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Platon: Neuer Deutungsversuch der Geheimlehre

PLATON

Platons „Geheimlehre“ – ein neuer Deutungsversuch

Kein Thema ist in der Platon-Forschung so umstritten wie die Theorie von der „ungeschriebenen Lehre“ Platons. Jürgen Villers, Privatdozent an der Technischen Hochschule in Aachen, hat das Thema in seinem Buch

Villers, Jürgen: Das Paradigma des Alphabets. Platon und die Schriftbedingtheit der Philosophie. 498 S., Ln., € 49.80, 2005, Königshausen und Neumann, Würzburg

übersichtlich dargestellt und eine neue Lösung des Problems vorgeschlagen.

Im Phaidros und im VII. Brief hat Platon es für unmöglich gehalten, Wissen in angemessener Form schriftlich darzustellen. Dies hat zum Versuch geführt, eine „Ungeschriebene Lehre“ Platons zu rekonstruieren. Für den Tübinger Philosophen Hans Joachim Krämer und neuerdings für den Mailänder Giovanni Reale bildet eine solche Lehre den eigentlichen Kern von Platons Philosophie. Gestützt wird diese Interpretation durch die ausdrückliche Erwähnung von „ungeschriebenen Lehren“ Platons bei Aristoteles und den Hinweis von dessen Schüler Aristoxenos von Tarent auf zumindest einen Lehrvortrag Platons mit dem Titel „Über das Gute“. Philosophische Brisanz erlangten diese Arbeiten dadurch, dass die rekonstruierten Inhalte dieser ungeschriebenen Lehren nicht völlig mit den Dialogen übereinzustimmen scheinen.

Die Gegner der esoterischen Lehre

Hauptgegner aller gegenwärtigen Vertreter einer solchen esoterischen Lehre Platons ist die Dialogtheorie, die auf Schlegel und auf den von diesem zu seiner großen Platon-Übertragung angeregten Hermeneutiker Friedrich Ernst Schleiermacher zurückgeht und bis in die Gegenwart reicht. Von dieser Position aus gesehen wird die dezidierte Schriftkritik Platons entweder als pseudo-platonisch eingestuft (und die Echtheit des VII. Briefes bestritten) oder so interpretiert, dass Platon gerade in der Form des geschriebenen Dialogs das angemessene, weil dem lebendigen mündlichen Lehrgespräch ähnlichste Mitteilungsmittel gefunden habe. Prägnant zusammengefasst hat Paul Friedländer die Dialogtheorie: „Der Dialog ist die einzige Form des Buches, die das Buch selbst aufzuheben scheint.“ Denn der Dialog operiere auf verschiedenen Verständnis- und Interpretationsebenen: Während dem unvorbereiteten oder ungeeigneten Leser nur der vordergründige Sinn zugänglich sei, erschlössen sich dem verständigen Leser, der die Dialoge mehrfach liest, ständig weitere, neue Antwortdimensionen; mit anderen Worten: der „tiefere Sinn“. Für die an Schleiermacher anknüpfende Platon-Philologie ergaben sich damit zwei Schlussfolgerungen: Der Gedanke der Einheit der Platonischen Philosophie trat zurück hinter der Untersuchung einzelner methodischer und inhaltlicher Theoreme Platons, und die Dialoge wurden unter dem Aspekt des Entwicklungsgedankens interpretiert.

Konsens über „ungeschriebene Lehren“

Darüber, dass Platon „ungeschriebene Lehren“ entwickelt hat, besteht (zumindest weitgehend) Konsens, uneinig ist man sich aber über den Inhalt und die Funktion dieser Lehren. Für Villers ist die Tübinger Schadewaldt-Schule um H.J. Krämer und K. Gaiser, die erstmals den Ansatz einer Rekonstruktion der „Ungeschriebenen Lehre“ aus der indirekten Überlieferung verfolgt hat, deshalb auf soviel Widerspruch gestoßen, weil sie – zumindest anfänglich – diese Lehre als eine Art von Geheimlehre bestimmte. Dem ist – für Villers zu Recht – widersprochen worden: Platons Sokrates hält sich zwar an systematisch wichtigen Stellen oft etwas zurück, aber nicht, um etwas geheim zu halten, macht er doch ausdrücklich auf sein Zurückhalten aufmerksam. Th. A. Szlezák sieht denn auch den dialogdramatischen Sinn dieser Stellen darin, immer dem jeweiligen Erkenntnisniveau seiner Gesprächspartner und Zuhörer gemäß zu argumentieren. Damit sollen zum einen diese nicht überfordert, und zum anderen soll die Lehre nicht dem Unverständnis der Zuhörer ausgesetzt werden, dass diese voreilig mit Geringschätzung reagieren könnten. Auch der Autor Platon legt in seinen Schriften nicht alle Begründungsinstanzen offen, sondern nur diejenigen, die von der im jeweiligen Dialog fingierten Argumentationssituation erfordert werden. Dass der gesprächsführende Dialektiker jeder Gesprächssituation gewachsen ist, weil er stets in der Stufenfolge der Argumente höher liegendes Begründungswissen vorbringen kann, wird von Szlezák dahingehend interpretiert, dass der Gesprächsführer im Besitz einer Art von Letztbegründung sein muss. Dieser Dialektiker weigere sich gerade an den angesprochenen „Aussparungsstellen“, dieses höhere Wissen preiszugeben, entweder weil die Argumentation dies nicht verlangt, oder weil er das intellektuelle Fassungsvermögen seiner Gesprächsteilnehmer für nicht geeignet bzw. noch nicht genug vorbereitet erachtet. Niemals aber behauptet der Sokrates der Dialoge, er habe die Ideen „gesehen“, im Gegenteil: Gerade im Hinblick auf den „höchsten Lehrgegenstand“, die Idee des Guten, lässt Platon seinen Sokrates bekennen, dass „wir sie nicht hinreichend kennen“.

 

 


Gegen die These eines geheimen Wissens bzw. einer Geheimlehre spricht aber auch der öffentliche Charakter des von Aristoxenos berichteten Lehrvortrags Über das Gute, der allen Interessierten der athenischen Öffentlichkeit offen stand. Einwände dieser Art haben denn auch dazu geführt, dass die Tübinger Schule seit dem Heidelberger Kolloquium von 1967 von der esoterischen Lehre nur noch im Sinne der indirekt überlieferten, innerakademischen Lehre Platons spricht. Insbesondere ist es das Verdienst von Szlezák, Platons sogenannte esoterische Philosophie deutlich von einer Geheimlehre im Sinne der pythagoreischen Tradition abgegrenzt zu haben.

Die Tatsache, dass sich zumindest ab den mittleren Dialogen Verweise auf ungeschriebene Lehren finden, zwingt nach Villers zu einer Einschränkung der Evolutionslehre des platonischen Denkens. Diese geht davon aus, dass sich Platon in den frühen Dialogen noch weitgehend auf die Rolle eines Berichterstatters des genuin Sokratischen Philosophierens beschränkt. Erst ab der mittleren Phase habe er eigenständige philosophische Konzeptionen entwickelt, insbesondere seine Ideenlehre, die er dann in den Spätschriften modifiziert und ausgearbeitet habe. Für Villers ist es plausibler anzunehmen, dass Platon schon von Anfang an zumindest die Grundlinien seiner auf Systematik angelegten Philosophie entwickelt hatte.

Die innerakademische mündliche Lehrtätigkeit

Über den Charakter und die Inhalte der innerakademischen mündlichen Lehrtätigkeit sieht Villers anhand von Andeutungen, die sich verstreut in Platons Schriften finden, folgende Vermutungen: Einiges spricht dafür, dass am Beginn des Studiums in der Akademie ein Test der Studierfähigkeit des Aspiranten in Form einer mündlichen Prüfung gestanden hat. Den Anfangsteil der akademischen Lehre bildet dann eine wissenschaftliche Propädeutik, die im Studium von Einzelwissenschaften bestand, insbesondere der mathematischen Disziplinen (zu denen auch Astronomie und musikalische Harmonielehre gezählt wurden), vermutlich aber auch von Biologie, Medizin und Politikwissenschaft. An dieses „Grundstudium“ schloss sich für besonders Begabte die Beschäftigung mit der Dialektik an. Dialoge, die den Aspekt der formalen Schulung durch ältere, erfahrene Lehrmeister in den Vordergrund stellen (es sind dies u. a. Theaitetos, Sophistes oder Politikos) dienten als methodische Übungen. P. Natorp hat denn auch den zweiten Teil des Parmenides geradezu „eine akademische Seminarstunde“ genannt. Die Vertreter der „Ungeschriebenen Lehre“ im engeren Sinne rekonstruieren nun darüber hinaus eine eigenständige systematische Prinzipienlehre Platons. Aristoteles hat ja im ersten Buch der Metaphysik bei seiner Kritik Platons das Urteil gefällt, hier sei die Philosophie zur Mathematik geworden, und die Kosmologie des Timaios weist eine solche Tendenz zur Mathematisierung der Welt und ihrer Entstehung auf. Es stellt sich deshalb die Frage, ob Platon diese Mathematisierung nicht noch weiter getrieben hat und die Flächen, aus denen sich die Körper zusammensetzen, auf Gerade und diese auf Punkte zurückgeführt hat. Wenn man nun den Punkt, das Eine, moralisch umdeutet in das höchste Gut, wird eine ontologische und logische Stufenordnung der Realität nahe gelegt, die von der Spitze, der „Einheit“ über die Ideen, die mathematisiert als Idealzahlen gefasst sind, zu den ganz unten stehenden konkreten Einzeldingen herabführt. Es ist dies eine Ansicht, die weitgehend den Anschauungen ähnelt, die vom Mittel- und Neuplatonismus her überliefert sind. Der Ausgangs- und Endpunkt dieser Ontologie, die Einheit, wäre dann in den Worten Krämers so zu verstehen, dass sie „nicht die Zahl Eins ‚ist’, auf die in der Zahlenreihe die Zwei und Drei folgt, sondern Prinzip und Element von Zahl, d.h. selbst übermathematisch“.

Villers sieht den Hauptvorteil dieses Rekonstruktionversuchs darin, dass er die Lehre Platons in einer viel systematischeren Form präsentiert, als das die Dialoge vermögen. Andererseits haben aber die Vertreter der Ungeschriebenen Lehre bei ihrer Rekonstruktion den Gedanken einer Systematisierung weiter getrieben, als es die fragmentarische und notwendigerweise indirekte Quellenlage hergibt. Doch aus den Berichten des ansonsten zuverlässigen Aristoteles lässt sich eine vierstufige hierarchische Ordnung der Ontologie herauslesen. Danach wird das Eine bei Platon sowohl als höchstes Allgemeines als auch als erstes, grundlegendes Element verstanden. Die weiteren Ebenen sollen nun aus dem Spannungsverhältnis zwischen diesen beiden Prinzipien hervorgehen. Wie dies im Einzelnen geschehen soll, wird allerdings nicht erklärt. Die zweite Stufe bilden dann die Ideen und unter diesen als die allgemeinsten und obersten die Meta-Ideen (die Kategorien), insbesondere die sogenannten „Idealzahlen“ von der Zweiheit bis zur Zehnheit. Darauf folgen die intelligiblen und unveränderlichen, aber individuellen mathematischen Gegenstände, mit denen sich Arithmetik, Geometrie usw. beschäftigen. Die letzte Stufe dieses Weltmodells bilden schließlich die sinnlichen Gegenstände der phänomenalen Welt der Veränderung. Hierzu zählen die in ewiger Bewegung begriffenen überirdischen und die steter Veränderung unterworfenen irdischen Körper.

Villers Interpretation

Warum aber hat Platon diese Lehre nicht niedergeschrieben? Zwar ist sie in der Akademie selbst vielleicht nur mündlich vorgetragen worden, aber von der Tradition konnte sie problemlos verschriftet werden und sie kann auch in schriftlicher Form etwa von Krämer rekonstruiert werden. Villers sieht die Antwort darin, dass diese Lehre auch für Platon nur ein Modell oder eine Art Arbeitshypothese war und auch für ihn keinen endgültigen Anspruch auf Wahrheit beanspruchte. W. Kullmann hat darauf hingewiesen, dass sich die dualistische Zwei-Prinzipien-Lehre schwerlich mit der in den Dialogen entwickelten monistischen Konzeption der Idee des Guten vereinbaren lässt: „Es steht also bei Platon ein abgewandelter parmenideischer Monismus gegen einen ‚pythagoreischen’ Dualismus. Der Ausgleich ist ihm nicht gelungen“. Villers vermutet, dass es in der Akademie nie die Prinzipienlehre im Sinne einer einheitlichen Position gab, sondern verschiedene, miteinander konkurrierende und sich modifizierende Versuche der Ausformulierung einer solchen auf Systematik angelegten Theorie. So muss man ihm zufolge auch Platons kritische Auseinandersetzung im Sophistes mit den „Freunden der Ideen“ lesen. Und gerade Aristoteles, von dem wir die verlässlichsten Berichte über die „ungeschriebenen Lehren“ besitzen, macht darauf aufmerksam, dass diese erst eine spätere Ausarbeitung der Ideenannahme darstellten.

Platon, der Wissenschaft als eine begründend verfahrende verstand, muss sich darüber im klaren gewesen sein, dass man, wenn man sich nicht in einem logischen Zirkel verfangen will, die Grundlagen der Wissenschaft und ihrer Methode selbst nicht wieder beweisen kann. Für Villers war diese Erkenntnis ein schwerer Schlag für das noch junge Projekt der abendländischen Rationalität und legte die Gefahr einer Abwertung dieser Methode durch ihre Gegner nahe. Dieses Problem bestand auch für den Bereich der Moral. Die Annahme einer Idee oder eines Prinzips des Guten sollte in jedem konkreten Einzelfall Moralität beurteilbar oder rechtfertigbar machen, aber die Idee des Guten selbst lässt sich aus denselben logischen Gründen nicht wieder legitimieren. In diesem Sinne wird in der Politeia ausdrücklich gefordert, die Idee des Guten von allem übrigen Seienden verneinend abzugrenzen. Letztbegründungen lassen sich nicht selbst wiederum begründen, es gibt in der Platonischen Philosophie Inhalte, auf die man nur zeigen kann. W. Wieland hat deshalb nach Villers zu Recht auf die Bedeutung der Dialogregie für das Verständnis der Dialoge aufmerksam gemacht. Platon ist weit entfernt davon, einem Kult des Unsagbaren das Wort zu reden. Seine Antwort auf die Entdeckung von Unsagbarem besteht vielmehr in der Ausbildung einer höchst differenzierten Kultur des Umgangs mit dem Sagbaren, die zugleich dessen Grenzen bewusst macht. Das unsagbare und nicht verschriftbare Ziel des Platonischen Philosophierens, die Ideen-Schau, lässt sich nach Villers weniger als die Weitergabe bestimmter Inhalte als vielmehr einer besonderen Art von Perspektiven- oder Aspektwechsel beschreiben. Aus der Perspektive der Ideenannahme erfährt – wie es der VII. Brief plastisch schildert – die gesamte Lebensweise eine völlig neue Weltansicht, sodass man davon sprechen kann, in einer gänzlich anderen Realität als seine Mitmenschen zu leben.




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