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ESSAY

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Wolfgang Welsch:
Welsch: Zur geistigen Situation der Zeit – ein Weckruf


Diderots Proklamation des anthropischen Prinzips der Moderne (1755)

Meines Erachtens gibt es eine die gesamte Moderne durchziehende und noch die Gegenwart bestimmende Denkform. Diese Denkform will ich – in kritischer Absicht – vor Augen bringen. Erstmals findet sie sich – ich nenne sie die anthropische Denkform – klar bei Diderot formuliert, der 1755 erklärte: "Der Mensch ist der einzigartige Begriff, von dem man ausgehen und auf den man alles zurückführen muss." Diderot schreibt dies in dem Artikel, in dem er über die Enzyklopädie Rechenschaft ablegt. Seine Ausgangsfrage lautet dabei, welches Prinzip der Einteilung der Enzyklopädie zugrunde zu legen sei. Soll man von einem objektiven Prinzip ausgehen, etwa von der Struktur der Welt? Oder soll man ein subjektives Prinzip zugrunde legen, etwa die menschliche Perspektive auf die Welt?

Diderot meint, dass eine von der Struktur der Welt ausgehende Betrachtung uns infolge der Begrenztheit unseres Einsichtsvermögens schwerlich möglich sei. Und irgendwie wäre sie auch falsch, denn sie würde nicht der Tatsache gerecht, dass die Welt erst vom Menschen aus Sinn erhält: "Wenn man den Menschen [...] ausschließt, dann ist das erhabene und ergreifende Schauspiel der Natur nur noch eine traurige und stumme Szene. Das Weltall verstummt, Schweigen und Dunkelheit überwältigen es; alles verwandelt sich in eine ungeheure Einöde, in der sich die Erscheinungen [...] dunkel und dumpf abspielen. Das Dasein des Menschen macht die Existenz der Dinge doch erst interessant." Deshalb hält Diderot es für geboten, den Menschen zum "Mittelpunkt" von allem zu machen. Darauf bezieht sich der erwähnte Leitsatz, dass "der Mensch der einzigartige Begriff ist, von dem man ausgehen und auf den man alles zurückführen muss". – Diese Formel, so behaupte ich, stellt das innerste Axiom der damals, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, sich bildenden und bis in unsere Tage reichenden Moderne dar. Ich nenne es das "anthropische Prinzip".

Fragen wir zunächst, ob Diderot dieses Prinzip schlüssig zu begründen vermag. Das ist vor allem insofern nicht der Fall, als Diderot noch an einer Differenz festhält zwischen der Verfassung der Welt als solcher (wie sie sich allein in einer God's eye view erschließen würde) und der Bedeutung der Welt aus unserer, der menschlichen Perspektive. Der Mensch ist nur derjenige, der die Welt mit Sinn begabt, aber ihrer Existenz und physischen Verfassung nach ist die Welt vom Menschen unabhängig. Unsere Konstitutionstätigkeit betrifft gewissermaßen nur die Software, nicht die Hardware, nur die Semantik, nicht die Grammatik, nur den Sinn, nicht die Seinsweise der Welt. – Eine ganz und gar umfassende Begründung des anthropischen Prinzips wäre also erst dann erreicht, wenn sich zeigen ließe, dass die Wirklichkeit von Grund auf ein Produkt menschlicher Konstitution ist.

Kant 1781: Epistemologische Rechtfertigung des anthropischen Prinzips

Eine solch durchschlagende Begründung des 1755 von Diderot erstmals formulierten anthropischen Prinzips lieferte Kant 1781 mit seiner Kritik der reinen Vernunft. Kants bahnbrechende Neuerung bestand bekanntlich in der Behauptung, dass unsere Erkenntnis sich nicht, wie man früher angenommen hatte, nach den Gegenständen zu richten hat, sondern dass umgekehrt und grundlegend "die Gegenstände" sich "nach unserem Erkenntnis richten". Dies ist deshalb der Fall, weil alle Gegenstände, auf die wir uns beziehen, durch die apriorischen Formen unseres Erkenntnisvermögens (Anschauungsformen und Kategorien) bestimmt sind. Diese haben konstitutive Bedeutung für die Gegenstände.

Somit sind alle Erfahrungsgegenstände menschlich geprägt, nämlich durch die von unserer Seite vorgegebenen "formalen Bedingungen einer Erfahrung überhaupt". Auch alle erfahrungs-transzendenten Gegenstände (Ding an sich, Gott usw.) können wir uns nur nach den Vorgaben unserer Erkenntnisstruktur, also auf menschliche Art imaginieren – "wir können [...] nicht anders verfahren als […] zu anthropomorphosieren".

Diese Kantische Lehre bedeutet also, dass der Mensch in der Tat das Maß der Welt bildet. Alle Gegenstände sind ein Reflex des menschlichen Zugriffs auf die Welt. Diderot war mit seinem anthropischen Prinzip im Recht – und sogar tiefer, als er selbst wusste: Der Mensch ist nicht erst das sinngebende, sondern bereits das gegenstandskonstituierende Prinzip der Welt. Kant hat dem von Diderot proklamierten anthropischen Prinzip seine perfekte epistemische Legitimation verliehen. Er hat es verbindlich gemacht.

Damit war es, zweihundertfünfzig Jahre nach der kosmischen Dezentrierung durch Kopernikus, zu einer epistemischen Rezentrierung des Menschen gekommen. Selbstverständlich blieb die Stellung des Menschen im Kosmos dezentral. Aber dem begegnete nun eine epistemische Rezentrierung. Hinsichtlich der Erkenntnis und schon hinsichtlich aller Erfahrung bildet der Mensch das Zentrum der Welt, denn alle Gegenstände der Welt sind menschlich konfiguriert, sind ein Reflex unserer Erkenntnisverfassung. – Kant hat also eigentlich eine anti-Kopernikanische Wende vollzogen. Bertrand Russell war einer der wenigen, die das erkannt haben. Er sagte, man solle aufhören, die Kantische "Umänderung der Denkart" mit der Revolution des Kopernikus zu parallelisieren (wie Kant selbst das getan hatte). In Wahrheit habe Kant eine "Ptolemäische Gegenrevolution" inauguriert, "since he put Man back at the centre from which Copernicus had dethroned him".

Fortdauer des anthropischen Prinzips bis in die Gegenwart

Die Moderne kennt gewiss eine stattliche Anzahl unterschiedlicher philosophischer Positionen. Oberflächlich sind sie einander zum Teil radikal entgegengesetzt. Im Grunde aber folgen alle unisono dem anthropischen Prinzip. – Stichprobenartig will ich dies an Feuerbach, am Historismus, an Nietzsche, und dann auch an den zeitgenössischen Human- und Kulturwissenschaften sowie anhand der analytischen Philosophie zeigen.

Feuerbach: "Das Bewusstsein des Gegenstands ist das Selbstbewusstsein des Menschen"

Bei allem Unterschied des Tons setzt Feuerbach in der Sache die Kantische Einsicht fort, dass alle Gegenstände ein Reflex des Menschen sind: "Das Bewusstsein des Gegenstands ist das Selbstbewusstsein des Menschen. Aus dem Gegenstande erkennst du den Menschen; an ihm erscheint dir sein Wesen: Der Gegenstand ist sein offenbares Wesen, sein wahres, objektives Ich." Von da aus ergibt sich Feuerbachs Religionskritik: religiös projizieren wir das Wesen des Menschen fälschlicherweise nach außen ("Gott"), wir sollten umgekehrt die göttlichen Prädikate als Prädikate unseres Wesens erkennen. Daher Feuerbachs Forderung nach einer "Verwandlung und Auflösung der Theologie in die Anthropologie".

Dass jetzt die Anthropologie zur Fundamentalphilosophie wird, ist in der Tat ebenfalls ein Erbe der Kantischen Philosophie. Kant selbst hatte bekanntlich an einer etwas entlegenen Stelle (in der Logik) gesagt, dass alle Grundfragen der Philosophie in die Frage "Was ist der Mensch?" münden. Feuerbach erklärt in den Grundsätzen der Philosophie der Zukunft ganz offen die "Anthropologie" zur neuen Grundphilosophie.

Historismus: unterschiedliche geschichtlich-kulturelle Aprioris und Welten – Diversifikation des transzendentalen Rahmens

Auf den ersten Blick ist der Unterschied des Historismus zu Kant denkbar groß. Nein, sagen die Historisten, die menschliche Erkenntnisverfassung ist nicht überall und zu allen Zeiten dieselbe, sondern sie variiert kulturell und geschichtlich beträchtlich. Die Menschen machen ihre Erfahrungen nicht im Duktus eines invarianten und universalen Apriori, sondern im Duktus historisch und kulturell unterschiedlicher Aprioris.

Aber diese Diversifizierung des Apriori hebt natürlich nicht den Grundgedanken der Moderne auf, dass wir Menschen stets nur im Duktus unserer menschlichen Muster Erfahrung und Erkenntnis haben und dass unsere Gegenstände grundlegend durch diese Muster bestimmt sind. Der Historismus setzt also das anthropische Prinzip fort und versieht es geradezu mit neuem, differenzierendem Elan. Weiterhin ist alles vom Menschen aus zu begreifen und auf diesen zurückzuführen, nur ist der Mensch jetzt eben nicht mehr ein überhistorisch-abstrakter, sondern ein jeweils historisch-kulturell situierter Mensch. Das anthropische Prinzip muss im Modus historisch-kultureller Spezifikation durchgeführt werden.

Nietzsche: unsere Wahrheit ist "durch und durch anthropomorphisch"

Manche meinen, dass Nietzsche über die anthropische Denkfigur hinausgeführt habe. Er wollte ja offensichtlich über den Menschen hinaus – zum Übermenschen. In Wahrheit ist aber gerade Nietzsche ein extremer Anthropiker. Schon früh hat er im Fahrwasser Kants erklärt, es sei "zu beweisen, dass alle Weltconstruktionen Anthropomorphismen sind". Und der reife Nietzsche blieb dabei: "Wir sehen alle Dinge durch den Menschenkopf an und können diesen Kopf nicht abschneiden." Nietzsche zufolge ist unsere Wahrheit "durch und durch anthropomorphisch und enthält keinen einzigen Punct, der ‛wahr an sich’, wirklich und allgemeingültig, abgesehen von dem Menschen, wäre".

Noch Nietzsches "Übermensch" ist nicht etwa jemand, der die conditio humana überschreitet und das anthropische Prinzip hinter sich lässt, sondern er ist umgekehrt diejenige Zukunftsfigur, die das menschliche Vermögen freier Sinn- und Weltproduktion kraftvoll und entschieden ausagiert – ohne sich durch den alt-metaphysischen Gedanken einer Hinter- oder Überwelt noch irgendwie behindern zu lassen. Deshalb kann er, vom Druck jedweder Überinstanz befreit, endlich das volle Potenzial des Menschen schöpferisch ausleben. Seine Welt wird von daher eine rein menschliche, eine vollendet anthropische Welt sein. Nietzsche ist – gerade noch in seinem Zukunftsprospekt – ein anthropischer Denker par excellence.

Nietzsche unterscheidet sich von Kant eigentlich nur durch seine Radikalisierung des Produktionismus. Nietzsche meint, dass wir die Strukturen unserer Erfahrung und Erkenntnis letztlich frei erzeugen und neu erfinden können. Er hat eine artistische Version des Anthropomorphismus entwickelt. Seine Konzeption des Menschen als animal fingens treibt die grundsätzlich welt-produktionistische Sichtweise der Moderne auf die Spitze.

Die axiomatische Rolle des anthropischen Prinzips in den zeitgenössischen Human- und Kulturwissenschaften

Die historistische Sichtweise wurde im 20. Jahrhundert durch die Anthropologie und Ethnologie weitergeführt. Von Benedict und Herskovits über Sapir und Whorf lautete die Botschaft, dass die Menschen unterschiedlicher Kulturen in unterschiedlichen Welten leben, weil ihre Aprioris unterschiedlich sind, so dass sie unterschiedliche Welten generieren. Dieser "kulturelle Relativismus" wurde in der Zwischenzeit sehr einflussreich, er hat zunehmend auch in das Alltagsbewusstsein Eingang gefunden. Und wissenschaftlich setzt all dies sich im Kontextualismus, Relativismus und Kulturalismus unserer Tage, also im mainstream der zeitgenössischen Human- und Kulturwissenschaften fort. Denn wie lautet deren Credo? "Das moderne Konzept von Kulturwissenschaft beruht auf der Einsicht, dass es nur ein Apriori gibt, das historische Apriori der Kultur" (Hartmut Böhme, Peter Matussek, Lothar Müller (Hrsg.), Orientierung Kulturwissenschaft, 2000, Rowohlt, Reinbek, S. 106). Da ist das Historismus-Erbe geradezu mit Händen zu greifen.

Der Unterschied ist nur, dass man die Differenzierung des Apriori oder der ‛Codes’ nun unendlich weit treiben will. War der alte (Kantische) Transzendentalismus im Historis-mus schon konkret geworden, so wird er im Kulturalismus vollends mikrologisch. Innerhalb einer Kultur, sagt man, ist keineswegs alles (wie man noch im 19. Jahrhundert geglaubt hatte) aus einem Guss, sondern es bestehen überall Mikrodifferenzen, die minutiöser Erforschung wert sind. Geboten ist daher "eine nahezu unendliche Binnendifferenzierung und Partikularisierung des Kollektivsingulars ‛Kultur’" (ebd. S. 13).

Die kulturalistische Perspektive will jedoch nicht nur binnendifferenziert, sondern auch umfassend sein. Sie kennt keine Grenze, sie ist all-inclusive. Noch die Natur soll ihr unterliegen: Natur wird jetzt "nicht mehr als vorgegebene Wirklichkeit verstanden, sondern als kulturell konstruiert erkannt" (ebd.).
So bewegen sich die zeitgenössischen Human- und Kulturwissenschaften, indem sie Wirklichkeit als ein durch und durch menschliches Konstrukt betrachten, ganz im Duktus des anthropischen Prinzips der Moderne. Das konstruktivistische Prinzip war ja von Anfang an ein Begleiter der anthropischen Denkform gewesen. Kant hatte zwar zunächst noch von ‛Konstitution’, dann aber immer mehr von ‛Produktion’ gesprochen – bis er im Opus postumum lapidar erklärt hatte: "wir machen alles selbst".

Analytische Philosophie

Otto Neurath hatte 1931 unverblümt erklärt, dass die "wissenschaftliche Weltauffassung" (das Lieblingskind des Wiener Kreises) "das stolze […] Selbstbewusstsein" vermittle, "dass der Mensch das Maß aller Dinge sei". Da hat man das anthropische Prinzip in der direktesten Form.

Inzwischen ist der analytische Anthropozentrismus freilich subtiler geworden. Er stützt sich nun (im Zug des linguistic turn) auf die Rolle der Sprache. Die Sprache soll das grundlegende Medium unseres Welt- und Gegenstandsbezug sein – Sprachphilosophie statt Bewusstseinsphilosophie. Dabei ist aber klar: Die Sprache ist ein menschlich Ding. Nur wir sprechen, die Welt ist stumm (Rorty). Folglich ändert der Wechsel des Konstitutionsmediums – von Denken zu Sprache – nichts daran, dass die Welt, zu der man auf diese Weise gelangt, erneut eine prinzipiell menschlich bestimmte Welt ist – eine "Welt nach Menschenmaß", wie Putnam das genannt (und darin allseits Zustimmung gefunden) hat. Insofern bleibt das anthropische Prinzip auch im linguistic turn in Kraft. All die neuartige Terminologie und Gestik (Wendung zur Sprache, Pathos eines Neuanfangs) betrifft nur die Oberfläche, nicht die Tiefenstruktur.

Im Grunde herrscht von Kant bis zur gegenwärtig avanciertesten philosophischen Position, dem linguistischen Idealismus, die gleiche anthropische Denkfigur: wir machen unsere Welt – und eine andere Welt gibt es nicht.
Kritisch könnte man diese Permanenz der anthropischen Denkweise mit einer Äußerung Wittgensteins kommentieren: "Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unsrer Sprache, und sie schien es uns nur unerbittlich zu wiederholen." – Ja, es ist wohl wahr: ein Bild hält uns Moderne gefangen.

Vergebliche Kritiken der anthropischen Denkform

Aber ist es nicht längst an der Zeit, dass ich die Einseitigkeit meiner Ausführungen korrigiere? In der Moderne hat es doch nicht nur Apologeten, sondern auch energische Kritiker des anthropischen Prinzips gegeben? – Das ist wohl wahr. Nur ist leider ebenso wahr, dass die Einsprüche allesamt im Sand verliefen.

Hegels Einspruch

Schon Hegel beklagte, dass seine Zeitgenossen sich im Gefolge von Kant im anthropischen Gehäuse der Moderne einzurichten und wohlzufühlen begannen. "Die allmächtige Zeit und ihre Kultur" haben einen "festen Standpunkt" fixiert: "den Menschen". "Dieser Mensch und die Menschheit sind ihr absoluter Standpunkt."
Hegel wollte diesen anthropischen Standpunkt – den die Zeitgenossen als Befreiung empfanden, er selbst aber als Beengung ansah – überwinden. Aber seinen Bemühungen war bekanntlich kein Erfolg beschieden. Wer (außer ein paar vernünftigen Leuten) mag schon Hegel folgen?

Logische Kritik der anthropischen Denkform (Frege, Husserl)

Frege hat dann gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine einschneidende Kritik der anthropischen Denkform vorgetragen. Er wollte zeigen, dass die Geltung mathematischer und logischer Wahrheiten von anthropischen Bedingungen gänzlich unabhängig ist. Er wandte sich gegen die damalige Tendenz, mathematische und logische Wahrheiten aus der psychologischen Verfasstheit des Menschen erklären zu wollen – also gegen die, wie er sich ausdrückte, "psychologische Verseuchung" der Logik.

Frege zufolge schreiben gerade umgekehrt die logischen Gesetze vor, wie zu denken ist – ganz egal, wie die Konstitution des Denkenden beschaffen sein mag. Das anthropische Dogma aber stellt diese Rangordnung auf den Kopf. Diese Verirrung gilt es rückgängig zu machen. – Freges Einspruch war jedoch bekanntlich kaum Erfolg beschieden (wohl auch, weil er seine absolute Konzeption des Logischen niemals gänzlich plausibel auszuformulieren vermochte).

Husserl hat dann im Fahrwasser Freges ebenfalls eine energische Kritik des Psychologismus vorgetragen. Er betrachtete diesen als eine Spielart des "Anthropologismus", d.h. der Auffassung, dass alle menschliche Erkenntnis relativ auf die "menschliche Spezies" und die menschliche Konstitution sei. Von diesem Anthropologismus sah Husserl "die neuere und neueste Philosophie" aufs nachhaltigste durchzogen. Nur "ausnahmsweise", schrieb er, begegnet man einem Denker, "der sich von den Irrtümern dieser Lehre ganz rein zu erhalten wusste".

Auch die von Husserl im 1. Band seiner Logischen Untersuchungen von 1900 vorgebrachten Einwände waren um den Begriff der Wahrheit zentriert: Wahrheit habe den Status idealer, nicht bloß realer Geltung und könne daher nicht auf eine reale Gegebenheit wie die menschliche Verfassung relativ sein. Wenn etwas wahr ist, dann muss es für beliebige Wesen – für "Menschen oder Unmenschen, Engel oder Götter" – in gleicher Weise wahr sein.

Aber so eindrucksvoll Husserls Kritik auch ausfiel – er hat sie selber nicht auf Dauer durchgehalten, sondern ging später seinerseits zu einem transzendental-anthropologischen Relativismus über. "Alles Seiende", erklärte er 1929, "ist [...] relativ auf die transzendentale Subjektivität."

Die Sache scheint voller Ironie. Husserl, der angetreten war, dem Anthropologismus des modernen Denkens den Garaus zu machen, ging am Ende selbst zu einer Auffassung über, für welche das menschliche Bewusstsein der letzte Horizont ist. Der prominenteste Kritiker der anthropischen Denkform in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts reihte sich am Ende wieder in die Bahn dieses Denkens ein. Der einzige Unterschied liegt darin, dass Husserl die Zentralität des Menschen nicht mehr psychologisch, sondern tiefer – transzendental – ansetzte.

Heidegger: Onto-Anthropozentrik

Husserls Schüler Heidegger wollte erneut die anthropische Position der Moderne überwinden. Er kritisierte die "Anthropologie" als die "Grundtendenz der heutigen Stellung des Menschen zu sich selbst und im Ganzen des Seienden", derzufolge "etwas nur erkannt und verstanden" ist, "wenn es eine anthropologische Erklärung gefunden hat". Dagegen erklärte Heidegger, dass der Mensch, um den sich der Anthropologie zufolge alles drehen soll, in der Anthropologie selber wesentlich unterbestimmt bleibe, denn man könne den Menschen nicht allein von ihm selbst aus bestimmen, sondern müsse ihn grundlegend aus dem Bezug zum Sein denken, und in diesem Verhältnis habe nicht der Mensch, sondern das Sein die Führung. Diesem "Bezug des Seins zum Wesen des Menschen" nachzudenken war zeitlebens das große Thema Heideggers.

Was aber ändert sich wirklich, wenn man den Menschen nicht mehr von ihm selbst her, sondern aus seinem Seinsbezug bestimmt? Gewiss viel und doch möglicherweise noch immer zu wenig. Eine wesentliche Veränderung liegt darin, dass die gewohnte Anthropologie, die vom Menschen als einem Seienden ausging, jetzt durch eine tiefere, durch eine Onto-Anthropologie ersetzt und überboten wird. Aber andererseits wird dadurch der wesentlich anthropische Duktus nicht verlassen und das anthropische Privileg nicht verabschiedet, sondern gar tiefer befestigt. Das klarste Indiz dafür ist, dass laut Heidegger der Mensch der exklusive Adressat und Partner des Seins ist – Felsen sind es nicht, und Tiere sind es ebenso wenig wie ein Kunstwerk oder eine Maschine, ein Engel oder ein Gott. Der Mensch ist laut Heidegger der einzige "Nachbar des Seins", der einzige vom Sein erkorene "Hirt des Seins". Heidegger übersteigt also die anthropische Konstellation nicht, sondern gibt ihr nur eine tiefere Auslegung und Fundierung.

Heidegger denkt den Menschen seinsbezogen, aber dieses veränderte Verständnis des Menschen erlaubt dann doch wieder einen Anthropozentrismus. Man kann diesen am besten als "Onto-Anthropozentrismus" kennzeichnen. Für ihn gilt noch immer und erneut, dass alles im Horizont des Menschen – nur jetzt des seinsbezogenen Menschen – zu sehen und zu verstehen ist. (Man beachte übrigens auch, dass noch das Sein bei Heidegger Konturen der menschlichen Endlichkeit annimmt: es wird nicht als Überzeitliches, sondern als Geschichtliches und Geschickliches gefasst.)

Die anthropische Denkform bleibt also in kraft. Heidegger will eben gar nicht so sehr über den Menschen hinaus- als vielmehr möglichst tief in das Wesen des Menschen hineindenken. Dabei entdeckt er die für den Menschen konstitutive Seins-Relation. Dadurch überschreitet er zwar das simple anthropologische Verständnis des Menschen, aber über den Kreis des richtig und groß, nämlich seinsbezogen gedachten Menschlichen geht er nicht hinaus. So bleibt es in Heideggers Denken – bei aller Kritik an der herkömmlichen Anthropologie – letztlich bei einer modifizierten Anthropozentrik. Die traditionelle Human-Anthropologie wird durch eine seins-akzentuierte Anthropologie, durch eine Onto-Anthropologie ersetzt. Heidegger hat die moderne Konstellation nicht überstiegen.

Foucault: "Der Mensch wird verschwinden wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand"

Kommen wir zu Foucault, der 1966, in Les mots et les choses, eine eindrucksvolle Gene-ralabrechnung mit der anthropischen Denkform der Moderne vorlegte. Foucault hatte erkannt, dass der Mensch als Zentralfigur der Epistemologie (der Mensch, von dem man ausgehen und auf den man alles zurückführen soll) eine Erfindung des 18. Jahrhunderts ist.

Und Foucault hielt diese anthropische Denkform für ruinös. Sie habe uns gelähmt und eingeschläfert: "plötzlich hat die Philosophie in dieser Wendung einen neuen Schlaf gefunden" – einen Schlaf, "der so tief ist", dass man "ihn paradoxerweise als Wachen empfindet". Foucault plädierte für ein Erwachen aus diesem Tiefschlaf der Moderne. Erst wenn wir die epistemische Zentralität des Menschen überwinden, werde es wieder möglich sein zu denken: "In unserer heutigen Zeit kann man nur noch in der Leere des verschwundenen Menschen denken." Foucault war überzeugt, dass die Zeit bevorstehen würde, wo "der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand". – Kein anderer hat die anthropische Denkform der Moderne so wirkungsvoll exponiert wie Foucault. Seine Attacke fand größte Beachtung. Der "Tod des Menschen" war fortan in aller Munde.

Aber dauerhafter Erfolg war auch Foucaults Angriff nicht beschieden. Und am Ende hat Foucault sich selber wieder in die Bahnen des anthropischen Denkens zurückbegeben. Mit Überwachen und Strafen von 1975 wurde er zum Theoretiker der Humanwissenschaften und zum großen Inspirator der gegenwärtigen human- und kulturwissenschaftlichen Szenerie. Wenn die alt-moderne These, dass alles vom Menschen aus und auf diesen hin zu verstehen sei, heute in dieser Szene so verbreitet ist und so minutiös ausgearbeitet wird, so ist das zu wesentlichen Teilen dem Einfluss Foucaults geschuldet. Es mag wie Ironie klingen, ist aber die Wahrheit: Foucault, der als der entschiedenste Kritiker der anthropischen Denkform angetreten war, wurde zu deren Erneuerer.

In den achtziger Jahren schließlich, mit Der Gebrauch der Lüste (L'usage des plaisirs) und Die Sorge um sich (Le souci de soi) (beide 1984) hat sich Foucault unter Stichworten wie "Selbsttechniken", "Existenzkünste" und "Ästhetik der Existenz" ganz auf den individuellen Menschen zurückgewandt. Wie, so lautete nun seine Frage, ist gelingendes Leben inmitten der zeitgenössischen Zwänge noch möglich? Mit dem früheren Pathos einer Überschreitung der modernen Konstellation war es nun ganz vorbei. Die moderne Welt ist zum hortus conclusus geworden – Foucaults Empfehlungen laufen auf ein "cultiver notre jardin" hinaus.

Das Fazit dieses Blicks auf Versuche, über die anthropische Denkform der Moderne hinauszugelangen, fällt ernüchternd aus. Etliche haben das Gelobte Land gesehen, aber keiner hat es betreten. Die Kritiker beugten sich am Ende selbst wieder in die Axiomatik des modernen Denkens zurück. Husserls Wort, dass "die neuere und neueste Philosophie [...] dem Anthropologismus" in einem Maße zuneigt, "dass wir nur ausnahmsweise einem Denker begegnen, der sich von den Irrtümern dieser Lehre ganz rein zu erhalten wusste", hat nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt.

Gründe für eine Infragestellung der modernen Denkform

Das Pensum einer effizienten Kritik der anthropischen Denkform ist also noch immer uneingelöst. Und scheint doch dringender denn je.

Lähmung, Sattheit, Selbstzufriedenheit

Denn das Befangensein in dieser Denkform lähmt unser Denken. Man weiß immer schon die Antwort auf alle Fragen. Sie lautet: "Es ist der Mensch." Diese Trivialität erstickt unser Denken, statt ihm Atem zu verleihen.

In der Tat scheint die zeitgenössische philosophische und intellektuelle Szenerie eigentümlich gelähmt zu sein. Gewiss ist die Betriebsamkeit immens und die Differenziertheit im Detail beeindruckend. Aber alles dreht sich in einem zum Überdruss bekannten Kreis. Bei allem, was wir im Einzelnen noch nicht wissen mögen und uns zu erforschen vornehmen, halten wir doch eines stets vorweg schon für sicher: dass all unser Erkennen, das gegenwärtige wie das zukünftige, menschlich gebunden ist und nichts anderes als menschlich bedingte und bloß menschlich gültige Einsichten hervorbringen wird. Noch das Alltagsbewusstsein ist davon heute bis zur Bewusstlosigkeit durchdrungen. Wenn wir in der Moderne noch eine Gemeinsamkeit haben, dann den Glauben, dass unser Weltzugang in allem menschgebunden (kontext-, sozial-, kulturgebunden) ist. Das ist die tiefste communis opinio des modernen Menschen. Wenn jemand diese Auffassung hingegen nicht teilt und kritische Fragen zu stellen beginnt, dann reibt man sich verwundert die Augen: dieser Kerl scheint nicht von dieser Welt zu sein – anscheinend ist er verrückt.

Die anthropische Denkform liegt wie Mehltau über allem. Sie breitet einen Mantel der Sattheit und Selbstzufriedenheit über uns, der uns lähmt – während wir ihn als wohlig begrüßen. Wir haben uns in der Enge dieser Denkform eingerichtet. Wir trachten nicht mehr über sie hinaus.

An zwei gängigen Begriffsverwendungen will ich die Borniertheit spürbar werden lassen, die mit dem heutigen Habitus verbunden ist. Was meint man, wenn man jemanden als ‛Kosmopoliten’ bezeichnet? Und worauf zielt man, wenn man ‛universale Ansprüche’ erhebt?

Wenn die Stoiker von einem ‛Kosmopoliten’, einem ‛Weltmann’ sprachen oder davon, dass man ein Leben entsprechend der Welt führen solle, dann hatten sie wirklich die ganze Welt – den Kosmos, das Universum – im Sinn. Ein ‛Weltmann’ war einer, der für sein Leben am Kosmos Maß nahm. Wenn man heute von einem ‛Weltmann’ spricht, so meint man nur noch einen kompetenten Erdenbürger, einen Erdinternationalen. Der mag dann eine Zeitschrift wie Cosmopolitan lesen, wo er sicher sein kann, in seiner Schrumpfung des kosmischen Maßes auf das einer Lifestyle-Society nicht gestört zu werden.

Und wer heute ‛universal’ sagt, der nimmt automatisch eine ähnliche Einschränkung des Universums bloß auf die Erde und gar nur auf eine bestimmte Spezies auf der Erde, eben die menschliche, vor. ‛Universal’ soll nicht mehr ‛universal-gültig’ (für alle Wesen oder für alle Geister gültig), sondern nur noch ‛menschlich-allgemeingültig’ bedeuten – aber das letztere soll für das erstere stehen. Welche Überheblichkeit, welche Unverschämtheit! Nur keine bodenlose – ich habe ihren Boden angegeben.

Die Inkonsistenz der anthropischen Denkform

Warum aber, so möchte manch einer vielleicht fragen, soll man überhaupt versuchen, über die Denkform der Moderne hinauszugelangen? Ist sie nicht eigentlich wundervoll und ganz und gar in Ordnung? Haben wir es nicht rundum gut in ihr? – Ich will zunächst auf zwei innere Inkonsistenzen der modernen Denkform hinweisen.

Erstens ist die moderne Denkform offenkundig selbstwidersprüchlich. Sie behauptet, dass all unser Erkennen durch unsere physische, kulturelle, soziale etc. Verfassung determiniert sei und nichts enthalte, was darüber hinauszureichen vermöge. Nun ließe sich eine solche Determiniertheit und Beschränktheit freilich allenfalls von einem Standpunkt außerhalb dieser Verfassung feststellen, aus dem Blickpunkt einer God's-eye view. Andernfalls würde die Behauptung ihrerseits der angeführten Restriktionsbedingung unterliegen, könnte also selber nur relativ gültig sein und somit nicht zu einem verbindlichen Prinzip taugen. Nun soll uns aber der modernen Position zufolge gerade ein solch überlegener Standpunkt verwehrt sein. Somit können wir, den eigenen Annahmen dieser Denkform zufolge, gar nicht wissen, dass unser Erkennen in der behaupteten Weise beschränkt ist. Gleichwohl wird eben dies unentwegt behauptet. Darin ist die moderne Position grundlegend selbstwidersprüchlich. Man kann das, komprimiert, auch so fassen: Das Axiom besagt, dass alles, was wir sagen können, weil mensch-gebunden, nicht objektiv ist. Dann betrifft das natürlich auch diese Aussage, also kann auch diese nicht schlechthin gültig sein. Ihre Gültigkeit hebt sich somit just unter ihrer Voraussetzung auf. Wenn das Axiom gilt, gilt es nicht. – Das ist die klassische Form der Selbstwiderlegung seit Platons Zeiten.

Das eigentlich Erstaunliche aber ist, dass der Hinweis auf diese Selbstwidersprüchlichkeit keinerlei Wirkung zeitigt. Das Argument bleibt zwar unwidersprochen – aber ebenso folgenlos. Man nimmt das moderne Axiom als Selbstläufer, mit dem man noch jede Infragestellung seiner kontert, indem man wieterhin ungerührt das auf den Prüfstand gerufene Axiom, wie wenn es fraglos gültig wäre, zugrunde legt und nun sagt, die Infragestellung sei doch zweifellos auch menschlich formuliert und könne daher (wie, dem Axiom zufolge, alles) bloß eine "menschlich gültige" Argumentation darstellen, vermöge das Axiom also nicht zu erschüttern, sondern allenfalls zu bestätigen. – Zwar ist derlei Immunität gegen Infragestellung den eigenen Maßstäben der Moderne zufolge nicht eben ein Zeichen von Rationalität, sondern Signum eines ideologischen Charakters. Aber darum kümmert man sich in diesem Fall nicht. Wo die eigene Denkform unter Druck gerät, ignoriert man schnell die selbstproklamierten Standards. Man nimmt die Haltung selbstgefälliger Saturiertheit (statt eine der Aufklärungsbereitschaft) ein.

Zweitens basiert das moderne Axiom auf einer ungerechtfertigten Gleichsetzung von Zugangs-Bedingungen mit Geltungs-Bedingungen. Selbstverständlich müssen gewisse Zugangsbedingungen erfüllt sein, damit etwas für uns überhaupt erkennbar wird. Farbwahrnehmung beispielsweise setzt Sehenkönnen voraus. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass der erkannte Gehalt als solcher durch diese Zugangsweise bedingt sein müsste – dass er nicht auch jenseits derselben Bestand und Geltung haben könnte. Zugangsbedingungen haben zwar eröffnende Funktion für die Entdeckung von Gehalten – aber damit nicht eo ipso konstitutive Funktion für die Eigenart dieser Gehalte als solcher, sie machen diese nicht einfach. Die Gleichsetzung von Zugangsbedingungen mit Geltungsbedingungen ist, logisch gesehen, elementar falsch. Just dieser Fehler aber liegt dem anthropischen Axiom zugrunde. Es schließt aus der menschlichen Erschlossenheit von Gehalten unmittelbar auf deren menschliche Konstituiertheit. Nur so gelangt es zu der Behauptung, alle Gehalte, die wir erfahren, müssten eben deshalb menschlich determiniert sein – während sich doch korrekt nur sagen ließe, dass die Erfahrung dieser Gehalte im Vermögenskreis der conditio humana liegen muss, während die Seinsart dieser Gehalte davon sehr wohl unabhängig sein könnte. Auch in diesem Aspekt erweist sich das moderne Axiom als logisch inkonsistent.

Solche Inkonsistenzen und Fehler sollten den Vertretern der modernen Position zu denken geben. Aber genau, dass sie das nicht tun, ist der Punkt. Obwohl man der eigenen Position in puncto Rationalität so viel zugutehält, reagiert man auf den Nachweis von Inkonsistenzen allenfalls achselzuckend – und hält ungerührt an der einmal eingenommenen Position fest. Wohlfühligkeit rangiert vor Argument. – Wie lange noch?

Der evolutionär geprägte Mensch – eine Perspektive zur Überschreitung der modernen Denkform

Wie könnte eine Überwindung der modernen Denkform gelingen? Das tiefste Axiom, auf dem die anthropische Denkform beruht, ist die Annahme einer grundsätzlichen Disparität zwischen Mensch und Welt. Wir wissen alle, wie diese Auffassung im Gefolge des Cartesischen Dualismus zur Grundlage des modernen Denkens wurde. Und es ist klar: Wenn diese Disparität gilt, wenn der Mensch also von Grund auf nicht ein Weltwesen, sondern ein Weltfremdling (ein ob seiner Geistnatur weltfremdes Sonderwesen) ist, dann wird der Brückenschlag des Menschen zur Welt grundsätzlich nur nach seiner eigenen Natur und deren Vorgaben erfolgen können, aber dann wird der Mensch (eben aufgrund der Disparität) auch nur zu einer durch seine Erkenntnisformen bestimmten Welt – also nicht zu der Welt, sondern nur zu einer Welt nach Menschenmaß – gelangen können. Dann aber ist das anthropische Prinzip schlüssig: dann ist in der Tat alles vom Menschen aus zu begreifen. Somit folgt das anthropische Prinzip konsequent aus der Annahme einer prinzipiellen Disparität zwischen Mensch und Welt.

Wie könnte dieses Axiom ausgehebelt und damit auch das anthropische Prinzip hinfällig werden? Die evolutionäre Betrachtung des Menschen scheint mir einen guten Schlüssel dafür zu bieten. Denn sie zeigt, dass wir Menschen nicht nur unserer physiologischen und biologischen Konstitution nach welthafte Wesen sind, sondern dass wir dies bis in unsere Verhaltensweisen und sogar noch bis in unsere Kognition hinein sind. Die letztere setzt Errungenschaften fort, die schon lange vor den Säugetieren entstanden sind und dann bei den Primaten eine beträchtliche Steigerung erfahren haben. Indem unsere Kognition auf diesem prähumanen Erbe beruht, basiert sie auf jahrmillionenlangen Abstimmungen mit der Welt. Sie ist also erstens nicht einfachhin anthropisch, und zweitens und vor allem ist sie nicht idiosynkratisch, sondern von Anfang an mit wesentlichen Grundzügen der Welt vertraut (und mittlerweile, auf dem Weg der Wissenschaft, auch in der Lage, über ihre ursprünglich mesokosmisch beschränkten Passensbedingungen hinauszugehen). Geist hat also nicht, wie man früher geglaubt hatte, eine welt-externe, sondern eine welt-interne Erklärung. ‛Geist’ richtet sich nicht von nirgendwo her auf die Welt, sondern kommt aus der Welt. Unsere Reflexionsfähigkeit ist aus der Mitte evolutionärer Prozesse entstanden, und sie vermag gerade deshalb, weil sie welt-entsprungen ist, ein Welterkennen zu bewerkstelligen.

Somit sind wir Menschen, vom Genom bis zum Geist, gerade nicht die Weltfremdlinge, zu denen die Moderne uns stilisiert hatte, sondern wir sind von Grund auf weltverbundene Wesen. Und aufgrund dieser evolutionär begründeten Welthaftigkeit sind wir nicht zu idiosynkratischen Weltkonstruktionen verdammt, sondern zu einer reichlich verlässlichen Welterkenntnis befähigt. Das anthropische Prinzip hat in die falsche Richtung gewiesen. Bevor die Welt vom Menschen aus begriffen werden kann, gilt es den Menschen von der Welt her zu verstehen – und dies verändert das ganze Spiel: von Weltfremdheit zu Welthaftigkeit, von Anthropozentrik zu Weltstruktur, von Idiosynkrasie zu Objektivität und von anthropischer Enge zum Atem der Welt. Das anthropische Prinzip hat seine Schuldigkeit getan. Ein neues Denken kann kommen.

UNSER AUTOR:

Wolfgang Welsch ist Professor für Philosophie an der Universität Jena.

Von der Redaktion leicht überarbeiteter Text eines Vortrages an der Jubiläumsveranstaltung "10 Jahre Kolleg Friedrich Nietzsche der Klassikstiftung Weimar", 18. Oktober 2009.

Eine umfassende Darstellung des Themas erfolgt in einem 2012 erscheinenden Buch.



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