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Heidegger, Martin: Einleitung in die Philosophie

Martin Heideggers
„Einleitung in die Philosophie“

Martin Heidegger hielt im Wintersemester 1928/29 vierstündig eine Vorlesung „Ein-leitung in die Philosophie“. Aus drei Vorlagen, einer Photokopie des handschriftlichen Nachlasses, einer Schreibmaschinenabschrift von Hildegard Feick und einer von Heidegger autorisierten Vorlesungsnachschrift von Simone Moser hat Ina Saame-Speidel für die Heidegger-Ausgabe den Originaltext rekonstruiert (wobei jedoch nicht angegeben wird, welcher Textteil aus welcher Quelle stammt) und veröffentlicht:

Heidegger, Martin: Einleitung in die Philosophie. 404 S., Ln. DM 98.—, kt., DM 88.—, Gesamtausgabe II. Abteilung, Vorlesungen, Band 27, Klostermann, Frankfurt.

Eine Einleitung in die Philosophie, die die verschiedenen philosophischen Disziplinen - Logik, Erkenntnistheorie, Ethik, Ästhetik - im Umriss darstellt, erweckt zwar den Eindruck, man sei in die Philosophie eingeführt, während sie jedoch in Wirklichkeit aus der Philosophie hinausführt. Der Besitz von Kenntnissen über Philosophie ist die Hauptursache der Täuschung, man sei damit zum Philosophieren gelangt.

Menschsein heißt schon philosophieren. Weil aber das Menschsein verschiedene Möglichkeiten, mannigfache Stufen und Grade der Wachheit hat, kann der Mensch in verschiedener Weise zur Philosophie stehen. Deshalb kann die Philosophie als solche verborgen bleiben oder sich bekunden im Mythos, in der Religion, in der Dichtung, in den Wissenschaften, ohne dass sie als Philosophie erkannt wäre. Deshalb darf Einleitung nicht heißen: von einem Standort außerhalb der Philosophie in die Philosophie einführen, sondern Einleitung besagt: In Gang bringen des Philosophierens. Philosophie muss sich aus sich selbst bestimmen. Philosophie ist zwar Ursprung der Wissenschaft, aber gerade deshalb nicht Wissenschaft. Philosophie nennt nicht das, was da behandelt, erkannt werden soll, sondern das Wie, die Grundarten des Verhaltens.

Seit einiger Zeit wird deutlich spürbar, wie der Zusammenhang zwischen der Wissenschaft und einem wirksamen Bildungsideal abgerissen ist. Es ist nicht mehr klar, auf welche Weise nicht nur Resultate der Wissenschaft, sondern die wissenschaftliche Bildung selbst übergeleitet werden soll in das ungestörte Wachstum einer echten Bildung der menschlichen Gemeinschaften. Deshalb das unentwegte und wahllose Bemühen um Popularisierung der Wissenschaften. Popularisierung der Wissenschaften ist aber ein Grund-missverständnis, eine innere Zerstörung der Wissenschaften selber, eine zunehmende Vernichtung und Verschüttung der Möglichkeiten, ihr die ursprüngliche Stellung in der Geschichte des Daseins zurückzugeben. Denn sie verkennt, dass die Wissenschaft nie gleichgesetzt werden darf mit ihren Resultaten. Ursprüngliche Aneignung des Wesentlichen ist nur möglich in der mit Sachgehalt und Resultat unzertrennlich verwachsenen Methode. So entsteht die merkwürdige Tatsache, dass junge Menschen medizinische Kenntnisse haben, aber nicht wissen, was ein Arzt ist und nie erfahren, dass medizinische Erkenntnisse und Existenz als Arzt innerlich zusammengehören. "Was sollen wir damit anfangen?" lautet die übliche und fast spontane Frage in den Einzelwissenschaften gegenüber solchen grundsätzlichen Fragen. Dabei ist der sachliche Fortschritt im Bereich der Tatsachen zugleich auch der Grund für die innere Not der Wissenschaft. Strenge ist das Ideal der Wissenschaften; diese hat aber nur Sinn, sofern sie auf Erfassung der Wahrheit abzielt.

Von Haus aus ist Wahrheit Urteils- bzw. Aussagewahrheit. Dafür lassen sich sogar Platon und Aristoteles als Kronzeugen anrufen. Seither ist diese Auffassung von Wahrheit unerschütterlich geblieben, sie gehört zu dem ganz Wenigen, woran in der Geschichte der Philosophie einmütig festgehalten wurde. Wenn Wissenschaft als Erkenntnis auf Wahrheit abzielt, dann ist die Wissenschaft als ein Zusammenhang von Erkenntnissen ein Zusammenhang von wahren Sätzen; dieser Zusammenhang ist dadurch bestimmt, dass die Sätze nicht einfach nebeneinander gereiht sind, sondern sich gegenseitig begründen. Das Resultat der Wissenschaft ist gleichsam ein Leichnam, der wie Hegel sagte, die Tendenz (das Leben) hinter sich gelassen hat. Wir wollen aber nicht den Leichnam, sondern das Unmittelbare des Wirkens selbst, so, dass wir aus dem Wesen des wissenschaftlichen Wirkens und Werkeschaffens verstehen, in welcher Weise das Resultat zur Wissenschaft gehört. Damit wird aber fraglich, ob der zugrundegelegte Begriff der Wahrheit als Satzwahrheit hinreicht, um Aufschluss über das Wesen der wissenschaftlichen Wahrheit zu geben. Denn der traditionelle Wahrheitsbegriff trifft nicht das Wesen der Wahrheit. Der Grund: In der Antike ist das umgreifende, durchwaltende Ganze hinsichtlich seiner Ganzheit unbestimmt geblieben. Ja, nicht einmal die Frage nach dem ursprünglichen Ganzen, von dem alle Teile ihr Wesen beziehen, ist als Problem grundsätzlich und eindeutig gestellt. Dieses Ganze aber, in dem sich der wahre Satz findet, muss offensichtlich auch die Wahrheit mitbestimmen. Die beiden Enden, Subjekt und Objekt, selbst Resultat eines ungeklärten und unangemessenen Ansatzes, können nicht dadurch, dass sie nun - in welcher Weise auch immer - verkoppelt werden, die zuvor unbestimmte Ganzheit zurückgewinnen und bestimmen. Wir müssen vielmehr umgekehrt sagen: Gerade das viel diskutierte Problem der Subjekt-Objekt-Beziehung mit all seinen Spielarten ist das Anzeichen dafür, dass man über den alten Ansatz der Antike noch nicht hinausgekommen ist und das zentrale Problem noch nicht erfasst hat. Das entscheidende Problem besteht in nichts anderem als im Aufrollen der Frage nach dem Wesen der Wahrheit. Der Beziehungszusammenhang „aussagendes Subjekt, Vorstellung, Bedeutung, Objekt“ hat sich so natürlich ergeben, dass man immer wieder auf ihn zurückkommt und das wesentliche Problem nicht sieht. Vor dem Aussagen des Satzes "Die Kreide ist weiß" sind wir aber immer schon auf das Ding selbst, auf die weiße Kreide bezogen, und zwar nicht so, dass wir nur eine "Vorstellung" in unserer Seele von ihr hätten, sondern - aussagend - halten wir uns schon bei der Kreide auf. Wir, die Subjekte, beziehen uns direkt auf dieses Seiende (Kreide) selbst; wir sind bei ihr. Unsere, des Subjekts, Beziehung zum Objekt ist ein unmittelbares "Sein bei" der Kreide. Die Angleichung der Prädikation an das Objekt, adaequatio, worin man traditionell die Wahrheit sieht, setzt zu ihrer inneren Möglichkeit voraus, dass wir vorgängig schon bei dem Seienden uns aufhalten, worüber eine ihm sich angleichende Aussage vollzogen werden soll.

Wenn mit einem gewissen Recht dem Satz als Aussage die Wahrheit zugesprochen wird, so gründet die Wahrheit in etwas Ursprünglicherem, welches nicht Aussagecharakter hat. Nicht das Bewusstsein oder die Seele, nicht nur Vorstellungen oder Bilder von Dingen, sondern wir selbst, so wie wir uns kennen, sind auf die Kreide selbst bezogen. Sein bei..., Aufenthalt bei... bezeichnet zunächst eine Art und Weise, gemäß der wir Menschen sind. Das Seiende, das jeder von uns Mensch ist, als Mensch, nennen wir Dasein. Einen Grundcharakter der Art und Weise, wie das Dasein ist, nennen wir Existenz. Dasein existiert, und nur es. Die Beantwortung der Frage, was Wahrheit sei, hängt davon ab, wie weit es uns gelingt, das Dasein selbst, d.h. uns selbst in unserer Existenz, so ursprünglich aufzuklären, dass wir aus dem Wesen unserer eigenen Existenz sehen, inwiefern zu ihr wesensmäßig so etwas wie Wahrheit gehört. Das Dasein ist aber nichts anderes als das, was wir bisher "Subjekt" nannten.

Beschäftigung mit Dingen ist nur ein ganz bestimmter Modus innerhalb des Aufenthaltes bei ihnen. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf die Kreide richten, erfassen wir, dass dieses Ding schon vorher vorhanden war. Das Aufmerken auf die Dinge ist ihrem Wesen nach ein Begegnen-lassen, eine eigentümliche Passivität. Die Kreide liegt vielleicht neben dem Schwamm und beide neben der Tafel. Dieses Nebeneinander ist ein ganz bestimmtes in der Nähe von einander. Es ist mitbestimmt durch den Sachgehalt, durch das, was und wie die Dinge sind. Die Kreide dient zum Schreiben auf der Tafel, der Schwamm zum Auslöschen des Geschriebenen auf der Tafel. Diese Dinge stehen nicht einfach nebeneinander, sie stehen vielmehr in einem Zusammenhang der Dienlichkeit. Alles ist je auf das Ganze angewiesen. Unser Sein bei ... ist in erster Linie ein Sein bei einer Mannigfaltigkeit von Seiendem, das von einer bestimmten Bewandtnisganzheit durchherrscht ist. Das einzelne Objekt, das wir ins Auge fassen, ist gerade dieses einzelne nur im Ganzen des Zusammenhangs.

Die Offenbarkeit des Seienden ist eine Unverborgenheit, griech. aletheia, was wir nichtssagend genug mit Wahrheit übersetzen. Wahr, d.h. unverborgen ist das Seiende selbst, wodurch und wie, ist eine weitere Frage. Die Griechen sahen noch nicht, dass im Wesen der Wahrheit etwas Negatives liegt, dass das Seiende zuallererst der Verborgenheit entrissen werden muss. Wir können die Verschiedenheit der Wahrheit des in ihr offenbaren Seienden nur so verdeutlichen, dass wir die verschiedenen Seinsarten des Seienden näher kennzeichnen und nachweisen, wie durch diese je ein eigener Modus der Wahrheit gefordert wird. Unter dem mannigfachen Seienden, unter dem wir selbst vorkommen, findet sich solches, das die gleiche Seinsart hat wie wir, Dasein, und solches, was von anderer Seinsart ist. Seiendes, das unsere Seinsart hat, das wir aber gleichwohl nicht selbst sind, sondern das je der Andere ist, Dasein Anderer, ist nicht einfach neben uns vorhanden, sondern Mitdasein. “Mit” ist zu fassen als Teilnahme, wobei Fremdheit als Teilnahmslosigkeit nur eine Abwandlung der Teilnahme ist. Miteinander sind nur Mensch und Mensch. Die Unverborgenheit (Wahrheit) kommt dem Seienden zu: es ist primär wahr; erst nachträglich ist der Satz über es wahr. Die Wahrheit (Unverborgenheit) ist etwas am Seienden, etwas, was ihm zukommt. Wir teilen uns in die Unverborgenheit des Seienden. Das Gemeinsame ist die Unverborgenheit, das Miteinandersein ist ein Sichteilen in Wahrheit und eine Seinsart des Daseins. Die Wahrheit im Sinne von Unverborgenheit des Vorhandenen gehört zum Dasein und nicht zum Vorhandenen, Wahrheit kommt dem Vorhandenen lediglich zu, gehört nicht zu seinem Wesen. Wahrheit qua Unverborgenheit des Vorhandenen ist für ein Miteinander konstitutiv und gehört ursprünglich zum Dasein. Auf dem Grund des Miteinander wird Gemeinschaft möglich, aber es ist nicht so, dass eine Gemeinschaft von Ichen das Miteinander konstituiert. Denn es ist irrig, das Miteinander von einem Ich-Rumpf aus entstehen zu lassen, wie zu meinen, die Ich-Du-Beziehung sei die Basis, um von ihr aus das Dasein als solches zu bestimmen - was dabei entsteht, ist ein Solipsismus zu zweien. Das Miteinander ist weder auf dem Wege eines vereinzelten Ichs zustande gekommen noch kann es aus dem Ich-Du-Verhältnis erklärt werden. Eine echte Freundschaft beispielsweise wächst in einer echten Leidenschaft für eine gemeinsame Sache, was nicht ausschließt, das jeder verschieden zu Werke geht.

Wahrheit ist dem Seienden so zugeordnet, dass sie diesem Seienden zukommen kann, aber nicht muss, in keinem Fall aber zum Wesensbestand des Vorhandenen gehört. Die Unverborgenheit von Seiendem, das die Seinsart des vorhandenen hat, nennt Heidegger Entdecktheit. Wenn Entdecktheit faktisch existiert, dann geschieht es nur so, dass ein entdeckendes Dasein existiert. Das Dasein ist Seiendes, das von sich aus unverborgen ist. Diese Unverborgenheit des Daseins nennt Heidegger Erschlossenheit. Es ergeben sich zwei Grundweisen von Unverborgenheit des Seienden, nämlich Wahrheit als Erschlossenheit und als Entdecktheit. Diese Verschiedenheit der Zuordnung von Wahrheit in Bezug auf Dasein und Vorhandenes geht darauf zurück, dass auch die Wahrheit des Vorhandenen, Entdecktheit, in der Erschlossenheit gründet, die ihrerseits zur Seinsverfassung des Daseins gehört. Entdecktheit von Vorhandenem ist nur möglich als zugehörig zur Erschlossenheit eines Daseins. Weil aber das Da-sein wesenhaft erschlossen ist, muss das Zusammen von Dasein und Dasein je ein Miteinander sein. Und weil die Entdecktheit wesensmäßig je erschlossen ist, ist Unverborgenheit des Vorhandenen etwas, was es notwendig immer schon weg gegeben hat. Das Dasein ist wesensmäßig in der Wahrheit. Die Wahrheit existiert, d.h. ihre Seinsart ist die Existenz, und das ist die Weise, in der so etwas wie Dasein ist.

Die Thesen “Dasein ist in der Wahrheit” und “Wahrheit existiert” besagen nicht eine schlechte Relativierung der Wahrheit auf den Menschen, sondern umgekehrt: Sie stellen den Menschen seinem Wesen nach vor das Seiende, dergestalt, dass er allererst - als wesenhaft erschlossenes Seiendes - sich nach solchem richten kann, was mit der Erschlossenheit seines Daseins notwendig offenbar geworden ist. Nur wenn Dasein als erschlossen Entdeckendes sich nach Seiendem richten kann, kann es darüber angemessen aussagen. Nur weil das Dasein wesenhaft in der Wahrheit ist, kann es Aussagen über Seiendes vollziehen.
Wissenschaft ist eine Art von Wahrheit, eine Wesensbestimmung des Dasein, sie bedeutet nichts anderes als eine besondere Art und Weise des In-der-Wahrheit-Seins. Damit ist grundsätzlich der Horizont gewonnen für eine Interpretation der Wissenschaft aus der Existenzverfassung des Daseins. Unser heutiges europäisch-abendländisches Dasein ist ein wissenschaftliches, sofern die Unverborgenheit des Seienden mit durch wissenschaftliche Erkenntnisse bestimmt und geprägt ist.

Wenn das Seiende sich an ihm selbst zeigen soll, dann dürfen wir uns nicht daran zu schaffen machen; wir dürfen am Seienden nichts ändern, sondern wir sollen gerade zurücktreten, damit es, das Seiende, von ihm selbst her sich offenbaren kann. Dieses Zurücktreten beginnt uns heute fremd zu werden, weil wir verlernen, dass die Ehrfurcht vor den Dingen eine weit höhere Kraft der Zuwendung verlangt als alles Überrennen und Nivellieren. Das Seinlassen des Seienden, bei dem es einzig um die Unverborgenheit des Seienden geht, bedarf einer besonderen Anstrengung. Die Dinge zeigen sich dann nicht mehr als Acker, Fundament und Brückenpfeiler, sondern als materielle Körper, Massenpunkte, die in bestimmten Beziehungen stehen. Dieses Was enthält in sich eine Reihe von Bestimmtheiten: materielles, bewegliches Ding, bewegt im Sinne der Veränderung des Ortes in der Zeit. In eins mit dieser Bestimmung des Wassein geht auch eine andere Fassung des Wie: es ist nicht mehr zuhanden für die praktisch-technische Bearbeitung, sondern - außerhalb dieser - einfach nur vorhandener materieller Körper, das Seiende qua Natur. Das Wassein und Wiesein der Dinge ist anders bestimmt, Heidegger nennt es in dieser Zusammengehörigkeit das Sein des jeweiligen Seienden.

Das vorliegende Seiende wird dabei nicht mehr als zuhandenes Gebrauchsding, nicht mehr als Gegenstand der technischen Bearbeitung genommen, sondern als vorhandener materieller Körper. Dieser Wandel in der Bestimmung des Seienden vollzieht sich als ein Wandel der Bestimmung der Seinsverfassung des Seienden. Im Unterschied zu den Gebrauchsdingen zeigt sich ein universaler Bereich von materiellen Dingen, genannt physische Natur. Das vorgängige Seinsverständnis hat gleichsam ein Licht vorenthalten. Das Entwerfen als Seinlassen des Seienden ist die Urhandlung des Daseins. Aber auch in der technischen Hantierung mit den Dingen liegt ein Erkennen (das man als Umsicht und Sichauskennen bezeichnen kann), allgemein ist jedes Verhalten zu Seiendem ontisches Verhalten.

Wahrheit jedoch, als Unverborgenheit des Seienden genommen, existiert nur, wenn das existierende Dasein dergleichen wie Sein versteht, d.h. wenn zum Wesen der Existenz des Daseins Enthüllen von Sein gehört. Die ontologische Wahrheit (Unverborgenheit von Sein) ist nur möglich, wenn das Dasein seinem Wesen nach Seiendes zu übersteigen vermag, d.h. als faktisch existierendes das Seiende schon immer überstiegen hat. Die Transzendenz des Daseins wiederum ist die Bedingung der Möglichkeit der ontologischen Differenz, dafür, dass Unterschied von Sein und Seiendem überhaupt aufbrechen kann, dass es diesen Unterschied geben kann. Wissenschaft muss, um zu sein, was sie ist, ihre Wurzeln in der Transzendenz geschlagen haben. Wissenschaft ist Erkenntnis von Seiendem und nicht von Sein, als Wissenschaft von Seiendem ist sie je solche eines bestimmten Gebietes und nie vom Seienden als Ganzem. Das In-der-Wahrheit-Sein der Wissenschaft ist somit ein Umstelltsein von Verborgenheit. Das ausdrückliche Transzendieren aber ist als Fragen nach dem Sein als solchem das Philosophieren. Das Dasein philosophiert, weil es transzendiert. Die Philosophie braucht sich nicht erst einen Gegenstand zu erdenken, das Dasein selbst in seinem Wesen - als transzendierendes - trägt in sich die mögliche Frage nach dem Sein. Das Philosophieren ist das Vorrecht jener, die bereit sind zu verstehen, dass das Wesentliche in der Einfachheit und Ursprünglichkeit des eigenen Daseins metaphysisch ruht und auf Befreiung wartet.

Ausdrückliches Transzendieren als Philosophieren ist sich wiederholendes Fragen nach dem Sein des Seienden; das Sein als solches befragen, heißt, es zu begreifen suchen. Die Ganzheit des je im Dasein immer schon verstandenen Seins, insbesondere der Charakter dieses Verstehen und die Organisation des Verstandenen, das In-der-Welt-sein überhaupt, die Welt, hat den Charakter des Spiels.

Dieser Band habe eine “überragende allgemeine Bedeutung”, schrieb Kurt Flasch in der Frankfurter Allgemeinen, es gebe seiner Ansicht nach keine bessere Einführung in die Philosophie Heideggers. Dieser spreche hier in einer offenen, noch nicht erstarrten Sprache ohne Manierismen, und der Band zeige das Denken Heideggers in statu nascendi, ohne akademisches Dekor und in freier Diktion, also nicht raunend. Alle Punkte, die seit den fünziger Jahren zu endlosen Missverständnissen geführt haben, sind nach Flasch hier in souveräner Ruhe erklärt, und es sei kaum auszudenken, was geschehen wäre, wenn der Band vor fünfzig Jahren erschienen wäre. Flasch kritisiert jedoch die Mängel der Edition. Uwe Justus Wenzel pflichtet ihm in der Neuen Zürcher Zeitung bei und spricht von “jeder wissenschaftlichen Überprüfbarkeit spottenden Editionspraktiken”.



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