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Platon: Die Verlaufsform platonischer Dialoge


Die Verlaufsform platonischer Dialoge

In jedem platonischen Dialog werden Sachfragen gestellt, häufig in der Form von Defi-nitionen, wie etwa „Was ist Gerechtigkeit?“, „Was ist Erkenntnis?“ oder „Was ist Rhetorik?“ Wenn der Antwortende sich für eine Definition entschieden hat, beginnt Sokrates durch gezieltes Fragen diese einer kritischen Prüfung zu unterziehen. In der Regel führte diese dialektische Argumentation schließlich dazu, dass sich der Antwortende durch die Zugeständnisse, die er Sokrates macht, in Widerspruch zu seiner Anfangsbehauptung setzt.

Rolf Geiger hat die Verlaufsform solcher Argumentationen in seiner Arbeit

Geiger, Rolf: Dialektische Tugenden. Un-tersuchungen zur Gesprächsform in den Pla-tonischen Dialogen. 172 S., kt., € 24.80, 2006, Mentis, Paderborn

Auf erfrischende Weise genauer untersucht. Danach wird durch die Gesprächsform und die konsequente Dialogisierung von Argumenten eine besondere logische Transparenz geschaffen: Indem die ganze Argumentation in klar voneinander unterscheidbare Einheiten von Fragen und Antworten zerlegt wird, werden immer wieder in aller Ausführlichkeit die Prämissen untersucht, aus denen Sokrates seine Schlussfolgerungen zieht.

Die Konklusion einer solchen ausführlichen Argumentation wird in den Dialogen immer mit dem Wort ara (also) eingeleitet und dadurch sprachlich eindeutig angezeigt. Leider spiegelt sich diese besondere Form der sprachlichen Präzision in den gängigen Übersetzungen nicht eindeutig wieder, was der logischen Transparenz schadet. Platon entwickelt im Laufe der Dialoge ein differenziertes Vokabular, um verschiedene Aspekte des Argumentierens zu bezeichnen. Auch lässt sich eine Entwicklungslinie nachweisen, die von den dialektischen Ge-sprächen, wie sie in den Platonischen Dialogen dargestellt werden, über die Theorie der Dialektik, wie sie Aristoteles in seiner Topik entwickelt hat, bis zum ersten Modell einer formalen Logik führt, das Aristoteles in den Ersten Analytiken formuliert hat. Darüber hinaus gibt es viele Beispiele für die Formulierung von Argumentationsregeln oder von logischen und semantischen Gesetzmäßigkeiten, die in den Dialogen en passant eingeführt werden: so z.B. eines der ersten Regressionsargumente im Lysis, das Verbot einer petitio principii im Menon oder die Präzision des Widerspruchsverbots in der Politeia und im Sophistes.

In der allgemeinen Bewunderung für die Platonische Dialogform übersieht man aber häufig, dass die dargestellten Gespräche in ihrem Bemühen um Argumentation von extremer Künstlichkeit sind. Die einzige Form eines ähnlichen Wortwechsels (von „Gespräch“ kann man nach Geiger fast nicht reden) ist das Verhör. Man übersieht auch, dass die Dialoge nicht nur dazu dienen, für oder gegen eine bestimmte Sache zu argumentieren, sondern auch dazu, in die dialektische Methode selber einzuüben. Man könnte, wie O. Primavesi, vom „gymnastischen Charakter“ der dialektischen Gespräche sprechen. Alle methodischen Bemühungen, auch wenn sie an ganz einfachen und alltäglichen Gegenständen vorgeführt werden, bleiben bei Platon in letzter Instanz immer auf die einmal zu erreichende Erkenntnis des Guten bezogen.

Bei den Zeitgenossen Platons hat insbesondere die rigide Methodisierung des Definierens Befremden ausgelöst – man sieht dies bei der Darstellung akademischer Definitionsübungen in der Komödie. Wenn man aber die Dialoge wie Th. Ebert als Darstellung einer Methodenübung auffasst, dann lässt sich der Ärger vermeiden, den Wittgenstein bei der Lektüre der Dialoge hatte: „Wenn man die Sokratischen Dialoge liest, so hat man das Gefühl: welch fürchterliche Zeitvergeudung! Wozu diese Argumente, die nichts beweisen und nichts klären?“

Auch eine weitere Eigentümlichkeit der Platonischen Dialoge wird häufig übersehen: Die Aussagenprüfung geht einher mit der Prüfung der aussagenden Person. Man kann in dieser Hinsicht vom „personalen“ oder „persönlichen Charakter“ der dialektischen Gespräche sprechen. Das personale Argument wird häufig mit der Regel in Verbindung gebracht, dass der Antwortende nur sagen soll, was er selber meint und auch für wahr hält. Der Antwortende ist demnach im Gespräch an eine Art Wahrhaftigkeitspostulat gebunden. Aristoteles hat später einen solchen Fall dialektischen Argumentierens „peirastisch“ genannt. Geiger sieht in den Dialogen eine grundlegende Ambivalenz zwischen der Absicht, sich nicht um die Personen, sondern um die Wahrheit zu kümmern, und der Absicht, sich nicht nur um die Wahrheit, sondern auch um die Person zu kümmern.

Es ist jedoch nicht allein diese Idee einer Personenprüfung, an der man den personalen Charakter der Dialoge veranschaulichen kann. Wie in der Tragödie oder der Komödie gibt es eine Anzahl von dramatis personae. Das Gelingen des Gesprächs hängt nun davon ab, dass die Gesprächspartner bestimmte dialektische Tugenden besitzen. Sie müssen einsichtig (d.h. verstehen, worum es geht), wohlwollend (d. h. zu einem ernsten Gespräch bereit) und freimütig (d.h. sich trauen, bestimmte Antworten zu geben) sein. Platon ist also in der Auswahl der Personen und dem Wissen, das er bereit ist, diesen Personen mitzuteilen, selektiv. Das deckt sich mit Platons Schriftkritik: Der Schrift fehlt die Adressatengenauigkeit der philosophischen Mitteilung.

Eigenartig sind auch die auffälligen Fehlschlüsse in den Dialogen. Auch diese sind ad hominem: Platon lässt Sokrates nicht immer gleich auf die richtige Weise schließen. Damit zusammen hängt auch die Anonymität Platons: es geht nicht hervor, welche Argumentation nun diejenige ist, die Platon vertritt. Die Forschung kennt dabei eine starke und eine schwache Anonymitätsthese. Nach W. Wieland, der die starke These vertritt, kann man aus den in den Dialogen dargestellten Argumentationen niemals darauf schließen, dass es sich dabei um eine Platonische Lehre handelt. Dagegen wenden Vertreter der schwachen Anonymitätsthese ein, dass dieselben Positionen in verschiedenen Dialogen wiederkehren, was ein Indiz dafür sei, dass es sich hierbei um Platonische Lehrmeinungen handle. Auch Aristoteles, ein direkter Platonschüler, interpretiert die Dialoge so, dass darin spezifische Lehrmeinungen vertreten werden, und er schreibt diese Platon zu.

Zu den standardisierten Zügen der Sokratesfigur gehört sein Nichtwissen, seine Ironie und dass er sich auf Fragen spezialisiert hat. Die Ausschließlichkeit, mit der man sich bei der Dialoginterpretation darauf konzentriert, wird Geiger zufolge aber weder der Person des Sokrates noch dem Charakter der dialektischen Diskussion, wie sie in den Dialogen dargestellt wird, gerecht. Denn es trifft nicht zu, dass Sokrates nur Fragen stellt. Es gibt vielmehr eine überraschende Vielfalt Sokratischer Monologe inmitten der Dialoge.

Das dialektische Gespräch nimmt vor allem in den Frühdialogen meistens die Form eines elenchos an. Ein elenchos ist die in Form von Frage und Antwort durchgeführte Prü-fung oder Widerlegung einer Aussage. Mit den einzelnen Antworten legt sich der Ge-sprächspartner auf eine Reihe weiterer Aussagen fest, von denen nicht immer sofort klar ist, welchen Stellenwert sie in der Argumentation haben und in welcher Beziehung sie zur ursprünglich behaupteten These stehen. Nach und nach zeigt sich jedoch, dass, wenn man diese Aussagen zusammennimmt, aus ihnen eine andere Aussage abgeleitet werden kann, die im Widerspruch zur Anfangsbehauptung steht. Damit ist zumindest klar, dass der Antwortende nicht imstande ist, diese kohärent zu vertreten und sie mit seiner eigenen Überzeugung in Einklang zu bringen. Dass auf die Was-ist-X-Frage regelmäßig fehlerhafte Antworten gegeben werden, zeigt, dass deren Bedeutung für die meisten Gesprächsteilnehmer unklar ist. Den Aristo-telischen Bericht in der Metaphysik zufolge
















handelt es sich dabei auch um eine Neue-rung. Sokrates muss deshalb viel Zeit darauf verwenden, den Sinn dieser Frage verständ-lich zu machen.

Geiger plädiert dafür, die Leistungen der Antworten stärker zu berücksichtigen und die einseitige Orientierung an der Sokratesfi-gur zu korrigieren. Denn seiner Meinung nach geht es in den Dialogen nicht in erster Linie um die Ausführung eines Sokratesport-rät, sondern um die Darstellung dialektischer Gespräche. Selbst wenn der Antwortende nur „ja“ oder „nein“ sagt, ist er für den Charakter und die Qualität des Gesprächs mitverant-wortlich. Für das Argument als solches ist die Frageform, ist die Gesprächsform nicht wesentlich. Alle elenktischen Argumente lassen sich ohne Not in eine monologische Folge von Behauptungen übersetzen, und dass das keine den Texten nur äußerliche Vermutung ist, zeigt sich daran, dass Sokra-tes selbst dies an einigen Stellen vorführt. Man kann sich deshalb fragen, was denn übrigbliebe, wenn man alle gesprächsweise eingeführten Argumente in einen monologi-schen Text übersetzte. Geigers Antwort: Es geht dabei nicht nur darum, bestimmte Aus-sagen zu prüfen, sondern auch die Personen, die fragen und antworten, einer Prüfung zu unterziehen. Die Gleichzeitigkeit von argu-mentativer und personaler Prüfung machen zusammen mit dem gymnastischen Charakter die Dialogform zu einer formalen Notwen-digkeit.
Verwunderlich ist auch, wie wenig sich die Forschung bislang mit dem Begriff der Ho-mologie beschäftigt hat. Die Homologie, d.h. die Zustimmung zu einer Aussage oder die Übereinstimmung zwischen zwei Sprechen-den, gehört zu den konstitutiven Bestandtei-len dialektischer Gespräche. Diese bestehen aus unzähligen solcher Homologien. Ohne die Zustimmung zu jedem einzelnen Schritt der Argumentation kann das dialektische Ge-spräch nicht fortgeführt werden. Neben die-sen kleinen Homologien gibt es noch eine Art großer Homologie am Ende des Ge-sprächs, auf die die ganze Argumentation abzielt. Hier rechnet Sokrates die einzelnen Zustimmungen zusammen und zieht daraus eine Schlussfolgerung, zu der der Ge-sprächspartner seine Zustimmung geben muss, da er den einzelnen Teilen der Argu-mentation schon zugestimmt hat. Diese letzte Zustimmung wird in der Regel nicht gerne gegeben, aber durch die vorhergehenden Homologien hat man sich bereits so weit festgelegt, dass man diese letzte Zustimmung nicht mehr verweigern kann, außer man ist, wie Aristoteles sagt, ein „schlechter Partner“ und stört das gemeinsame Werk des dialekti-schen Gesprächs.

Durch die Homologie soll sichergestellt wer-den, dass der logos, die Argumentation, wie in den Dialogen immer wieder gefordert wird, koinos, gemeinsam bleibt. Das Homo-logieprinzip bleibt in den Platonischen Dia-logen bis zum Schluss erhalten und ist des-halb in einer gewissen Hinsicht von allge-meinerer Geltung als das Prinzip, eine Unter-suchung durch konsequenten Wechsel von Fragen und Antworten durchzuführen.




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