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Markus Rüther :
Searle, John

Zu finden in: Heft 4/2010


John Rogers Searle gehört zu den herausragendsten Gestalten der neueren analytischen Philosophiegeschichte. 1932 in Denver geboren, studierte er zunächst an der Universität Wisconsin, um dann als Rhodes Scholar an die Universität von Oxford zu wechseln. Dabei besuchte er Veranstaltungen von John Austin und Peter Strawson, ehe er als Research Lecturer des Christ Church College 1959 seinen PhD erwarb. Im gleichen Jahr wurde Searle mit nicht einmal 30 Jahren als Professor an die renommierte Universität Berkeley in Kalifornien berufen. Der philosophischen Fakultät gehört er noch heute an, also seit mittlerweile über 50 Jahren.

Aus binnenphilosophischer Sicht gehört sicher zu den eindrucksvollsten Merkmalen seines Oeuvres, dass Searle in nahezu allen Bereichen der theoretischen Philsophie ebenso originelle wie wirkmächtige Beiträge publiziert hat. Auf bedeutende sprachphilosophische Arbeiten wie Speech Acts und Expression and Meaning folgten mit Intentionality und The Rediscovery of the Mind zwei wichtige Monographien zur Philosophie des Geistes. Schließlich erschienen mit The Construction of Social Reality und seinem neuesten Werk Making the Social World viel beachtete Beiträge zur Sozialontologie. Neben der großen thematischen Breite sind es unter anderem die gedankliche Orientierung am Common Sense, die klare und verständliche Form der Darstellung sowie die häufig innovativen Lösungsvorschläge traditioneller Probleme der Philosophie, die seinen Werken auch über die Fachgrenzen hinaus zu einer breiten Rezeption verhelfen.

Searle ist nicht nur ein Philosoph für Philosophen. In der Sprachphilosophie haben seine Theorien bereits den Weg in die Lehrbücher der Linguisten gefunden, mit seinen Ergebnissen in der Philosophie des Geistes sind heutige Informatiker und Neurowissenschaftler vertraut, und sein Werk zur Sozialontologie gehört bereits zu einer kontrovers diskutierten Grundlagentheorie innerhalb der Soziologie. Dies mag umso mehr verwundern, als sein besonderer Schreibstil auf manche Leser provokativ oder nicht selten sogar anmaßend wirken kann. Häufig erscheint es so, als ob jede philosophische Debatte zuallererst mit der Einführung der Searle’schen Position beginnt.

Sein Mut zu herausfordernden Thesen, der oftmals gepaart mit einem rhetorisch brillanten und direkten (manchmal regelrecht konfrontationssuchenden) Auftreten in Verbindung steht, zeigt sich aber nicht allein in seinen philosophischen Texten, sondern auch in seinem Engagement in öffentlichen Debatten. So ist Searle einer breiten Öffentlichkeit vor allem durch seine unterstützende Haltung bezüglich der Studentenproteste in den sechziger Jahren, seine Partizipation am Free-Speech-Movement und seinem Engagement als Chairman des Academic Freedom Committee der Universität von Kalifornien bekannt. Auch in diesem Zusammenhang hat Searle stets betont, was als eines seiner Leitmotive angesehen werden kann, dass intellektuelle Redlichkeit vor autoritären Gehorsam gestellt werden muss und mithin systematisches Argumentieren höher zu bewerten ist als dogmatisches Vertrauen in Autoritäten.

Sprachphilosophie

Das frühe Werk John Searles, das einen wichtigen Beitrag zu seinem Ansehen als Philosoph begründete, setzt sich im Kern mit der in den 60er Jahren aufkommenden Sprechakttheorie auseinander.
Die Grundidee der Sprechakttheorie besteht darin, die Aufmerksamkeit bei der Analyse von Sprache auf ihre vielfältigen Verwendungsweisen, die sogenannten Sprechakte, zu lenken. Denn tatsächlich können wir mit sprachlichen Äußerungen eine ganze Reihe von Handlungen ausführen: So können wir Sprache verwenden, um zum Beispiel Behauptungen aufzustellen, Geschichten zu erzählen, eine wichtige Nachricht mitzuteilen, einen Wunsch oder eine bestimmte Haltung auszudrücken, Befehle oder Appelle zu übermitteln, Versprechen zu geben oder jemanden zum Präsidenten zu erklären. Eine der Hauptaufgaben der Sprechakttheorie besteht nun darin, eine systematische Klassifikation der verschiedenen Sprachhandlungen aufzustellen und ihre wesentlichen Unterschiede herauszuarbeiten.

Klassischerweise wird das Jahr 1955 als Geburtsjahr der Sprechakttheorie betrachtet, in dem John Austin an der Harvard-Universität eine Vorlesungsreihe mit dem Titel How to Do Things with Words hielt. Sie wurde posthum im Jahre 1961 veröffentlicht und bildet einen wichtigen systematischen „Steinbruch“ für die weitere Ausgestaltung des Ansatzes in den Folgejahren. So übernimmt etwa auch Searle in seinem sprachphilosophischen Hauptwerk Speech Acts (1969) das Austin’sche Motto: „by saying something, we do something", und legt eine differenzierte Klassifikation von Sprechakten vor. Eine für seine weitere philosophische Theorienbildung wichtige Weichenstellung betrifft die Unterscheidung zwischen der illokutionären Kraft („illocutionary force“) und des propositionalen Gehalts („propositional content“) einer Äußerung. Um genauer auszuführen, worum es sich bei dieser Distinktion handelt, führt Searle vier Beispiele an:

(1) Sam raucht gewohnheitsmäßig.
(2) Raucht Sam gewohnheitsmäßig?
(3) Sam, rauche gewohnheitsmäßig!
(4) Würde Sam doch gewohnheitsmäßig rauchen!

Es ist offensichtlich, dass der Sachverhalt, dass Sam gewohnheitsmäßig raucht, in jedem Satz eine gewisse Rolle spielt. Etwas technischer formuliert: Den Beispielsätzen ist gemeinsam, dass in ihnen – in der Formulierung Searles – der analoge propositionale Gehalt ausgedrückt wird. Die mit dem Satz ausgedrückte Proposition gibt den Sachverhalt an, von dem die sprachliche Äußerung handelt. In diesem Fall die Information, dass Sam gewohnheitsmäßig raucht. Wichtig zu beachten ist jedoch, dass der propositionale Inhalt des Satzes alleine noch keine Individuierung des Sprechaktes ermöglicht. Denn es handelt sich bei den Sprechakten (1)-(4) um Sätze mit dem gleichen propositionalen Gehalt, aber – und dies ist entscheidend – mit offensichtlich unterschiedlichen Bedeutungen. Vielmehr muss man den Zweck der primären Gebrauchsweise erfassen, um den Witz der Äußerung angemessen zu verstehen. Im ersten Satz wird behauptet, in den folgenden gefragt, befohlen und gewünscht. Searle nennt diese praktische Funktion einer sprachlichen Äußerung, die illokutionäre Kraft eines Sprechaktes.

Philosophie des Geistes

Nachdem sich Searle eine Zeitlang mit Problemen der Sprachphilosophie befasst hatte, wandte er sich zu Beginn der achtziger Jahre der Philosophie des Geistes zu. Wie aber lässt sich dieser Übergang theorieimmanent erklären? Folgt man Searles eigenen Angaben, bilden seine Überlegungen zum Begriff der Intentionalität den geeigneten Bezugspunkt für die Verbindung seiner Sprachphilosophie mit der Philosophie des Geistes. Traditionellerweise wird der Begriff „Intentionalität“ – so wie er in den gegenwärtigen Debatten verwendet wird – auf Franz Brentano zurückgeführt. Brentano definierte „Intentionalität“ als das Merkmal der Gerichtetheit von mentalen Zuständen (im Englischen auch als „directedness“ oder „aboutness“ bezeichnet). Mentale Zustände, die Intentionalität aufweisen, sind typischerweise auf mögliche Sachverhalte in der Welt bezogen. Auch in Sprechakten, so Searle, spielt Intentionalität eine zentrale Rolle: So ist ihm zufolge die intentionale Bezugnahme der Kommunikationsteilnehmer auf mögliche Sachverhalte eine konstitutive Bedingung dafür, dass sprachlichen Aussagen überhaupt eine Bedeutung zukommt. Fehlt diese, werden Äußerungen zu bloßen physikalischen Schallwellen herabgestuft. Dieser Grundidee folgend rückt Searle das Phänomen der Intentionalität in seinem Werk Intentionality. An Essay in the Philosophy of Mind (1983) in den Fokus der Aufmerksamkeit. In diesem Zusammenhang unterscheidet er in Anlehnung an eine Differenzierung von Elizabeth Anscombe zwei unterschiedliche Arten der intentionalen Ausrichtung mentaler Zustände („directions of fit“), die für seine weitere Theorienbildung wegweisend waren. Die erste Variante charakterisiert er als die Geist-auf-Welt-Ausrichtung mentaler Zustände. Als Musterbeispiel hierfür nennt Searle etwa den mentalen Zustand der Glaubensannahme („belief“). Der Zweck eines solchen mentalen Zustandes bestehe darin, seinen Inhalt – um diese Metapher wieder aufzunehmen – auf die Welt auszurichten. Was aber sind die Erfolgsbedingungen („conditions of satisfaction“) für den Abgleich des Inhaltes eines mentalen Zustandes mit der Realität? Im Fall eines mentalen Zustandes wie der Glaubensannahme fällt die Antwort, so Searle, eindeutig aus: So ist die Aussage: „John kaufte zwei Schokoriegel“ genau dann erfolgreich und hat ihren Zweck erfüllt, wenn sie wahr ist, sprich: wenn John tatsächlich zwei Schokoriegel gekauft hat. Sollte sich hingegen herausstellen, dann die Annahme nicht mit der Realität übereinstimmt, John demnach keine zwei Schokoriegel gekauft hat, ist sie falsch.
Demgegenüber steht die zweite Variante der intentionalen Ausrichtung mentaler Zustände, die Searle als eine Welt-auf-Geist-Ausrichtung beschreibt. Für diesen Fall nennt Searle etwa den Fall der Wünsche („desires“) und Intentionen („intentions“). Das Ziel solcher und vergleichbarer mentalen Zustände besteht nicht darin, uns Informationen über die Welt zu liefern, sondern vielmehr die Realität entsprechend ihres Inhalts anzupassen. So hat die sprachliche Äußerung des Wunsches „John, kaufe bitte zwei Schokoladenriegel“ seinen Zweck genau dann erfüllt, wenn er erfüllt ist, demnach John tatsächlich zwei Schokoladenriegel gekauft hat. Umgekehrt ist der Wunsch nicht erfüllt, wenn John eben keine zwei Schokoladenriegel gekauft hat. Anders als etwa im Fall der Glaubensannahme geht es im Fall von Wünschen nicht darum, uns Informationen zu vermitteln, sondern sie in einer bestimmten Weise zu verändern.

Künstliche Intelligenz

Ausgehend von diesen Grundbestimmungen intentionaler Zustände wendet sich Searle unter anderem angewandten Themenkomplexen zu, wie der Frage nach den Implikationen seines eigenen Ansatzes für die Forschungen über künstliche Intelligenz: Kann einem Computer in gleicher Weise Denken zugesprochen werden wie einem Menschen? Während einige Vertreter der Künstlichen Intelligenz (KI, englisch „Artificial Intelligence“ oder auch „AI“) die prinzipielle Möglichkeit in Aussicht stellen, diese Frage zu bejahen, vertritt Searle eine dezidiert negative These. Seine Skepsis beruht dabei im Wesentlichen auf der Überlegung, dass Computer die für das Denken vorausgesetzte Intentionalität mentaler Zustände aus strukturellen Gründen nicht besitzen können.
Um diese Behauptung zu stützen, entwirft Searle das sogenannte Chinesische-Zimmer-Gedankenexperiment, das zweifelsohne zu den kontrovers debattierten Gedankenexperimenten der jüngeren analytischen Philosophie zu zählen ist. Searle präsentierte es erstmals in seinem Aufsatz Minds, Brains, and Programs (1980). Dennoch lassen sich im Laufe der Jahre immer wieder modifizierte und zum Teil variierende Versionen dieses Gedankenexperiments ausmachen, die sicherlich auch durch die scheinbar immer weiter anschwellende Flut an Kommentaren motiviert wurden.

Traditionell wird das Gedankenexperiment wie folgt wiedergegeben: Eine Person sitzt inmitten einer großen Bibliothek und bekommt Zettel mit chinesischen Schriftzeichen durch einen Schlitz von außen hineingereicht. Zwar versteht die Person kein Chinesisch, allerdings stehen in den Büchern der Bibliothek syntaktische Transformationsregeln. Die Person sucht in den Büchern nach der Zeichenfolge auf dem Zettel und schreibt die neue, im Buch angegebene Zeichenfolge auf einen neuen Zettel auf. Diesen gibt sie nun aus der Bibliothek heraus. Für einen chinesischen Beobachter außerhalb der Bibliothek entsteht so der Eindruck einer gelungenen Kommunikation: Auf Zetteln, die in die Bibliothek gereicht werden, stehen chinesische Sätze, zum Beispiel Fragen. Auf den Zetteln, die aus der Bibliothek gereicht werden, stehen ebenfalls chinesische Sätze, die Antworten auf die Fragen. Dennoch, und darin besteht die Searle’sche Pointe, gehen wir im Normalfall nicht davon aus, dass die Person chinesisch versteht. Sie transformiert lediglich Zeichenfolgen nach gegebenen syntaktischen Regeln (hier: Transformationsregeln aus Büchern) in neue Zeichenfolgen, weiß aber nicht – anders als ein chinesischer Muttersprachler – was diese Zeichen bedeuten. Wir können also nicht davon ausgehen, dass die Person intentionale Zustände mit einem semantischen Gehalt aufweist. Sie befolgt die Regeln schlicht mechanisch. Searle setzt nun die Abläufe in der Bibliothek in Analogie zur Funktionsweise eines Computers. Denn entsprechend zur Person in der Bibliothek bearbeitet auch ein Computer die gegebenen Zeichen nach zuvor festgelegten syntaktischen Regeln. Daraus folgert Searle, dass analog zur Person in der Bibliothek auch Computer aufgrund ihrer Ausgangsbeschaffenheit, ein nach syntaktischen Regeln operierendes System zu sein, keine intentionalen mentalen Zustände aufweisen. Oder bezogen auf die Ausgangsfrage: Es ist prinzipiell ausgeschlossen, dass Computer denken können.

Biologischer Naturalismus

Infolge seiner Arbeiten zur Intentionalität hat sich Searle auch zunehmend um eine allgemeine Theorie des Bewusstseins bemüht. Er sieht sich selbst in der Tradition eines biologischen Naturalismus, dessen Grundstruktur er unter anderem in The Rediscovery of the Mind (1992) ausarbeitet. Klar ist, so Searle, dass es sich beim Bewusstsein eines Lebewesens um ein biologisches, durch neuronale Prozesse verursachtes Phänomen handelt. Zugleich lehnt Searle jedoch eine reduktionistische Position ab, die behauptet, dass Phänomene wie Intentionalität, Subjektivität und die qualitative Erlebnisperspektive durch eine naturwissenschaftliche Beschreibung erfasst werden können. Wie lassen sich aber beide Auffassungen kohärent zusammenbringen? Searles Lösung besteht darin, eine Unterscheidung im Reduktionsbegriff vorzunehmen. Bewusstsein ist eine höherstufige Eigenschaft komplexer biologischer Systeme, die durch biologische Zustände verursacht wird und mithin kausal reduzierbar ist. Dennoch handelt es sich – und darin besteht der springende Punkt seiner Position – bei mentalen Zuständen nicht um Prozesse, die mit neuronalen Zuständen ontologisch identisch sind. Analog etwa zu einzelnen H2O-Molekülen, die einerseits kausal für die Systemeigenschaft von Wasser „flüssig“ und „nass“ verantwortlich sind, aber selbst wiederum nicht diese Eigenschaften haben, so ist auch das Bewusstsein eine durch neuronale Prozesse verursachte Systemeigenschaft, deren distinktive Merkmale „Intentionalität“, „Erlebnisqualität“ und „Subjektivität“ jedoch nicht mit einem spezifischen Neuron identisch sind. „Sie können nicht auf ein einzelnes Neuron zeigen und sagen: ,Dieses hier ist bewusst‘, so wie Sie auch nicht auf ein einzelnes Wassermolekül zeigen und sagen können: ,Dieses hier ist nass.‘“ Derartige Äußerungen weisen Searle als Vertreter einer emergenztheoretischen Auffassung des Bewusstseins aus. Es liegt auf der Hand, dass eine derartige Position besonders für Philosophen attraktiv erscheint, die sowohl Dualismus als auch Naturalismus vermeiden wollen. Der biologische Naturalismus verspricht zum einen eine Vermeidung einer unnötigen Dopplung der Realität: Es existiert nur eine, durch die Naturwissenschaften erfassbare Wirklichkeit. Zum anderen scheint es dieser Position zu gelingen, die signifikante Merkmale mentaler Zustände in ihrer Eigenständigkeit zu bewahren: Sie können ipso facto nicht auf neuronale und biologische Prozesse ontologisch reduziert werden.

Soziale Realität

Im Anschluss an seine Arbeiten zur Sprachphilosophie und zur Philosophie des Geistes wendet sich Searle Mitte der neunziger Jahre verstärkt sozialontologischen Themen zu. In The Construction of Social Reality (1995) stellt er sich die grundlegende Frage nach einer Erklärung für die unterliegende Struktur und Entstehungsweise verschiedener sozialer Phänomene wie Geld, Eigentum, Regierungswahlen, Football, Heirat und Cocktailpartys. Eine Grundidee von Elizabeth Anscombes Aufsatz On Brute Facts (1959) aufnehmend, unterscheidet er zwischen „brute facts“, die eine zeitlose und unkonventionelle Geltung beanspruchen können (z. B. die Höhe eines Berges) und „institutionellen Tatsachen“, die auf die konventionalisierte Akzeptanz einer spezifischen Gruppe oder Gemeinschaft angewiesen sind (z. B. die Regeln für ein Baseballspiel). Searle argumentiert nun, dass es sich bei sozialen Phänomenen häufig um institutionelle Tatsachen handelt. Ein wesentliches Merkmal dieser Klasse von Tatsachen ist, dass sie ihren Status nicht aufgrund ihrer physischen Beschaffenheit innehaben, sondern aufgrund der kollektiven Akzeptanz ihrer spezifischen Funktion durch eine Gemeinschaft sowie der damit verbundenen Rechte und Pflichten. Ein Stück Papier wird nicht aufgrund seiner physikalischen Zusammensetzung zu einem Zehn-Dollar-Schein, sondern aufgrund dessen Anerkennung als Zahlungsmittel durch eine Gemeinschaft. Mit dieser sozialen Anerkennung hat der Besitzer im Weiteren das Recht, den Geldschein gegen Waren einzutauschen und der Verkäufer die Pflicht, dieses Papierstück als Zahlungsmittel zu akzeptieren.

Folgt man Searle, dann lässt sich die systematische Grundstruktur der sozialen Realität in eine einfache Formel bringen: „,x‘ counts in ,z‘ as ,y‘“. Ein bestimmtes Ereignis, ein Gegenstand oder eine Handlung („x“) gilt in einer Gruppe, Gesellschaft, Kultur („z“) als ein institutionelles Faktum („y“), was wiederum mit bestimmten Rechten und Pflichten verbunden ist. Dies hält Searle für die zentrale Grundstruktur der sozialen Realität („ […] that glue that holds society together.“). Wie aber funktioniert der Initiierungsprozess dieser institutionellen Tatsachen? Auch dies bleibt für Searle kein Geheimnis. Soziale Phänomene wie Geld, Heirat oder die Regeln eines Baseballspiels werden von Sprache, genauer: von Sprechakten kreiert, denen wiederum intentionale mentale Zustände zugrunde liegen. Seine Sprachphilosophie und Philosophie des Geistes sind somit unmittelbar mit seinen Untersuchungen in der Sozialontologie verbunden. Insbesondere in seiner neuesten Studie Making the Social World (2010) geht er in besonderem Maße auf den Entstehungsprozess institutioneller Tatsachen ein. Folgt man Searle, dann handelt es sich bei sprachlichen Deklarationen um genau den Sprechakt, der institutionelle Fakten erschafft. Anders als etwa bei Sprachhandlungen wie Behaupten, Fragen, Befehlen und Wünschen, handelt es sich bei den Deklarationen um sprachliche Akte, die nicht eine, sondern beide intentionale Ausrichtungen aufweisen. Sie besitzen sowohl die Geist-auf-Welt-Ausrichtung als auch die Welt-auf-Geist-Ausrichtung mentaler Zustände. Denn durch deklarative Sprechakte wie: „Ich erkläre euch zu Mann und Frau“, „Ich ernenne dich zum König“ oder „Ich taufe dich auf den Namen Peter“ wird zum einen eine Information über das Bestehen eines Sachverhalts gegeben. Gleichzeitig wird zum anderen aber auch durch die Äußerung des Inhalts des Sprechaktes die Welt auf eine bestimmte Weise verändert. Kurzum: Deklarationen verändern die Welt durch die Aussage, dass dies oder jenes der Fall ist. Damit ist für Searle der entscheidende Ausgangspunkt für die Erschaffung der sozialen Realität benannt. Durch deklarative Sprechakte sind wir fähig, institutionelle Fakten zu schaffen, die uns zugleich mit normativen Implikationen (d. h. Rechte und Pflichten) ausstatten.

Aufgrund dieser Konstruktionsleistung – und diesen Aspekt betont er wiederholt – gestatten uns Deklarationen eine deutliche Ausweitung unseres Handlungsspielraums – ohne Sprache gäbe es schlechterdings kein Geld, keine Heirat, kein Baseballspiel und keine Cocktailpartys.

Searle und die Aufklärungsvision

Searle ist dafür bekannt, dass er sich nicht scheut, den philosophischen Mainstream zu kritisieren. Insbesondere seine prominente Generalkritik an den gegenwärtig viel rezipierten Ansätzen von Wittgenstein, Kuhn oder Derrida ist an dieser Stelle zu nennen. Oftmals ist es jedoch nicht leicht, den sachlichen Kern der Debatte zu rekonstruieren und die strukturellen Differenzen der Positionen offenzulegen. Folgt man jedoch Searles eigenen Angaben, dann scheint es zumindest eine wesentliche Annahme zu geben, die ihn von den vorgenannten Philosophen unterscheidet: „I accept the Enlightenment vision. I think that the universe exists quite independently of our minds and that, within the limits set by our evolutionary endowments, we can come to comprehend nature.”

Er scheint sich damit, anders als viele seiner Zeitgenossen, durch eine antiskeptische Haltung im Hinblick auf die Erkenntnismöglichkeit der Wirklichkeit auszuzeichnen. Im Ergebnis, und dies hat Searle mehrfach betont, ist sein Werk damit auch ein Stück reaktionär: Es wendet sich gegen die gegenwärtig einflussreichen Strömungen des Postmodernismus und Dekonstruktivismus in der Philosophie und setzt ihnen die Vision einer einheitlichen Weltsicht und Systemphilosophie entgegen, die jene bereits verabschiedet haben – nach Searle zu Unrecht.

Bücher von Searle
Speech Acts: An Essay in the Philosophy of Language (1969); Expression and Meaning: Studies in the Theory of Speech Acts (essay collection; 1979); Intentionality: An Essay in the Philosophy of Mind (1983), Minds, Brains and Science: The 1984 Reith Lectures (lecture collection; 1984); The Rediscovery of the Mind (1992); The Construction of Social Reality (1995); Mind, Language and Society: Philosophy in the Real World (summary of earlier work; 1998); Rationality in Action (2001); Mind: A Brief Introduction (summary of work in philosophy of mind; 2004); Making the Social World: The Structure of Human Civilization (2010)

Sekundärliteratur
Fotion, Nick: John Searle. Princeton: Princeton University Press: 2000.
Smith, Barry (Hrsg.): John Searle. Contemporary Philosophers in Focus. Cambridge: Cambridge University Press 2003.
Franken, D., Karakus, A., Michel, J. (Hrsg.): John Searle. Münstersche Vorlesungen zur Philosophie. Frankfurt a. M.: Ontos 2010 (im Erscheinen).

UNSER AUTOR:

Markus Rüther studierte in Münster und Wien Philosophie, Germanistik, Pädagogik sowie Neuere und Neueste Geschichte. Gegenwärtig promoviert er als Promotionsstipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes. Unter anderem forschte er als Academic Researcher am Corpus Christi College in Oxford und als Visiting Fellow am Department of Philosophy an der Harvard University. Mit Searles Theorie der Normativität befasste er sich in einem Beitrag im Rahmen der Münsterschen Vorlesungen zur Philosophie (siehe Sekundärliteratur).



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