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Emotionen: Das neue Modell von Albert Newen


PSYCHOLOGIE

Ein neues Modell der Emotionen

Albert Newen und seine Mitarbeiterin Alexandra Zinck vom Institut für Philosophie der Universität Bochum haben ein neues Modell entwickelt, das hilft, die Entstehung von Emotionen zu klären. Das Modell, das in Heft 1/2008 der Synthese vorgestellt wird, nutzt entwicklungspsychologische Erkenntnisse und klassifiziert alle menschlichen Emotionen nach ansteigender Komplexität in vier Entwicklungsstufen: in PräEmotionen, Basisemotionen sowie primäre und sekundäre kognitive Emotionen. Auf diesem Wege entsteht zum Beispiel aus einem vagen Wohlbefinden erst Freude, dann Zufriedenheit und schließlich Stolz.

Die erste Stufe der Emotionen, die sog. PräEmotionen, drücken spontan nur Wohlbefinden oder Unbehagen aus. Zwar sind bei diesen unfokussierten Vorformen schon alle Aspekte von Emotionen vorhanden: die physische Erregung, eine schnelle Bewertung der Situation, der physiognomische Aus druck, das dazugehörige Gefühl. Aber PräEmotionen bleiben unspezifisch und sind nicht mit einer Handlungsabsicht verbunden. Eine Situation wird nur positiv oder negativ bewertet, ohne dass sie näher gedanklich analysiert wäre.

Die PräEmotionen differenzieren sich auf der nächsten Stufe in eine der vier Basisemotionen: Freude im positiven Fall, Trauer, Angst oder Ärger im negativen. „Diese Emotionen sind entwicklungspsychologisch betrachtet universelle Basisemotionen“, erklärt Newen. „Der Gesichtsausdruck verrät sie, und zwar unabhängig vom kulturellen Umfeld.“ Die basalen Emotionen sind grundlegende Affektprogramme, die unabhängig von der bewussten Reizverarbeitung und auch unabhängig von langsameren kognitiven Prozessen wie Gedanken ablaufen. Sie fokussieren unmittelbar die Aufmerksamkeit und rufen eine schnelle Reaktion hervor: Wir haben Angst noch bevor wir z.B. wissen, ob ein Objekt eine Schlange oder ein Stock ist. Das ermöglicht es uns, unverzögert auf etwas zu reagieren, das wir als „gefährlich“ vermuten und das bei uns ein Fluchtverhalten auslöst. Die langsamere, bewusste Verarbeitung eines Reizes läuft parallel über die Großhirnrinde, den sog. Neokortex, ab. Wir sehen bewusst die Schlange oder den Stock – und werden durch diesen Eindruck bestätigt oder entwarnt. Trotzdem sind wir dann schon zur Seite gesprungen. Aus den Basisemotionen entstehen im Zuge der bewussten Verarbeitung des Reizes Verhaltensreaktionen: Gefahr erzeugt Angst und entsprechendes Fluchtverhalten; aus der Erfahrung von Trennung und Verlust entsteht Traurigkeit; Frustrationen und Hindernisse verursachen Ärger; schließlich entsteht mit der Erfahrung des Erfolges eigener Mühe sowie sozialer Akzeptanz das Gefühl von Freude.

Zur körperlichen Reaktion kommt in der nächsten Entwicklungsstufe, bei den primären kognitiven Emotionen, nun der Inhalt von Gedanken hinzu. „Wenn wir beim Beispiel der Angst bleiben, so wird die basale Emotion Angst allein dadurch erzeugt, dass es eine unbewusste Bewertung einer Situa¬tion als gefährlich gibt. Die primäre kognitive Emotion dagegen schließt die bewusste Überzeugung ein, dass die Situation gefährlich ist. Dann sprechen wir von Bedrohung“, erläutert Newen. Mit der bewussten Überzeugung wird eine feinkörnigere Bewertung der Situation vorgenommen. Im Fall der Freude wäre die primäre kognitive Emotion die Zufriedenheit, wenn jemand feststellt, dass alles gemäß seinen Erwartungen verläuft und zudem noch die Sonne scheint.

Bei den sich daran anschließenden sekundären kognitiven Emotionen ist nicht nur eine Überzeugung, sondern gleich eine Minitheorie über soziale Beziehungen mit im Spiel. „So kann zur Dimension der Angst als sekundäre kognitive Emotion die Eifersucht hinzukommen – als die Angst, den Partner zu verlieren“, so Newen. Hier wirkt eine Minitheorie über soziale Erwartungen und Normen, zu der ein Selbstkonzept, Meinungen über soziale Relationen zu bestimmten Individuen und allgemeine soziale Normen, sowie Erwartungen und Hoffnungen in Bezug auf die Zukunft gehören. Daher sind diese komplexen Emotionen besonders abhängig
von kultureller Einbettung und persönlicher Erfahrung. Deshalb unterscheiden sie sich auch sehr stark, sowohl zwischen Individuen als auch zwischen Kulturen. Scham und Stolz zum Beispiel unterscheiden sich sowohl was die Anlässe, als auch was das Verhalten oder die Bewertung dieser Emotion selbst angehen, stark zwischen westlichen und asiatischen Kulturen.

Affektive Intentionalität

Achim Stephan vom Institut für Kognitions wissenschaften der Universität Osnabrück und Henrik Walter vom Zentrum für Ner venheilkunde der Universität Bonn leiten ein von der VWStiftung mit 650'000 € finanzierten Projekt „animal emotionale“.

„Ohne eine emotionale Reaktion auf das Er lebte ist der Mensch orientierungslos und kaum in der Lage, Entscheidungen als soziales Wesen zu treffen. Emotionen schwingen als Hintergrundgefühl bei jeder Handlung mit, selbst viele höhere kognitive Leistungen sind durch emotionale Reaktionen beeinflusst“, skizziert Stephan die Ausgangslage. Kognition und Emotion stehen für ihn nicht im Widerspruch zueinander, sondern ermöglichen durch ihr wechselseitiges Zusammen spiel den für unser Handeln essenziellen „affektiven Weltbezug“ bzw. die, so der von der Onsabrücker Gruppe um Achim Stephan und Jan Slaby geprägte Begriff, „affektive Intentionalität“. Dass Emotionen nicht nur phä nomenale, sondern auch kognitive Anteile haben, wird an einem Beispiel deutlich: Wenn jemand mit Tränen in den Augen aus einer Kirche kommt, vermuten wir zunächst einen Trauerfall und empfinden eine gewisse Traurigkeit. Stellt sich dann aber heraus, dass in der Kirche soeben ein Brautpaar getauft wurde und deshalb Tränen der Rührung vergossen wurden, hellt sich unsere Stimmung unverzüglich auf; wir passen unsere emotio nale Reaktion an die neue kognitive Infor mation an.

Jede emotionale Regung impliziert eine (Folge)Handlung: sei es die Unterdrückung der Emotion aus sozialen Gründen oder sei es eine mutige Entscheidung, der ein „gutes Gefühl“ vorausgeht. Unser Gehirn als kognitive Schaltstellung ist in jegliche Entscheidungsfindung eingebunden. Diese regulative Funktion wird im Team von Henrik Walter untersucht und zwar mit Hilfe des Verfahrens der funktionellen Magnetresonanztomografie. Damit lässt sich die jeweilige emotionale Reaktion bildlich als Aktivierung bestimmter Hirnreale darstellen. Dabei zeigt sich mit Hilfe von Konnektivitätsanalysen, anhand derer sich die Verbindung zwischen Hirnrealen untersuchen lässt, zeige vermittelnde Funktion des medialen Präfrontalkortex, der häufig mit dem „Selbst“ in Verbindung gebracht wird.

Nach den ersten Ergebnissen funktioniert die Unterdrückung von Gefühlen allein durch geistige Willenskraft. Die Emotionen – und damit die Aktivierung der zugehörigen Hirn reale gewinnen wieder die Oberhand, sobald die gedankliche Kontrolle aufgehoben wird. Man spricht dabei von einem ReboundPhä nomen, denn die „verspäteten“ Emotionen flammen selbst dann noch auf, als die auslösenden Faktoren längst verschwunden waren. Für Walter ist deshalb eine kognitive Beein flussung von Emotionen zwar möglich, diese gewissen aber beim Nachlassen kognitiver Kontrolle ihr Eigenleben – ein Ergebnis, das jeder, der sich selbst beobachtet, kennt (und wozu es eigentlich keine derartig aufwendige Forschungen braucht).
Quelle: Impulse 2008 (Mitteilungen der DFG)




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