Gründe sondern war praktischer und akademischer Natur.

 

Thorsten Streubel sieht in der Anschauung das „Phänomen aller Phänomene“. Alle Phänomen sind anschaulich, zugleich wäre uns ohne Anschauung nichts gegeben. Die Anschauung ist daher das Urphänomen und notwendige und unhintergehbare Bedingung jeder echten Erkenntnis, der Ort aller Gegebenheiten und damit aller Erkenntnisgegenstände.

 

1899 veröffentlichte Freud einen Text Ueber Deckerinnerungen, der sich mit dem Problem der Deckung zwischen Erlebtem und Erinnertem und der Einmischung der Phantasie beschäftigt. Alice Mara Serra zeigt, dass Husserls Untersuchungen über die Erinnerung den Freudschen Gedanken nahe kommen.

 

Weitere Texte: F. Fraisopi: Genèse et transcendantalisation du concept d`horizon chez Husserl; R.H. Ziegler: Rationalität und Subversion in der Zielperspektive; R. Mayer: Heidegger und Platon. Die Dialektik der wahren Aussage im „Sophistes“. Julia Jones: Metaphysischer – Physikalischer – Aesthetischer „Raum“. Dimensionen einer Aequivokation.







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