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Marius Christen :
Nachhaltigkeit als ethische Herausforderung. Der Greifswalder Ansatz von Konrad Ott und Ralf Döring

aus Heft 2/2011

Nachhaltigkeit ist ein kollektives Ziel moderner Gesellschaften, auf welches sich diese verpflichtet haben. Politikstrategiepapiere von internationaler, nationaler und lokaler Bedeutung sowie eine kaum mehr überblickbare Fülle von Nachhaltigkeitsberichten und wissenschaftlichen Forschungsprojekten legen Zeugnis davon ab. Doch bei aller Popularität des Begriffs bleibt dieser nach wie vor diffus. Als politischer Kampfbegriff wird ‚Nachhaltigkeit’ beinahe beliebig interpretiert, aber auch als wissenschaftlicher terminus technicus gelangt man erst allmählich zu einem konsensualen Begriffsverständnis. Dass die Philosophie zur Klärung dieser begrifflichen Verwirrungen sowie zur Begründung dieser Zielvorgabe gesellschaftlicher Entwicklung Wesentliches beitragen kann, beweist das Denken des Greifswalder Philosophen Konrad Ott. Mit Rückgriff auf die Diskursethik, die Umweltethik sowie die angewandte Ethik erbringt er einen fundierten Beitrag zur dringend nötigen Arbeit am Begriff.

Philosophischer Lehrer war ihm Jürgen Habermas, bei dem er 1989 promovierte. Ott hat sich seit den Anfängen seines philosophischen Schaffens in die Diskurstheorie normativer Gültigkeit vertieft und diese auf konkrete Probleme, insbesondere in der Technikfolgeabschätzung, der Ökologie und Architektur, angewandt, wozu er 1995 in Leipzig seine Habilitation einreichte. Seit 1997 hat er am Institut für Botanik und Landschaftsökologie an der Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald eine Professur für Umweltethik inne. Als Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen der deutschen Bundesregierung (2000 bis 2008) und in verschiedenen anderen politiknahen Gremien engagiert sich der Umweltethiker kontinuierlich in gesellschaftlichen Debatten bezüglich Umweltfragen. Damit vollzieht er eine bereichernde Brücke zwischen den Fundamenten ethischer Theorie und deren praktischer Anwendung. Diese Spannweite charakterisiert Otts Denken insgesamt.

Die Greifswalder Nachhaltigkeitstheorie

Die strukturierte Herangehensweise ist auch für die Nachhaltigkeitstheorie prägend, welche Ott in enger Zusammenarbeit mit dem Landschaftsökonomen Ralf Döring entwickelt hat, der bis 2009 ebenfalls in Greifswald forschte und lehrte. Ott und Döring legen in ihrer Gesamtkonzeption nachhaltiger Entwicklung ein umfassendes Mehr-Ebenen-Modell mit insgesamt acht Ebenen vor (2008): Auf drei begründungsorientierten ‚Kernebenen’ werden zunächst die Idee der Nachhaltigkeit dargelegt (1), für eine starke Konzeption dieser Idee argumentiert (2) und ein generelles Regelwerk (Constant Natural Capital Rule, Investitionsregel, Managementregeln) präsentiert (3). Dieser Theoriekern wird dann anhand von zwei operationalisierungsorientierten Brückenebenen – bestehend aus den drei Leitlinien Effizienz, Suffizienz, Resilienz (4) sowie der Bestimmung von Handlungsfeldern (5) – an drei umsetzungsorientierte Ebenen – Definition von fallspezifischen Zielsystemen (6), von normativen Spezialkonzepten (7) sowie von Umsetzungsinstrumenten (8) (Implementation, Monitoring etc.) – angebunden. Wir erhalten so folgendes Modell:

- Idee der Nachhaltigkeit
- Konzeption starker Nachhaltigkeit
- Regelwerk
- Leitlinien (Effizienz, Suffizienz, Resilienz)
- Handlungsfelder
- Zielsysteme
- Spezialkonzepte
- Umsetzungsinstrumente
(nach Ott & Döring 2008, 41, 344f., verkürzt)


Aus philosophischer Perspektive sind vor allem die drei Kernebenen von Interesse – hier kann die Philosophie Wesentliches zum besseren Verständnis des Nachhaltigkeitsbegriffs beitragen (die anderen Ebenen werden im Schlussabschnitt dieses Artikels kurz erläutert). So erbringt die philosophische Analyse etwa den Nachweis, dass die Idee der Nachhaltigkeit nicht alleine anhand naturwissenschaftlicher Begrifflichkeit und Methodik fassbar ist, sondern als Handlungsorientierung auf einem genuin normativen Fundament beruht: Indem ‚Nachhaltigkeit’ danach strebt, das Verhältnis zwischen der Gesellschaft und ihrer natürlichen Umgebung zu regeln, formuliert sie Vorgaben, wie sich Gesellschaften entwickeln sollen. Die Normativität von ‚Nachhaltigkeit’ aufzuarbeiten kann gar nur Aufgabe der Philosophie sein, insofern sich diese Disziplin als einzige der Begründung normativer Konzepte annimmt. Im Gegensatz zu vielen ökonomisch, natur- oder technikwissenschaftlich ausgerichteten Nachhaltigkeitstheorien leuchten Ott und Döring dieses normative Fundament aus und diskutieren die Gerechtigkeitsgrundlagen der Nachhaltigkeitsidee. Ihre Theorie starker Nachhaltigkeit ist in eine diskursethische Rahmentheorie eingebettet und bezieht sich als Spezifikum auch auf die Ergebnisse von Otts intensiver Beschäftigung mit der sogenannten umweltethischen Inklusionsproblematik. Dank seinem Fachwissen in der grundlagentheoretischen sowie anwendungsorientierten Ethik kann Ott zu einem besseren Verständnis der Nachhaltigkeitsidee beitragen.

Die Normativität von ‚Nachhaltigkeit’

Ökologisch orientierte Nachhaltigkeitstheorien definieren zunächst die natürlichen Grenzen, innerhalb deren zu wirtschaften zulässig ist. Sie nehmen in Anspruch, die natürliche Tragekapazität naturwissenschaftlich festzulegen und erst in einem zweiten Schritt die gerechte Verteilung der gewonnen Güter zu regeln. Nach Ott und Döring ist dieses Vorgehen „irreführend“, weil bereits der Grundsatz, dass die natürlichen Lebensgrundlagen von den Lebenden nicht zu plündern sind, ein normativer ist (2008, 57). Die natürlichen Grenzen menschlichen Handelns sind nicht Größen, die entdeckt werden können. Es ‚gibt’ sie nicht in einem strengen Sinn von ‚Geben’ und sie können nicht um ihrer selbst willen identifiziert werden. Vielmehr handelt es sich um normative Vorgaben, welche um der Möglichkeit auf ein gelingendes Leben zukünftiger Generationen willen festgesetzt werden. Selbst ein ‚ökologisches’ Verständnis der Nachhaltigkeitsidee bedingt somit intergenerationelle Gerechtigkeit als Grundlage. ‚Nachhaltigkeit’ entpuppt sich als ein von Grund auf normativer Begriff.

Falls man, wie Ott, davon ausgeht, dass sich Verpflichtungen gegenüber in Zukunft lebenden Menschen begründen lassen (z.B. 1996, 138-153; 2010, 5.4.1), besteht sodann eine Hauptherausforderung in der Konkretisierung solcher Pflichten. Ott und Döring konzipieren Nachhaltigkeit als Frage intergenerationeller Verteilungsgerechtigkeit. Entsprechend steht zu entscheiden, ob zukünftige Generationen gleich viel erhalten müssen, wie gegenwärtige ererbt haben (komparativer Standard), oder ob es auch schon gerecht ist, wenn ihnen ein bestimmtes Mindestmaß an Lebensqualität gewährleistet wird (absoluter Standard). Gemäß der zweiten Option, die von Non-Egalitaristinnen wie Angelika Krebs verteidigt wird, wäre es denkbar, dass wir zukünftigen Generationen weniger hinterlassen als wir selbst genießen. Ott und Döring sprechen sich demgegenüber für einen komparativen intergenerationellen Verteilungsstandard aus. Mit einer intertemporal erweiterten Interpretation von John Rawls’ Gerechtigkeitstheorie, wonach die Repräsentanten unter dem Schleier nicht wissen, welcher Generation sie angehören, argumentieren die Greifswalder, dass es keinen Grund gibt, „sich mit einem absoluten [Mindest-]Standard zufrieden zu geben, wenn unter Beachtung ökologischer Grenzen bzw. eines Regelwerks von Nachhaltigkeit für alle Generationen ‚mehr drin’ ist“ (2008, 101). Ohne Rekurs auf Rawls nennen sie drei weitere Argumente für einen komparativen Standard intergenerationeller Gerechtigkeit: (1) die Intuition, dass keine Generation in der Kette von Generationen etwas Besonderes ist und für sich ein ‚Mehr’ herauszugreifen beanspruchen darf, was (2) zu einem Verbot der Diskriminierung nach kontingenten Merkmalen wie ‚geboren zu sein an Zeitpunkt t’ führt und sich (3) mit einer Präsumtion für Gleichverteilung verbinden lässt, wonach Güter immer gleich zu verteilen sind, solange nicht Gründe für eine Ungleichverteilung vorliegen.

Allerdings setzen Ott und Döring diesen komparativen Standard einem absoluten auf, so dass ein bestimmtes Maß an Lebensqualität nicht nur gegenwärtig, sondern auch über die Zeit hinweg nicht unterschritten werden darf. Zur Explikation dieser absoluten Schwelle ziehen sie Martha Nussbaums Fähigkeitenansatz heran (ebenda 83f.). Dieser geht davon aus, dass alle Menschen die Möglichkeit erhalten sollten, bestimmte basale Fähigkeiten menschlichen Lebens ausüben zu können. Ott und Döring müssen zudem implizit davon ausgehen, dass diese Möglichkeit unter Beachtung natürlicher Grenzen zu gewährleisten praktisch möglich wäre. Nachhaltigkeit basiert somit auf der normativen Idee, dass allen Menschen unabhängig von Raum und Zeit ein absoluter Standard gewährleistet werden sollte, ohne dass dabei der komparative Standard in Bezug auf zukünftige Generationen verletzt werden darf, d.h. ohne dass es zukünftigen Generationen dadurch schlechter geht als es der gegenwärtigen Generation geht.

Dieses normative Fundament sieht Ott diskursethisch abgesichert. Die Debatte um Nachhaltigkeit kann in Otts Terminologie als Komponente einer „paradigmatischen Anwendung“ der Diskursethik interpretiert werden (vgl. 1997, 302-309; 2001, Kap. 8). In Anlehnung an Wolfgang Stegmüllers strukturalistischem Theoriekonzept verbindet Ott den Kern der Diskursethik mit diversen Anwendungskontexten, welche gleichsam als ‚Schalen’ um den Kern angeordnet sind. Der Kern besteht aus den zwei Basissätzen der Diskursethik: Habermas’ Moralprinzip D sowie dessen Universalisierungsprinzip U. Können alle möglicherweise Betroffenen als Teilnehmer rationaler Diskurse den darin gefassten Handlungsnormen zustimmen (D) und können die Folgen und Nebenwirkungen der Befolgung derselben von allen zwanglos akzeptiert werden (U), dann ist die Norm als gültig und begründet zu erachten. Dies gilt auch für Normen, welche zukünftige Generationen betreffen. Diese werden advokatorisch in einer kontrafaktischen kommunikativen Situation vertreten (vgl. die Interpretation von Rawls Schleier des Nichtwissens oben).

Der derart prozeduralistisch verfasste Theoriekern der Diskursethik ist mit Anwendungen zu verknüpfen, in welchen nach Ott inhaltliche Bestimmungen unerlässlich sind (1998). In diesen moral-ethischen Diskursen geht es zunächst – das ist die erste ‚Schale um den Kern’ – um die Begründung universell gültiger Moralnormen (Ott verweist auf Bernard Gerts ‚modernen Dekalog’), dann um die Begründung und Auslegung von Menschen- und Bürgerrechten sensu Habermas, um die Frage, welche Wesen zur Moralgemeinschaft zählen, d.h. welchen Wesen gegenüber Menschen Pflichten haben, sowie schließlich um Grundnormen bestimmter Praxisfelder wie der Medizin, Wissenschaft, Technik oder eben der Regelung der Gesellschaft-Natur-Verhältnisse. Diese letzte ‚Schale’ beschreibt bereits den Bereich der angewandten Ethik.

Bevor diese äußerste Schale der Diskurstheorie näher zu betrachten ist, gilt es, einen weiteren grundlagentheoretischen Aspekt der Greifswalder Nachhaltigkeitstheorie zu klären. In ihren Anfängen wurde die Diskursethik nämlich als im Kern anthropozentrisch aufgefasst, weil natürliche Wesen ‚nicht einmal kontrafaktisch’ an Diskursen teilnehmen können. Eine Position aber, welche die umweltethisch zentrale Frage, wessen Ansprüche berücksichtigt werden müssen, unbedacht vorentscheidet, bleibt defizitär. Die Entscheidung dieser Frage ist für die Nachhaltigkeitstheorie besonders dringlich, insofern diese den Umgang mit unserer natürlichen Umgebung zum Gegenstand hat und sich der Bereich zulässigen Handelns – das heißt die natürlichen Grenzen – erheblich verschiebt je nachdem, ob ausschließlich die Ansprüche aller menschlichen oder darüber hinaus auch weiterer Wesen beachtet werden müssen. Die Spannung zwischen der prima facie anthropozentrisch aufgestellten Diskursethik und der in dieser Frage zunächst offenen Nachhaltigkeitstheorie erfordert eine Klärung der sogenannten Inklusionsproblematik.

Umweltethische Positionierung

Ist die Diskursethik ein anthropozentrisches Unterfangen und will die Umweltethik dagegen der stummen Kreatur eine eigene ethische Stimme einräumen, so scheint es, als müsste man sich zwischen der Diskursethik und der Umweltethik entscheiden. Ott aber will beide verbinden. Entsprechend argumentiert er gegen seinen ‚Lehrmeister’, demgemäß wir nicht-menschlichen Wesen im Diskurs bloß mit einer „moral-analogen Einstellung“ begegnen können, weil die Möglichkeit performativer Interaktion eine Voraussetzung für die Begründung moralischer Verpflichtung sei. Habermas setzt also auf eine „strukturanaloge“ Begründung von Pflichten gegenüber nicht-menschlichen Wesen, die uns quasi als Alter Ego begegnen (Ott 1996, 87). Ott kritisiert diese Position aufgrund ihrer absurden Konsequenz, dass wir so Haustieren gegenüber zwar ‚strukturanalog’ Pflichten begründen können, insofern wir eine Beziehung zu ihnen pflegen, nicht aber gegenüber wildlebenden Tieren (und schon gar nicht gegenüber Pflanzen, Ökosystemen, Landschaften usw.). Das Defizit dieser sich darüber hinaus dem Speziesismusvorwurf aussetzenden Position ortet Ott in Habermas’ „unnötig enger“ Bestimmung des Moralischen, wonach sich unsere moralischen Intuitionen auf die Schonung und Rücksichtnahme extremer Verletzbarkeit von Personen beziehen (eben¬da 89). Ott setzt dem ein Moralverständnis entgegen, in dessen Kern die Schutzwürdigkeit von Kreaturen steht: Unter Moral versteht er „ein Netzwerk von Überzeugungen hinsichtlich gebotener, erlaubter, unerlaubter Handlungsweisen, die sich auf alle Wesen beziehen, die als schutzbedürftig und schutzwürdig gelten können“ (ebenda 92). Schutzwürdige Wesen, die sich nicht selbst am Diskurs beteiligen können, treten darin als ‚moral patients’ auf und werden advokatorisch vertreten. Wie im Falle zukünftiger Generationen zeigt sich also auch mit Bezug auf natürliche Wesen, dass die Menge möglicher Diskursteilnehmer geringer sein kann als die Menge möglicher Wesen, auf deren Ansprüche im Diskurs Rücksicht genommen werden muss.

So fasst Ott die Diskursethik in ihrem begründungstheoretischen Kern zwar durchaus anthropozentrisch, öffnet sie aber in ihren Anwendungsbereichen nicht-anthropozentrischen Positionen. Zugleich können ökozentrische Ethiken zurückgewiesen werden, welche die ‚Ehrfurcht vor allem Lebendigen’ (Albert Schweitzer), die ‚Unversehrtheit des Landes’ (Aldo Leopold) oder die ‚Integrität von Ökosystemen’ (Laura Westra) etc. an Stelle des diskursethischen Moralprinzips D setzen. Ott hält an diesem Prinzip fest und wehrt sich dagegen, die Schutzwürdigkeit der Natur in das Prinzip der Moral – also in den ‚Theoriekern’ – einzuführen, weil er dies als Fehlschluss des durch die Moral zu Schützenden auf das Prinzip selbst erachtet. Die Differenzierung zwischen Theoriekern und Anwendungen ermöglicht es somit, dass sich die Diskursethik auf der Anwendungsebene gegenüber nicht-anthropozentrischen Ansätzen öffnen kann, ohne dabei im Kern auf gewagte metaethische Annahmen zurückgreifen zu müssen.

Spielraum ergibt sich nun allerdings mit Blick auf die Bestimmung von Schutzwürdigkeit. Welche Wesen fallen darunter? Ott argumentiert für die Position des gradualistischen Sentientismus (womit er sich der gegenwärtigen umweltethischen Hauptströmung anschließt). Berücksichtigungswürdig sind demnach alle Wesen, die empfindungsfähig sind und für welche das, was ihnen widerfährt, einen „evaluativen Unterschied“ macht. Hierfür muss weder Sprachfähigkeit noch Selbstbewusstsein oder Zukunftsorientierung vorliegen, sondern lediglich die Fähigkeit der Wahrnehmung und damit die Kenntnis, dass etwas aus eigener Perspektive „eine Differenz von ‚gut’ und ‚schlecht’ ausmacht“ (Ott 2003, 126). Gradualistisch – im Gegensatz zu egalitaristisch – bezeichnet Ott seine Position, weil die Schutzwürdigkeit von empfindungsfähigen Wesen mit deren Organisationshöhe variiert. Damit will er kontraintuitiven Konsequenzen entgehen, wonach in einer dilemmatischen Rettungssituation eine Mehrzahl von höheren Tieren einem neugeborenen Menschen vorgezogen werden müsste oder der Schutz tierischer Individuen in jedem Fall generellen Naturschutzzielen vorgeordnet sei. Allerdings anerkennt Ott Unschärfen des gradualistischen Sentientismus, die es durch weitere Argumentation zu klären oder zu korrigieren gilt (zuletzt hat er sich für eine ‚zoozentristische’ Differenzierung ausgesprochen, der gemäß insbesondere Wesen, die sich ihrer selbst sowie ihrer Umwelt ‚gewahr’ sind, als schutzwürdig gelten; 2010, insb. 5.5.9). Die Positionierung ist in dieser – wie in so manch anderer – Frage demnach noch nicht abgeschlossen.

Der gradualistische Sentientismus begründet direkte Pflichten gegenüber empfindungsfähigen Wesen. Darüber hinaus können auch indirekte Pflichten bestehen. Der Begriff der indirekten Pflicht bezeichnet eine Pflicht gegenüber x in Ansehung von y. So ist es aus der Perspektive des gradualistischen Sentientismus möglich, in Ansehung von – zur Moralgemeinschaft zählenden – wildlebenden Tieren eine Pflicht zur Erhaltung der Habitate dieser Tiere zu begründen. Beide Arten von Pflichten müssen gemäß der Greifswalder Nachhaltigkeitstheorie berücksichtigt werden. Diese umweltethische Position verengt die natürlichen Grenzen ethisch zulässigen Handelns erheblich. Der Greifswalder Ansatz unterscheidet sich dadurch auch von der Großzahl alternativer Nachhaltigkeitsverständnisse, die anthropozentrisch sind und den primären Fokus ausschließlich auf die menschliche Entwicklung legen.

Der Greifswalder Ansatz starker Nachhaltigkeit als angewandte Ethik

Wie oben bereits angesprochen, ist die Ausformulierung der diskursethisch verankerten und umweltethisch erweiterten Nachhaltigkeitstheorie konzeptionell der äußersten ‚Schale’ von Otts Diskursmodell zuzuordnen und fällt somit in den Bereich der angewandten Ethik. Ott vertritt eine Dependenzkonzeption angewandter Ethik, die sich weder alleine auf kasuistische Kontextsensitivität noch auf eine strikte Deduktion situationsspezifischer Handlungsanleitungen aus allgemeinen Moralgrundsätzen stützt. Vielmehr ist die Kasuistik an die diskursethischen Grundnormen zurückgebunden (1997, 302 ff.) und nimmt eine „Zwischenstellung“ zwischen allgemeingültigen Grundsätzen und spezifischen Themen und Fällen ein (1996, 54). Otts Verständnis angewandter Ethik versucht also eine Brücke zu schlagen zwischen dem Theoriekern und der fallspezifischen Anwendung. Angewandte Ethik bezieht sich einerseits auf bereits vorstrukturierte Praxissektoren wie der Regelung der gesellschaftlichen Naturverhältnisse, ohne dabei andererseits den Bezug zu ihrem generellen normativen Fundament zu verlieren. Entscheidend ist hierbei, dass normative Grundlagenerwägungen mit sektorenspezifischem Fachwissen kombiniert werden. Der Ethiker, der sich in einer solchen Debatte positioniert, muss entsprechend einen gangbaren Weg zwischen Generalistentum einerseits und Spezialistentum andererseits finden, um sowohl dem Dilettantismus wie auch der Detailverlorenheit zu entkommen. Angewandte Ethik ist somit immer faktenbezogen und „eo ipso trans- oder interdisziplinär“ (ebenda 64).

Das Greifswalder Partnerschaftsprojekt zwischen dem Umweltethiker Ott und dem Landschaftsökonomen Döring wird diesem Anspruch gerecht. Die ethischen Grundlagenüberlegungen werden mit ökonomischen Theorien und naturwissenschaftlichem Wissen verknüpft. Dank dieser Kooperation ist es möglich, alle Ebenen des Mehr-Ebenen-Modells zu bedienen und dieses sowohl mit grundlagentheoretischen Überlegungen zu unterlegen wie auch mit empirischen Fakten zu füttern. Abschließend ist nun der Bogen zurück zu diesem Modell zu schlagen, um die Gesamtkonzeption des Greifswalder Ansatzes deutlich zu machen. Die erläuterten diskurs-, umwelt- und anwendungsethischen Positionen Otts kommen dabei auf verschiedenen Ebenen zur Anwendung.

Das Greifswalder Mehr-Ebenen-Modell im Diskurskontext

Nachdem die erste Ebene anhand eines absoluten Standards für intragenerationelle Gerechtigkeit und eines darüber hinausgehenden komparativen Standards für intergenerationelle Gerechtigkeit bestimmt wurde, fragen Ott und Döring auf der zweiten Ebene nach einer überzeugenden Konzeption von Nachhaltigkeit. Konzeptionen von Nachhaltigkeit unterscheiden sich im Hinblick auf die Beantwortung der Frage, worin eine faire Hinterlassenschaft für zukünftige Generationen bestehe bzw. was erhalten werden sollte. Ott und Döring stellen diese Frage insbesondere mit Blick auf Natur, womit ‚Nachhaltigkeit’ als Frage intergenerationeller Verteilungsgerechtigkeit mit besonderem Augenmerk auf natürliche Ressourcen bestimmt wird.

Im Nachhaltigkeitsdiskurs reichen die Antwortoptionen von Konzeptionen ‚schwacher’ über ‚vermittelnder’ bis zu ‚starker’ Nachhaltigkeit. Vereinfacht ausgedrückt gehen Konzeptionen schwacher Nachhaltigkeit davon aus, dass Naturkapital durch Sachkapital substituiert werden kann und darf, d. h. dass Funktionen, die von Naturkapital erbracht werden, von geschaffenem Kapital übernommen werden (als Kapital kann, lapidar gesagt, alles gerechnet werden, wovon ein Nutzenstrom abfließt; vgl. Ott & Döring 2008, Kap. 4, insb. 227). Demnach fordert schwache Nachhaltigkeit lediglich, den Erhalt des Gesamtkapitalstocks aus Natur- und Sachkapital. Die durch die Substitution möglicherweise verursachten Schäden wie Biodiversitäts- und Bodenfertilitätsverluste, anormale Klimaentwicklungen etc. ließen sich gemäß dieser Konzeption kompensieren und zukünftiger Nutzen abdiskontieren. Demgegenüber orientieren sich Konzepte starker Nachhaltigkeit am „vertretbaren Ausmaß[…] und damit auch [an den] Grenzen der Inanspruchnahme der Biosphäre durch das ökonomische System“ (ebenda 145). In Anlehnung an Herman Daly gehen Ott und Döring davon aus, dass bei fortgeschrittener Naturzerstörung Naturkapital zum limitierenden Faktor der wirtschaftlichen Produktion werden kann, insofern es komplementär zu Sachkapital ist. Das bedeutet, dass gewisse (ökonomische, gesellschaftliche oder ökologische) Funktionen, welche Naturressourcen und Naturdienstleistung erbringen, weder von geschaffenem Kapital übernommen werden können noch umgekehrt. Ein bekanntes Beispiel hierfür sind Fische als Naturkapital und Fischerboote als Sachkapital. Beide Kapitalarten sind notwendig, um das Gut ‚Speisefisch’ zu produzieren.

Ott und Döring weisen darauf hin, dass aus wissenschaftstheoretischer Perspektive weder die Konzeption der schwachen noch die der starken Nachhaltigkeit eindeutig falsifizierbar ist. Allerdings präsentieren sie ausgehend von den obigen Erwägungen sowie weiterer Annahme z.B. über das Risikomanagement unter prinzipieller Unsicherheit oder auch über die vielfältigeren Möglichkeiten zukunftsweisender Forschung eine Fülle von ethischen und funktionalistischen Argumenten zugunsten von starker Nachhaltigkeit (ebenda 157-169). Dies sehen sie als ausreichende Grundlage für eine rationale Wahl sub specie einer kontrafaktisch unterstellten Diskurssituation mit gegenwärtig sowie zukünftig lebenden Staatsbürgern (Otts umweltethische Positionierung dürfte ebenfalls für diese Entscheidung sprechen). Mehr als ein derart „begründetes Urteil praktischer Vernunft“ ist aus diskursethischer Sichtweise weder zu leisten noch zu fordern (ebenda 169). Es gilt jedoch im Bewusstsein zu halten, dass eine berechtigte Kritik an den vorgebrachten oder das Einbringen zusätzlicher Gründe eine Revision der Wahl jederzeit erzwingen könnte.

Mit Ott und Dörings Wahl zugunsten einer starken Konzeption begründet sich ihr Regelwerk von Nachhaltigkeit (Ebene 3). An erster Stelle steht hier die Constant Natural Capital Rule (CNCR), die zur Erhaltung des Naturkapitals über die Zeit hinweg verpflichtet. Diesem Verschlechterungsverbot korrespondiert als Verbesserungs- und Gestaltungsauftrag eine Investitionsregel, die besagt, dass bei Verbrauch von Naturkapital an anderer Stelle in knapp gewordenes Naturkapital investiert werden muss. Schließlich rekurrieren Ott und Döring auf die im Nachhaltigkeitsdiskurs weit gehend akzeptierten Managementregeln zum Erhalt erneuerbarer und erschöpfbarer Ressourcen sowie der Schadstoffaufnahmekapazität von Umweltmedien und Ökosystemen (ebenda 169f.).

Diesem Regelwerk werden auf der vierten Ebene die drei Leitlinien der Effizienz, Suffizienz und Resilienz nachgestellt (ebenda 171f.). Erstere bezieht sich auf die ökonomische Dimension bzw. auf den technischen Fortschritt, um damit den Druck auf die ökologischen Systeme zu reduzieren. Ott und Döring halten diesen Schritt zwar für notwendig, aber nicht für hinreichend, um die CNCR zu erfüllen, weil sich gezeigt hat, dass Effizienzsteigerungen durch sogenannte Rebound-Effekte wieder wettgemacht werden, wonach zwar Rohstoffe und Energie effizienter genutzt werden, der Gesamtverbrauch aber dennoch ansteigt. Sie plädieren daher neben Effizienz für suffizienzorientierte Lebensstile. Resilienz bedient die ökologische Dimension und bezieht sich auf ein „Set von plausiblen Umwelt- und Naturschutzzielen“ (ebenda 178), die die langfristige und ungeschmälerte Funktionsfähigkeit von Ökosystemen gewährleisten.

Diese drei Leitlinien stellen den Greifswalder Ansatz in ein Verhältnis zum bekannten Drei-Säulen-Modell von Nachhaltigkeit. Dieses konzipiert Nachhaltigkeit anhand eines Dreiecks oder anhand drei überlappender Kreise, welche die Säulen oder Dimensionen der Ökonomie, des Sozialen und der Ökologie symbolisieren. Ott und Döring kritisieren dieses – insbesondere in der Politik weit verbreitete – Verständnis von Nachhaltigkeit. Zur Bestimmung dessen, was erhalten werden soll, d.h. worin eine faire Hinterlassenschaft besteht, ist es inadäquat. Denn die drei Dimensionen degenerierten de facto zu einer „Art Wunschzettel“, auf dem jeder Akteur nach Belieben eintragen kann, was er für wichtig hält (ebenda 38f.). Ott und Döring lehnen das Drei-Säulen-Modell daher als konzeptionellen Vorschlag ab. Nichtsdestotrotz reflektieren sie die drei Dimensionen an ‚späterer’ Stelle in ihrer Gesamtkonzeption, d.h. auf der vierten Ebene anhand der drei explizierten Leitlinien.

Zusammen mit der Bestimmung von Handlungsfeldern wie Landnutzungssysteme, Fischereimanagement oder Klimapolitik (Ebene 5; mit diesen drei Praxissektoren setzen sich Ott und Döring detailliert auseinander) bilden die Leitlinien Brückenprinzipien vom Theoriekern zu den Umsetzungsebenen. Sind die Handlungsfelder bekannt, können mit Blick auf die Leitlinien Zielsysteme, d.h. feld- oder sektorenspezifische Nachhaltigkeitskriterien, bestimmt werden. Auf dieser sechsten Ebene ist empirisches Fachwissen unumgänglich. Dieses wird mit Spezialkonzepten kombiniert, welche die konkrete Umsetzung in einem spezifischen Handlungsfeld gemäß den darin bestimmten Zielen anleiten (Ebene 7). Auf der letzten Ebene in Ott und Dörings Gesamtkonzeption wird die zielgerichtete Implementierung anhand von Monitoring und weiteren Instrumenten sichergestellt, damit die Nachhaltigkeitsidee auch tatsächlich Verwirklichung finden kann.
Mit dieser Theorie starker Nachhaltigkeit legten die Greifswalder einen umfangreichen Ansatz vor, dessen theoretische Grundlage sowie praktische Umsetzung auch kritisch reflektiert und weiter entwickelt wird (etwa im Sammelband Die Greifswalder Theorie starker Nachhaltigkeit. Ausbau, Anwendung und Kritik, 2009). Der Greifswalder Ansatz unterscheidet sich von anderen Nachhaltigkeitskonzeptionen, z.B. dem integrativen Ansatz der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren (HGF-Ansatz), hinsichtlich einer Systematik von normativer Fundierung bis praktischer Anwendung. Während jener sowohl die Ebenen der Rechtfertigung, der Operationalisierung sowie der Umsetzung von Nachhaltigkeit zu bedienen beansprucht, geht der HGF-Ansatz von einem prädeliberativen Einverständnis zur Nachhaltigkeit aus und konzentriert sich auf die Operationalisierungs- und Umsetzungsebenen. Der HGF-Ansatz spricht sich für eine differenziert fallbezogene Wahl zugunsten starker bzw. schwächerer Nachhaltigkeit aus (vgl. Grunwald in: ebenda 42-64). Nichtsdestotrotz: Ott erkennt in den praktisch-politischen Konsequenzen und Forderungen beider Ansätze ‚recht starke’ Konvergenzen (2006, 80). Und er scheut sich nicht, diese auch explizit zu nennen. Das ist bezeichnend für sein Denken: Es ist engagierte Philosophie, die von den fundamentaltheoretischen Grundlagen ausgehend bis in die praktische Anwendung reicht.

Literatur zum Thema

Ott, Konrad (1996): Vom Begründen zum
Handeln. Aufsätze zur angewandten Ethik, Tübingen: Attempto.

- (1997): Ipso facto. Zur ethischen Begründung normativer Implikate wissenschaftlicher Praxis, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
- (1998): Über den Theoriekern und einige intendierte Anwendungen der Diskursethik. Eine strukturalistische Perspektive, in: Zeitschrift für philosophische Forschung 52/2, S. 268-291.
- (2001): Moralbegründungen zur Einführung, Hamburg: Junius.
- (2003): Zum Verhältnis von Tier- und Naturschutz, in: Tiere beschreiben, hg. von Andreas Brenner, Erlangen: Harald Fischer, S. 124-152.
- (2006): ‚Friendly Fire’. Bemerkungen zum integrativen Konzept nachhaltiger Entwicklung, in: Ein Konzept auf dem Prüfstand. Das integrative Nachhaltigkeitskonzept in der Forschungspraxis, hg. von Jürgen Kopfmüller, Berlin: sigma, S. 63-81.
- (2010): Umweltethik zur Einführung, Hamburg: Junius.

Ott, Konrad & Döring, Ralf (2008): Theorie und Praxis starker Nachhaltigkeit, 2. überarb. Aufl., Marburg: Metropolis.

Mein Dank gilt Lieske Voget.

UNSER AUTOR:

Marius Christen promoviert im Programm Nachhaltigkeitsforschung an der Universität Basel zu den philosophischen Grundlagen von Nachhaltigkeit.











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