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Metaphysik: Die Personalität des Embryo


Anselm W. Müller verteidigt die Personalität des Embryo

In der Gegenwartsphilosophie ist die Meinung verbreitet, moralisch relevantes Gegenüber werde man nicht dadurch, dass man zur Spezies Mensch gehört, also durch das MenschSein, sondern erst durch das PersonSein.

Anselm W. Müller, der an der Katholischen Fakultät der Universität Trier Philosophie lehrt, legt in seinem Artikel

Müller, Anselm W.: Der neue PersonBegriff. Dualistischer Wolf im bioethischen Schafspelz, in: Niederbacher, Bruno / Runggaldier, Edmund (Hrsg.): Die menschliche Seele. Brauchen wir den Dualismus? 248 S., kt, € 49.—, 2007, Ontos, Heusenstamm)

dar, dass dies auf einen neuen Dualismus hinausläuft, der auf einem Irrtum beruht. Dabei ist nicht eindeutig, was denn das Personsein ausmacht – Dieter Birnbacher etwa hat nicht weniger als neun konstitutive Fähigkeiten aufgelistet, die als Kriterien des Personseins gehandelt werden. Konsens besteht aber in der Annahme, dass allen diesen Fähigkeiten (und Dispositionen), die das PersonSein ausmachen sollen, der Ausdruck „Rationalität“ zukommt: Das Personsein besteht in Rationalität, und diese kann einem Lebewesen zukommen oder auch nicht. Für Müller ist dies eine metaphysische Position, die eine logische Voraussetzung derjenigen Position ist, wonach eine moralische Verpflichtung einem Gegenüber aus dessen Personsein folgt – aber nur eine Voraussetzung, aus der metaphysischen Annahme folgt nicht ein ethischer Personismus.

Für Müller ist die kritisierte Position insofern dualistisch, als dabei die Rationalität von der Natur des Menschen, vom Menschsein, abgekoppelt wird – und damit Fähigkeiten, Dispositionen und Vollzüge, die für das Leben gesunder Menschen charakteristisch sind und die sich etwa nach aristotelischer Auffassung demselben Prinzip verdanken wie die übrigen Lebensäußerungen.

Aber es lässt sich nicht leugnen, dass es auch menschliches Leben gibt, das keine Rationalität kennt und deshalb kann Rationalität nicht zum Wesen des Menschen gehören. Es ist dies der Standardeinwand gegen die in der katholischen Philosophie verbreitete aristotelische Position, wie sie etwa von Anselm W. Müller vertreten wird. Für Müller wird dabei von den Gegnern aber von fragwürdigen Prämissen ausgegangen. Eine davon lautet: „Moralische Anforderungen an mein Verhalten gründen in den Ansprüchen einer bestimmten Sorte von Wesen auf entsprechendes Verhalten“. Es ist jedoch kaum möglich, einen kohärenten Begriff des „moralischen Gegenüber“ auszumachen. Deshalb kann es nicht zum Wesen der Moral gehören, ihrer Grundlage oder auch nur ihrer Reichweite nach durch eine Klasse von Wesen – Personen, Menschen oder was auch immer definiert zu sein, die in einem plausiblen Sinne die „Gegenstände moralischer Rücksicht“ ausmachen. Zwar gibt es auf der einen Seite tatsächlich paradigmatische moralische Pflichten, denen moralische Rechte gegen¬überstehen, die wir bestimmten Klassen von Individuen zugestehen. Auf eine solche Norm bezogen ist es sinnvoll, jede Person (oder jeden Menschen) als moralisches Gegenüber zu bezeichnen. Auf der anderen Seite gehört es zum Begriff der Moral als ganzer, dass Orientierung an ihren Normen primär Personen bzw. Menschen zugute kommt.

Unscharfe Begriffe wie „betroffen“ und „moralische Rücksichten“ verführen zu einer Vermischung der beiden Zusammenhänge: den direkten und präzisen Bezug bestimmter moralischer Forderungen auf das jeweilige Gegenüber, das Subjekt eines jeweiligen Anspruchs, und den indirekten und eher diffusen Bezug aller (oder jedenfalls fast aller) moralischer Forderungen auf das Wohl von Personen (bzw. Menschen). Aus dieser Vermischung resultiert die keineswegs selbstverständliche Vorstellung, Moral als solche habe es, in allen ihren Forderungen und ihrem Wesen nach, mit den Ansprüchen von betroffenen Gegenübern zu tun.

Die zweite Prämie des ethischen Personismus besagt: Zu den „Gegenständen moralischer Rücksicht“ gehört man aufgrund einer qualifizierenden Eigenschaft. Diese Prämisse wiederum beruht auf der fragwürdigen Prämisse, Personsein sei eine Eigenschaft. Damit, dass der ethische Personist diese Prämisse nicht ausweist (geschweige denn sie in Frage stellt), operiert er mit verdeckten Karten. Dass diese Prämisse überhaupt eine wichtige und plausible Komponente des metaphysischen Personismus bildet, verdankt sie der Alternative „kontingent oder notwendig“. Auf der gemeinsamen Basis dieser Dichotomie erklären die Befürworter des bioethischen Personismus Rationalität für eine kontingente Eigenschaft des Menschen, während die Vertreter des Potentialitätsarguments (wonach in der Ontogenese des Menschen eine Entwicklung der Person stattfindet), Rationalität als einen Wesenszug des Menschen und damit als notwendig ansehen. Außerhalb dieser beiden Positionen scheint es keine Alternative zu geben. Doch, so Müller, der Schein trügt. Er beruht auf einer Verwechslung zwischen NichtNotwendigkeit und Kontingenz und darüber hinaus auf einem Mangel an Phantasie im Hinblick auf die begrifflichen Strukturen, in denen wir uns die Wirklichkeit zugänglich machen. Was nicht notwendig ist, muss in begrifflicher Hinsicht nicht kontingent sein. Vielmehr müssen wir die Möglichkeit ins Auge fassen, dass die Natur eines Individuums durch einen ArtBegriff repräsentiert wird, der auf eine bestimmte Qualität Bezug nimmt, ohne indessen jedem einzelnen Exemplar der Art diese Qualität auch beizulegen.

Für Müller lässt sich Rationalität nicht als kontingente Zutat zu einer unabhängig davon beschreibbaren Lebensform konzipieren. Sie ist ins Leben einer menschlichen Gemeinschaft und auch in das Leben ihrer meist erwachsenen Individuen unlöslich verwoben. Auch können wir ein gegebenes Lebewesen nicht korrekt klassifizieren und beschreiben, ohne zu wissen, ob die Anwesenheit von Rationalität in seinem Fall der Artzugehörigkeit entspricht oder aber ein Entwicklungsstadium kennzeichnet oder schließlich einen Defekt konstituiert. Entsprechend kann ich dem einzelnen Säugling und dem einzelnen Dementen nur im Lichte ihrer Zugehörigkeit zur Spezies Mensch ein Nochnicht bzw. ein Nichtmehr rationaler Fähigkeiten zusprechen. Und indem ich den Dementen als Menschen klassifiziere, nehme ich Bezug auf Rationalität.

Was zeigt dies? Nach Müller, dass es einen plausiblen Begriff des Personseins gibt, der nicht nur akzidentiell und streckenweise auf das Leben des Menschen anwendbar ist. Und da wir von der Spezies Mensch keinen Be¬griff haben können, der nicht auf Vernunftbegabung Bezug nimmt, können wir auch ein menschliches Individuum, das keine rationalen Fähigkeiten aufweist, nicht als das, was es ist, als Menschen, identifizieren, ohne auf ebendiese Fähigkeiten Bezug zu nehmen. Die Rationalität ist damit die Natur, die alle Lebensäußerungen des Menschen bestimmt und für deren Erklärungen in Anspruch genommen wird und zwar vom Beginn bis zum Ende des menschlichen Lebens. Denn als Substanz verwirklicht der Organismus eine einzige Natur, vom ersten Wachsen angefangen – also bereits im Stadium des Embryo, in dem sich seine rationale Natur vor allem dadurch bemerkbar macht, dass seine Entwicklung charakteristisch personale Fähigkeiten und Vollzüge vorbereitet.








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