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Metaphysik: Puntels "struktural-systematische Philosophie"

Lorenz B. Puntels großangelegte „struktural-systematische Philosophie“

Das vor zweitausend Jahren unter dem Titel „Philosophie“ begonnene Unternehmen war von seiner Intention, seinem Selbstverständnis und seinen Leistungen her grundsätzlich eine Wissensform mit universalem Charakter.

Die heutige Philosophie – und das trifft in besonderem Maße auf die analytische Philo-sophie zu – hat dagegen durchweg fragmentarischen Charakter.

In seinem 700 Seiten umfassenden Werk – seinem Hauptwerk – stellt der emeritierte Münchner Philosophieprofessor Lorenz B. Puntel ein modernes, den Anforderungen der analytischen Philosophie genügendes und in Einzelheiten ausgeführtes System der Philo-sophie vor, das an der ursprünglichen Idee einer Konzeption über das Ganze der Wirk-lichkeit festhält:

Puntel, Lorenz B.: Struktur und Sein. Ein Theorierahmen für eine systematische Philo-sophie. 2006, kt., € 49.—, Mohr Siebeck, Tübingen

Theorierahmen als Grundlage

Zentral ist dabei der Begriff des Theorierahmens, der im Anschluss an Carnaps Begriff des Sprachrahmens herausgearbeitet wird. Puntel geht von der grundsätzlichen Einsicht aus, dass jede theoretische Fragestellung, jede theoretische Aussage nur verständlich wird, wenn sie als in einem Theorierahmen situiert aufgefasst wird. Wird die Voraussetzung nicht gemacht, bleibt alles unbestimmt: der Sinn einer Aussage, ihre Bewertung usw.

Rahmen als Theorierahmen bezeichnet die Gesamtheit spezifischer Rahmen wie sprachlicher, logischer, semantischer, begrifflicher und ontologischer Rahmen, die unverzichtbare Rahmen eines Gesamtrahmens bilden. Zu jedem Theorierahmen gehören als konstitutive Momente u.a. eine Sprache, eine Logik, eine Begrifflichkeit, mit allen Komponenten, die einen theoretischen Apparat ausmachen. In der vorherrschenden Verkennung dieses Tatbestandes sieht Puntel die Quelle verhängnisvoller Fehler, die Philosophen zu allen Zeiten begangen haben.

Für Puntel gibt es eine Pluralität solcher Theorierahmen. Jeder Theorierahmen ermöglicht wahre Aussagen, aber wahre Aussagen nicht auf gleicher Ebene. Es sind Wahrheiten relativ zum jeweiligen Theorierahmen. Diese Relativität ist eine spezifische Form eines moderaten widerspruchsfreien Relativismus.
Ein Theorierahmen ist von hoher Komplexität. Als ein Ganzes genommen besteht er aus zahlreichen partikulären Theorierahmen, die als die Stufen des Prozesses zur Herausbildung des vollständigen systematischen Theorierahmens zu verstehen sind. Im Zuge des Prozesses der Konkretisierung und systematischen Bestimmung des Theorierahmens kommen neue Elemente hinzu, so dass Schritt für Schritt jeweils weitere, bestimmtere, leistungsfähigere Subtheorierahmen als konkrete Formen des allgemeinen Theorierahmens hervortreten.

„universe of discourse“

Auf der Basis des Begriffs des Theorierah-mens versteht Puntel Philosophie als Theorie der universalen Strukturen des uneingeschränkten „universe of discourse“. Dieser Ausdruck geht auf den Logiker A. de Morgan zurück. Mit ihm wird auf das Bezug genommen, was Heidegger „die Sache des Denkens“ genannt hat. Es geht also um den für die Philosophie spezifischen Bereich (Gegenstandsbereich) bzw. die Thematik, d.h. um das, was als Wahrheitskandidat auf-treten kann. Solche „Kandidaten“ müssen jedoch allererst begriffen und erklärt werden. Diese Bestimmungen erfolgen dadurch, dass neue Bezeichnungen eingeführt werden:
„Welt“, „Universum“, „Sein“.

Struktur bezeichnet all das, was eine Theorie expliziert. Begreifen, Erklären wird durch Puntel so charakterisiert, dass damit die Strukturen dessen, was begriffen, erklärt wird, herausgearbeitet werden. Puntel nennt deshalb seinen Ansatz „struktural-systematische Philosophie“. Mit System bezeichnet Puntel keinesfalls das, was unter dem Namen „philosophisches System“ bekannt ist und was viele Philosophen fasziniert hat. Puntels Kritik: Ein solches Projekt beachtet nicht einmal die elementaren Faktoren, die für die Entwicklung einer philosophischen Theorie unverzichtbar sind wie beispielsweise die genaue Klärung der Begriffe oder die Klärung des Theoriestatus der Philosophie.

Ausgangslage und Methodenstufen

Puntels „struktural-systematische Philoso-phie“ geht von zwei Gegebenheiten aus: dem „universe of discourse“, das uns in einer bestimmten Weise vortheoretisch strukturiert vorgegeben ist, und den theoretisch zugänglichen Dimensionen der formalen, der se-mantischen und der ontologischen Strukturen. Das ganze theoretische Unternehmen besteht darin, diese beiden Bereiche zusam-menzuführen. Dies erfolgt in vier Stufen:

 Erste Methodenstufe: Herausarbeitung der Strukturen bis zur ersten minimalen und in-formalen Formulierung von Theorien

 Zweite Methodenstufe: Theoriekonstitutive Methode. Sie soll das in der ersten Me-thodenstufe erarbeitete Theoriematerial in die eigentliche Theorie überführen.

 Dritte Methodenstufe: Systemkonstitutive Methode. Mit der ersten und zweiten Metho-denstufe werden einzelne Theorien entwickelt, die jeweils einen Gegenstandsbereich betreffen. Die dritte Stufe leistet die Einbettung dieser Theorien in ein System, das sich als ein holistisches Netz von Theorien darstellen lässt.

 Vierte Methodenstufe: Prüfung der theo-retischen Adäquatheit und des Wahrheitssta-tus. Puntels Ansatz ist kohärentistisch. Er geht nicht von Wahrheiten aus, die er vorher als gültig angenommen hat. Die Wahrheitsfrage wird vielmehr am Ende des Unternehmens, d.h. nach Aufstellung und Darstellung der Theorie gestellt.

Sprache und Erkenntnis

Puntels „struktural-systematische Philosophie“ weist der Sprache einen zentralen Platz zu. Kann aber normale Sprache dazu dienen, die inhaltlichen Thesen der Philosophie zu tragen? Puntels Antwort: Nein. Sie ist zwar ein unverzichtbarer Ausgangspunkt für die philosophische Theoriebildung, sie ist unhintergehbar, aber sie ist für eine streng theoretische Perspektive unterbestimmt. Die philosophische Sprache verfeinert die normale Sprache und hört damit auf, eine normale Sprache zu sein. Für sie ist entscheidend, dass sie theoretisch transparent ist. Dies ist sie dann, wenn sämtliche Faktoren, die ihren theoretischen Status charakterisieren, genau untersucht und geklärt werden. Diese Faktoren sind es, die den zentralen Theorierahmen konstituieren. Puntel unterscheidet dabei nicht wie üblich zwischen der syntaktischen, der semantischen und der pragmatischen Dimension der Sprache, für ihn kommen zwei weitere hinzu: die logische und die ontologische.

Puntel stellt sich die Frage, warum die aktiv-subjektive Seite der Erkenntnis privilegiert werden soll. Von einem „Rationalitäts-Rahmen“ her gesehen, so argumentiert er, verliert die Instanz „Subjekt“ ihre partikularistische Einseitigkeit. Für ihn ist die Perspektive des Subjekts, wenn es sich universalistisch versteht, überflüssig, weil sie schlichtweg mit der objektiven Perspektive koinzidiert. Ein Theorierahmen, der wirklich vorausgesetzt und benutzt wird, kann nicht im Skopus eines partikularistischen Subjekt-Operators stehen. Das ergibt sich für Puntel daraus, dass jeder ernstzunehmende Theoretiker seine Aussagen mit einer objektiven, d.h. uneingeschränkten Gültigkeit verbindet. Gleichzeitig geht aber Puntel von einer Pluralität von Theorierahmen aus. So etwas wie eine „absolute Theorie“ oder Super-Theorie ist für ihn aus prinzipiellen Gründen unmöglich – Puntel verweist dabei auf Gödels Unvollständigkeitstheorem.

Der strukturale Theoriebegriff

Puntel sieht im strukturalen Theoriebegriff die für eine systematische Philosophie geeignete Theorieform. Seine Aufgabe besteht darin, das Verhältnis zwischen der Strukturdimension S und der Dimension U des universe of discourse (oder des Seins, der Welt) zu bestimmen. Dies ist die eigentliche Aufgabe der systematischen Philosophie, wobei der Wahrheitsbegriff die entscheidende Rolle spielt. Die volle Bestimmung der Theoretizitätsdimension ergibt sich aus dem Zusam-menhang von Sprache, Erkenntnis und strukturalem Theoriebegriff. Diese volle Bestim-mung hat die konkrete Gestalt einer Theorie. Und hier kommt die fundamentale Idee der Wahrheit ins Spiel. Puntel: „Unter Voraussetzung, dass Sprache als die Gesamtheit der deskriptiven Primärsätze, die Primärpropositionen ausdrücken, verstanden wird, gilt: Das Wort ‚Wahr(heit)’ bzw. der Operator ‚Es ist wahr dass’ bezeichnet sowohl die Überführung der Sprache von einem indeterminierten oder unterdeterminierten Status in einen volldeterminierten Status als auch in einem das Ergebnis einer solchen Überführung: die volldeterminierte Sprache“.

Die fundamentalen Strukturen

Puntel nennt drei Arten von fundamentalen Strukturen: formale Strukturen, fundamenta-le semantische Strukturen und fundamentale ontologische Strukturen. Die grundlegende semantische Struktur wird „Primärpropositi-on“ und die grundlegende ontologische Struktur „Primärtatsache“ genannt. Aber auch die logischen Strukturen haben einen ontologischen Status. Der umfassende Struk-turrahmen wird von zwei Arten von Strukturen gebildet: den formalen und den inhaltli-chen. Die formalen Strukturen sind die logischen und die mathematischen Strukturen, die inhaltlichen sind die semantischen und ontologischen Strukturen.

Der Grund, warum die fundamentalen inhalt-lichen Strukturen semantische und ontologi-sche Strukturen sind, liegt darin, dass alles, was gemäß der üblichen Terminologie als „begrifflicher Inhalt“ erscheint, im Medium der Sprache erscheint oder artikuliert wird. Zu den „Identitätsbedingungen“ begrifflicher Gehalte gehört wesentlich die sprachliche Artikulation. Die „struktural-systematische Philosophie“ basiert auf einer philosophischen Sprache, die mit einer grundsätzlich anderen Semantik und Ontologie als der der natürlichen Sprache korrespondiert: Die Subjekt-Prädikat-Struktur der Sätze wird konsequent aufgegeben. Semantik und Ontologie sind auf das engste miteinander verflochten, sie werden die zwei Seiten ein und derselben Medaille.

Ein Grundgedanke von Puntels Philosophie besteht darin, dass eine einfache Primärtatsa-che nicht als isolierte Entität zu denken ist, sondern als selbst strukturiert in dem Sinne, dass sie durch ein Relationennetz bestimmt ist. Es werden also keine Urelemente angenommen, d.h. keine Elemente, die nicht selbst Strukturen sind. Gleichzeitig sind logisch/mathematische Strukturen unmittelbar und in strengen Sinn ontologisch, d. h. sie haben einen streng ontologischen Status, wenn sie auf Primärtatsachen bzw. Primärstrukturen „angewandt“ werden, wenn sie diese strukturieren. Damit stellt Puntel die traditionelle Ontologie radikal in Frage. Wie hängen die grundlegenden formalen, semantischen und ontologischen Strukturen zu-sammen? Puntels Antwort: durch den Begriff der Wahrheit.

Die Strukturen blieben ohne eine zweite Dimension, die Dimension des Seins, ohne Erfüllung, leer, ihnen würde mangeln, was sie erst sinnvoll macht. Umgekehrt bliebe das Sein ohne die Strukturen eine amorphe Masse. Die philosophische Arbeit besteht nun darin, die gegenseitige „Durchdringung“ der beiden Dimensionen aufzuzeigen. Damit wird erreicht, dass die erfüllten Strukturen und das strukturierte Sein in der Weise erfasst und dargestellt werden, dass sich ihre grundsätzliche Einheit herausstellt. Allerdings bilden die Dimension der Daten und die der fundamentalen Strukturen nur in einer abstrakten Hinsicht verschiedene Di-mensionen: In Wirklichkeit bilden sie eine grundsätzliche Dimension, eine einzige Grunddimension.

Die Daten kommen in einer fundamentalen Hinsicht zur Geltung, bevor über die ange-messenen Strukturen Klarheit geschaffen wird, es handelt sich dabei um eine unreflek-tiert vorausgesetzte Zusammenfügung von Daten und Strukturen in dem, was man in alltagssprachlichem Verständnis Erfahrung nennt. Aufgabe der Philosophie ist es nun, dieses Verständnis nach relativ maximalen Kohärenz- und Intelligibilitätskriterien zu prüfen und zu korrigieren, gegebenenfalls sogar aufzugeben. Den spezifischen Charakter dieser Einheit herausarbeiten heißt aber, das menschliche Individuum als Person konstituierende Konfiguration der Form von Primärtatsachen herauszuarbeiten. Die Einheit des menschlichen Individuums – und hier unterscheidet sich Puntel grundlegend von den in der „Philosophy of Mind“ diskutierten Vorschlägen – wird in einem fundamentalen „ontologisch-systematischen Faktor“, der durch einen Einheitspunkt (er artikuliert sich im „Ich-Sagen“) charakterisiert ist, gesucht. Zu den den Menschen als Kon-figuration konstituierenden Primärtatsachen gehören Intelligenz, Wille und (Selbst)-Bewusstsein. Diese sind durch intentionale Koextensionalität mit dem Universum gekennzeichnet.

Puntel nennt drei fundamentale Operatoren, die das Verhältnis des Geistes zur Welt arti-kulieren: der Theoretische, der Praktische und der Ästhetische Operator. Diese drei Dimensionen erweisen sich als drei verschiedene Dimensionen der Darstellung von Welt. Es sind drei gleichursprüngliche Dimensionen in dem Sinne, dass keine von ihnen auf eine andere Dimension reduzierbar ist. Die zentrale Kategorie der Ästhetik ist die Schönheit. Kunst wiederum ist eine ganz bestimmte Form der Darstellung des Verhältnisses des Menschen zur Welt.

Puntels Ansatz gipfelt in einer „Gesamtsystematik“. Dies ist eine „Theorie des Zu-sammenhangs aller Strukturen und Dimensionen des Seins als Theorie des Seins als solchen und im Ganzen“ – traditionellerweise nennt man dies Metaphysik. Puntel behauptet nun, dass er mit seinem Ansatz eine strukturale Metaphysik entwickelt, für die es in der Philosophiegeschichte keine Vorbilder gibt. Dabei formuliert er verschiedene Thesen:

These 1: Die angemessene Form der Darstellung der struktural-systematischen Philosophie sind Sätze mit rein theoretischer Form.

These 2: Semantik und Theorie der Seien-den bzw. des Seins stehen in einer grundsätzlichen Wechselbeziehungen zueinander.

These 3: „Ausdrückbarkeit“ ist ein grundlegendes Strukturmoment der Seienden und des Seins.

These 4: Die philosophische Sprache ist eine Darstellungssprache.

Als unverrückbare Basis für jede theoretische Untersuchung sieht Puntel die universale ontologische Ausdrückbarkeit. Diese hat eine universal ausdrückende Instanz – die Sprache – zur Voraussetzung. Dabei versteht er Sprache als ein rein syntaktisch konfiguriertes semiotisches Gebilde oder System. Allerdings können nur syntaktisch-semantisch-ontologisch strukturierte Sprachen als Sprachen im vollen philosophischen Sinne verstanden werden. Nun gibt es eine Pluralität von solchen Sprachen. Und das heißt für Puntel: Es gibt eine Pluralität von Strukturen der Realität.

Neben einer Gesamtsystematik kennt Puntel noch eine „Metasystematik“. Es ist dies die Theorie der relativ maximalen Selbstbestimmung der Systematischen Philosophie. Dabei handelt es sich um das, was man traditionell „Metaphilosophie“ nennt.



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