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Gerhard Ernst:
Der Wissensbegriff in der Diskussion

Die Analyse des Wissensbegriffs ist eine der Hauptaufgaben der Erkenntnistheorie. Dies spiegelt die aktuelle Diskussion wieder: Nachdem die enorme Flut von Aufsätzen, die Edmund L. Gettiers Frage „Is Justified True Belief Knowledge?“ 1963 ausgelöst hatte, in den 80er Jahren zusehends abebbte, hat gerade das letzte Jahrzehnt wieder eine Fülle von interessanten Neuansätzen und Weiterentwicklungen bekannter Positionen gebracht.

1. Grundlagen

Die Suche nach einer korrekten Analyse des Wissensbegriffs ist vor allem durch die skeptische Herausforderung motiviert. Bekanntlich gibt es zwei grundlegende skeptische Argumente: das Agrippa-Trilemma und das Argument aus den skeptischen Hypothesen. Das Agrippa-Trilemma basiert auf der Annahme, dass nur derjenige weiß, dass p, der gute Gründe und damit eine Rechtfertigung für diese Überzeugung hat. Da auch die Gründe gewusst werden müssen, gerät man bei dem Versuch, eine Überzeugung zu rechtfertigen, in einen infiniten Regress oder einen Zirkel, oder aber man bricht die Rechtfertigung dogmatisch ab. In allen drei Fällen muss die ursprüngliche Überzeugung als ungerechtfertigt gelten und stellt somit kein Wissen dar. Das Argument aus den skeptischen Hypothesen basiert auf der Annahme, dass wir skeptische Hypothesen – also etwa die Hypothese, dass ein böser Dämon uns in allen Dingen täuscht (René Descartes), dass wir Gehirne im Tank sind (Hilary Putnam), dass die Welt erst vor 5 Minuten samt allen Zeugnissen der Vergangenheit entstanden sein könnte (Bertrand Russell) etc. – nicht ausräumen können. Wenn wir das aber nicht können, dann haben wir (zumindest in bestimmten Bereichen) kein Wissen. Beide Argumente beunruhigen uns, weil sie unser Wissen und damit unsere Stellung in der Welt fundamental in Frage stellen. Wir wollen (oder können) einfach nicht glauben, dass wir nichts (oder so gut wie nichts) wissen können.

Das Agrippa-Trilemma basiert offensichtlich auf einer bestimmten Auffassung des Wissensbegriffs: Dann und nur dann, wenn Rechtfertigung (in der beschriebenen Weise) zur Natur von Wissen gehört, gerät man in das Trilemma. Das Argument zeigt darum, wenn es erfolgreich ist, dass wir nichts wissen können. Das Argument aus den skeptischen Hypothesen basiert letztlich ebenso wie das Agrippa-Trilemma auf der Annahme, dass Wissen Gründe verlangt: Die skeptischen Hypothesen bringen uns nämlich dazu, unsere Überzeugungen (in einem bestimmten Bereich) auf einmal zu betrachten (Barry Stroud). Da wir, wie es scheint, notwendigerweise keine Gründe für all unsere Überzeugungen (aus einem bestimmten Bereich) geben können – weil nämlich keine entsprechenden Überzeugungen mehr übrig bleiben, sobald wir alle auf einmal begründen möchten –, können wir (in bestimmten Bereichen) kein Wissen haben. (Das Argument lässt allerdings noch eine zweite Lesart zu: Demnach soll es nur zeigen, dass wir de facto (in bestimmten Bereichen) kein Wissen haben, weil die skeptischen Hypothesen uns (angeblich) Gründe für Zweifel an bestimmten Überzeugungen liefern. In dieser zweiten Lesart ist das Argument wesentlich schwächer; ich werde sie im Folgenden nicht weiter berücksichtigen.) Da somit beide Argumente auf einer bestimmten Auffassung des Wissensbegriffs beruhen, verlangt die Auseinandersetzung mit der skeptischen Herausforderung nach einer Analyse dieses Begriffs.

Der schon Platon zugeschriebenen Standardanalyse von Wissen zufolge ist Wissen nichts anderes als wahre, gerechtfertigte Überzeugung. Dass man nicht wissen kann, was nicht der Fall ist, ist (nahezu) unstrittig. Dass man nicht wissen kann, was man nicht einmal glaubt, ist – vor allem aufgrund bestimmter Beispiele, die Colin Radford in die Diskussion gebracht hat – schon umstrittener. Die meisten Fragen wirft jedoch die Rechtfertigungsbedingung auf. Auf den ersten Blick ist sie notwendig, da eine nur zufälligerweise wahre Überzeugung nicht als Wissen gelten kann und eine Rechtfertigung der naheliegende Weg ist, Zufall auszuschließen. (Die Frage, inwiefern epistemisches Glück mit Wissen verträglich ist, wird heute unter anderem von Duncun Pritchard ausführlich thematisiert.)

Dass die drei Bedingungen der Standardanalyse nicht hinreichend sind, sollen die bekannten Beispiele von Edmund L. Gettier zeigen. Betrachten wir eines davon: Smith hat gute Gründe dafür, zu glauben, dass Jones eine bestimmte Stelle bekommen wird und dass er zehn Münzen in der Tasche hat. Smith schließt daraus, dass derjenige, der die Stelle bekommen wird, zehn Münzen in der Tasche hat. Tatsächlich wird aber er selbst, Smith, die Stelle bekommen, und zufälligerweise hat auch er zehn Münzen in der Tasche (was er jedoch nicht weiß), so dass tatsächlich derjenige, der die Stelle bekommen wird, zehn Münzen in der Tasche hat. Smith hat somit eine wahre, gerechtfertigte Überzeugung, und dennoch würden wir ihm kein Wissen zuschreiben.

Diese Überlegung hat vor allem zwei grundlegend verschiedene Reaktionen hervorgerufen: Internalisten gehen davon aus, dass die Rechtfertigungsbedingung der Standardanalyse tatsächlich notwendig ist. Was eine wahre Überzeugung zu Wissen macht, muss demnach, jedenfalls teilweise, dem Wissenssubjekt „intern“ zugänglich sein. Um den Gettier-Beispielen zu entkommen, bedarf es dann einer zusätzlichen, vierten Bedingung. Externalisten sind dagegen der Ansicht, dass eine (internalistisch verstandene) Rechtfertigung nicht notwendig für Wissen ist. Was Wissen von wahrer Überzeugung unterscheidet, ist demnach in einer neuen dritten Bedingung zu beschreiben. Betrachten wir die beiden Ansätze etwas genauer.

2. Internalistische Theorien des Wissens

Im obigen Beispiel ist Smith gerechtfertigt, insofern er als rational bezeichnet werden kann beziehungsweise insofern er seine epistemischen Pflichten erfüllt und seiner epistemischen Verantwortung gerecht wird. Er ist gerechtfertigt, weil seine Evidenzen für die genannte Überzeugung sprechen. Das ist nach Ansicht der Internalisten (insbesondere der Evidenzialisten) für Wissen auch notwendig. Dennoch ist Smiths Rechtfertigung von außen betrachtet mangelhaft, insofern nämlich die Gründe, die er für seine wahren Überzeugungen anführen kann, letztlich keine guten Gründe sind: Immerhin basiert seine Rechtfertigung ja auf einer falschen Überzeugung, der Überzeugung, dass Jones die Stelle bekommen wird. Eine naheliegende vierte Bedingung ist darum die Forderung, dass die Rechtfertigung nicht auf falschen Überzeugungen basieren darf (Gilbert Harman). Dass diese Bedingung das Gettier-Problem nicht löst, zeigt allerdings folgendes Beispiel, das Alvin Goldman bekannt gemacht hat: Bei einem Ausflug auf dem Land sieht Henry aus dem Fenster seines Autos eine Scheune und kommt zu der Überzeugung, eine Scheune gesehen zu haben. Es gibt jedoch in der Umgebung (aus welchen Gründen auch immer) zahlreiche Scheunenattrappen, die Henry vom Auto aus ebenfalls für echte Scheunen gehalten hätte. Es war also nur Zufall, dass er gerade bei der einzig echten Scheune in der Umgebung aus dem Fenster gesehen hat und deshalb zu einer wahren, gerechtfertigten Überzeugung gekommen ist. Dementsprechend würden wir ihm kein Wissen zuschreiben. Man kann aber auch nicht sagen, dass Henrys Rechtfertigung auf einer falschen Überzeugung basiert: Seine Rechtfertigung basiert gewissermaßen überhaupt nicht auf Gründen. Vielmehr wird Henry seiner epistemischen Verantwortung einfach durch die Art und Weise gerecht, wie er seine Überzeugung erwirbt.

Beispiele dieser Art führen in den sogenannten Unanfechtbarkeitstheorien, wie sie unter anderem von Keith Lehrer, Marshall Swain und John L. Pollock vorgeschlagen wurden, zur Entwicklung von komplexeren vierten Bedingungen. Ein Vorschlag von Peter D. Klein lautet beispielsweise so: Person S weiß nur dann, dass p, wenn die Rechtfertigung von S nicht durch zusätzliche Informationen angefochten werden kann. Die Rechtfertigung von Henry etwa könnte durch den Hinweis darauf, dass zahlreiche Scheunenattrappen in der Umgebung zu finden sind, angefochten werden. Deshalb hat er kein Wissen. Diese Bedingung scheint jedoch, wie Keith Lehrers Grabit-Beispiel zeigt, zu stark zu sein: Nehmen wir an, Jones sieht, wie Tom Grabit in der Bücherei ein Buch unter den Mantel steckt und damit den Saal verlässt. Jones ist gerechtfertigt darin, zu glauben, dass Tom das Buch gestohlen hat, was tatsächlich auch der Fall ist. Nehmen wir aber weiterhin an, dass der in der Nervenheilanstalt sitzende Vater von Tom häufig von einem kleptomanischen Zwillingsbruder von Tom spricht, den es gar nicht gibt. (Die diebischen Neigungen von Tom haben den Vater in diese Wahnvorstellung getrieben.) Die Rechtfertigung von Jones könnte unter diesen Umständen durch die selektive Information, dass Toms Vater behauptet, es gäbe einen Zwillingsbruder, durchaus angefochten werden. Dennoch schreiben wir, so Lehrer, Jones Wissen zu. Die Bedingung von Klein ist also keine notwendige Bedingung für Wissen.

Die vierte Bedingung, die der Internalist braucht, muss also eher so aussehen: Person S weiß nur dann, dass p, wenn die Rechtfertigung von S nicht durch relevante Zusatzinformationen angefochten werden kann. Die Information von der Behauptung des kranken Vaters von Tom ist nicht relevant, sondern irreführend; die Information von den Scheunenattrappen ist nicht irreführend, sondern relevant. Die entscheidende Frage ist dann allerdings: Was zeichnet relevante Informationen vor irrelevanten aus? Mit diesem Problem, das ich das Relevanzproblem nenne, sind alle Unanfechtbarkeitstheorien konfrontiert. Es wurde bisher nicht zur allgemeinen Zufriedenheit gelöst.

Auf den ersten Blick spielt der Internalist dem Skeptiker in die Hände. Sowohl das Agrippa-Trilemma als auch das Argument aus den skeptischen Hypothesen setzen ja bei der (internalistisch verstandenen) Rechtfertigungsbedingung an, die hier als notwendige Bedingung für Wissen akzeptiert wird. Dementsprechend entkommt man der skeptischen Konsequenz nur, wenn man zeigen kann, dass ein Abbruch der Rechtfertigung nicht unbedingt dogmatisch ist (Fundamentalismus), dass ein Zirkel nicht unbedingt „teuflisch“ ist (Kohärentismus) oder dass ein Regress nur die Folge eines falschen Verständnisses von Rechtfertigung ist (Kontextualismus). Alle drei Strategien wurden intensiv erforscht.

3. Externalistische Theorien des Wissens

Externalistischen Wissenstheorien zufolge ist schon die (internalistisch verstandene) Rechtfertigungsbedingung ein Irrweg: Tatsächlich unterscheiden sich Wissen und wahre Überzeugung durch Faktoren, die dem Wissenssubjekt nicht unbedingt zugänglich sein müssen. Ein erster Vorschlag für eine Alternative zur Rechtfertigungsbedingung lautet so: Die Person S weiß nur dann, dass p, wenn diese wahre Überzeugung durch die Tatsache, dass p, verursacht wurde. Eine solche kausale Theorie des Wissens, wie sie insbesondere von Alvin Goldman, Fred I. Dretske und David M. Armstrong ausgearbeitet wurde, scheitert allerdings ebenfalls an Goldmans Scheunen-Beispiel: Henry glaubt im Wesentlichen, dass er an einer Scheune vorbeigefahren ist, weil er an einer Scheune vorbeigefahren ist. Dennoch schreiben wir ihm kein Wissen zu. Diese Schwachstelle der kausalen Analyse überwinden reliabilistische Wissenstheorien. Demnach kommt es für Wissen darauf an, dass die entsprechende wahre Überzeugung auf verlässliche Weise zustande gekommen ist. Henrys Überzeugung ist nicht auf verlässliche Weise entstanden, weil er nicht zwischen Scheunen und Scheunenattrappen unterscheiden kann (Goldmans Diskriminationsprinzip). Aus diesem Grund schreiben wir ihm kein Wissen zu. Der Reliabilismus ist eine Verallgemeinerung der kausalen Theorie: Häufig ist richtige Verursachung eine verlässliche Methode, aber nicht immer. Reliabilistische Theorien des Wissens wurden in verschiedenen Varianten vor allem von Alvin Goldman, Fred I. Dretske und Robert Nozick vertreten. Dabei spielt der Begriff der relevanten Alternative häufig eine entscheidende Rolle: Man hat seine Überzeugung nämlich auf verlässliche Weise erworben, wenn man dazu in der Lage ist, alle relevanten Alternativen auszuräumen.

Das zentrale Problem, mit dem der Reliabilist konfrontiert ist, ist das so genannte Allgemeinheitsproblem (Earl B. Conee, Richard Feldman). Es besteht darin, dass die reliabilistische Wissensanalyse voraussetzt, dass man zwischen verlässlichen und nicht verlässlichen Methoden unterscheidet. Dazu muss aber zunächst einmal klar sein, welche Methode überhaupt beim Erwerb einer Überzeugung zum Einsatz kommt. Hat Henry beispielsweise die (nicht verlässliche) Methode des In-der-Nähe-von-Scheunenattrappen-aus-dem-Fenster-Schauens verwendet? Oder doch eher die (im Allgemeinen verlässliche) Methode des Aus-dem-Fenster-Schauens? Oder hat er gar die (sogar im speziellen Fall verlässliche) Methode des Bei-der-einzigen-echten-Scheune-in-der-Nähe-von-Scheunenattrappen-aus-dem-Fenster-Schauens verwendet? Solange der Reliabilist nicht sagen kann, welches die relevante Methode ist, bleibt seine Analyse unbestimmt. Wir haben es hier mit einer Variante des oben beschriebenen Relevanzproblems zu tun! Das wird besonders deutlich, wenn man die Form des Reliabilismus betrachtet, in der direkt auf relevante Alternativen Bezug genommen wird: Hier käme es dann nämlich wieder darauf an, ein allgemeines Kriterium dafür anzugeben, was eine Alternative relevant macht.

Bezogen auf die skeptische Herausforderung steht der Externalist zunächst einmal besser da. Da er die Rechtfertigungsbedingung leugnet, findet das Agrippa-Trilemma erst gar keinen Ansatzpunkt. Dennoch bleiben die skeptischen Hypothesen gefährlich, zeigen sie doch, dass wir nicht zwischen bestimmten Alternativen unterscheiden können und damit nicht in verlässlicher Weise zu unseren Überzeugungen kommen. Um dieses skeptische Argument zu umgehen, bestreiten Externalisten häufig das Geschlossenheitsprinzip, also (vereinfacht gesagt) die Annahme, dass ein Subjekt, das weiß, dass p, und das weiß, dass q aus p folgt, auch weiß, dass q. Wie erfolgreich diese antiskeptische Strategie ist, kann hier nicht weiter diskutiert werden.

Die Entscheidung zwischen Externalismus und Internalismus fällt nicht leicht. Laurence BonJour hat eine Reihe von Beispielen vorgeschlagen, die zeigen sollen, dass der Externalismus unhaltbar ist. Diese Beispiele basieren darauf, dass wir Personen, die in irrationaler Weise zu wahren Überzeugungen kommen, kein Wissen zuschreiben wollen, auch wenn die von ihnen verwendete Methode de facto noch so verlässlich ist. Diesen Beispielen steht jedoch die Intuition gegenüber, dass kleine Kinder und Tiere Wissen erwerben können, auch wenn hier von Rechtfertigung, epistemischen Verpflichtungen etc. kaum die Rede sein kann.

4. Naturalisierte Erkenntnistheorie

Vertreter der von Willard V. O. Quine angestoßenen naturalisierten Erkenntnistheorie gehen zumeist von einer externalistischen Analyse des Wissensbegriffs aus. Prinzipiell ist dieser Ansatz von der Überzeugung geprägt, dass eine Widerlegung des Skeptikers unmöglich ist. Die Erkenntnistheorie soll sich darum einer anderen Aufgabe zuwenden, nämlich der Erforschung der Art und Weise, wie wir (wenn man einmal von der skeptischen Herausforderung absieht) tatsächlich zu wahren Überzeugungen über die Welt kommen. Diese Forschung ist nach Auffassung des Naturalisten in direkter Kooperation mit den empirischen Wissenschaften, insbesondere mit der Psychologie, der Ethologie, der Biologie und den Neurowissenschaften voranzubringen. Diese Wissenschaften liefern uns entscheidende Informationen darüber, wie wir durch Wahrnehmung und Überlegung zu Überzeugungen über die Welt gelangen und unter welchen Umständen die entsprechenden Mechanismen verlässlich sind.

Bestimmte Ergebnisse der empirischen Psychologie zeigen dann beispielsweise, dass wir in speziellen Situationen (zum Beispiel was die Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten angeht) zu systematischen Fehlern neigen, die Ethologie zeigt bezüglich kognitiver Fähigkeiten grundsätzliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Tieren und Menschen, und die Evolutionstheorie wirft Licht auf die Entwicklung unserer Erkenntnisvermögen. Als Reliabilist kann man sagen, dass alle diese Forschungen Mechanismen der Erkenntnis verständlich und in Hinblick auf ihre Verlässlichkeit einschätzbar machen und damit auch die Natur unseres Wissens klären. Hinzu kommt, dass die Begriffe der Wahrheit, der Überzeugung und der Verlässlichkeit aus Sicht des Naturalisten weniger problematisch sind als der Begriff der Rechtfertigung. Letzterer hat nämlich prima facie eine normative Komponente, die Ersteren prima facie fehlt. Kritiker der naturalistischen Position, wie etwa Jaegwon Kim, argumentieren allerdings dafür, dass sogar schon der Begriff der Überzeugung an den Begriff der Rationalität gebunden und damit ebenfalls normativ ist. Naturalisten, wie beispielsweise Hilary Kornblith, versuchen dagegen zu zeigen, dass viele prima facie normative Begriffe tatsächlich für den Naturalisten unproblematisch sind.

Die bisherigen Überlegungen setzen stillschweigend voraus, dass eine Klärung der Natur des Wissens durch eine Klärung des Begriffs des Wissens und diese durch die Analyse des Satzes „S weiß, dass p“ erfolgen kann. Naturalisten stehen dieser Auffassung kritisch gegenüber. Hilary Kornblith argumentiert dafür, dass die Erkenntnistheorie nicht den Begriff des Wissens, sondern Wissen selbst untersuchen sollte. Er möchte allerdings nicht darauf verzichten, die Natur des Wissens zu ergründen. Dabei sollen nach Kornblith jedoch die Mittel der empirischen Wissenschaften zum Einsatz kommen. Zwar muss man von unserem alltäglichen Verständnis des Wortes „Wissen“ ausgehen. Dieses Verständnis ist dann aber durch wissenschaftliche Forschung zu vertiefen beziehungsweise zu revidieren. So wie Physiker die Natur von Gold nicht durch Begriffsanalyse entdeckten (obwohl auch sie zunächst Proben untersuchten, die wir typischerweise als „Gold“ bezeichnen würden), so soll auch der Erkenntnistheoretiker die Natur von Wissen nicht durch Begriffsanalyse, sondern durch empirische Forschung entdecken. Grundlage für diese Überlegungen ist Saul Kripkes Vorstellung von der Möglichkeit, notwendige Zusammenhänge a posteriori zu erkennen.

5. Tugendepistemologie

Ein weiterer, derzeit intensiv diskutierter Ansatz nimmt ebenfalls seinen Ausgang von externalistischen Theorien des Wissens: die Tugendepistemologie. Als epistemische Tugend gilt dabei zunächst jede angeborene oder erworbene Gewohnheit, die in verlässlicher Weise zum Erwerb wahrer Überzeugungen führt. Unsere Wahrnehmung kommt hier ebenso in Betracht wie das Streben nach Kohärenz (Ernest Sosa). Wissen ist dann als wahre Überzeugung, die durch die Ausübung einer epistemischen Tugend erworben wurde, zu analysieren. Verschiedene Philosophen haben dieses Bild einer epistemischen Tugend durch eine eher internalistische Auffassung ersetzt. So wie in der Ethik zur Tugend die richtige Haltung gehört, muss auch die epistemisch tugendhafte Person ihrer epistemischen Verantwortung gerecht werden (James Montmarquet). Dazu gehören unter anderem die Bereitschaft zur Würdigung von (fremden) Argumenten sowie die (nicht zur Leichtgläubigkeit übersteigerte) Offenheit für neue Erkenntnisse. Die wichtigsten tugendethischen Ansätze (Linda T. Zagzebski, John Greco) fassen den Begriff der epistemischen Tugend sowohl internalistisch als auch externalistisch auf: Nach dem aristotelischen Modell gehört zur Tugend nicht nur eine motivationale Komponente, sondern auch die Komponente der Verlässlichkeit. Derjenige, der aus den (internalistisch gesehen) falschen Gründen handelt, kann demnach ebenso wenig als tugendhaft gelten, wie derjenige, der (in der Regel) erfolglos in seinen Handlungen ist. Dementsprechend wird hier auch der Wissensbegriff nicht rein externalistisch analysiert.

Gemeinsam ist allen Theorien der Tugendepistemologie die Vorstellung, dass epistemische Begriffe letztlich durch den Verweis auf Eigenschaften des Wissenssubjekts analysiert werden müssen. Der Begriff der epistemischen Tugend ist darum in diesen Ansätzen als grundlegend anzusehen. Auf dieser Basis versucht man dann, sowohl in Bezug auf das Gettier-Problem als auch in Bezug auf die skeptische Herausforderung Fortschritte zu machen. Ob die Tugendepistemologie dabei wirklich neue Aspekte ans Licht gebracht hat, ist umstritten. Jedenfalls wird in diesen Ansätzen die interessante Verbindung zwischen Erkenntnistheorie und Ethik besonders deutlich.

6. Kontextualistische Theorien des Wissens

Die bisher besprochenen Theorien gehen davon aus, dass es ein „Faktum des Wissens“ gibt, dass also die Frage, ob eine Person etwas weiß oder nicht, unabhängig vom Kontext desjenigen, der sich diese Frage stellt, zu beantworten ist. Dass der Wahrheitswert einer Wissenszuschreibung vom Kontext der Zuschreibung abhängt, ist dagegen die Grundthese kontextualistischer Theorien des Wissens. So wie der Wahrheitswert des Satzes „Die Lüneburger Heide ist flach“ davon abhängt, ob er im Wanderverein oder beim Treffen von Hochgeschwindigkeits-Testfahrern geäußert wird, soll auch der Wahrheitswert des Satzes „S weiß, dass p“ vom Äußerungskontext abhängen. Die Standards, die jemand erfüllen muss, um als Wissender zu gelten, sind demnach nicht immer die gleichen.

Die Frage, welche Aspekte des Äußerungskontextes genau die Wahrheitsbedingungen von „S weiß, dass p“ bestimmen, wird von verschiedenen Kontextualisten unterschiedlich beantwortet. Nach Ansicht von David Lewis spielt beispielsweise die Frage, auf welche Alternativen der Wissenszuschreiber aufmerksam geworden ist, eine entscheidende Rolle: Damit eine Person S weiß, dass p, müssen (unter anderem) diese Alternativen durch die Evidenzen von S ausgeschlossen sein. Viele der Alternativen, auf die der Wissenszuschreiber nicht aufmerksam geworden ist, können dagegen ignoriert werden.

Kontextualistische Theorien des Wissens wurden in den letzten Jahren intensiv erforscht. Verschiedene Varianten werden unter anderem von David Lewis, Stewart Cohen, Michael Williams und Keith DeRose vertreten. Die Hauptmotivation für diese Ansätze liegt wiederum in der skeptischen Herausforderung. Wenn nämlich der Wahrheitswert einer Wissenszuschreibung vom Kontext der Zuschreibung abhängt, öffnet sich ein neuartiger Weg im Umgang mit dem Skeptiker: Man kann dann sagen, dass zwar der Skeptiker recht hat, wenn er (in seinem Kontext) behauptet, dass wir so gut wie nichts wissen. Dennoch hat auch der Mann auf der Straße (in seinem Kontext) recht, wenn er behauptet, eine Menge zu wissen. Die Zuschreiberkontexte sind eben verschieden (etwa dadurch, dass die Aufmerksamkeit im einen Fall auf Alternativen gerichtet ist, die im anderen Fall ignoriert werden dürfen). Der Skeptiker wäre damit zwar nicht widerlegt, wohl aber „domestiziert“. (Michael Williams geht hier allerdings noch erheblich weiter und versucht zu zeigen, dass die skeptischen Argumente auf „unnatürlichen“ theoretischen Annahmen beruhen.)

Ob auf diese Weise die skeptische Herausforderung befriedigend abgewehrt werden kann, ist umstritten. Ebenso umstritten ist die Grundthese des Kontextualisten, dass nämlich Wissenszuschreibungen tatsächlich in der geforderten Weise kontextabhängig sind. Prima facie sind sie es nicht. Sätze etwa wie „Helga sagt etwas Wahres, wenn sie sagt „S weiß, dass p“, aber S weiß nicht, dass p“ hören sich zunächst einmal paradox an, sollten aber wahr sein können, wenn der Kontextualist recht hat (weil ja Helgas Kontext ein anderer sein kann als der Kontext desjenigen, der den genannten Satz äußert). Nikola Kompa spricht hier von der „unliebsamen Konsequenz“ des Kontextualismus. Diese und eine ganze Reihe weiterer sprachlicher Beobachtungen, aber auch der Zusammenhang zwischen Wissen, Behaupten, epistemischer Möglichkeit und praktischer Überlegung, machen dem Kontextualismus schwer zu schaffen (John Hawthorne, Jason Stanley).

7. Jenseits des Kontextualismus

Ausgehend von diesen Beobachtungen gibt es verschiedene Versuche, die Einsichten und Stärken des Kontextualismus zu retten, ohne seine Schwächen zu übernehmen. Ein neuer Ansatz, der unter anderem von John Hawthorne und Jason Stanley vertreten wird, verlegt die Kontextabhängigkeit vom Zuschreiber auf das Wissenssubjekt: Von dessen Situation soll es nun abhängen, ob man ihm Wissen zuschreiben kann oder nicht. Das hört sich zunächst einmal allzu vertraut an, ist es doch der Ausgangspunkt aller nicht-kontextualistischen (also invariantistischen) Wissenstheorien. Das Neue am subjektsensitiven Invariantismus ist, dass hier nicht-epistemische Faktoren als relevant für den Wahrheitswert der Wissenszuschreibung angesehen werden. Betrachten wir dazu die folgenden beiden Fälle (Keith DeRose): (1) Es ist Samstag. Helga möchte auf der Bank Geld einzahlen. Sie glaubt, dass die Bank offen hat, weil sie vor zwei Wochen ebenfalls am Samstag Geld eingezahlt hat. Es besteht natürlich die Möglichkeit, dass die Bank ihre Öffnungszeiten geändert hat, aber es hängt für Helga nicht viel davon ab, ob sie das Geld am Samstag oder erst am Montag einzahlt. (2) Wie im ersten Fall möchte Helga am Samstag Geld einzahlen. Diesmal hängt aber viel davon ab, dass das Geld wirklich am Samstag auf dem Konto ist, weil sonst ein Scheck platzt, was mit viel Ärger verbunden ist. Das weiß Helga allerdings nicht. Falls wir dazu geneigt sind, zu sagen, dass Helga sich im ersten, nicht aber im zweiten Fall zu Recht Wissen zuschreiben kann, dann liegt das vermutlich daran, dass sich Helgas praktische Situation geändert hat. Ihre epistemische Situation ist dagegen gleich geblieben.

Ein Hauptproblem dieses Ansatzes besteht meines Erachtens vor allem darin, dass die zugrunde gelegten Intuitionen höchst uneindeutig sind. Bezogen auf die angeführten Beispiele etwa gilt: Konzentriert man sich auf die Fehlermöglichkeit, so hält man Helgas Wissensanspruch für unangemessen, auch wenn wenig für sie von der Wahrheit ihrer Überzeugung abhängt. Konzentriert man sich dagegen darauf, dass die Bank die Öffnungszeiten tatsächlich nicht geändert hat – davon muss man in dem Beispiel ja ausgehen, weil man es sonst mit einer falschen Überzeugung zu tun hat, die dann natürlich kein Wissen ist –, so ist man dazu geneigt, Helgas Wissensanspruch auch dann anzuerkennen, wenn mehr für sie davon abhängt. Die extensive Verwendung uneindeutiger Beispiele ist allerdings ein Schwachpunkt verschiedener Ansätze.

Eine Alternative dazu besteht in einer Untersuchung der Interessen, die uns bei der Verwendung des Wortes „Wissen“ leiten. Im Anschluss an Oswald Hanfling unterscheide ich selbst zwei grundlegend verschiedene Interessen, die jeweils eine eigene Analyse von Wissen verlangen: Im einen Fall geht es uns darum, gute Informanten auszuzeichnen – diese Funktion des Wissensbegriffs hat vor allem Edward Craig untersucht –, im anderen Fall geht es uns darum, potenzielle Informationsempfänger zu kennzeichnen. Dementsprechend muss man auch zwei Varianten von Wissen unterscheiden: eine perspektivische (das heißt eine kontextualistische) und eine objektive (das heißt eine, die vom Zuschreiberkontext unabhängig ist). Diese Unterscheidung ermöglicht es meines Erachtens, die Stärken des kontextualistischen Ansatzes zu übernehmen, ohne an den Schwächen zu scheitern. Es ergibt sich hier nicht nur ein plausibler Ansatzpunkt für die Auseinandersetzung mit dem Skeptiker, sondern insbesondere eine Möglichkeit, das Relevanzproblem zu lösen.

Ein Ausweg aus den Schwierigkeiten, welche die Analyse des Wissensbegriffs aufwirft, ist der Verzicht auf eine solche Analyse: Timothy Williamson argumentiert für die These, dass der Begriff des Wissens als grundlegend angesehen (und nicht etwa mithilfe des Begriffs der Überzeugung analysiert) werden sollte. Es handelt sich bei Wissen um den „allgemeinsten faktiven geistigen Zustand“. Williamson wendet hier eine Sichtweise, wie sie semantische Externalisten in Bezug auf den Begriff der Überzeugung entwickelt haben, auf den Begriff des Wissens an. Damit gewinnt er einen neuen Ansatzpunkt zur Behandlung erkenntnistheoretischer Fragen, unter anderem zur Klärung des Begriffs der Evidenz und der Beziehung zwischen Wissen und Behaupten sowie zur Auseinandersetzung mit dem Skeptiker. Die These, dass Wissen ein geistiger Zustand ist, ist verschiedenen Einwänden ausgesetzt, insbesondere dem Einwand, dass wir einen speziellen Zugang zu unseren geistigen Zuständen haben, den wir zu unserem Wissen nicht haben. Das bestreitet Williamson. Sein Ansatz wird in der gegenwärtigen Erkenntnistheorie intensiv diskutiert.

Insgesamt ist die heutige Debatte um den Begriff des Wissens von raffinierten Varianten und Weiterentwicklungen etablierter Ansätze einerseits, aber auch von echten Neuanfängen andererseits geprägt. Dabei zeichnet sich eine zunehmende Verschränkung epistemologischer Fragen mit Themen der Sprachphilosophie (vor allem im Umfeld des Kontextualismus) sowie der praktischen Philosophie (vor allem in der Tugendepistemologie sowie im subjektsensitiven Invariantismus) ab.

UNSER AUTOR:

Gerhard Ernst ist Privatdozent am Philosophie Department der Ludwig-Maximilians-Universität München. Von ihm sind zum Thema erschienen:
- Einführung in die Erkenntnistheorie. 168 S., kt., € 14.90, 2007, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt (darin ausführliche Literaturhinweise).
- Das Problem des Wissens. 232 S., kt., € 31.50, 2002, Mentis, Paderborn.

LITERATUR ZUM THEMA:

Überblicksliteratur:

Baumann, Peter: Erkenntnistheorie: Lehrbuch Philosophie. 300 S., kt., € 19.95, 2002, Metzler, Stuttgart.
Blaauw, Martijn/Pritchard, Duncun (Hg.): Epistemology A-Z. 208 S., Ln. £ 40.—, kt. £ 10.—, 2006, Edinburgh University Press, Edinburgh.
Fogelin, Robert J.: Pyrrhonian Reflections on Knowledge and Justification. 256 S., Ln., £ 49.85, 1994, Oxford University Press, Oxford.
Steup, Matthias; Sosa, Ernest (Hg.): Contemporary Debates in Epistemology. 360 S., Ln., £ 21.—, 2004, Blackwell, Oxford.

Aktuelle Monographien:

Craig, Edward: Knowledge and the State of Nature. An Essay in Conceptual Synthesis. 182 S., Ln., 1999, Oxford University Press, Oxford.

Greco, John: Putting Skeptics in Their Place. 280 S., Ln., 2000, Cambridge University Press, Cambridge.

Grundmann, Thomas: Der Wahrheit auf der Spur. Eine Verteidigung des erkenntnistheoretischen Externalismus. 403 S., kt., € 50.—, 2003, Mentis, Paderborn.
Hawthorne, John: Knowledge and Lotteries. 214 S., kt., £ 18.—, 2004, Oxford University Press, Oxford.

Kompa, Nikola: Wissen und Kontext. Eine kontextualistische Wissenstheorie. 166 S., kt., € 37.80, 2001, Mentis, Paderborn.

Kornblith, Hilary: Knowledge and Its Place in Nature. Ln. £ 35.—, 2002, kt. £ 16.—, 2004, Oxford University Press, Oxford.

Lehrer, Keith: Theory of Knowledge. 224 S., kt., € 24.95, 2000, Westview Press, Boulder/CO.

Pritchard, Duncun: Epistemic Luck. 304 p., Ln., £ 40.—, 2005, Oxford University Press, Oxford.

Sosa, Ernest/BonJour, Laurence: Epistemic Justification. Internalism vs. Externalism, Foundations vs. Virtues. 248 S., Ln. £ 65.—, kt.,. € 21.—, 2003, Blackwell, Oxford.

Stanley, Jason: Knowledge and Practical Interest. 208 S., Ln £ 27.—, 2005, kt. £ 23.—, Oktober 2007, Oxford University Press, Oxford.

Williams, Michael: Problems of Knowledge. A Critical Introduction to Epistemology. 288 S., kt., £ 20.—, 2001, Oxford University Press, Oxford.

Williamson, Timothy: Knowledge and Its Limits. 352 S., Ln., £ 45.—, 2000, Oxford University Press, Oxford.

Zagzebski, Linda T.: Virtues of the Mind: An Inquiry into the Nature of Virtue and the Ethical Foundations of Knowledge. 383 S., Ln. £ 60.—, kt. £ 23.—, 1996, Cambridge University Press, Cambridge.




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