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Albet: Rationalität und Existenz


Erstveröffentlichung der Promotionsarbeit von Hans Albert

Hans Albert hatte 1949 bei dem Inhaber des Kölner Lehrstuhls für Soziologie, Leopold von Wiese und Kaiserswaldau, eine Diplomarbeit über das Thema „Politik und Wirtschaft als Gegenstände der politischen und ökonomischen Theorie“ geschrieben, die diesem sehr gefallen hatte. 1950 suchte ihn Albert mit der Bitte auf, ihn als Doktoranden anzunehmen. Von Wiese erklärte sich dazu bereit, aber das von Albert vorgeschlagene Thema „Grundlagen einer Theorie der Politik“ suchte er ihm auszureden. Albert verzichtete darauf, ihn weiter damit zu behelligen, machte sich jedoch an die Arbeit und stellte ihn zwei Jahre später mit einem fertigen Manuskript vor vollendete Tatsachen. Albert glaubte nicht nur, eine Betreuung durch einen „Doktorvater“ nicht nötig zu haben, er fürchtete vielmehr auch eine Einmischung in seine Gedankengänge.

1952 legte Hans Albert der Wirtschafts und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln seine Dissertation vor. Als von Wiese ihm Teile seines Gutachtens vorlas, stellte Albert fest, dass diesem die von ihm behandelte Thematik ziemlich fremd war und dass er vieles schlicht nicht verstanden hatte. Glücklicherweise stellte der Korreferent, Theodor Wessels, Inhaber eines der Kölner Lehrstühle für wirtschaftliche Staats¬wissenschaft, eine etwas bessere Bewertung aus.

Hans Albert hatte seine Promotionsarbeit seinerzeit nicht veröffentlicht. Er hat dies nun nachgeholt. In einem Nachwort stellt er klar, welche der darin vertretenen Positionen er nun für überholt hält:

Albert, Hans: Rationalität und Existenz. Politische Arithmetik und Politische Anthropologie. 233 S., kt., € 39.—, 2006, Mohr Siebeck, Tübingen.

Albert unternimmt in seiner Arbeit den Versuch festzustellen, inwieweit die Ergebnisse der ökonomischen Theorie für die synthetische Anthropologie fruchtbar gemacht werden können und inwieweit sie selbst der anthropologischen Interpretation bedürfen. Er versucht dies durch Analyse der ökonomischen Problematik und des ökonomischen Kategorialapparates.

Dabei arbeitet er heraus, dass eine Theorie im Bereich des „Herrschaftswissens“ (Scheler) lediglich praktischtechnische Bedeutung hat, da sie ein Instrument der Möglichkeitsanalyse ist, während eine Entscheidung keine rationaltechnische, sondern eine ethischexi¬stentielle Angelegenheit ist, für die eine wissenschaftliche Instanz niemals zuständig sein kann – ein Thema, das heute zweifellos wieder aktuell ist.

Für Albert sind rationale und existenzielle Probleme völlig heterogen, sie liegen auf verschiedenen Ebenen. Das (damalige) Streben, das ethische Problem mit Hilfe des Wertbegriffs in ein Erkenntnisproblem umzudeuten, der Versuch, Entscheidungen zu rationalisieren, ist nicht nur fragwürdig, sondern für die Integrität der Wissenschaft wie für die Echtheit des praktischen Lebens gefährlich. Albert sieht hier die Wurzeln der Ideologie, die sich als ein Versuch darstellt, die eigene Interessenarchitektur mit einer pseudotheoretischen Fassade zu tarnen. Und die Verschmelzung des normativen mit dem theoretischen Gesichtspunkt sieht Albert als Crux der ökonomischen Theorie.

Unterdessen hat Albert, wie er in seinem „selbstkritischen Nachwort“ ausführt, einige der Prämissen der Dissertation aufgegeben. Dazu gehört vor allem der erkenntnistheoretische Pragmatismus, der auf die Arbeiten Gehlens und Dinglers zurückgeht und den er damals allgemein akzeptiert hatte (und an den damals auch die Erlanger Schule Paul Lorenzens angeknüpft hatte). Aufgegeben hat er auch die Deutung naturwissenschaftlicher Disziplinen als Herrschaftswesen (eine Deutung, auf Scheler zurückgeht, und die auch Apel, Habermas sowie Gadamer übernommen hatten). Immer noch für plausibel hält Albert dagegen die Gehlensche Idee einer anthropologischen Synthese und der damit verbundenen Zielsetzung, die Grenzen zwischen den dafür in Betracht kommenden Wissenschaften zu überwinden, um Erkenntnisfortschritte zu erreichen. Denn Abgrenzungen zwischen wissenschaftlichen Disziplinen haben sich immer wieder als Forschungshindernisse erwiesen.

Ein Jahr nach seiner Promotion stieß Albert auf Poppers Logik der Forschung und fand dessen Kritik an Dingler überzeugend. Albert hat dann später in seinem berühmten Traktat über die kritische Vernunft Dingler selbst kritisiert und dessen Auffassungen einen kritischen Realismus entgegengesetzt, der darauf abzielt, unseren theoretischen Konstruktionen die Möglichkeit zu geben, am Widerstand der realen Welt zu scheitern, so dass wir ihren Wahrheitsgehalt prüfen können und durch Korrektur von Irrtümern der Wahrheit näher kommen.



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