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Martin Mulsow:
Philosophische Frühneuzeitforschung

Philosophische Frühneuzeitforschung

Es ist auffällig, wie viele Frühneuzeitinstitute im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren gegründet worden sind. In Hamburg wurde vom Kunsthistoriker Martin Warnke das Warburg-Institut wiederbelebt, in Frankfurt gründete der Anglist Klaus Reichert ein Institut für Renaissance-Studien, in Osnabrück der Germanist Klaus Garber ein Institut für Kulturgeschichte der frühen Neuzeit, in Wien leitet Karl Vocelka seit 1989 ein privates Institut für die Erforschung der frühen Neuzeit.

Was macht die Philosophie in diesem Reigen wiederaufblühender Erforschung der frühmodernen Umbruchszeit vom 16.-18. Jahrhundert? In Deutschland gibt es einen einzigen Lehrstuhl für Renaissancephilosophie; ihm ist immerhin ein eigenes kleines Institut mit beachtlicher Bibliothek zugeordnet, das "Institut für Geistesgeschichte und Philosophie der Renaissance". Es ist dem Institut für Philosophie der Ludwig-Maximilians-Universität München angegliedert. Den Lehrstuhl hat seit 1973 Stephan Otto inne. Entstanden ist das Institut aus einer Professur, die Ernesto Grassi in den 60er Jahren an der Münchener Universität ausgefüllt hatte. Im Anschluss an Grassi hatte man vor, in München an die große Tradition von Renaissanceforschung anzuknüpfen, die es vor dem Krieg in Deutschland einmal gab. Namen wie Baron und Panofsky, Cassirer und Klibansky, Warburg und Kristeller stehen für diese damals weltweit führende Tradition. Mit der erzwungenen Emigration der "Warburg-Schule" nach England und Amerika hatte diese führende Rolle ein abruptes Ende. Das Münchener Institut konnte diese Leerstelle aber nicht ausfüllen, zu schmal war die Basis an personeller und finanzieller Ausstattung, aber auch an gelehrtem Potential. Der Verlust war nicht so ohne weiteres zu ersetzen.

Aber gerade weil hier immer noch ein gewisses Vakuum blieb - Hans Blumenberg war ein Glücksfall, aber auch ein Einzelfall -, ist der Bedarf an Orientierungswissen über die vor oder frühmoderne Epoche zu verstehen, der inzwischen deutlich artikuliert wird und sich in den genannten Institutsgründungen manifestiert. Philosophiegeschichtlich hat man in München immerhin eine bescheidene Tradition etablieren können, und der zweite Philosoph am Münchener Institut, Eckhart Keßler, ist einer der Herausgeber des international renommiertesten Handbuchs zur Renaissancephilosophie, der Cambridge History of Renaissance Philosophy.

Sonst kommt man in Deutschland eher auf Umwegen zur Beschäftigung mit den Themen des 15., 16. oder 17. Jahrhunderts. Über die Beschäftigung mit Ernst Cassirer beispielsweise ist Enno Rudolph (Heidelberg) in jüngster Zeit dazu gelangt, aus der Perspektive des früheren Hamburger Philosophen der Bibliothek Warburg eine Reihe von Kolloquien über Renaissancephilosophie zu organisieren. Wilhelm Schmidt-Biggemann (Berlin) hat, von der Aufklärungsforschung herkommend, über die Bestände der Herzog August-Bibliothek in Wolfenbüttel zur Beschäftigung mit den topischen Formen der barocken Universalwissenschaft gefunden und zeichnet gegenwärtig die Geschichte der Idee einer 'philosophia perennis' nach. Paul Richard Blum, seit kurzem Professor an der Universität Budapest, verbindet die Aufarbeitung von katholischer Schulphilosophie der Frühneuzeit mit Renaissancethemen. Der neue Direktor der Leibniz-Forschungsstelle in Münster, Thomas Leinkauf, repräsentiert wiederum eine andere Herkunft: aus der Platonismusforschung, die schon immer die Brücke von der Antike bis zum deutschen Idealismus zu spannen wusste, ist er an die Platoniker und Universalwissenschaftler der Renaissance und des Barock gelangt.

Was die philosophische Erforschung der Zeit nach der Renaissance angeht, insbesondere des 17. und frühen 18. Jahrhunderts, so leidet sie nach wie vor unter dem Verdikt des "Vorkantischen", kaum weniger als die Forschung zum 16. Jahrhundert. Zwar gibt es hier einige Lehrstühle für "Geschichte der Philosophie", die diese Zeit abdecken, doch wird immer noch die Konzentration auf die "Großen" bevorzugt, also auf Descartes, Leibniz oder Spinoza. Der weniger augenscheinliche philosophische Diskurs dieser Zeit wird selten wahrgenommen und noch seltener an den Universitäten gelehrt. Darin besteht ein großer Unterschied zur Forschung in anderen Ländern, besonders in Italien und den Vereinigten Staaten. Dort hat man schon seit längerer Zeit die Konsequenzen aus der Einsicht gezogen, dass erst die unvoreingenommene Wahrnehmung der Debatten und Gestalten der frühen Neuzeit die wahrhaft interessanten Themen freilegt, nicht aber die Konstruktion von "Vorgeschichten" späterer Großphilosophien. In Deutschland bestand hier lange ein blinder Fleck.

Man kann allerdings in der Breite der nun aufblühenden Frühneuzeitforschung in Deutschland die Chance sehen, an diese internationalen Entwicklungen anzuschließen. Ganz pragmatisch erwogen, ist es nämlich einerseits das Erreichen einer "kritischen Masse" an Forschungsquantität, was zum Entstehen eines fruchtbaren Diskussionszusammenhanges führt, zum anderen kann nur die Vielfalt von disziplinären Ansätzen zum Aufsprengen einseitiger und veralteter Forschungsmuster führen. Zu den veralteten Mustern gehört innerhalb der Philosophie nicht zuletzt die brave (und sicher nicht zu verachtende) Rolle des Philosophiehistorikers als Wasserträger der Philosophen, der die kritischen Ausgaben herstellt und sich mit Werkinterpretationen befasst, die mit dem Anpreisen von "Aktualität" immer den neueren Entwicklungen hinterherzulaufen hat.

Von diesem Dasein hat sich die neue Frühneuzeitforschung verabschiedet. Sie setzt selbstbewusst auf die Alterität der vormodernen Epoche. Es wird künftig einiges daran liegen, wie sich die genannten vielfältigen Bemühungen um die Frühneuzeit - zu denen auch noch die historisch-anthropologische Richtung unter der Mentorschaft von Richard van Dülmen zu zählen wäre - in ihren Aktivitäten koordinieren. Denn eine gewisse Absprache und wechselseitige Kenntnisnahme in den Forschungsinstituten scheint dringend geboten. Dabei könnte dem Münchener Institut künftig - eine Umgestaltung nach der Emeritierung des Lehrstuhlinhabers im Jahr 1997 steht bevor, soweit der Lehrstuhl nicht von den drohenden Streichungen betroffen wird, was zu befürchten ist - eine Schlüsselrolle zukommen. Denn im Konzert der Disziplinen der Erforschung der frühen Neuzeit muss die Philosophie zwar nicht mehr die erste Geige spielen (das wäre anachronisische Augenwischerei), doch kann ihr die Rolle einer Vermittlerin zukommen. Im Sinne von Habermas, nach dem sich die Funktion der Philosophie heute als Platzhalter und Interpret bestimmen läßt, wäre ein Institut für frühneuzeitliche Philosophie heute eine Statthalterin des Erbes an Ideen, die in die historischen Prozesse der Vormoderne untrennbar verflochten sind. Denn was die so definierte Rolle der Philosophie retrospektiv für die frühe Neuzeit bedeuten kann, ist zweifellos, die verstärkende, blockierende, verbindende, katalysatorische Funktion der Ideen, der nach Lovejoy wanderlustigsten Dinge der Welt, verstehen zu helfen, indem sie die intellektuellen Horizonte, die durch sie bestimmt wurden, nachzeichnet. Ist die Forschung nicht mehr belastet durch apriorische Epochendefinitionen, zeitliche Abgrenzungen oder legitimatorische Neuzeittheorien, dann ist sie erst frei für die Wiederentdeckung einer "Artenvielfalt" von Ideen, deren Identität sich in einem komplexen Präparierungsverfahren ermitteln lässt.

Ich möchte im folgenden einige neuere Trends in der internationalen Forschung vorstellen, die gerade für diese Möglichkeit Chancen und Wege aufzeigen. Es sind philosophische Ansätze, die zur Wissenschaftsgeschichte und Sozialgeschichte, zur Buchgeschichte und Mentalitätengeschichte offen und somit die geforderte Vermittlungsfunktion zu leisten imstande sind. Zugleich macht diese Öffnung auch eine Selbstreflexion der Philosophie möglich, gleichsam ihre "Sozioanalyse" (Bourdieu), denn mit dem Blick vom "Außen" der anderen Fachrichtungen werden die Eigenheiten und Praktiken des Philosophenhandwerks erst wirklich deutlich, damit aber auch die strukturellen Beschränktheiten in ihrer Interpretation der Welt.

1. Die italienische Forschung hat seit dem 19. Jahrhundert eine enge Verbundenheit mit der Philosophie der Renaissance - naturgemäß, ist doch die Renaissance die klassische Epoche der italienischen Kultur gewesen. In dieser ungemein reichhaltigen und präzisen italienischen Philosophiegeschichtsschreibung - Eugenio Garin und Cesare Vasoli mögen als Beispiele genannt sein - ist allerdings immer die Gefahr präsent, in eine gewisse doxographische Sterilität zu verfallen, die vergisst, wie viele interessante Fragen sich an ein Thema stellen lassen. Paola Zambelli (Florenz) ist gegen diese Art von Sterilität gefeit. Sie macht mit der italienischen Tendenz zum "nur Historischen" ernst und wendet sie in eine provokante Offensive gegen die Philosophie um. "Die Geschichte der Philosophie ist heute Teil der Geschichte, nicht mehr Teil der Philosophie", lautet ihr Credo. Den Gewinn dieser vielleicht schmerzhaften Ablösung sieht sie darin, dass erst nach ihr ein methodisch avanciertes historisches Arbeiten mit philosophischen Texten beginnt. Zum Beispiel kann man dann unbefangener die verschiedenen möglichen Ebenen philosophischen Publizierens in der Renaissance, das "Navigieren zwischen Inquisitoren und Lesern" beobachten, weil man nicht mehr an die traditionelle Vorstellung vom Autor und seinem Werk gefesselt ist. Einbezogen sind dann Flugschriften und geheim zirkulierende Manuskripte ebenso wie hochgelehrte Traktate und elegant geschriebene Bücher. Und die akademischen Kontroversen über natürliche Magie im 16. Jahrhundert erhalten dann den realistischen Ort zurück, in dem sie standen, nämlich zwischen astrologischen Flugschriften, medizinischer Praxis und juristischen Hexenverfolgungen. Der Blick auf die 'Orchestrierung' philosophischer Thesen lässt Zambelli äußerst fruchtbare Fragen stellen, die sie mit allen Mitteln philologischer Raffinesse zu klären versucht. In Ende der Welt oder Anfang der Propaganda?' fragt sie, ob welchen Zusammenhang die Weltuntergangsvoraussagen von 1524 mit dem aufkommenden Buchdruck besessen haben, in 'Eklektischer Aristotelismus oder clandestine Polemik?' erörtert sie den Fall des Pico und Pomponazzi verpflichteten, kaum bekannten Philosophen Tiberio Russelliano Sesto, der 1519 einige bemerkenswert freidenkerische Thesen aufgestellt hatte. Für Zambelli macht erst die Rekonstruktion der "clandestinen" Form ungedruckter Überlieferung den Sinn deutlich, der die "Auswahl" brisanter Thesen steuert. All diese Themen befinden sich, wohlgemerkt, weitab von den gängigen Erörterungen renaissancephilosophischer Philosophien.

2. Eine radikalisierte Ablehnung der üblichen, oft wenig aufregenden Mélange von Philosophie und Philosophiegeschichte läßt sich auch bei einigen wenigen deutschen Forschern finden. Gelegentlich erfolgt sie im Zeichen der "Diskursanalyse". Nun wird im akademischen Betrieb so etwas wie "Diskursanalyse" ja oft entweder pauschal abgelehnt, oder umgekehrt in einer epigonalen Weise betrieben, die nicht nur die Methode der Untersuchung von Foucault übernimmt, sondern dabei auch gleich an dessen inhaltlichen Thesen und Vorlieben hängen bleibt. Frei von jeglicher solcher Nachahmung à la mode ist durch eine einzigartige Kompetenz und Kenntnis der frühneuzeitlichen Texte der Berliner Philosophiehistoriker Wolfgang Hübener, der dennoch eine Art von "positivistischer" Analyse der Diskusoberfläche für die am besten geeignete Methode hält, um die gängigen Orientierungen des Blicks in die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Denn die meisten dieser Orientierungen sind selbst historisch geworden, so Hübener, und zwar meist im 19. Jahrhundert, sei es im deutschen Idealismus oder im liberalen Neuprotestantismus. Man muss hinter diese "Mythen" zurückgehen, um wie ein Archäologe die Formationen des frühneuzeitlichen Denkens wieder freizulegen. Ein eindruckvolles Beispiel solcher Freilegung ist Hübener in seiner Rekonstruktion des Diskurses der "praedeterminatio physica" gelungen. Die Vorstellung einer physikalisch bis ins einzelne gehenden Determinierung durch Gott ist im 17. Jahrhundert ein prägendes Modell gewesen, das noch die Philosophie von Leibniz beeinflusst hat und von Hübener als ein Gegenbild zum Mythos der Neuzeit als "Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit" (Hegel) verstanden wird. Diese Analysen sind inzwischen von Hübeners Schüler Sven Knebel ausgeweitet und in den Bereich der jesuitischen "scientia media" hinein fortgeführt worden.

Dass bei solcher Analyse die herkömmlichen Epocheneinteilungen und -benennungen sich von selbst auflösen und Platz für solche machen, die dem Textbestand adäquater sind, zeigen auch die Arbeiten des Bielefelder Historikers der politischen Philosophie Horst Dreitzel. Von seinen Studien her sieht er bis weit ins 17. Jahrhundert hinein die Dominanz aristotelischer Schulphilosophie, die dann in Deutschland durch eine Epoche der "Eklektik" abgelöst worden ist.

3. Philosophiehistorie kann im übrigen auch mit Lust und Witz betrieben werden, ohne dass die Gelehrsamkeit schaden nimmt. Es ließe sich sogar, das legen die Bücher von Anthony Grafton (Princeton) nahe, eine umgekehrte Korrelation behaupten: je mehr die Pointen und manchmal gar nicht intendierten Folgen von ganz anderen Absichten in der Genese von vergangenen Theorien verstanden werden wollen, desto mehr gelehrter Scharfsinn und Souveränität ist aufzubieten, um vergangenen Denkern eben dies nachzuweisen. Hat man aber die unterliegenden Intentionen verstanden, können jene Gebiete wieder zusammen gesehen werden, die durch Disziplingrenzen inzwischen getrennt sind: etwa die 'zwei Kulturen' des Humanismus und der Naturwissenschaft.
Nicht nur in seinem Werk über Scaliger hat Grafton mit Erfolg so gearbeitet, sondern auch in zahlreichen kleineren Studien. Besieht man nämlich die Praxis der Gelehrten aus der Nähe, läßt sich erkennen, wie etwa philologische Vorlieben oder religiöse Verpflichtungen philosophische Folgelasten zeitigen. Das heißt aber Geschichte der klassischen Philologie so zu schreiben, dass ihre Relevanz für die philosophische Entwicklung unmittelbar einsichtig wird. Die Einführung von Fußnoten beispielsweise kann dann als Verdoppelung der Narrative aus methodischen Gründen und darüber hinaus als eine Form von reflexiver Arbeitsweise verstanden werden.

4. Doch Selbstreflexion in der Philosophiehistorie muss nicht nur Publikationsebenen und philologische Verpflichtungen betreffen, sie kann sich auch auf die Bedeutung der Forschergemeinschaft selbst für die frühneuzeitliche Philosophie richten. Vor allem neuere amerikanische Arbeiten stellen zunehmend die Beziehung von Soziabilität, Zivilität und sozialer Abgrenzung für die Intellektuellen in den Mittelpunkt. Dass diese Betonungen parallel zur Debatte um Kommunitarismus und die Dimensionen des "situated self" stattfinden, scheint mir kein Zufall zu sein. Spätestens seit den Büchern J. G. A. Pococks ist die "republikanische" Tradition von Tugend und Soziabilität auch in ihrer historischen Dimension erfasst worden. So hat Paula Findlen kürzlich die Praxis des Sammelns bei frühneuzeitlichen Naturwissenschaftlern in ihren Funktionen für die gelehrte Anerkennung, für Gemeinschaft und sozialen Status untersucht. Stephen Shapin geht in seinen Thesen über die Rolle von elitären Gemeinschaften in der Naturwissenschaft des 17. Jahrhunderts sogar noch weiter und postuliert eine "Sozialgeschichte der Wahrheit". Denn es sind die Evidenzkriterien der Verifizierung von empirischen Theorien selbst, so Shapin, die in den Kreisen der Royal Society in (sozialen) Begriffen von "glaubwürdigen und anerkannten" Bürgern als Zeugen der Experimente gefasst wurden. Eine Menge an Forschung ist in diesem Feld einer Sozialgeschichte des Wissens und der Wahrheit erst noch zu leisten. Modelle, die in der historischen Anthropologie erprobt sind, warten auf ihre Anwendung auch für die Praxis der frühneuzeitlichen Philosophengemeinschaften.

Dass gerade die "neue" Wissenschaftsgeschichte, die Findlen und Shapin repräsentieren, die vielversprechendsten Ansätze für die Zunkunft aufzeigt, ist Symptom dafür, wie sehr sich diese Disziplin in einem Aufwind befindet - in den Vereinigten Staaten und England bereits deutlicher spürbar als hierzulande. Doch hat auch hier der erste Kongress für Wissenschaftsgeschichte im September 1996 in Berlin gezeigt, dass man gewillt ist, dem Aufwind zu folgen. Die Philosophiegeschichtsschreibung wird sich, wenn sie klug ist, daran anschließen. Die Fokussierung des Kongresses auf die Zeit um 1600 (neben der Zeit um 1900) als einer entscheidenden Wendezeit hat die Voraussetzungen dafür als günstig aufgezeigt. Denn wenn die Ausbildung der Moderne, so die These von Winfried Schulze, um 1600 in der Reaktion auf die Einsicht der Unfähigkeit der Bewältigung von Pluralität und Dissens erfolgt ist, dann wird man den neuen Ideen, die um 1600 entwickelt worden sind, große Relevanz für das Selbstbild der späteren Jahrhunderte zusprechen. Das muss keineswegs in den Bahnen einer simplen und vorschnellen Aktualisierung geschehen. Diese Einsicht unterstützt im übrigen die eher im angelsächsischen Raum verbreitete Überzeugung, dass philosophische Leitentwicklungen der Moderne mehr im Skeptizismus (wie ihm R. H. Popkin rekonstruiert hat) und in den relativierenden Destruktionen von Begründungsfundamentalismen zu suchen sind als in den idealistischen Grundlegungen, wie sie sich in der deutschen Perspektive in den Vordergrund schieben. Toleranz und Umgang mit Dissens und Pluralität jedenfalls haben ihre philosophiehistorische Seite, die von Bodins Colloqium heptaplomeres über Bayle bis zu den Aufklärungsphilosophen reicht und die durchaus zu den Agenda der Forschung gehört. Wenn die philosophische Frühneuzeitforschung in Deutschland in genau diesem Sinne modern ist, nämlich mit der Pluralität der Forschungsansätze selbstbewusst umzugehen lernt, dann wird sie wieder eine große Zukunft vor sich haben.


Anschriften der Frühneuzeitinstitute:

Institut für Geistesgeschichte und Philosophie der Renaissance, Ludwigstr. 31/IV, 80539 München.

Institut für die Erforschung der Frühen Neuzeit, Lederergasse 33/12, A-1080 Wien.

Zentrum zur Erforschung der frühen Neuzeit - Renaissance Institut, Keltenhofweg 135, 60054 Frankfurt/Main.
Institut für Kulturgeschichte der frühen Neuzeit, Neuer Graben 19/21, 49069 Osnabrück.


Eine Auswahl der erwähnten Schriften:
The Cambridge History of Renaissance Philosophy, hrsg. von Ch. Schmitt, Q. Skinner, E. Keßler und J. Kraye, Cambridge 1988.

P. Findlen: Posessing Nature: Museums, Collecting, and Scientific Culture in Early Modern Italy, Berkeley 1994.

A. Grafton: Defenders of the Text. The Traditions of Scholarship in an Age of Science (1450-1800), Cambridge, Mass. 1991.

Th. Leinkauf: Mundus combinatus. Studien zur Strktur der barocken Universalwissenschaft am Beispiel Athanasius Kirchers SJ, Berlin 1993.

St. Otto: Renaissance und frühe Neuzeit (Geschichte der Philosophie in Text und Darstellung Bd. 3), Stuttgart 1984.

R. H. Popkin: The Third Force in Seventeenth Century Thought, Leiden 1992.

W. Schmidt-Biggemann: Topica universalis. Eine Modellgeschichte humanistischer und barocker Wissenschaft, Hamburg 1983.

W. Schulze: Ende der Moderne? Zur Korrektur unseres Begriffs der Moderne aus historischer Sicht. In: H. Meier (Hrsg.): Zur Diagnose der Moderne, München 1990, 69-98.
St. Shapin: A Social History of Truth: Civility and Science in Seventeenth-Century England, Chicago 1994.

P. Zambelli: Una reincarnazione di Pico ai tempi di Pomponazzi, Milano 1994.

P. Zambelli (Hrsg.): Astrologi halluzinati. Stars and the End of the World in Luther's Time, Berlin 1986.




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