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Nietzsche: Die antisemitische Nietzsche-Rezeption

NIETZSCHE

Die antisemitische Nietzsche-Rezeption


Im letzten seiner so genannten „Wahnsinnszettel“ ließ Nietzsche alle Antisemiten kurzerhand erschießen. Mit dieser einsamen Invektive aus seinem Turiner Mansardenkämmerchen schloss der Philosoph seine jahre-lange Auseinandersetzung mit tonangebenden Köpfen der antijüdischen Bewegung des
Deutschen Kaiserreiches ab. Für die Antisemiten indes war der Fall Nietzsche längst nicht abgeschlossen. Sie unterzogen sein literarisches Vermächtnis einer gründlichen ideologischen Überprüfung. Thomas Mittmann hat diese antisemitische Nietzsche-Rezeption in seiner Promotionsarbeit

Mittmann, Thomas: Vom „Günstling“ zum „Urfeind“ der Juden. Die antisemitische Nietzsche-Rezeption in Deutschland bis zum Ende des Nationalsozialismus. 248 S., kt., € 29.80, 2007, Königshausen und Neumann, Würzburg

untersucht. Während Nietzsche, so Mittmann, in der „Judenfrage“ eindeutig Stellung bezieht, präsentiert sich seine Stellung zum Judentum ambivalent und widersprüchlich. Nicht Sympathie für die Juden oder das Judentum waren maßgeblich für Nietzsches Ächtung des Antisemitismus, sondern vor allem negative persönliche Erfahrungen mit den Protagonisten dieser Bewegung. Nietzsches Gesamtwerk, so Mittmanns These, eignet sich durchaus für antisemitische Zugriffe. Die weitverbreitete These, die antisemitische Vereinnahmung Nietzsches seit dem Ersten Weltkrieg resultiere lediglich aus der durch umfassende Manipulationen im Umfeld des Weimarer Nietzsche-Archivs geförderten Instrumentalisierung des Philosophen, verliert, so Mittmann, dadurch an Gewicht.

Das Gros der Interpreten stellt Nietzsche als fehlgelesenen Sympathisanten des Juden-tums dar und folgt damit bereitwillig der Selbstverortung Nietzsches als „Anti-Antisemit“. Dabei lassen sich antisemitische gefärbte Äußerungen Nietzsches bis in seine Jugendzeit zurückverfolgen. 1866 spricht er etwa in einem Brief von „Judenfratzen“ und fühlte sich nach Beendigung der Messe in Leipzig „von den vielen Juden glücklich erlöst“. Durch seine Begegnung mit seinem „Ersatzvater Wagner“ nahm seine antijüdische Haltung konkrete Formen an. So führte er etwa das Unvermögen, Wagners wahre Größe zu erkennen, auf „philosophischen Unfug und vordringliches Judentum“ zurück (so in einem Brief an Wagner vom 22. Mai 1869). Wagner selbst war es, der mit der Bitte an Nietzsche herantrat, das Judentum bei aller Übereinstimmung in ihrer Gesinnung nicht in dieser Deutlichkeit zu kritisieren. Mittmann konstatiert in Nietzsches Briefwechsel in dieser Zeit auch eine deutliche Abneigung gegen das Judentum. Dem jüdischen Schriftsteller Auerbach etwa wirft er unter dem Stichwort „Anzugreifen“ eine „natürliche Fremdheit in der deutschen Sprache aus nationalen Gründen“ vor, aus der ein „verwerflicher“ Jargon resultiere. Als der Philologe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff Nietzsches Geburt der Tragödie kritiserte, kündigte Nietzsche gegenüber seinem Freund Rohde gegen dem „übermüthig-jüdisch angekränkelten Bürschchen“ Prügel an. Auch bekannte antijüdische Klischees wie „jüdische Raffgier“ hatte Nietzsche in seinem Repertoire.

Nietzsches Wahrnehmung des Judentums, so wird allgemein angenommen, habe sich nach seiner Trennung von Wagner verändert. Nietzsche selbst hat die Fährte zu dieser In-terpretation gelegt, als er nach seinem Bruch versicherte, Wagners Antisemitismus sei der herausragende Grund für diese Trennung gewesen. Mittmann glaubt dagegen, Nietzsche sei nach seiner unwiderruflichen Ent-fernung von Wagner gezwungen gewesen, gerade auch das anzugreifen, was den Musiker in seinem innersten Kern ideologisch ausmachte: seinen unbändigen Judenhass. Nietzsches positive Kommentare zum Judentum sind, so Mittmann, vor diesem Hintergrund zu lesen. Zudem sieht Mitmann weiterhin eindeutige Stellen in Nietzsches Tex-ten. So zitiert er eine Stelle aus Menschliches, Allzumenschliches, in der Nietzsche von unangenehmen und gefährlichen Eigenschaften spricht, die im Falle des Judentums „in besonderem Maße gefährlich und abschreckend“ seien.

Es waren vor allem jüdische Denker, die maßgeblich eine breite Beschäftigung mit dem Werk Nietzsches angeregt haben. Nietzsche war sich dieser Rolle durchaus bewusst, und seine Würdigung der kulturellen Bedeutung der Juden hing damit zusammen. Aber auch in den antisemitischen Kreisen war Nietzsche bereits früh bekannt, lange bevor er zu einer Schlüsselfigur im kulturellen Leben avancierte. Verantwortlich dafür war seine zwölfjährige Verbindung mit dem antisemitischen Chemnitzer Verleger Ernst Schmeitzner, bei dem Nietzsche ab 1874 publizierte. Nietzsche und sein Basler Freund Overbeck missbilligten die antijüdischen Pläne Schmeitzners, sie seien unbesonnen und blind und könnten Nietzsche bei den Juden in Misskredit bringen. Für Nietzsche wirkte sich denn auch die Agitation Schmeitzners mehr und mehr nachteilig aus, und er sah einen Zusammenhang zwischen dieser Tätigkeit und dem nur mäßigen Absatz seiner Bücher. Nietzsche sah aber insbe-sondere, dass er durch Schmeitzner als anti-jüdischer Denker bekannt geworden war: „Die verfluchte Antisemiterei verdirbt mir alle meine Rechnungen, auf pekuniäre Un-abhängigkeit, Schüler, neue Freunde, Einfluss, sie hat Richard Wagner und mich verfeindet, sie ist die Ursache eines radikalen Bruchs zwischen mir und meiner Schwester, usw. usw. usw.“ schreibt er 1884 an Overbeck.

Im selben Jahr, als sich Nietzsche von seinem antisemischen Verleger löst, 1886, heiratet seine Schwester den Berliner Gymnasiallehrer Bernhard Förster. Förster rückte in den nächsten Jahren zu einer der Zentralfiguren der antijüdischen Bewegung des deut-schen Kaiserreiches auf und sorgte damit für eine Kontinuität des Antisemitismus in Nietzsches Umgebung. Förster bewunderte Nietzsche. Díeser fühlte sich zunächst ge-schmeichelt von dem „wunderlichen Apos-tel“, der ihn den Zuhörern seiner Vorträge „in sehr emphatischen Ausdrücken“ präsen-tierte. Als sich allerdings eine Vermählung Försters mit seiner Schwester anbahnte und der Antisemitismus in die Familie Eingang zu finden drohte, reagierte Nietzsche mit hef-tigem Widerstand.

Eugen Düring, der in Berlin Philosophie lehrte, musste 1877 nach scharfen Attacken gegen seine Kollegen seine Dozententätig-keit aufgeben. Er machte nun das Judentum für sein Scheitern verantwortlich und entwi-ckelte eine enorme antisemitische Agitation. Nietzsche sah in ihm ein prototypisches Ex-emplar des Antisemiten, das alle niederen In-stinkte der Bewegung verkörpert. Daraus er-klärt sich die beispiellose Radikalität, mit der er der Nietzsche Düring als antisemitischen „Rache-Apostel“ und „Moral-Großmaul“ an¬griff. Düring revanchierte sich und sprach vom „Irren“ Nietzsche, der vom Judentum begünstigt werde. Nach Dürings Tod setzte sein Sohn die Angriffe gegen Nietzsche fort und polemisierte gegen den „ordinären Stil F. Nietzsches“.

Deutlich bekam auch der Leipziger Ingenieur und völkische Verleger Theodor Fritsch, ebenfalls eine Schlüsselfigur des deutschen Antisemitismus der damaligen Zeit, Nietzsches Ablehnung zu spüren. Fritsch nahm persönlich Kontakt zu Nietzsche auf und versuchte ihn für seine Ziele einzuspannen. In seinen Vorstellungen sollte der „Arische Völkerstamm, welcher seine Vervollkomm-nung mit zunehmendem Bewusstsein anstrebt und darin sein Lebensziel erkennt“, in Zukunft auf Nietzsches Werk wie auf eine „höhere Gesetzgebung“ zurückgreifen können. Der Philosoph aber gab Fritsche einen Korb und forderte ihn auf, einmal „eine Liste deutscher Gelehrter, Künstler, Dichter, Schriftsteller, Schauspieler und Virtuosen von jüdischer Abkunft“ als wertvollen „Beitrag zur Geschichte der deutschen Cultur“ herauszugeben. Nach dieser Abfuhr findet ein Umschwung in der Beurteilung Nietz-sches durch Fritsche statt, wird doch dieser nun als Freund des Judentums dargestellt, was sich im Topos des „Talmud-Nietzsche“ widerspiegelt. Fritzsche macht nun Nietzsche für nicht weniger als den geistigen und sittli-chen Verfall vor allem der Jugend verantwortlich.

Die von Fritzsche vorgegebene Interpretation Nietzsche blieb in der Weimarer Republik wirkungsmächtig. Als besonders publikumswirksam entpuppte sich die Behauptung, die kultische Rezeption Nietzsches spiegele den übermäßigen jüdischen Einfluss im Pressewesen wider. Damit wurde auch die Notwendigkeit und Berechtigung des Antisemitismus untermauert. Daneben entwickelt sich zeitgleich aber auch eine positive Nietzsche-Rezeption, deren Vertreter das projüdische und „anti-antisemitische“ Erbe seiner Philosophie erklären und dieses fruchtbar zu machen versuchen.

Im Ersten Weltkrieg hatte eine verstärkte Aneignung Nietzsches durch die politische Rechte stattgefunden. Nietzsche wurde vor dem Hintergrund einer umfassenden Verweltanschaulichung des Krieges nationalisiert und über eine regelrechte Flut von Schriften zum „Herold“ des Krieges als eines notwendigen und existentiellen Kampfes von Deutschland für eine große Zukunft stilisiert. Nietzsche avancierte zum nationalen Lehrer für „Todesverachtung“ und „Heldenhaftig-keit“, das deutsche Volk wuchs zu „Kampfnaturen im Sinne Zarathustras“ heran. Für die Faschisierung Nietzsches spielte auch das Weimarer Nietzsche-Archiv eine wichtige Rolle. Nietzsches Schwester, die „Archivherrin“, gab sich zwar anfangs äußerst zurückhaltend, da der jüdischstämmige schwedische Bankier Ernest Thiel ein unverzichtbarer Financier der Archivarbeit war. Als aber
dessen Geldquellen infolge der Inflation wertlos wurden, rehabilitierte Frau Nietzsche-Förster die Ideen ihres Gatten, und ihr Bruder wurde nun plötzlich antisemitisch interpretiert. In einem Brief an den Leipziger Privatdozenten Hugo Fischer behauptete sie sogar, ihr Bruder sei der „herrlichste Wegbereiter“ des deutschen Faschismus gewesen, habe er doch deutlich gesehen, „wie fremd das jüdische Gebaren sich gerade in Deutschland bemerkbar machte“. Die Einbettung des Weimarer Archivs in den nationalsozialistischen Kontext erfolgte bereits in den 20er Jahren und wurde durch den guten Kontakt zu nationalsozialistischen Größen gefördert. Am 2. November 1933 stattete Hitler dem Archiv einen Besuch ab, wobei er von Nietzsches Schwester einen Degenstock ihres Bruder überreicht bekam.

Evident ist Nietzsches Einfluss auf die Ver-treter der Eugenik. Bereits 1897 behauptete ein auf Nietzsche Bezug nehmender Artikel, die Menschheit degeneriere infolge staatlicher Fürsorge zu „Untermenschen“. Um 1900 wurde „Nietzsche’s Kampf gegen die Entartung der Rassen“ gefeiert. Und im Rückblick behauptete eine ganze Reihe von Denkern, erst über den Impuls von Nietzsche in den Bann des rassisch fundierten Antisemitismus gelangt zu sein. Dazu gehörte etwa der Sozialdarwinist Alexander Tille, der den in der Natur ausgetragenen Kampf ums Da-sein auf das menschliche Sozialleben übertrug. Tille, als „Nietzscheapostel“ ver-schmäht, löste eine breite Diskussion über Nietzsches Bedeutung für den Sozialdarwinismus aus. Besonders verdient gemacht ha-be sich Nietzsche, so Tille, mit seiner Klassifikation einer „Herren- und Sklavenmoral“. Die Philosophin Margarete Adam folgte Nietzsches Legitimierung von Euthanasie strikt und forderte ein im Sinne Nietzsches einen „philosophischen Arzt“, der aktiv „an der Vernichtung unwertigen Lebens“ mitwirken solle.

Zur führenden Fachzeitschrift im Bereich der Eugenik entwickelte sich das „Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie“. Dessen Herausgeber, der Arzt Alfred Ploetz, berief sich ausdrücklich auf Nietzsche, wenn es darum ging, die Pioniere seiner eugenischen Theorien zu nennen. Auf dem ersten deutschen Soziologentag führte er 1910 als Grund seiner Forderung für eine notwendige „Beibehaltung der natürlichen Ausmerzung der Untauglichen“ seine Beschäftigung mit Nietzsche an. In derselben Zeitschrift publizierte auch Franz Haiser, der radikalste Nietzscheaner unter den Rassenantisemiten. Der gelernte Chemiker trat vom Kaiserreich bis in die Nazi-Diktatur offen für die Realisierung Nietzschescher Ideen zur „Lösung der Judenfrage“ ein. Für ihn war ein „recht-kulturell“ ausgelegter Nietzsche nicht mit einer Assimilierung oder Christianisierung des Judentums vereinbar. 1912 präsentierte er sich Nietzsches Schwester als ein treu ergebener „Jünger“ Nietzsches. Aber Haisers radikale Nietzsche-Deutung war auch im antisemitischen Lager umstritten und das selbst unter Rassentheoretikern, die auf Vorstellun-gen des Philosophen zurückgriffen.

Einen Antisemitismus gab es auch in kirchlichen Kreisen, und auch da war Nietzsches Einfluss nicht unerheblich. Während die konservativen Repräsentanten der Großkirchen Nietzsche als „gefährlichen Philosophen“ ablehnten, entwickelte sein gedankliches En-semble im Bereich „vagierender“ Religiosität an der Peripherie des kirchlichen Protestantismus enorme Anziehungskraft. Die Schriften Nietzsches forderten vor dem Hintergrund einer religiösen Krise seit dem Erscheinen von Der Antichrist einen Diskurs über die tägliche Glaubenspraxis in den etablierten Kirchen und über eine grundsätzliche religiöse Neuorientierung heraus. Der radikalste und wirkungsmächtigste Vermittler Nietzsches innerhalb der protestantischen Kirche war der Bremer Pastor Albert Kalthoff. Er nutzte die kirchliche Infrastruk-tur für alternativreligiöse Experimente und verkündete zentrale Vorstellungen des Philo-sophen über seine „Zarathustrapredigten“ von der Kanzel der Bremer St Martini-Gemeinde.

Nietzsche inspirierte aber insbesondere auch jene Kreise, die für die Errichtung einer „art-eigenen“, „germanischen“ oder „deutschen“ Religion eintraten. Diese sahen die Reform-unfähigkeit des Christentums im Anschluss an Nietzsche vor allem in den unzeitgemäßen lebensfeindlichen Moral- und Wertvorstellungen. Deshalb stand die Forderung nach einer „Umwertung aller Werte“ im Sinne einer Orientierung an den schöpferischen Idealen der Nietzscheschen Lebensphilosophie im Mittelpunkt der religiösen Reformvorhaben und experimentellen Vergesellschaftungen. Es galt, das überkommene Sündenbewusstsein und die weltflüchtige Lebensverneinung des geschichtlichen Chris-tentums durch eine grundsätzlich heroische, jenseits der tradierten Werte angesiedelte und lebensbejahende Einstellung zum Dasein zu ersetzen. Eine wichtige Rolle bei dieser völkisch-religiösen Aneignung Nietzsches kommt dem protestantischen Theologen Arthus Bonus zu, der eine umfangreiche litera-rische Tätigkeit im Diederichs-Verlag entwickelte. Bonus machte sich dafür stark, die „alte germanische Auffassung der Religion als einer Kraftquelle“ zu revitalisieren und legte dabei besonderes Gewicht auf Nietz-sches Destruktion des christlichen Moralis-mus und auf die Neubestimmung des Men-schen durch Nietzsches „Übermenschen“. Eine Konsequenz seiner weltanschaulichen Orientierung war die Entfernung „jüdischer Elemente“ aus der Religion, da Bonus darin einen dem deutschen Wesen fernen Fremd-körper erblickte.

Andere, die zu einer „arteigenen“ Religion drängten, lehnten das Christentum als jüdi-sches Erzeugnis rundweg ab und suchten ihr Heil in einem Glauben, der an altgermani-sche Religionen oder an die Mystik des Mittelalters anknüpfte. Sie knüpften dabei an den Basler Philosophieprofessor Karl Joel an, der eine Verwurzelung Nietzsches in deutsch-religiösen Traditionsbeständen gese-hen hatte. Nietzsche figurierte nun nicht mehr länger als deutschfeindlicher „Antichrist“, sondern stieg zum „Erben der deutschen Frömmigkeit der Jahrtausende“ (Karl Joel) auf. Ähnlich wie Joel argumentierte der Philosoph Ernst Bertram, der Nietzsche für einen nationalen Mythos fruchtbar zu machen versuchte. Seiner 1918 erschienenen Publikation Nietzsche. Versuch einer Mythologie, die bis 1928 siebenmal aufgelegt wur-de, kommt im Prozess der völkisch-religiösen Aneignung eine besondere Rolle zu. Auch Ernst und August Horneffer, die Urheber eines völkischen Neuheidentums, der massenwirksamsten Nietzscheanischen Religion um die Jahrhundertwende, sahen im christlichen Offenbarungsglauben die „fürchterlichste Vergewaltigung des europäischen Geistes“ und machten ihn für eine fehlgelaufene Entwicklung der europäischen Geschichte verantwortlich. Sie forderten eine auf den Schultern Nietzsches stehende anti-christliche Religion, die den Menschen zum Schöpfer seiner innerweltlichen Erlösung machen sollte. Das zentrale Ziel der Hornef-fers, de zeitweise als Herausgeber am Nietzsche-Archiv wirkten, war die Verschmelzung eines an der Antike orientierten und von Nietzsche radikal modernisierten Individua-lismus mit den sozialen Erfordernissen der menschlichen Gesellschaft. 1934 deutete Ernst Horneffer in seiner Schrift Friedrich Nietzsche als Vorbote der Gegenwart Nietz-sche ganz im Sinne des Nationalsozialismus und kam zu dem Schluss, „die Stunde für die geschichtliche Wirkung Nietzsches“ sei angebrochen. Aber auch von anderer Seite wurde an einer Germanisierung Nietzsches gearbeitet. Der Jenaer Philosophieprofessor Hans Leisegang sah in Nietzsche den „deutschesten Deutschen“, denn ihm sei das „Deutschtum im tiefsten Grunde ein Postulat, etwas nie Erfüllbares“.

Parallel dazu begann sich ein „jüdischer Nietzscheanismus“ herauszubilden: jüdische Denker zogen Nietzsche in ihre Anstrengungen gegen den Antisemitismus ein. Dabei hatte Nietzsches freundschaftlicher Umgang mit Juden den höchsten Stellenwert. Eine Schlüsselrolle in diesem Prozess hatte der jüdische Journalist Leo Berg, der bereits 1889 auf die Bedeutung Nietzsches für die deutsche Sprache hinwies. Er betonte Nietz-sches Wertschätzung des Judentums und dessen Ablehnung des Antisemitismus. Für Ma-ximilian Stein war Nietzsche ein großer Denker, dessen Botschaften einer „Renaissance des Judentums“ gleichkamen. Aber es gab auch jüdische Publizisten, die die Unverein-barkeit von Nietzsches Philosophie mit der biblischen Lehre sahen und mit Nachdruck auf die rassistischen Implikationen seines Denkens hinwiesen.





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