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Platon: Gotteslehre

PLATON

Michael Bordt untersucht Platons Gotteslehre


In der gegenwärtigen PlatonForschung spielt die Beschäftigung mit der Theologie Platons eine untergeordnete Rolle. In der ersten Hälfte und der Mitte des 20. Jahrhunderts war dies anders. Beinahe alle bedeutenden PlatonInterpreten hatten sich damals zur Frage nach Platons Theologie geäußert, es war eine der Kernfragen der PlatonForschung. Der an der Hochschule für Philosophie in München lehrende Michael Bordt hat das Thema in seiner Habilitationsschrift wieder aufgenommen und Platons Theologie neu untersucht:

Bordt, Michael: Platons Theologie. 286 S., Ln., € 40., 2006, Symposion 126, Karl Alber, Freiburg

Was heißt Theologie bei Platon?

Bordt zufolge lassen sich drei grundlegend verschiedene Interpretationen darüber, was als Platons Theologie gelten soll, voneinander unterscheiden. Alle drei werden nach wie vor vertreten:

Die metaphysische Interpretation hält Platons Gott für identisch mit der jeweils obersten Idee, die Platon in seinen Dialogen annimmt. Diese Sicht wurde im 19. Jahrhundert erstmals von Eduard Zeller vertreten. Zeller sieht keine andere Möglichkeit eines kohärenten Verständnisses des „inneren Zusammenhanges der platonischen Lehre“ als die Identität der Idee des Guten mit Gott anzunehmen. Denn, so die Argumentation Zellers, wenn Gott in der ontologischen Hierarchie über den Ideen und der Idee des Guten stünde, wären die Ideen abgeleitete und ontologisch abhängige Prinzipien. Das widerspräche klar der Bestimmung, die Platon von den Ideen in seinen Dialogen gibt. Aber Gott könne auch kein Erzeugnis der Ideen sein, noch könne es zwei oberste Prinzipien geben, die unverbunden nebeneinander stünden. Damit richtete sich Zeller gegen die Auffassung, dass Gott zwischen den Ideen und der Erscheinungswelt vermittle, auch wenn sich, wie er selbst einräumt, in Platons „System erhebliche Gründe für diese Annahme finden lassen“.

Mit dieser Argumentation hatte Zeller den Rahmen abgesteckt, in dem sich die Diskussion bis heute bewegt. Es ist für die These der Identität Gottes mit der höchsten Idee charakteristisch, dass sich vor allem auf die Politeia stützt, dass sie mit der Konsistenz der Platonischen Metaphysik argumentiert und dass sie sich auf nachplatonische Zeugnisse aus der Antike beruft. Bekannte Vertreter der metaphysischen Interpretation zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Ulrich von WilamowitzMoellendorff, Paul Friedländer, Constantin Ritter, Werner Jaeger und Léon Robin. Auch die wenigen Autoren, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts über Platons Theologie geäußert haben (etwa Hans Joachim Krämer, Cornelia de Vogel und Lloyd Gerson) vertreten in der Regel die metaphysische Interpretation. Krämer etwa argumentiert, weil das oberste Prinzip das Gute bzw. das Eine in seiner Transzendenz nicht näher bestimmbar sei, sei Platon der Begründer der negativen Theologie. Und Cornelia de Vogel meint sogar, dass diejenigen Interpreten, die Gott nicht mit dem ober¬sten metaphysischen Prinzip identifizieren, von Platon nichts verstanden hätten.

Eine Variante der metaphysischen Interpretation besteht in der Auffassung, Platons Theologie sei nur als eine Form der Mystik adäquat zu verstehen. Dabei ist es die oberste Idee, die in einer mystischen Schau erfahren werden kann. Die Vertreter dieser Auffassung können auf eine lange antike Tradition der Platonauslegung zurückgreifen, die nicht erst bei Plotin beginnt.

Die kosmologische Interpretation geht davon aus, dass Gott eine Seele ist. Was immer unter einer Seele zu verstehen sei, sie sei nie ein letztes metaphysisches Prinzip, sondern stets einem solchen untergeordnet, d.h. von ihm ontologisch abhängig. Viele Vertreter der kosmologischen Interpretation sind der Auffassung, dass die besondere Funktion Gottes darin bestehe, als Seele zwischen der Welt der Ideen und der Welt der Erscheinungen zu vermitteln. Bedeutende englischsprachige Platonforscher wie John Burnet, Paul Shorey, Alfred E. Taylor, Francis M. Cornford oder David Ross haben diese kosmologische Interpretation vertreten. Ihr wichtigstes Argument ist, dass Platon im Timaios sagt, dass der Demiurg, der ihrer Interpretation zufolge zwischen den Ideen und der Erscheinungswelt vermittelt, der Gott sei. Va¬rianten der kosmologischen Interpretation sehen Gott als Vernunft (Reginald Hackforth und Stephen Menn) oder Gott als Vermittler zwischen der Idee und der Polis (Franco Ferrari).

Die religiöse Interpretation geht davon aus, dass jede Interpretation von Platons Theologie bei Platons Behandlung der griechischen Religion ansetzen müsse. Vertreten wurde diese Auffassung von Friedrich Solmsen und Michael Morgan.

Ist Theologie identisch mit Metaphysik?

Die verschiedenen Interpretationen von Platons Theologie unterscheiden sich aber nicht nur durch ihre unterschiedliche Zugangsweise und ihrem Ergebnis voneinander, sondern auch dadurch, was sie jeweils unter Theologie verstehen. Ist Theologie identisch mit Metaphysik? Oder ist es die Aufgabe der Theologie, die religiösen Überzeugungen und Praktiken zu reflektieren? Platon selbst gebraucht das Wort theologia nur ein einziges Mal und im zweiten Buch der Politeia. Und dies ist in den uns aus der Antike überlieferten Texten die älteste Stelle, wo dieser Terminus verwendet wird. Von Adeimantos gefragt, was für Geschichten über die Götter die Dichter erzählen sollten, antwortet Sokrates:

„Adeimantos, wir sind jetzt keine Dichter, ich und du, sondern Gründer einer Polis. Als Gründer müssen wir zwar die Regeln kennen, nach denen die Dichter die Mythen dichten müssen und von denen sie nicht abweichen dürfen, nicht aber selbst Mythen dichten“.

Adeimantos bestätigt und fragt weiter:

„Aber eben diese, die Regeln in bezug auf die Theologie (theologia), welche wären es?“

Was theologia an dieser Stelle bedeutet, ist umstritten. Werner Jaeger hat die These vertreten, dass Platon den Termin im Sinne der „natürlichen, rationalen Behandlung des Gottesproblems“ gebraucht. Mit der Auffassung, dass Theologie eine vernunftgemäße und d.h. philosophische Untersuchung Gottes ist, beruft sich Jaeger auch auf Aristoteles. Viktor Goldschmidt hat Jaegers Behauptung widersprochen. Der Terminus theologia, so Goldschmidt, bezeichne nicht eine rationale Untersuchung darüber, wie Gott wirklich sei, sondern darunter seien die mythischen Erzählungen über die Götter zu verstehen. Dabei greift Goldschmidt – und darin liegt die Stärke seines Argumentes gegenüber Jaeger – auf eine Unterscheidung zurück, die Platon selbst in der politeia trifft. Im dritten Buch unterscheidet dieser zwischen verschiedenen Arten von Erzählungen und zwar Erzählungen, die die Götter, die Daimonen, die Heroen, die Bewohner der Unterwelt und die Menschen betreffen. Ähnliche Unterscheidungen finden sich auch in anderen Dialogen. Im Unterschied zu den Erzählungen über beispielsweise die Heroen würden die Erzählungen über die Götter eben theologias genannt. Goldschmidt weist darüber hinaus darauf hin, dass in einer der überlieferten Handschriften die Variante mythologias statt des in andern Handschriften überlieferten theologias zu finden sei. Das deute darauf hin, dass es eine Tradition in der Antike gegeben habe, die die theologia als eine Form der Mythologie verstanden hat.

Bordt geht davon aus, dass das Wort theologia keine Schöpfung Platons ist, sondern ein Teil der griechischen Alltagssprache war und dass sein Auftauchen im Dialog Politeia keine philosophisch relevanten Implikationen mit sich führt. Das Wort heißt zunächst einmal „die Rede von Gott“. Wenn Sokrates an der genannten Stelle die Regeln der theologia diskutiert, dann diskutiert er die Regeln, nach denen sich die Dichter richten sollen, wenn sie die Götter darstellen. Bordt versteht den Ausdruck so, dass danach gefragt wird, was man gerechtfertigterweise und wahrheitsgemäß über Gott und die Götter sagen kann. Sokrates antwortet darauf mit folgendem Grundsatz:

„Wie der Gott (ho theos) tatsächlich ist, so muß er immer dargestellt werden, wenn jemand in Epen, Liedern oder in einer Tragödie von ihm dichtet“.

Einzelne übersetzen ho theos mit „der Gott“ (Horneffer, Rufener und Leroux), viele einfach mit „Gott“ (Schleiermacher, Chambry, Shorey und Vretska), andere mit „die Gottheit“ (Teuffel, Ferrari, Apelt). Platon gebraucht ho theos individualisierend und ana¬phorisch, um einen bestimmten Gott zu bezeichnen, der durch einen Eigennamen (z.B. Apollon) oder eine definite Beschreibung (z.B. der Gott von Delphi) bereits in den Dialog eingeführt worden ist. Er gebraucht den Ausdruck aber auch generalisierend, um der Sache nach alle Götter zu bezeichnen. Wenn in dem Kontext kein spezifischer Gott mit Namen oder definiter Beschreibung erwähnt wird, bezieht sich der Ausdruck auf alle Götter und wird somit generalisierend verwendet. In dem genannten Dialog möchte Sokrates also nicht darüber etwas sagen, wie ein bestimmter Gott von den Dichtern dargestellt werden soll, sondern wie die Dichter alle Götter darstellen sollen.
Allerdings stößt diese Interpretation, wie Bordt zugibt, bei einigen Stellen in Platons Werk auf Schwierigkeiten. Mancherorts etwa bezieht sich Platon auf „den Gott“, wenn er von einem nicht näher genannten Schöpfer spricht. Im Timaios unterscheidet Platon den einen Gott von den vielen Göttern. Das hat dazu geführt, dass verschiedene Autoren Platon eine Form von Monotheismus zugeschrieben haben. Bordt versteht denn ho theos als einen individuellen Ausdruck, der auf den einen Gott referiert, der exemplarisch diejenigen Eigenschaften aufweist, die einen Gott als Gott charakterisieren.

War Platon Monotheist?

Gegen die Möglichkeit, Platon eine monotheistische Position zuzuschreiben, wird immer wieder eingewandt, es sei ein Anachronismus, einen jüdischchristlichen Gottesbegriff auf die heidnische Antike zu übertragen. Martin West hat dagegen gezeigt, dass es in vielen Religionen eine Entwicklung vom traditionellen Polytheismus hin zu einem Monotheismus gegeben hat. Innerhalb einer solchen Entwicklung lassen sich verschiedene Stadien unterscheiden, wobei die einzelnen Entwicklungsschritte in einer konkreten Kultur auch nebeneinander existieren können. Ein mit der Entwicklung zum Monotheismus verbundenes Phänomen ist der Henotheismus, d.h. die Auffassung, dass einer der Götter der wichtigste unter den verschiedenen Göttern ist. Dieser überragt an Macht die anderen Götter, unterscheidet sich aber in seinem Gottsein nicht grundsätzlich von ihnen. Bordt spricht in diesem Zusammenhang von einem „schwachen Monotheismus“ und spricht Platon diese Auffassung zu. Monotheistische Züge finden sich in der griechischen Kultur aber bereits vor Platon. Xenophanes etwa spricht davon, dass ein einziger Gott unter den Göttern und Menschen der größte sei, der bewegungslos immer am gleichen Ort bleibe und sein Ziel dadurch erreiche, dass er mit seiner Vernunft alles ohne Anstrengung zu lenken vermöge.

Für Platons gesamtes philosophisches Projekt ist es charakteristisch, anhand einer individuellen Entität, einer Idee, zu diskutieren, was für Eigenschaften allen Entitäten, von denen sich die Idee aussagen lässt, zukommen. Der grammatische Übergang vom Plural zum Singular ist auch der Sache nach motiviert, denn untersucht werden sollen nicht die vielen gerechten Dinge, sondern das Eine, das die gerechten Dinge zu ebendiesen macht. Es liegt deshalb nahe, die Frage danach, wie die Dichter wahrheitsgemäß die Götter darstellen sollen, als Frage nach dem einen Gott zu stellen, dem allein das Gottsein so zukommt, wie es einem Gott zukommen sollte. Der eine Gott ist der paradigmatische Fall dafür, was es überhaupt heißt, ein Gott zu sein. Der Gott, auf den sich Platon mit dem Ausdruck ho theos bezieht, ist der Gott, auf den allein diejenigen Eigenschaften im vollen Sinn zutreffen, die einen Gott als Gott charakterisieren.

Platon beginnt die Untersuchung der Regeln der theologia mit der Behauptung, dass Gott gut sei und entwickelt daraus die Aussage, dass Gott Ursache alles Guten sein müsse. Zum einen steht Platon damit innerhalb einer theologischen Reflexion, die durch Dichter und Philosophen wie Hesiod, Pindar, Aischylos, Sophokles und auch Sokrates geprägt wurde und die sich kritisch mit einem Verständnis der Götter auseinandersetzt, wie es bei Homer und teilweise auch bei Hesiod begegnet, wo die Götter vor keiner Ungerechtigkeit zurückschrecken. Zum anderen führt Platon damit aber eine neue Bestimmung Gottes ein, indem er behauptet, dass Gott nicht anders als gut sein könne. Der Dialog Phaidon ist der erste Dialog, indem Platon Sokrates explizit das Gutsein Gottes behaupten lässt – und kein Autor vor Platon hat das Gutsein als Eigenschaft Gottes behauptet.

Platons Metaphysik gibt uns ein Argument für Gottes Gutsein. Wenn die Rede von Gott dann sinnvoll ist, wenn man unter Gott das letzte Prinzip der Wirklichkeit versteht, und die philosophische Untersuchung des letzten Prinzips der Wirklichkeit zu dem Ergebnis kommt, dass das letzte Prinzip der Wirklichkeit das Gute ist, dann kann Gott nicht von dem Guten verschieden sein. Allerdings wäre es falsch, daraus zu schließen, dass nun Metaphysik die Religion ersetzen soll. In Platons Staat werden die Kultfeiern weiterhin so durchgeführt, wie es die Tradition vorschreibt. Sie dienen nicht nur der Verehrung der Götter, sondern festigen auch die Gemeinschaft der Bürger. Und es ist gesichert, dass auf dem Gelände von Platons Akademie sich ein Musenheiligtum mit einem Altar befand, auf dem täglich geopfert wurde.




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