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Antike: Proklos


Werner Beierwaltes ProklosStudien

Werner Beierwaltes hat sich über Jahrzehnte mit der Philosophie von Proklus und dessen Nachwirkung in der deutschen Philosophie beschäftigt. Seine wichtigsten sowie einige noch unveröffentlichte Aufsätze dazu sind bei Klostermann erschienen:

Beierwaltes, Werner: Procliana. 269 S., Ln., € 69.—, 2007,Klostermann, Frankfurt

Die philosophische Bedeutung von Proklos liegt in dessen komplexen Theorie des Einen. In ihr wird ein absolutes Eines als den Allem transzendenten Ursprung und als den zugleich Allem immanenten Grund reflektiert. Vom absolut Einen ausgehend analysiert Proklos die Wirklichkeit oder das Sein im Ganzen als eine in sich gestufte, differenzierte, in sich bezügliche Einheit. Die rationale Vergewisserung dieses Einen und Ganzen schließt für den Menschen die religiöse Erfahrung des eigenen Ursprungs mit ein. Sie wird ihm in einem inneren Aufstieg des Denkens in eine Einung mit dem Einen selbst zu einer wirklichen, sein Bewußstein formenden Gegenwart. Proklos’ Intention ist es, die von Plotin her über Porphyrios, Iam¬blich, Plutarch und Syrian überkommene Theorie des Seins und des Einen in sich zu differenzieren und auszufalten. Dies führt zu einer begrifflichen Intensivierung des Zusammenhanges der Wirklichkeit im ganzen und damit zu einer Erweiterung und Verdichtung der einzelnen Dimensionen zueinander. Deshalb ist für ihn das Konzept einer vielfältig wirksamen, aktiven Vermittlung zentral. In ihm versucht Proklos, den Zusammenhang durch eine Verringerung der Differenz von Stufe zu Stufe einsichtig zu machen. Seine emphatisch geübte „Kunst des kleinen Übergangs“ entspricht der Absicht, das jeweils intensivere EinsSein in der Entfaltung ins Innere so „lange wie möglich“ festzuhalten und damit die produktive und bewahrende Kraft des Einen zu dokumentieren. Das sachlich angemessene Medium ist für ihn die Kommentierung von Platons Texten, um die platonischen Grundgedanken in ihrer differenzierten Ausformung darzustellen und sie zugleich als Impuls für deren Fortführung und Entfaltung der von ihm daraus gezogenen Konsequenzen aufzufassen. Platons genuine Philosophie entwickelt sich in dieser Tätigkeit unter komplex veränderten geschichtlichen Bedingungen zu einer neuen Philosophie, die in ihren sachlichen Grundzügen und in ihrer begrifflichen Intention durchaus platonisch ist und bleibt, aber auf neue Interessen und neue Vorgaben der WeltOrientierung zu antworten versucht.

Proklos entwickelt sein durchdachtes System in den Elementatio theologica, indem er die durch das Eine selbst in allen Dimensionen konstitutierte Wirkichkeit im Horizont einer metaphysischen Kausalität und analogisierenden Teilhabe des Einzelnen am Einen zu denken versucht. In seiner Theologia Platonis vollzieht er eine Verbindung einer metaphysischontologischen Theorie des Einen und Guten mit der religiösen und mythologischen Tradition. Beierwaltes sieht dieses Buch als „Summa“ des proklinischen Denkens, macht es doch das Ganze in der Entfaltung seiner Teile derart evident, dass auch der letzte Punkt der Entfaltung auf ihren eigenen, göttlichen Auftrag, das Eine/Gute selbst, zurückbezogen bleibt. Das Eine selbst ist mit dem GottSelbst identisch zu denken. Daher kann das Ganze des entfalteten Seins als ein theozentrisches, als vom Göttlichen durchwirkt gedacht werden. Jede Stufe des Seins und jedes Element innerhalb einer Stufe ist für Proklos jeweils ein bestimmter, mit mythologischem Namen zu benennender Gott. Für Beierwaltes wird gerade durch die mythologische Identifikation der einzelnen Seinsbereiche die Mythologie in ihrer ursprünglichen Gestalt entmythologisiert, indem sie sich dem philosophischen Begriff unterordnet.

Proklos bildete zwar das Systematische in seiner Philosophie mit starker Intensität aus. Dennoch schätzte er auch die Entfaltung der Philosophie als Lebensform. Er sieht System und Leben als eine Einheit. Sie stehen in einem gegenseitig sich bedingenden Verhält
nis: System fordert eine Umsetzung des reinen Gedankens in Leben, Leben braucht eine sinnvolle, argumentativ nachvollziehbare Be¬gründung im systematischen Denken. Der negativen, abtrennenden Verfahrensweise, die das Eine als ein „von Allem Verschiedenes“ auszugrenzen versucht, entspricht ebenso intensiv der Blick auf dessen Sein und Wirken im Denken und Leben des Einzelnen – auf das „Eine in uns“.

Im 18. Jahrhundert wurde Proklos als ab¬strakter und leerer Scholastiker dargestellt, dessen Metaphysik zudem in Irrationalismus umschlage. Insbesondere Johann Jakob Brucker hat ihn negativ dargestellt und er hatte damit eine immense Wirkung im 18. und 19. Jahrhundert. Hegel hat dem vehement widersprochen und hat das Denken des Proklos von rationalistischen Vorurteilen und dem Odium der „Schwärmerei“ weitgehend befreit. Hegel sieht in Proklos „die Spitze der neuplatonischen Philosophie“, „das Vorzüglichste und Ausgebildetste unter den Neuplatonikern“. Er entdeckt in ihm ein spekulatives Element, an das er in seinem eigenen dialektischen Denken anknüpfen kann. Er versteht dessen Philosophie als absolutes Denken, in der Negation, Gegensatz und Widerspruch in einer in sich differenzierenden, durch Denken bewegten Einheit aufgehoben sind. Allerdings verdeckt Hegel einen Grundgedanken von Proklos, nämlich den des ersten, Seinkonstituierenden Prinzips der absoluten Einheit, das in sich ohne Differenz ist. Hegels Charakterisierung ist für die Anfänge der neueren ProklosForschung maßgebend geworden. Der Topos von Pro¬klos als vollendetem Systematisierer der bisherigen neuplatonischen oder gar der griechischen Tradition schlechthin hat sich mit einigen Modifikationen bis in die Gegenwart gehalten. Seine Bewertung hingegen ist ambivalent, nicht zuletzt von persönlicher Sympathie oder Antipathie gegen „System“ überhaupt getragen.

Beierwaltes hat sich in seinem 1965 in der erster Auflage erschienenen Buch Proklos. Grundzüge seiner Metaphysik gegen die Verengung des proklinischen SystemBegrif¬fes ins Starre und Formalistische, wie es von Hegel in gewissen Grenzen inspiriert wurde, gewehrt und die Methode des Proklos als eine Metaphysische einsichtig gemacht. Er sieht sie in intensivster Verbindung zum Ganzen ihres Gegenstandsbereichs, zu ihrer „Sache“ und sieht gerade darin ihren Wahrheitsanspruch. Einen SystemWillen sieht er bei Proklos sowohl in dem differenzierten Entwurf einer in sich bezogenen, in dem Einen selbst zentrierten Totalität als auch im systematischen Durchdenken vor allem der platonischneuplatonischen und der als uralte „Offenbarung“ erscheinenden religiösen Überzeugung. Systematisch ist für Beierwaltes der umfassende, die „Totalität des Wissens“ oder Wissbaren intendierende Charakter der philosophischen Theorie, die Evidenz eines begründeten Zusammenhanges alles Gedachten.

Proklos’ Absicht, die Gesamtheit des Wissens von verschiedenen Seiten her zu reflektieren, heißt für ihn: Logik und Ethik (mit Politik), Physik und Mathematik, Metaphysik oder Theologie bis hin zur „Epopteia“, der Schau des Gesamten zu vermitteln.
Proklos unterscheidet drei Formen des Guten. Die erste realisiert sich in uns im Sinne eigener Tätigkeit des Menschen als Lust und praktische Einsicht oder gar als reines Denken. Die zweite Form ist das Gute als Idee, als das Sein des Guten oder das seiende Gute. Die dritte Form ist das reine, einfachhin, schlechterdings Gute. Dieses ist absolut transzendent gegenüber allem Anderen, das aus ihm entspringt oder durch es gegründet ist. Das Gute ist mit dem Einen als unmittelbare Einheit des Ersten Ursprungs identisch.




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