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FORSCHUNG

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Mittelalter: 14. Jahrhundert

Loris Sturleses Forschungen zum 14. Jahrhundert

Ein neues Paradigma für das 14. Jahrhundert

Dass es zur Zeit von Meister Eckhart ein vielfältigeres philosophisches Leben in Deutschland gab, als man bisher angenommen hatte, diese Erkenntnis ist insbesondere den Forschungen des an der Universität von Lecce (Italien) lehrenden Loris Sturlese zu verdanken. Diese und die Publikation der opera omnia Dietrichs von Freibergs hat der Forschung nicht nur „einen Schlüssel zum Werk Meister Eckharts“ (Kurt Flasch) in die Hand gegeben, sondern auch eine philosophische Persönlichkeit ersten Ranges entdeckt. Die Arbeit der Editoren, die die Diskussion zwischen Dietrich und Eckhart, Johannes Picardi von Lichtenberg und Nikolaus von Straßburg dokumentiert, zeige eine Dichte der intertextuellen Bezüge, die wie ein Netz Albert den Großen, Ulrich von Straßburg und Dietrich von Freiberg verbinden.

Loris Sturlese hatte seine Forschungen zu Meister Eckhart seinerzeit in dem Bewusstsein begonnen, die EckhartForschung sei durch eine philosophiehistorische Makrologie ohne philosophische Basis und durch eine nicht über ihr Objekt philosophisch reflektierende Philologie in eine Sackgasse geraten. Der Bezug auf den heiligen Thomas von Aquin war derart stark, dass nicht minder wichtige Quellen wie Albert der Grosse übergangen wurden. Denker der Meister EckhartSchule waren zwar bekannt, aber man verbreitete über sie vor allem Stereotype ohne heuristischen Wert, und schwierige Interpretationsfragen wurden mit dem Verweis auf die Unaussprechbarkeit der Botschaft Eckharts „des Mystikers“ beantwortet. Sturlese hat mit seinem Interesse für mikrologische Diskurse und einer radikal historisie¬renden Methode unser Wissen über die damalige Philosophie in Deutschland auf eine neue Basis gestellt. Seine an verschiedenen Orten erschienenen Aufsätze über intellektuelle Verbindungen dieser Zeit sind nun in dem Buch

Sturlese, Loris: Homo divinus. Philosophische Projekte in Deutschland zwischen Meister Eckhart und Heinrich Seuse. 263 S., kt., € 38.—, 2007, Kohlhammer, Stuttgart

zusammengestellt. Es zeigt das Bild einer weitreichenden philosophischen Debatte, an der die besten spekulativen Köpfe Deutschlands in dem Jahrhundert zwischen der Gründung des Studium generale in Köln durch Albert und dem Tode Seuses und Bertolds von Moosburg teilnahmen.

Jakob Brucker hatte in seiner Philosophiegeschichte von 1743 die Philosophie Alberts des Großen als „aristotelischscholastische Philosophie“ charakterisiert, und dies prägte die AlbertForschung: Albert der Große wurde in erster Linie als Lehrer des Thomas von Aquin gesehen. Diese Einschätzung verhinderte, dass man der spezifischen Einwirkung Alberts auf die deutsche philosophische Kultur des Mittelalters nachging. Die philosophischen Aktivitäten, die drei Generationen von AlbertSchülern in seinem Namen in Deutschland unternahmen, wurden von der durch den Thomismus inspirierten philosophischen Mittelalterforschung schlicht ignoriert. So blieben denn Philosophen wie Dietrich von Freiberg, Johannes Picardi, Berthold von Moosburg, Heinrich von Lübeck oder Hartmann von Augsburg so gut wie unbekannt. Seit Anfang der 1980er Jahre hat sich die Situation aber verändert, als man mit der Veröffentlichung der Texte dieser Autoren begann. Die genannten Philosophen zeigen sich als selbständige Autoren des frühen Mittelalters:

Dietrich von Freiberg nahm die wichtigsten neuplatonischen Motive Alberts auf: die Intellektspekulation, die Intelligenzenlehre, die Lehre von der Natürlichkeit der Gottesschau, die Emanation. Was bei Eckhart im Hintergrund bleibt, wird bei Dietrich klar: die Unvereinbarkeit des ursprünglichen Denkens Alberts mit dem Schulthomismus, der zu dieser Zeit aus Paris kam. Dietrich war es auch, der die Schriften des Proklos in Deutschland einführte – er war damit der Wegbereiter ihres Erfolgs. Für Dietrich bildete Proklos zusammen mit Aristoteles und Platon den Ternar der „primi et praecipui philosophi“. Insofern kann man von einem „Proklismus“ Dietrichs sprechen. Dietrich verbreitete zusammen mit Eckart seine Philosophie des Intellekts bis in die Nonnenklöster hinein. Die gemäßigteren und die

thomistisch orientierten Dominikaner reagierten mit einer heftigen Polemik, und sie hatten die Studienorganisation der deutschen Predigerprovinz fest in ihren Händen. 1311 verabschiedete das Konzil von Vienne einen Beschluss, der die Position des thomistischen Flügels bekräftigte. Und als sich Eckhart in diesen Jahren mit der Beginenspiritualität zu beschäftigen begann, nahm auch die Opposition gegen ihn zu.

Berthold von Moosburg war nie ein populärer Autor. Von seinem Meisterwerk, einem riesigen ProklosKommentar, sind nur zwei Handschriften bekannt. Weder wurde er mit der Doktorwürde noch mit der Provinzleitung ausgezeichnet. Auch als Prediger hat er sich keinen Ruf verschaffen können. Er hat stillschweigend auf das Werk Dietrichs rekurriert. Dabei hat er weite Passagen übernommen und ihre theoretischen Gehalte zu seiner eigenen Philosophie gemacht. Im Gegensatz zur damals gängigen aristotelisierenden Deutung der Geschichte im Sinne des Thomas als eines langsamen Fortschritts sah Berthold ein fortlaufendes SichEntfernen von der ursprünglichen Wahrheit. Mit dem Rückgriff auf Proklos vollzog er die Restauration der verlorenen und nun wiedergefundenen Wahrheit. Für Berthold ist das „unum“ das begründende dynamische Prinzip eines jeden Wesens und damit seines SeinKön¬nens und seines Seins, seines Lebens, seiner Materialisierung – ein Denkmodell, das man Mystik nennen kann und das nichts mit der Schulphilosophie der damaligen Zeit zu tun hat. Berthold führte denn auch polemische Angriffe insbesondere gegen die Thomisten. Ob ihm ein Platz in der Geschichte der abendländischen Mystik gebührt – für Sturlese ist dies eine schwer zu entscheidende Frage.

Zwei konkurrierende AlbertDeutungen prägen das 14. Jahrhundert

Johannes Picardi einerseits, Dietrich und Eckhart andererseits waren die Begründer zweier divergierender AlbertDeutungen, die in den folgenden Jahrzehnten noch deutlichere Umrisse erhielten. Picardis Operation bestand darin, Albert als Wissenschaftler zu stilisieren. Er lehnte die bei Albert festgestellten neuplatonischen und hermetischen Motive ab und untermauerte die naturwissenschaftliche Autorität Alberts durch die Lehren des Thomas von Aquin. Die Interpreta¬tion Picardis machte Schule bei den deutschen Dominikanern, denn er kam damit einer allgemeinen Neigung der europäischen Scholastik nach. Allerdings wurde die Autorität dieser Interpretation durch die alternative AlbertInterpretation erschwert. Diese hielt sich an den neuplatonischen und hermetischen Albert. Die von diesem noch unsyste¬matisch verwerteten neuplatonischen Themen wurden nun durch die Rezeption des Neuplatonikers Proklos vertieft – zu keiner Zeit im Mittelalter hatte Proklos eine höhere Autorität als bei Berthold von Moosburg und Tauler. Ersterer versuchte mit seinem ersten und einzigen ProklosKommentar des Mittelalters auf die patristischen und heidnischen Ursprünge der neuplatonischen Tradition zurückzugehen. Dietrich von Freiberg und Eckhart hatten eine Möglichkeit gezeigt, die hermetische Theologie und Anthropologie mit der Metaphysik des Proklos zu ver¬einigen. Damit hatten sie die Grundlage geschaffen für eine Erneuerung der nunmehr veralteten Synthese Alberts. Berthold von Moosburg und Tauler führten dieses Unternehmen zu seinen radikalsten Ergebnissen. Damit zwangen sie die ganze deutsche Tradition der AlbertAuslegung zu einer Entscheidung.

Für Sturlese war die deutsche philosophische Kultur des 14. Jahrhunderts durch die Debatte um die richtige AlbertAuslegung gespalten. Niemand, der in dieser Zeit in Deutschland Philosophie studieren wollte, konnte darauf verzichten, sich mit Albert auseinanderzusetzen. Aus den zwei verschiedenen Deutungen wurden unterschiedliche philosophische Parteien.

Es waren die Dominikaner, die das obere und mittlere Bildungswesen in Deutschland in dieser Zeit prägten, die diese Auseinandersetzung führten. Die Entwicklung eines autonomen philosophischen Lebens in

Deutschland fällt dann Sturlese zufolge auch mit der Entwicklung der deutschen Dominikanerphilosophie zusammen. Diese hatten ihre Dreh und Angelpunkt im Kölner Studium generale. Das bedeutet, dass Entwicklungen, Entscheidungen, Vorfälle und Ereignisse im Kölner Studíum unmittelbare Auswirkungen auf die Bildung und auf das Denken in ganz Deutschland hatten. Hinzu kommt, dass der Dominikanerkonvent in Köln im zweiten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts der Schauplatz der Predigertätigkeit Eckharts und der Streitigkeiten war, die zum Inquisitionsprozess gegen ihn führten. Der Fall Eckhart war denn auch ein weittragendes Moment im intellektuellen Leben ganz Deutschlands. Der Prozess begann im September 1326 auf Grund einer Häresieanzeige, die zwei Dominikaner beim Erzbischof erstattet hatten und bei dem es in der ersten Prozessphase um Eckharts Rechtgläubigkeit ging.

Kontinuität in der Intellektphilosophie

Sturlese sieht eine grundsätzliche Kontinuität zwischen Albert, Dietrich und Eckhart. Sie liegt darin, dass diese drei Denker eine Intellektspekulation entwickelt haben, die das Thema der Ähnlichkeit von göttlicher und menschlicher Vernunft bis zur Identität beinhaltet. Damit wurde das Theologumenon der Gottesebenbildlichkeit des Menschen zur philosophischen Idee, dass die Präsenz Gottes in der Seele das natürliche Grund und Wesensprinzip des Menschen ist. Am Ende dieses spekulativen Weges stand die Möglichkeit, die Würde des Menschen in diesem Prinzip ontologisch zu verankern – was Eckhart denn auch tat.

Das Ende der deutschen Mystik

Ein Kreis von EckhartSchülern, alles Dominikaner, bemühte sich um das Werk des Meisters, selbst noch als der Papst Johannes II. Eckhart in einer Bulle verurteilt hatte.
Diese Dominikaner wurden in Köln toleriert. Sie durften im Schatten des Studium generale, des geistigen Mittelpunktes Deutschlands, ihre Tätigkeit ausüben. Sie bildeten das letzte Gewissen der Provinz, die bis zur Verurteilung Eckharts in geschlossener Reihe hinter ihm gestanden hatte. Dazu gehörte Berthold, der ab 1316 an der Universität Oxford studiert hatte, 1327 Lektor in Regensburg geworden und ab 1335 in Köln tätig war. Er gehörte zur geistigen Elite des Ordens, und wer seine Werke gelesen hat, kann über seine Berufung nur staunen. Denn er war ein Schüler Dietrichs von Freibergs, und Dietrich bedeutete damals Widerstand gegen Thomas von Aquin und geistige Nähe zu Eckhart. Dietrich hatte denn auch einen entscheidenden Einfluss auf das Denken Bertholds ausgeübt. Bertholds Strategie bestand darin, durch den Rückgriff auf die Philosophie Dietrich von Freibergs und durch ihre Einbettung in den denkgeschichtlichen Kontext der platonischen Tradition die spekulativen Instanzen Eckharts weiterzuführen Dies ist für Sturlese die historische Bedeutung seines großen ProklosKommentars.

Heinrich von Seuse

Berthold stand aber nicht allein. Allerdings konnte die Forschung bislang nur vage Spuren vom Kreis seiner Anhänger finden. So gelang es Berthold, Johannes Tauler für sich zu gewinnen. Er war zwar nicht Mitglied dieses engeren Kreises, aber er war von den Ideen Bertholds stark beeinflusst. Einig war er mit ihm in der Ablehnung der Bildlehre des Thomas, der Auffassung, die Gottesebenbildlichkeit der Seele bestehe in der aktuellen Entfaltung ihrer Seelenvermögen (Gedächtnis, Verstand und Wille) und der Hochschätzung des Proklos und der heidnischen Weisheit. Seuse bekannte sich öffentlich zur Linie „AlbertDietrichEckhart“ und zur ProklosAuslegung Bertholds. Allerdings scheiterte Bertholds Unternehmen an der Opposition der Thomisten und an der Kooperationsverweigerung der orthodoxen Eckhartisten. Damit war die intellektuelle Basis der Dominikaner gespalten; es fehlte ihr an der Geschlossenheit, einen neuen Weg einzuschlagen.

Ein bitteres Schicksal ereilte den um 1295 in Konstanz geborenen Heinrich Seuse, den
vielversprechendsten Schüler Meister Eckharts. Er musste die mutige Entscheidung, für die Ideen seines Lehrers durch das Buch der Wahrheit einzutreten, zweimal teuer bezahlen. Ein erstes Mal unmittelbar nach der Veröffentlichung, als er seine wissenschaftliche Karriere aufgeben musste. Und ein zweites Mal, als die Forschung den spekulativen Charakter seiner Schrift verkannte und ihre Brisanz bagatellisierte, indem sie dem Verfasser „holde Naivität“ bescheinigte. Sturlese zufolge enthält die Schrift eine chiffrierte und schwer interpretierbare Auseinandersetzung mit Meister Eckhart. Es fehlt eine moderne Textausgabe, diejenige von Denifle ist veraltet und enthält tendenziöse Anmerkungen. Für Sturlese ist Seuse zu Unrecht für Philosophiehistoriker kein Thema. Denn das Buch der Wahrheit ist eine philosophische Abhandlung.

Berthold war der letzte deutsche Dominikaner, der wie Dietrich und Eckhart, zugleich „Lesemeister“ und „Lebemeister“ sein wollte. Mit seinem Tod ging die Zeit der „deutschen Mystik“ zu Ende.




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