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Ontologie: Einheit des Individuums als Funktionengefüge

ONTOLOGIE

Friedemann Buddensiek sieht die Einheit eines Individuums als Funktionengefüge


Die Fragen „Was gehört zu mir?“ und „Was ist ein Teil von mir?“ sind Fragen, die zu der Frage führen, ob wir immer noch je ein Individuum sind, wenn dieser oder jener Teil nicht mehr zu uns gehört. Dies wiederum führt zu der Frage, was es heißt, ein Individuum zu sein. Wie Friedemann Buddensiek in seiner Habilitationsschrift

Buddensiek, Friedemann: Die Einheit des Individuums. Eine Studie zur Ontologie der Einzeldinge, 314 S., Ln., € 88., 2007, Quellen und Studien zur Philosophie, Band 70, de Gruyter, Berlin

darstellt, unterscheidet sich die Frage nach der Einheit des Individuums inhaltlich nicht von der Frage, was es heißt, ein Individuum zu sein. Die erste Frage ergibt sich bei einer Analyse der zweiten. Denn „Individualität“, die Eigenschaft, ein Individuum zu sein, lässt sich aufgliedern in die Eigenschaft, Einheit zu besitzen, die Eigenschaft, diachrone Identität zu besitzen, sowie die Eigenschaft verschieden von anderem zu sein. Unter diesen Eigenschaften sind die beiden letzten diejenigen, die üblicherweise im Zusammenhang der Individuation diskutiert werden.

Buddensiek fragt danach, wie sich die Einheit jener Individuen, die materielle Gegen¬stände sind, begrifflich fassen lässt. Er versteht diese Frage als Frage nach dem Kriterium, anhand dessen sich entscheiden lässt, was zu einem dieser Individuen gehört und was nicht. Dabei sieht er sich mit einer Reihe traditioneller Individuationskriterien konfrontiert. Am bekanntesten sind diejenigen, die Jorge Gracia zusammengestellt hat. Danach zeichnen sich Individuen durch Unteilbarkeit, durch Verschiedenheit, durch die Fähigkeit, etwa eine Spezies in mehreres zu teilen, durch Identität, durch NichtPrädizierbarkeit oder durch NichtInstanziierbarkeit aus.

Organismen als Musterbeispiele

Musterbeispiele für Individuen sind von jeher her Organismen. Wenn Aristoteles diskutiert, was eine ousia ist, hat er im Bereich materieller Gegenstände die Formen oder Strukturen vor allem von Lebewesen im Blick. Musterbeispiele sind Organismen vor allem deshalb, weil sie anderem Seienden zugrunde liegen, und weil sie sich durch das auszeichnen, was für materielle Gegenstände kennzeichnend zu sein scheint, nämlich eine bestimmte Form von ontologischer Priorität und Unabhängigkeit. Organismen (und andere materielle Gegenstände) scheinen sich aber auch dadurch auszuzeichnen, dass sich nicht bis aufs einzelne Moleküle hin angeben lässt, was zu ihnen gehört – d.h. materieller Teil von ihnen ist – und was nicht, und dass nicht klar ist, bis zu welchem Molekül Moleküle vom Organismus fortgenommen werden könnten, ohne dass der Organismus aufhörte, eben dieser Organismus zu sein. Sind Organismen also vage Gegenstände in dem Sinn, dass die Zugehörigkeit der materiellen Teile nicht klar bestimmt ist? Vage Gegenstände implizieren, wie es scheint, vage Identität (ein prominenter Vertreter vager Identität ist etwa Peter van Inwagen). Doch gegen die Annahme der Existenz vager Identitäten sprechen die SoritesArgumente: Angenommen, wir hätten einen Laubhaufen von „nor¬maler Größe“ vor uns, so ließe sich ein Blatt wegnehmen, ohne dass dadurch der Haufen aufhörte, Haufen zu sein. Dies ließe sich bis zum letzten Blatt fortsetzen, so dass auch nach Wegnahme des letzten Blattes der Haufen nicht aufhörte, Haufen zu sein – was offensichtlich falsch ist. Unter Zuhilfenahme der Sorites lässt sich auch ein Widerspruch formulieren. Nehmen wir an, einem vagen Gegenstand a werden wiederholt Teile entnommen, so muss es einen Punkt geben, an dem kein Teil mehr entnommen werden kann, ohne dass a aufhört zu existieren. Wenn es diesen Punkt nicht gibt, lässt sich die Entnahme von Teilen beliebig weit fortsetzen. Wenn es aber diesen Punkt gibt, hat a aber, entgegen der Anfangsvoraussetzung, eine präzise Grenze. Deshalb ist für Buddensiek die Annahme vager Gegenstände in sich widersprüchlich.

Dem Sorites begegnen

Ein traditioneller Versuch, dem Sorites zu begegnen, besteht in der Ansetzung eines ontologisch starken Artbegriffs. Danach ist das, was ein Gegenstand ist (und entsprechend auch seine Identitätsbedingungen) durch seine Artzugehörigkeit festgelegt. Allerdings – so wendet Buddensiek ein – ist weder klar, was zur Annahme eines ontologisch starken Artbegriffs berechtigt, noch weshalb der Begriff der „Spezies“ als Grundlage für die Annahme eines ontologisch starken Artbegriffs dienen können und weshalb er nicht bloß die Folge aus der Beobachtung bestimmter Merkmale oder Verhaltensweisen einzelner Individuen sein soll.

Buddensiek begegnet dem Sorites, indem er den Blickwinkel ändert. Die Frage, die mit Blick auf einen Organismus und seine Teile zu stellen ist, sei nicht die Frage: „Könnte ich noch einen Partikel bzw. deren Funktion fortnehmen und trotzdem noch einen Organismus behalten?“, sondern die Frage, ob sich für einen beliebige Partikel bzw. dessen Funktion angeben lässt, ob sie zum Organismus gehört oder nicht. Für Buddensiek besitzen die Organismen keine vagen, sondern flexible Grenzen, d.h. Grenzen, die sich diachron räumlich ändern oder zumindest verändern können. Trotz dieser flexiblen Grenzen lässt sich für eine beliebige Partikel jederzeit zumindest im Prinzip angeben, ob sie zum Organismus gehört oder nicht. Kriterium hierfür ist die Leistung eines Beitrages zur Eigen oder Selbständigkeit des Organismus.

Eines der Hauptprobleme für Individuationsbemühungen ist das Problem der Abgrenzung des zu Individuierenden von solchen Dingen, die nicht zu ihm gehören. Oftmals wird dieses Problem, nämlich das der Unterscheidung, als das eigentliche Individuationsproblem angesehen. Die Grundfrage dabei ist die, ob etwas selbständig oder Teil von etwas ist. Die Selbständigkeit der Individuen ist Grund, sie gegenüber den Gefügen, die aus ihnen bestehen, als ontologisch prioritär anzusehen. Fehlende Autarkie bestimmter Individuen ist aber kein Beleg für fehlende Selbständigkeit; Autarkie und Selbständigkeit gehören zu verschiedenen Kategorien. Anders formuliert: Ontologische Priorität begründet sich durch Selbständigkeit. Etwas, das von etwas anderem abhängt bzw. abhängig von etwas anderem existiert, ist, ontologisch gesehen, jenem anderen nachgeordnet. Als selbständig können nun in erster Linie herkömmliche Organismen gelten. Dies deshalb, weil es an ihnen liegt, in einer bestimmten, auch für ihr Fortkommen relevanten Weise aktiv zu sein, und zwar unabhängig davon, ob wir diese Organismen einem strikten Determinismus unterworfen sehen oder nicht.

Was ist mit den Spezies?

Eine ganz andere Art umfassender Entität, die Anspruch auf ontologische Priorität gegenüber dem einzelnen Organismus erheben könnte, sind einigen Auffassungen zufolge die Spezies (oder Arten). Spezies, so diese Auffassungen, sind selbst Individuen, die sich aus den einzelnen Organismen als aus ihren Teilen zusammensetzen. Konsequenz dieser Auffassung ist die ontologische Posteriorität der Teile (nämlich der Organismen) gegenüber den Spezies, denen sie untergeordnet sind. Die Hauptschwierigkeit, die sich hier ergibt, ist die völlige Uneinigkeit darüber, was eine Spezies ist, wird doch eine Vielzahl von Speziesbegriffen verwendet. Manche sind genealogisch begründet. Deren Vertreter nehmen an, Spezies seien Individuen. Der Hauptgrund dafür liegt darin, dass Spezies nicht als Klassen angesehen werden können. Mitglieder einer Klasse weisen als solche keinen kausalen Zusammenhang untereinander auf, Mitglieder von genealogisch begründeten Spezies tun dies jedoch. Dies zu berücksichtigen ist aus biologischen Gründen wünschenswert, da Spezies nur dann, wenn ihre Mitglieder auf solche Weise zusammenhängen, die Rolle übernehmen können, die sie für die Biologie spielen sollen. Um als Einheiten des evolutionären Prozesses fungieren zu können, müssen Spezies zudem auch raumzeitliche Kontinuität besitzen: Andernfalls können sie nicht das sein, was evolviert. Da Spezies als solche Einheiten fungieren und raumzeitliche Kontinuität besitzen, Klassen dagegen keine raumzeitliche Kontinuität haben, können Spezies keine Klassen sein. Als evolutionierende Entitäten befinden sich Spezies, im Unterschied zu Klassen, in ständiger Veränderung: Sie können entstehen, sich entwickeln und aussterben. Nicolai Hartmann hat in diesem Zusammenhang von „überindividuellem Leben“ bzw. „überindividuellem Lebensprozess“ gesprochen und angenommen, es gebe
ein „Leben der Art“. Dem Individuum soll es „wesentlich“ sein, „im Gesamtleben seiner Art drinzustehen“, und „wesentliche Funktionen bestehen in ihm nur als Funktionen des Artlebens“.

Buddensiek sieht jedoch keinen Grund, im Verhältnis von Spezies und ihren Exemplaren die Individuität der Ebene der Spezies zuzuordnen, denn die Spezies weisen keine Selbständigkeit auf. Vielmehr sind sie für ihr Bestehen auf selbständige Entitäten, nämlich ihre Exemplare, angewiesen. Die Spezies können sich nicht aktiv zur Umwelt verhalten, sie sind nicht solche Entitäten, die irgendetwas tun könnten. Konstitutiv für Individuität ist jedoch Selbständigkeit. Nun könnte man vorbringen, es sei keineswegs so, dass Lebewesen selbständig seien. Vielmehr handle es sich bei ihnen um Zusammensetzungen aus interagierenden Partikeln, die ihrerseits wiederum aus noch kleineren Partikeln oder nichtpartikulärer Materie zusammengesetzt seien. Diesem ontologischen Reduktionismus zufolge ist ein bestimmter Gegenstand samt seinen Verhaltensweisen nichts anderes als die Summe seiner Teile, die von bestimmter Beschaffenheit sind, und deren Relationen und Verhaltensweisen. Dabei wird jedoch der zu reduzierende Gegenstand nicht eliminiert, sondern er wird mit seinen Teilen und deren Relationen unter Berücksichtigung von Gesetzen der Zusammensetzung identifiziert. Damit, so Buddensiek, sind die Entitäten des Reduktionsresultats nicht vor dem Reduzierten ausgezeichnet. Vielmehr ist der zu reduzierende Gegenstand seinerseits, sofern er ein Ganzes ist, vor den Teilen – den Entitäten des Reduktionsresultates – ausgezeichnet. Buddensiek sieht seine Konzeption von Individuität mit einem Reduktionismus dieser Art als vereinbar an.

Organismen besitzen ontologische Priorität, weil sie selbständig sind. Mit der Selbständigkeit kommt „etwas Neues“ in die Welt. Was heißt das? Selbständigkeit ist die Fähigkeit, sich selbst erhalten zu können und einer gegebenenfalls vorliegenden Umwelt gegenübertreten zu können. Als diese Fähigkeit hat Selbständigkeit mit kausaler Abgeschlossenheit zu tun. Diese Abgeschlossenheit wiederum kommt nur durch eine bestimmte Interaktion von Teilen oder Partikeln zustande. Während die einzelnen Partikeln nicht selbst kausal abgeschlossen sind, kann Abgeschlossenheit durch ihr Zusammenwirken dennoch entstehen: Die Partikeln ergänzen sich und bilden aufgrund ihrer Beschaffenheit eine persistierende, sich selbst erhaltende Struktur, die der Welt gegenübertreten kann. Nun könnte man meinen, dass mit dem Auftreten von Selbständigkeit mehr als das verbunden sei. Vielmehr handle es sich um eine emergente Eigenschaft, dank der die Träger dieser Eigenschaft nicht auf ihre Teile und deren Relationen reduzierbar seien. Mit dem Auftreten einer derartigen Eigenschaft könne man wiederum die reduktionistische Auffassung von Selbständigkeit in Frage stellen. Angenommen, so argumentiert Buddensiek, es gebe Gegenstände, die sich durch starke Emergenz in diesem Sinne auszeichnen, dass sie mehr sind als die Gesamtheit ihrer Teile und deren Relationen, ist dies ein allgemeines Problem, das nicht nur für die Individuität besteht, und zwar deshalb, weil wir es dann mit verschiedenen Ebenen des Gegenstandes zu tun haben, von denen sich die Elemente der einen – der emergenten – Ebene kausal anders verhielten als die Elemente der anderen Ebene, die die Summe der Teile und deren Relationen ist. Für Buddensiek sagt der Umstand, dass Organismen spezielle Zusammensetzungen sind, nicht mehr als eben dies – nämlich dass sie solche Zusammensetzungen sind. Speziell sind sie als Zusammensetzungen deshalb, weil in diesen Zusammensetzungen bestimmte Potentiale der Teile so genutzt werden, dass eine sich selbst erhaltende Struktur besteht, die der Welt gegenübertreten kann. Dass die Organismen dabei in ihre Teile und deren Relationen analysierbar sind, ändert nichts daran, dass sie als etwas Selbständiges ausgezeichnet sind. Dass sie als etwas Selbständiges ontologisch ausgezeichnet sind, beruht laut Buddensiek nicht auf ontologischer Emergenz.



Individuen als Funktionsgefüge

Buddensiek vertritt die These, dass ein Individuum, das ein materieller Gegenstand ist, ein Funktionsgefüge ist. Dieses Gefüge wird durch den kausalen Beitrag aller seiner Teile konstituiert, die ihrerseits durch das Leisten ihres Beitrags als Teile identifizierbar sind und die mit dem Leisten des Beitrags ihre Funktion ausüben. Dabei interagieren und kooperieren die Teile auf solche Weise miteinander, dass ein persistierendes, kohärentes und gegebenenfalls flexibles Gefüge gebildet wird, das dank seiner Struktur der Welt als etwas synchron und diachron Ganzes selbständig gegenübertreten kann. Die Einheit des Individuums besteht in der synchronen und diachronen Kohärenz dieses Gefüges.
Durch die Rede von „Funktionen“ soll der Umstand erfasst werden, dass die Teile eines Organismus in der Interaktion miteinander eine bestimmte Art von Beitrag liefern, nämlich einen Beitrag zur Persistenz und Selbständigkeit des Organismus. Voraussetzung dafür ist die Kohärenz der Teile bzw. ihrer Aktivitäten: Dann und nur dann, wenn die Teile eine Einheit bilden, ist die Persistenz und Selbständigkeit des Organismus garantiert. Individuen, die materielle Gegenstände sind, sind Funktionsgefüge. Sie sind Gefüge, insofern sie aus Teilen bestehen, die sich ihrer Struktur nach voneinander unterscheiden, die in einem kausalen Verhältnis zueinander stehen und die aufgrund ihrer verschiedenen strukturellen Eigenschaften so interagieren, dass sie eine persistierende und als solche identifizierbare Gesamtheit bilden, die der Welt als etwas Eigenständiges gegenübertritt, das nicht auf den Moment der Konfrontation mit ihr eingeschränkt ist. Das in Frage stehende Gefüge ist demnach nicht nur ein strukturelles, sondern ein dynamisches: Es wird nur dann angemessen beschrieben, wenn die im Fall der Interaktion vorliegenden Veränderungen mit erfasst werden. Dieses dynamische Gefüge ist ein Funktionsgefüge insofern, als die Gesamtheit nur persistiert, wenn die Teile ihren Beitrag leisten, d.h. wenn sie gemäß ihrer strukturellen Eigenschaft zu bestimmten Zeiten in bestimmter Intensität aktiv sind.



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